Ludwig Steiner, bekannter Widerstandskämpfer und später Politiker, im Mai 1945.

Ludwig Steiner, bekannter Widerstandskämpfer und später Politiker, im Mai 1945.

Österreich

"Zur Erinnerung ein paar Haare"

Hunderte heimische Widerstandskämpfer wurden zwischen 1938 und 1945 hingerichtet. Ein Kompendium von Briefen, Postkarten und Kassibern setzt ihnen nun ein eindrückliches Denkmal.

Das Unsagbare nimmt in wenigen Zeilen Gestalt an. Ende Juni 1942 wendet sich der zum Tod verurteilte Eisenbahner Ludwig Höfernig brieflich an seinen Sohn: "Lieber Hermann! Du brauchst dich deines Vaters nicht zu schämen, ich habe nichts verbrochen.“ Kurz darauf notiert der Bauarbeiter Albin Kaiser letzte Worte als kleines Testament: "Ich werde heute, den 30.9., um 18 Uhr 30 hingerichtet. Lieber Bruder, verzeiht mir alles, wenn ich etwas Ungerechtes gemacht haben soll. Ich kann dir, lieber Bruder, nicht mehr alles schreiben, denn meine Nerven sind fertig.“ Ende des Jahres richtet sich der Wiener Schlosser Josef Andersch in einem Brief an seine Frau: "Liebste Hilda! Bitte fasse dich. Heute ist der letzte Tag meines Lebens. Mein Schicksal hat sich nunmehr entschieden.“


Mein Kopf wird euch auch nicht retten

Allein am Wiener Landesgericht wurden zwischen 1938 und 1945 mehr als 1200 österreichische Widerstandskämpferinnen und -kämpfer gegen den Nationalsozialismus verurteilt und hingerichtet. Die in Briefen, Postkarten und Kassibern konservierten Stimmen vieler Ermordeter versammelt nun die Publikation "Mein Kopf wird euch auch nicht retten“ auf mehr als 2200 Seiten. Die rund 2000 Schriftstücke von 170 Hingerichteten, die den quälenden Lebensabschnitt zwischen Verhaftung und Vollzug bekunden, sind zentrale Dokumente des österreichischen Widerstands, eine Art Asservatenkammer aktiver Auflehnung gegen die NS-Terrorjustiz, polyphones Zeugnis der Zeit, epische Erzählung, Denkmal und Mahnmal zugleich. Ein Stück heimischer Geschichte als Kerkerchor, aus jener Schattenwelt ans Licht geholt, die nach 1945, als sich die neue Zeit zwischen den Trümmern sortierte, beschämend wenig Beachtung fand.

In jahrelanger Kleinarbeit haben der Wiener Archivar Willi Weinert und die Soziologin Lisl Rizy den Korrespondenzfundus zusammengetragen. "In vielen Briefen ist das unbedingte Bemühen und Bestreben herauslesbar, trotz Haft und Todesgewissheit Teil des Lebens zu sein“, sagt Weinert, 69, dessen Eltern fünf Tage vor dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion zu mehrjährigem Arrest verurteilt wurden. "Diese fünf Tage haben ihnen das Leben gerettet. Nach dem 22. Juni 1941 wurde noch drakonischer verurteilt.“

Die schriftliche Kommunikation in den Gefängnissen unterlag ab 1938 strikter Zensur und Beschränkung. Die Korrespondenz dreht sich um den Alltag, die Schilderung des Lebens in Haft, an deren Ende die Gefangenen getötet wurden. Viel ist die Rede von Sträflingsarbeit, letzten Lektüren, mangelnder Ernährung, Krankheiten, von der Sorge um die Familie.


Zur Erinnerung ein paar Haare, sonst kann ich nichts geben

Da sind die Zeilen des Drehers Johann Schleich, 1919 geboren und Anfang Jänner 1945 exekutiert. In seinem NS-Akt fanden sich Haare mit vom Ausreißen noch anhaftenden Wurzeln. An seine Verlobte, die zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt worden war, schrieb er in seinem von der Zensur einbehaltenen Abschiedsbrief: "Zur Erinnerung ein paar Haare, sonst kann ich nichts geben.“ Der Straßenbahner Franz Mager (1895-1943) wurde wegen "Vorbereitung zum Hochverrat“ verurteilt. In einem Kassiber aus der Todeszelle E 120 im Wiener Landesgericht notierte er: "Trotzdem der Schein gegenwärtig gegen mich spricht, habe ich die Gewissheit, dass ich nicht für ewig als ein Verbrecher betrachtet werde und mein tragischer Tod als Schande für euch angesehen wird. Ich habe kein Verbrechen gegen den Staat begangen. Ich bin auch kein Held oder Märtyrer, sondern ganz einfach, was ich immer war, ein einfacher, ganz einfacher Mensch, der sterben muss, weil er in diese Zeit nicht passt.“


Die Urteile sind Taten wahnsinniger Ertrinkender, die sterben müssen, und zeigen die Angst vor unserer gerechten Sache

Das Salzburger Ehepaar Herta und Ferdinand Lang wurde im Oktober 1943 zeitgleich verhaftet. Herta war damals bereits schwanger; wegen der Geburt erhielt sie Strafaufschub und wurde im Oktober 1944 bis zum Kriegsende wieder eingekerkert; Ferdinand ließ sein Leben im November 1944 im Hinrichtungsraum des Landesgerichts. In einem Brief, der von den Zensoren nicht weitergeleitet wurde, schrieb Herta: "Unser kleiner Liebling wächst ja so sehr, er wird schon für ein halbes Jahr alt gehalten! Dabei war er am Montag erst drei Monate alt, dem Datum nach. Und wenn er genau vier Monate alt ist, dann muss seine Mutter ins Zuchthaus. Es ist nur gut, dass er es noch nicht versteht, der liebe arme Kerl!“ Der 1943 getötete Elektromechaniker Rudolf Klekner tröstete seine Nächsten: "Mutter, all ihr Lieben! Du schreibst, die Urteile sind so streng und du zitterst. Die Urteile sind Taten wahnsinniger Ertrinkender, die sterben müssen, und zeigen die Angst vor unserer gerechten Sache.“

Ein Foto in "Mein Kopf wird euch auch nicht retten“ zeigt einen schwarzen Kamm. Klekners Bruder Oskar, der am selben Tag wie Rudolf mit der Guillotine gerichtet wurde, hatte den Kamm in der sogenannten Armensünderzelle bei sich, in der die Todeskandidaten letzte Stunden verbrachten. In den Kunststoff ist "TOT AM 2. November OSKAR“ eingeritzt.

Lisl Rizy, Willi Weinert: "Mein Kopf wird euch auch nicht retten“. Korrespondenzen österreichischer WiderstandskämpferInnen aus der Haft. Wiener Stern Verlag. 4 Bd., 2225 S., EUR 78,-

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