ANGELOBUNG DER ÖVP-FPÖ-BUNDESREGIERUNG: AMTSÜBERGABE BUNDESKANZLERAMT: KERN / KURZ
profil-Morgenpost

Kurz und Kern: Zwei, die es nicht lassen können

Für Ex-Bundeskanzler, die angeblich nicht mehr zurück an die Macht wollen, sind Sebastian Kurz und Christian Kern ziemlich umtriebig.

Drucken

Schriftgröße

Guten Morgen!

Angenommen, ein Ex-Bundeskanzler wollte zurück in sein altes Büro am Ballhausplatz, was müsste er dafür tun? Er müsste den Weg an die Öffentlichkeit suchen, in Interviews brillieren und sich so subtil ins Gespräch bringen, ohne die Comeback-Ambitionen je selbst auszusprechen – ein echter Anführer lässt sich bitten, er bettelt nicht. Im Hintergrund müsste er Parteifunktionäre treffen und alte Netzwerke reaktivieren, um die innerparteiliche Nostalgie nach der guten alten Zeit zu befeuern.

Christian Kern und Sebastian Kurz wollen nicht zurück in die Politik – behaupten sie.

Für Männer, die in der Privatwirtschaft super happy sind, verwenden die beiden allerdings viel Energie für ihre Außenwirkung. Ganz gleich, ob das nun ihrer Eitelkeit oder tatsächlich politischen Ambitionen geschuldet ist – es schadet ihren Parteien.

Wenn Kanzler Karl Nehammer am Samstag in Graz zum neuen Obmann der nicht mehr neuen Volkspartei gewählt wird, werden viele Augen auf Sebastian Kurz gerichtet sein, der sich den ÖVP-Parteitag ohne sich selbst offenbar nicht vorstellen kann; und der als Medienprofi natürlich weiß, was er da tut. Damit erschwert er seinem Nachfolger eine glaubwürdige Abgrenzung von den Tricksereien und Skandalen der Kurz-Ära – Spenden stückeln, Wahlkampfkostengrenzen sprengen, Umfragen frisieren, shreddern, etc.

In der aktuellen profil-Ausgabe erklärt Gernot Bauer, warum sich ein Kurz-Comeback schwierig gestalten könnte: "Bei den ÖVP-Basisfunktionären ist Kurz noch immer beliebt. An der Spitze der Länder- und Teilorganisationen gewöhnte man sich dagegen rasch an den neuen Chef. Der Mittelbau der Partei hat ebenfalls einen pragmatischen Zugang: Wichtiger als einzelne Obmänner ist noch immer der Machterhalt. Potenzielle ÖVP-Wähler bevorzugen mittlerweile Karl Nehammer als Parteichef. Nur noch 27 Prozent würden laut dem Meinungsforscher Peter Hajek lieber Kurz an der ÖVP-Spitze sehen. Allerdings: Dessen Ergebnisse bei den Nationalratswahlen 2017 (31,5 Prozent) und 2019 (37,5 Prozent) wird Nehammer wohl niemals erreichen." (Die ganze Story über den Zustand der ÖVP unter Nehammer lesen Sie im aktuellen profil - oder hier als E-Paper.)

Wer sich durch Kurz‘ Instagram-Profil scrollt, könnte den Eindruck bekommen, der Mann sei immer noch Kanzler, so staatstragend geht es dort zu: Mit Fotos aus seiner Kanzlerzeit betrauert Kurz den Tod des Künstlers Hermann Nitsch, trifft den israelischen Außenminister in Jerusalem und wünscht seinen Followern ein "gesegnetes Osterfest".

Wenn Kurz seine Rückkehr "dauerhaft ausschließt", wie er der "Kronen Zeitung" in einem Interview am Wochenende sagte, warum inszeniert er sich dann so?

Dieselbe Frage könnte man freilich auch Christian Kern stellen, der derzeit keinen Talkshowauftritt und keinen runden Geburtstag eines roten Funktionärs auslässt – und damit ausgerechnet jene Frau unter Druck bringt, die er einst selbst als Nachfolgerin auserkor: Pamela Rendi-Wagner. Sie hat sich inzwischen freilich andere Berater gesucht. Manche in der SPÖ vermuten: Für Kern ist der rote Chefsessel erst wieder interessant, seit die Partei eine realistische Perspektive auf das Kanzleramt hat. Die mühsame Oppositionsarbeit schmiss Kern bekanntlich bald nach seiner Niederlage bei den Nationalratswahlen 2017 hin.

Doch Kern negierte jüngst im "Standard" Rückkehr-Pläne: "Ich bin gut ausgelastet. Ich hab einen Hund, ich mache sechsmal die Woche Sport. Es ist ein gutes Leben."

Das würde allerdings auch jemand sagen, der gebeten werden will.

Jakob Winter

Jakob   Winter

Jakob Winter

ist Digitalchef bei profil und leitet den Faktencheck faktiv. Derzeit in Karenz.