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Europa: Hans Magnus Enzensbergers immer noch visionäre Reportagen

Vor 30 Jahren erschienen Hans Magnus Enzensbergers viel beachtete Europa-Reportagen. Christa Zöchling hat sie wieder gelesen und darin verblüffend visionäre Parallelen zur Gegenwart entdeckt.

Auf dem Buchcover ein Seufzer, der einem aus der Seele spricht: "Ach Europa!" Hans Magnus Enzensberger, polyglotter Schriftsteller, Intellektueller, Zeitgenosse, bereiste Anfang der 1980er-Jahre sieben europäische Länder, redete mit Intellektuellen und Geschäftemachern, Arbeitern und Bürokraten, Verschwörern und Politikern, suchte Freunde von Freunden auf, machte Zufallsbekanntschaften und ließ sich ansonsten treiben. Als das Buch 1987 erschien, stritt eine ganze Generation über die Frage, ob die Marotten, die nationalen Eigenheiten und die unterschiedlichen politischen Kulturen, die Enzensberger vorfand, jemals ein einigendes Band ergeben können.

Enzensberger hatte nicht das Zentrum im Blick, die Ränder Europas interessierten ihn mehr. Von den Ländern des Südens porträtierte er Portugal und Spanien, die -von ihren Diktatoren erlöst -eben einen Aufnahmeantrag in die Europäische Gemeinschaft gestellt hatten, sowie das alte EG-Mitglied Italien. Im Osten besuchte er Ungarn und Polen, die noch zum Ostblock gehörten, im Norden Norwegen, das bis heute nicht bei der Europäischen Union ist -und auch Schweden, das, wie Österreich, erst 1995 Mitglied werden sollte.

Enzensberger hat genau hingeschaut und hingehört. In gewissem Sinne hörte er das Gras wachsen. Ihm war die starke Ideologisierung der Debatten aufgefallen und die - im Vergleich dazu -verschämte Pragmatik im Handeln der Politiker. Das war der Zeitgeist. Noch weit entfernt war die Vorstellung einer Generation von 30-jährigen "bright young men" auf dem Sprung in die Chefetagen, die uns heute durch Sebastian Kurz und seine Getreuen eindrücklich vor Augen geführt wird. Damals hatten eher ziellose, verträumte Akademiker etwas zu sagen. Sie hatten, wie verrückt auch immer, die Hegemonie errungen, um mit Antonio Gramsci zu sprechen, dem Theoretiker der italienischen Kommunisten, den damals jeder Student kannte und heute niemand mehr.

Kalte Zweifel

In Schweden herrschte die Sozialdemokratie und mit ihr eine Weltanschauung, die weit über die Partei hinaus strahlte. Enzensberger schildert eine Szene auf einer Party, auf der sich die Machtelite des Landes umtreibt. "Ganz egal, für wen wir stimmen und was dabei herauskommt: Sozialdemokraten sind wir doch alle", sagt ein Mann in einer abgetragenen Tweedjacke, von dem sich später herausstellt, dass er in der größten konservativen Zeitung des Landes böse Leitartikel schreibt. Die Sozialdemokratie beherrsche die schwedische Gesellschaft "ideologisch, moralisch und politisch", das Bürgertum dagegen habe "keine eigene Sprache mehr, kein Selbstbewusstsein", notiert Enzensberger. Die politische Kultur charakterisiert Enzensberger als pädagogische Herrschaft der, wie wir heute sagen würden, politischen Korrektheit. "Ein kalter Zweifel fasste mich an: Ich fragte mich nach dem Preis dieses Friedens, nach den politischen Kosten dieser Umerziehung, ich fing an, überall das Verdrängte und seine Wiederkehr zu wittern, den modrigen Geruch einer allgegenwärtigen, sanften, unerbittlichen Pädagogik", schreibt Enzensberger.

Er fragt: "Sind Völker den Ideologien voraus?" Schon Karl Marx hatte von geschichtlichen Tendenzen gesprochen, die sich hinter dem Rücken der Menschen durchsetzten.

Laut Umfragen kommen bei den Wahlen im Herbst 2018 die rechten Schwedendemokraten auf über 20 Prozent, vielleicht sogar in die Regierung. Das Ressentiment brodelt. In Malmö, der drittgrößten Stadt Schwedens, gibt es muslimisch dominierte No-Go-Areas, die dortige jüdische Gemeinde hat sich im vergangenen Jahr aufgelöst. Man geht lieber nach Israel.

Gar nicht verstaubt klingt auch Enzensbergers Beobachtung der italienischen Gesellschaft, in der ein "Hass auf die Gleichheit" herrsche, ein "extremer Individualismus", keiner sich für das Ganze verantwortlich fühle, jede neue Regel schon die Ausnahme kenne, eine linke Rhetorik gepflegt werde, der kein soziales Ich entspreche. Das war 1983.

Hans Magnus Enzensberger

Ein paar Jahre danach waren Politiker von rechts bis links der Korruption und klandestiner Netzwerke verdächtig. Die traditionellen Parteien krachten wie ein Kartenhaus zusammen. Poseure und Narzissten wie Silvio Berlusconi übernahmen. Heute ist eine heterogene, wütende Bewegung, die sich Fünf Sterne nennt, die stärkste Partei. Sie regiert mit der unverhohlen rassistisch argumentierenden Lega Nord, die nach jüngsten Hetzworten gegen Migranten und Roma in Umfragen noch zulegte.

"Das italienische Paradigma ist keine Frage des 'Volkscharakters', sondern eine mögliche Antwort auf eine Herausforderung, die ganz Europa betrifft", meinte Enzensberger damals. Die Italiener seien auf das Schlamassel aufgrund ihrer historischen Erfahrungen besser vorbereitet, gewissermaßen "alte Hasen". Sie seien Experten der Krise und kennen die "Freuden der Inkonsequenz". Man möchte das gern glauben. Denn Italien ist für viele Nordeuropäer und Österreicher noch immer ein Sehnsuchtsort.

In der Zeit von Enzensberger Reportagen gab es keine europäische Außenpolitik, nicht einmal eine europäische Politik, die diesen Namen verdient, von der Achse Paris-Bonn einmal abgesehen. Es gab keine Finanzkrise, und Ausländer kannte man nur als Touristen oder Gastarbeiter.

Ungarn war noch Teil des Ostblocks, freilich in der weichen Variante des sogenannten "Gulaschkommunismus". Enzensberger unterscheidet zwei Gruppen von Regimegegnern: die "Mitteleuropäer" und die "Volkstümler". Letztere, er nennt sie auch "Populisten", sind ihm nicht geheuer. Ihr Ideal ist "das universelle Ungartum". - "Sie sorgen sich um den Bevölkerungsschwund und die Überfremdung der einheimischen Kultur". Demokratie scheint ihnen kein großes Anliegen zu sein. "Auch sagt man ihnen eine gewisse Abneigung gegen die Juden nach." Viktor Orbán ist heute auf dem Weg zu einer "illiberalen" Demokratie mit zunehmend ausgehebelten Freiheitsrechten. Man hetzt gegen den jüdisch-amerikanischen Philanthropen George Soros. Neuerdings begreift sich Ungarn als "christlicher" Staat, der die "Ansiedlung von Fremden" verbietet. Ungarn hat aber auch ein Abwanderungsproblem. Seit Orbáns Amtsübernahme 2010 sind mehr Ungarn ins Ausland emigriert als in der großen Krise 1956. Viele von ihnen gehören vermutlich zu jener Gruppe, die Enzensberger "Mitteleuropäer" nannte und als Opposition charakterisierte, die "die Moral der ungarischen Gesellschaft jeden Tag aufs Neue auf den Begriff bringt und dabei mit einer Trennschärfe verfährt", wie er sie in keiner westlichen Gesellschaft angetroffen habe. Das klingt doch ermutigend.


In Lissabon sieht er so viele "schwarze, gelbe Menschen wie in keiner anderen europäischen Stadt"

In Portugal fällt Enzensberger die Toleranz gegenüber Ausländern auf. In Lissabon sieht er so viele "schwarze, gelbe Menschen wie in keiner anderen europäischen Stadt". Es sind Rückwanderer aus den ehemaligen Kolonien, die in der portugiesischen Gesellschaft mit achselzuckender Großzügigkeit aufgenommen wurden: eine Million Menschen innerhalb weniger Jahre. Portugal ist heute eines der wenigen Länder in der EU, die Quoten sofort und ohne Bedingungen akzeptiert haben.

In Polen macht Enzensberger ein gewisser Moralterror, der von der Kirche ausgeht, zu schaffen. "Wenn das so weitergeht, wird die Kirche bald die gesamte Intelligenz um sich geschart haben", klagt einer seiner Gesprächspartner. In Spanien sind ihm die "schrillen Töne der Autonomisten" zuwider. "Wir lehnen die Zweisprachigkeit in Katalonien ab. Eine der beiden Sprachen muss gewinnen, und das wird die unsrige sein", zitiert Enzensberger einen ihrer Aktivisten. In der norwegischen Gesellschaft wundert sich der Schriftsteller über das vollkommene Fehlen eines urbanen Zynismus. Die Entdeckung von Ölquellen habe das Land reich gemacht. Jetzt könne ihnen "niemand mehr auf der Nase herumtanzen", sagt ein Postbeamter. Zwei Mal haben sich bisher die Norweger in Volksabstimmungen gegen den Beitritt zur EU ausgesprochen.

Enzensberger hat auch eine fiktive Reise beschrieben, die er im Jahr 2006 stattfinden lässt. Die Berliner Mauer ist in dieser Geschichte schon Denkmal, mit Holzbrettern verschalt, um die Graffitis vor Verwitterung zu schützen.

Jetzt weiß man endgültig, warum "Ach Europa!" heute so hellsichtig wirkt. Mit dem Fall der Mauer hatte vor 30 Jahren wirklich kein einziger Beobachter gerechnet. Außer eben Enzensberger.

"Ach Europa!". Suhrkamp 1987

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