AUTOR GAUSS: "Geheimnis des Gewöhnlichen“

AUTOR GAUSS: "Geheimnis des Gewöhnlichen“

Kultur

Literatur: Karl-Markus Gauß' Reise durchs Wohnzimmer

Der Salzburger Schriftsteller Karl-Markus Gauß zählt zu den renommierten Reiseautoren deutscher Sprache. Sein neues Buch spielt an einem besonders exotischen Ort: in seiner eigenen Wohnung. Ein Hausbesuch.

Ein kleines Abenteuer ist bereits das Drücken des Klingelknopfs „Gauß“ an dem dunkelgelben Haus nahe der Salzburger Altstadt. „Sie müssen jetzt tapfer sein“, ermuntert die Stimme aus der Gegensprechanlage. „Die steile Treppe in das Dachgeschoß hoch, vorbei an der Wohnung mit den beiden Hunden.“ Im Apartment mit der Nummer 2 wartet Karl-Markus Gauß. Dunkle Strickjacke, braune Lederpantoffeln, dazu der Karl-Markus-Gauß-Schnurrbart. Als Schriftsteller und Literaturkritiker ist der Erkunder und Vermittler europäischer Randlagen bekannt. Er schrieb Bücher über versprengte Deutsche in Litauen, Roma in der Ostslowakei, verfolgte Assyrer und die letzten Zimbern in Norditalien, welche die älteste Form des Deutschen sprechen. In seinen Journalen „Mit mir, ohne mich“, „Ruhm am Nachmittag“ und „Alltag der Welt“ ist Gauß, 64, als wacher Zeitgenosse zu erleben, der sich in aller Geistesgegenwart an seiner Epoche abarbeitet.

Seine jüngste Expedition hat ihn in ein zugleich vertrautes und unbekanntes Revier geführt. „Abenteuerliche Reise durch mein Zimmer“ ist Tagebuch, Entdeckungsreise, Erinnerung an verstorbene Freunde, eine ganz persönliche Odyssee durch Raum und Zeit, die literarische und andere Grenzen sprengt. Ausgangspunkt der 38 Kapitel ist die Wohnung, in der Gauß seit 1994 lebt und arbeitet, ein mit Büchern und Bildern vollgestopftes, geräumiges Refugium. Hat man „Abenteuerliche Reise durch mein Zimmer“ gelesen, findet man sich nahezu blind in den Räumen um die Ecke vom Salzburger Siegmundtor zurecht: das wackelige Holzregal, der Autograf hinter Glas vom Dichter Albert Ehrenstein bei der Eingangstür, die Schräge des Zimmers im oberen Stock.

Ziemlich viel Welt findet in dem Buch auf den verhältnismäßig wenigen Quadratmetern der Wohnung statt, assoziativ bewegt sich Gauß vom Hundertsten ins Tausendste, überspringt Epochen und Grenzsteine und kehrt mit großem Gewinn im Gepäck zurück. Es hilft freilich beim Lesen, aus dem graugelockten Mann in Hauspatschen vor dem inneren Auge einen schmissigen Abenteurer zu machen. Ideengeber für den sesshaften Reisenden Gauß war der französische Offizier und Schriftsteller Xavier de Maistre, der wegen eines Duells zu 42 Tagen Hausarrest verurteilt worden war und in dieser Zeit den Bericht „Die Reise um mein Zimmer“ (1795) schrieb. In der aufgezwungenen Beschränkung seiner vier Wände entdeckte der weitgereiste de Maistre eine ihm unbekannte Welt: hier das Bett, dort der Schreibtisch, die Bilder an den Wänden und die Bücher im Regal. Er fühle sich, als habe man „eine Maus in eine Vorratskammer“ gesperrt, notierte der Franzose.

Sagenhafte Stubenhocker

Oblomow, der Held aus Iwan Gontscharows gleichnamigem Klassiker, der einen Roman lang auf dem Sofa lümmelt, war Gauß als Vorbild am Ende zu „faulpelzig“. Xavier de Maistre habe dagegen unheimlich viel Welt in seine Kammer geholt. Schließlich Pascal, der dritte sagenhafte Stubenhocker, mit seinem berühmten Philosophensatz, wonach alles Unglück der Menschen daher rühre, dass sie nicht willens und fähig seien, in Zimmer und Haus zu bleiben. Pascal, schreibt Gauß, habe vorschnell geurteilt: „Damit er über diese verfüge, muss es da nicht andere, viele Leute gegeben haben, die nicht ruhig in ihrem Zimmer verweilten, sondern das Haus erbauten, die Werkstoffe von wer weiß wo herbrachten oder Holz geschlägert, Steine geschlichtet, Beton gemischt haben?“

„Es gibt wohl wenig globalisiertere Orte als eine Wohnung. Es arbeiten geradezu Generationen und Kontinente mit, damit wir hier sitzen dürfen und aus Porzellantassen Kaffee trinken können“, sagt Gauß und schenkt schwarzen Kaffee nach. Zum Beispiel der Brieföffner, ein filigranes Metallobjekt mit eingeprägter Schrift – „Eternit-Schiefer – Patent Hatschek“ – und habsburgischem Doppeladler. Seit Ewigkeiten habe er mit dem Alltagshelfer Briefe geöffnet, bevor er im Selbstverständlichen das Überraschende fand, erzählt Gauß. In „Abenteuerliche Reise durch mein Zimmer“ taucht er regelrecht in die Geschichte des Brieföffners ein und erzählt entlang des Dings mit der stumpf gewordenen Klinge von Architektursünden, Vöcklabrucker Arbeitersiedlungen und kühnen Auswanderungsplänen nach Brasilien. „Es gibt Dinge, die braucht man nicht, und deswegen kommt man ohne sie nicht aus“, schreibt Gauß. Man folgt ihm gern auf seinen Entdeckungsreisen auf den Spuren der häuslichen Überseekoffer, der Servietten und Tischtücher, der Aschenbecher und Kochbücher.

Vom drögen Nach- und Nebeneinander seines Alltags war Gauß beim Schreiben keine Sekunde lang angekränkelt. Im Gegenteil. Beim Thema Alltag wird Gauß, sonst kein allzu frommer Mann, nahezu gottesfürchtig. „Ich bin ein fast schon religiöser Anhänger des Alltags“, sagt er: „Der heiß erwartete Urlaub, das ersehnte Wochenende nach anstrengender Arbeitswoche? Man wartet, und so vergeht das Leben.“ Gauß schreibt: „Der Glanz des Lebens liegt entweder über dem Alltag und wie man diesen vom Aufstehen bis zum Schlafengehen besteht – oder es gibt ihn nicht.“

Kickl wäre "literarische Verarmung"

„Abenteuerliche Reise durch mein Zimmer“ kommt ganz ohne Politik aus. Also doch Elfenbeinturm? „Niemals! Ich bin auch nicht altersmilde! Aber nicht jede literarische Form schließt zwangsläufig Tagespolitik mit ein. Wohnung, Lebenshaltung und Lebensgeschichte weisen eine längere Dauer auf als jede kurzfristige politische Situation. Es wäre schlicht literarische Verarmung, jeden Tag auf den Kickl von gestern eingehen zu müssen.“

Die Reise endet mit einem abenteuerlichen Requisit. Gauß gesteht in seinem Buch, dass er seit Jahren Wegwerfbadehauben aus Hotels sammle. „Ich habe es in meinem Leben nie zu einer Frisur gebracht“, bestreitet der Autor jeden pragmatischen Hintergrund seiner wunderlichen Leidenschaft: „Und schon gar nicht zu einer, die ich gegen Einwirkungen von Wasser schützen müsste, und ich fürchte es auch nicht, mit feuchten Haaren ins Freie zu treten.“ Den Duschhauben sei er verfallen, weil es gelte, das „Geheimnis des Gewöhnlichen“ zu ergründen: „Soweit ich weiß, bin ich der einzige Sammler von Duschhauben, das macht mich manchmal überheblich, manchmal traurig. Vielleicht findet sich unter den Lesern und Leserinnen jemand, der es ebenfalls auf eine Kollektion von Duschhauben gebracht hat und mit mir in einen Austausch treten möchte, wie Sammler ihn benötigen.“

Im Badezimmer gleich bei der Eingangstür in das Salzburger Abenteuerland hängt ein Foto an der Wand, auf dem Gauß in Badehose auf einem hölzernen Badesteg zu sehen ist, ein Handtuch in der einen, die andere Hand in die Hüfte gestemmt.
Man verspürt kein besonderes Verlangen, sich Gauß mit Badehaube vorzustellen. Die Nachbarin hat „Abenteuerliche Reise durch mein Zimmer“ offenbar bereits gelesen. Mit einem gelben Pin heftete sie Gauß eine kryptische Nachricht und eine in Nylonhülle verpackte Duschhaube an die Wohnungstür: „Hôtel zum armen Hund – Salzburg Street side“. Ein neues Prunkstück für die Kollektion.

Karl-Markus Gauß: Abenteuerliche Reise durch mein Zimmer. Zsolnay, 221 Seiten, 22,70 Euro. Hinweis: Am 20. März um 20 Uhr liest der Autor aus dem Buch im Kasino am Wiener Schwarzenbergplatz.

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  • Mi., 20. März. 2019 01:05

    warum nur, warum ... müssen sich össi-intellektuelle immer zu so verschroben-skurrilen sonderlingen hochstilisieren? aus angst vor der pöbelhaftigen öffentlichkeit? aus ererbter kleinbürgerlicher demut vor amt&würden? und natürlich sind wir immerimmer so sehr sesshaft, gell? der geist schweift weit (ab), der hintern sitzt fest im zimmer/kaffeehaus/amtsstüberl. :)

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