#brodnig: Bitte neu starten
Gesellschaft

#brodnig: Bitte neu starten

Ein lesenswertes neues Buch zeigt das Ungleichgewicht im Internet - und radikale Auswege.

In den vergangenen zehn Jahren hat sich etwas verändert: Die Ölkonzerne und die Banken sind nicht mehr die größten Unternehmen der Welt. Sie wurden von digitalen Riesen wie Apple, Alphabet (dem Mutterkonzern von Google), Amazon und Facebook abgelöst, die nun den höchsten Marktwert haben. Diesen rapiden Wandel beschreibt das Buch "Change the Game" von den Puls-4-Medienmachern Corinna Milborn und Markus Breitenecker und fragt: Wie kann Europa da noch mithalten?

Passenderweise erscheint das Buch kurz vor der Medienenquete der Regierung, bei der diese Woche die Zukunft der Branche diskutiert wird. Man kann das Werk (erschienen im Brandstätter Verlag) auch als Anregung aus dem Privat-TV sehen: Infochefin Milborn und Senderchef Breitenecker zeigen ihre Vision des Medienmarkts. Manche Vorschläge werden nicht nur Likes ernten -so wollen die beiden sowohl den öffentlichrechtlichen Rundfunk als auch das Internet umkrempeln. Ihre Forderungen bauen dabei auf einer wichtigen Erkenntnis auf: Es gibt im Netz kein "Level Playing Field", kein ausgewogenes Spielfeld mehr, sondern eine Schieflage. Ein Beispiel: 86 Prozent des weltweiten Online-Werbemarkts außerhalb Chinas werden von Google und Facebook erwirtschaftet, und auch 99 Prozent des Wachstums im Jahr 2017 verbuchten diese beiden Konzerne. Die Riesen werden noch größer.

Doch das Wachstum passiere oft ohne Rücksicht auf nationale Gesetze oder den Mitbewerb. Das verdeutlichen die Autoren, indem sie Akteure wie Peter Thiel zitieren. In einer berühmten Vorlesung sagte der Facebook-Investor und Pay-Pal-Mitgründer: "Wenn du ein Unternehmen startest, versuche immer, ein Monopol zu erreichen, und vermeide immer den Wettbewerb. Wettbewerb ist für Verlierer." Das widerspricht europäischen Marktvorstellungen: Wettbewerb wird als Voraussetzung erachtet, damit Konsumenten Auswahl und einen fairen Deal bekommen. Der faire Deal ist gefährdet, macht das Buch deutlich.

Kontroversieller sind einzelne Thesen: "Facebook, Google und in anderer Form auch Amazon sind Herausgeber von neuen Massenmedien", schreiben sie und weisen auf Parallelen zwischen klassischen und sozialen Medien hin. Auch Facebook trifft eine Inhaltsauswahl: Die Software der Plattform selektiert, welche Postings im Feed des Nutzers angezeigt werden (ähnlich wie Redaktionen auswählen, welche Texte ins Blatt kommen). YouTubes Software entscheidet, welche Videos sie einblendet. Die Autoren fordern, dass auch Facebook und YouTube klagbar sein sollen für die Inhalte, die sie ihren Nutzern anzeigen: "Sie müssen die Inhalte, die sie veröffentlichen, vorab prüfen, und wenn sie einen Fehler begehen, die Strafe übernehmen." Klingt logisch, hätte aber massive Folgen: Facebook müsste jedes Posting seiner Nutzer überprüfen, ob darin eine strafbare Äußerung enthalten ist, ehe es dieses anzeigt. YouTube müsste jedes Video ansehen, ob darin ein klagbarer Satz fällt, ehe es dieses einblendet. Der Vorschlag ist so radikal, dass er das "Social Web" infrage stellt, bei dem User etwas posten und das prompt online erscheint.

Ebenfalls kontrovers sind die Ideen für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk: Milborn und Breitenecker wollen ein neues System in Europa - etwa sollen die Gebührengelder nicht direkt an den ORF fließen, sondern sich jedes Medium um die Gelder bewerben können. Gut möglich, dass diese Forderung Gesprächsthema bei der Medienenquete wird - sie dreht sich stark um die Zukunft des ORF. Die weitreichenden Vorschläge der Autoren passen zum Image des Senders Puls 4, der selbst als Herausforderer des Status quo am TV-Markt auftritt. Ihr Buch bietet einen Überblick des digitalen Wandels und auch Reibungsfläche, um darüber zu grübeln, wohin der Wandel führen soll.

Corinna Milborn und Markus Breitenecker Change the Game. Brandstätter Verlag. 328 S., EUR 25

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