Monika Helfer (69)

Monika Helfer (69)

Kultur

Monika Helfer: Gift der Welt

Monika Helfer zählt zu den leisen Autorinnen Österreichs. Ihr großartiger neuer Roman spricht ohnehin für sich.

Monika Helfer ist zwischen Bücherbergen aufgewachsen. Der Vater, ein Beamter in Vorarlberg, der als Verwalter in einem Erholungsheim für Kriegsversehrte arbeitete, war süchtig nach Lesestoff. Es kam vor, dass er eine um viel Geld erworbene Gesamtausgabe vor den Blicken der Ehefrau im Kohlenkeller verbarg. "Manchmal hatte ich den leisen Verdacht, dass der Vater seine Bücher mehr liebte als uns sechs Kinder", erzählt Helfer lachend. Ihr eigener Name auf einem Buchrücken, das sei ein früher Traum gewesen. "Lange Zeit hielt ich das für unerreichbar." Der Vater arbeitete in der Pension als Bibliothekar und bestellte für die Leihbibliothek die Bücher, die er schon immer haben wollte. Beim Auspacken eines Kartons traf ihn der Hirnschlag. "Kein Tod hätte besser zu ihm gepasst."

Helfer, 69, schwarze Haare, dunkle Stimme zwischen Wärme und Brüchigkeit, scheut das Scheinwerferlicht. Sie ist eine Autorin, der Skepsis näher liegt als Besserwisserei. Seit einigen Jahren ist Helfer auch Kolumnistin der "Vorarlberger Nachrichten". Auf Plakaten war ihr Gesicht einmal für Werbezwecke in ganz Vorarlberg zu sehen; sie erinnert sich nicht gern daran. Ihr Name ziert inzwischen viele Buchrücken von Romanen, Erzählungen, Kinderbüchern, von ihrem Debüt "Eigentlich bin ich im Schnee geboren" (1977) bis zur Neuinterpretation von Theophrasts Charakterlehre im Band "Der Mensch ist verschieden", gemeinsam veröffentlicht mit ihrem Mann, Michael Köhlmeier.

Helfers jüngster Roman "Schau mich an, wenn ich mit dir rede!" erzählt vordergründig von einer vertrackten Familienaufstellung mit Scheidungskind, Rabenmutter, Neo-Geliebter, Patchwork-Vater, von galoppierendem Gefühlschaos, kleinkrämerischen Empfindlichkeiten, sich gabelnden Schicksalswegen. Die junge Vev lebt getrennt von ihrer Mutter Sonja, die sich mit einem schwachbrüstigen Typen, der sich "The Dude" rufen lässt, über das Auseinanderbrechen ihrer Ehe hinwegtröstet. Vevs Vater Milan übt derweil mit seiner neuen Frau ein frisches Bund-fürs-Leben-Drama.

Imagination ist Trumpf

Die gestelzte Namensgebung weckt Argwohn, der fast schon skandalös alltägliche Plot bestätigt den Verdacht: Irgendwas stimmt hier nicht. "Schau mich an, wenn ich mit dir rede!" erschöpft sich nicht im bloßen Referieren eines fest umrissenen Plots. Der Roman umkreist vielmehr Fragen nach Möglichkeiten und Bedingungen des Schreibens: Was macht eigentlich eine Geschichte zu einer Geschichte? Was sind Auslöser des Erzählens und Erinnerns? In Fahrt kommt die Story durch eine Zufallsbegegnung: Eine Ich-Erzählerin, die sich bald aus dem Roman wieder verabschieden wird, beobachtet in der U-Bahn eine Mutter und deren Kind. "Die Mutter könnte Sonja heißen", schreibt Helfer: "Ein dunkler Name, wie ich finde. Sie war blond, echt blond, und sie wüsste viele Blondinnenwitze. Sie fühlte sich inwendig hohl."

Imagination ist Trumpf in diesem so eleganten wie gewieften Was-wäre-wenn-Prosaspiel, das seine Figuren immer wieder auf das Terrain der verpassten Chancen und gescheiterten Lebenswege führt. Helfer, die mit wenigen Strichen komplexe Charaktere und eindrückliche Miniaturen pinselt, macht gleichsam die kleinen Rädchen des Erzählens spürbar, das die Prosa von "Schau mich an, wenn ich mit dir rede!" am Laufen hält.

Sie lässt dabei die Handlung stellenweise bis zum Beinahe-Stillstand verflachen - und übersteigert diese zugleich ins Wunderbar-Wunderliche. Sonja steht vor The Dude als eine "Schönheit, der kein Gift der Welt etwas anhaben konnte". Milans Frau Natalie erstarrt: "Manchmal saß sie da, die Hände auf den Knien, und rührte sich nicht, weil sie ahnte, dass bereits die kleinste Bewegung aus einem Schundroman abgeschaut und jedes Wort aus einem Kitschheft abgelauscht sein würde." Vev leidet an ihrem Patchwork-Clan: "Alles, was aus der Familie des Kindsvaters kam, war alt und verschimmelt. Gut aufgestellte Leute mit gut aufgestelltem Benehmen und gut aufgestellten Vorurteilen und aufgestellten Messern im Sack." Kleine drastische Einblicke in den großen Kreislauf des Lebens.

Monika Helfer: Schau mich an, wenn ich mit dir rede! Jung und Jung, 180 S., EUR 20,-

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