Lina Barinova und Daria Dalichuk haben die Hilfsorganisation YOUkraine gegründet.

© Elena Crisan

Ukraine-Krieg
03/24/2022

YOUkraine: „Wir sind die Generation, die für die Zukunft zuständig ist“

Lina Barinova und Daria Dalichuk stellen ihr Leben auf Pause, um eine Hilfsorganisation für die Ukraine und Geflüchtete zu gründen.

von Elena Crisan

Den Krieg gewinnen, erstens. Dann eine große Party feiern und einen Urlaub auf der Krim machen. Drittens kommt die Arbeit: Der Wiederaufbau der Ukraine. Das ist die Zukunft, die Lina Barinova und Daria Dalichuk anvisieren: „Wir haben uns entschieden und egal was es uns kostet, kämpfen wir für unser Land.“

Als sie gefragt wurden, bei dem Benefizkonzert im Ernst-Happel-Stadion in Wien zu sprechen, hätten Lina und Daria nicht gedacht, dass sie vor 40.000 Menschen und auf derselben Bühne wie Sängerin Mathea, Bilderbuch oder der österreichische Bundespräsident stehen werden würden. Vergangenen Samstag richteten sie ihren Appell: „Es ist ein Krieg zwischen David und Goliath, es ist kein fairer Krieg! Und je länger dieser Krieg dauert, desto länger wird es dauern, bis wir unser Land wieder neu aufbauen.“

Im Hof eines Coworking-Büros im dritten Wiener Gemeindebezirk steht seit kurzem eine kleine Holzhütte: Das Headquarter von YOUkraine. Dahinter stecken drei junge Menschen, die alles stehen und liegen gelassen haben, um ihrem Land zu helfen: Ivan Dyba, ein 33-jähriger Unternehmer und Lina und Daria, die 22-jährigen Studentinnen und Initiatorinnen. Gemeinsam mit über hundert weiteren Helferinnen und Helfern organisieren sie Hilfstransporte in die Ukraine und unterstützen Geflüchtete in Österreich.

YOUkraine organisiert etwa humanitäre Hilfe, sammelt Hilfsgüter und vermittelt Schlafplätze. Ihr Schwerpunkt ist die Logistik-Abteilung. Ivan Dyba betrieb bereits vor dem Krieg ein Transportunternehmen. Er ist verantwortlich für die Beförderung der Spenden.

Weitere Hauptbereiche sind Flüchtlingskoordination, in der 20 Personen aushelfen, ein Call Center mit weiteren 20 Volontären, und ein Lager in Landstraßer Hauptstraße, das ebenfalls von über 20 Menschen betrieben wird. Unterschieden wird zwischen medizinischen Gütern und Alltagsbedarf, wie etwa Lebensmittel, Schlafsäcke und Hygieneartikel.

In weiterer Folge ist psychologische Hilfe für Flüchtende geplant. Lina und Daria suchen unermüdlich nach Kooperationen. Gleichzeitig denken sie bereits an die Nachkriegszeiten: „Die Städte, die bis auf die Grundmauer zerstört wurden, müssen wieder aufgebaut werden. Dafür sind wir da.“

Krieg, zwei Stunden entfernt

Wenn Lina Barinova nicht gerade Hilfsgüter organisiert oder potenzielle Partnerunternehmen kontaktiert, studiert sie Psychotherapie und Psychologie in Wien. Sie stammt aus Odessa. Die Stadt am Schwarzen Meer blieb von russischen Angriffen nicht verschont. Die Millionenstadt ist keine 50 Kilometer von der Republik Moldau entfernt. Ihr Vater blieb dort, um zu kämpfen. Ihre Mutter floh nach Wien.

Mit zwölf Jahren zieht Lina nach Salzburg, um eine amerikanische internationale Schule zu besuchen. „Mein Vater hat immer gesagt, wenn du viele Sprachen kannst, sind alle Türen für dich offen.“ Also lernte sie Sprachen: Englisch, Deutsch und Französisch. Zuhause spricht sie russisch und ukrainisch. Doch zuhause war sie schon lange nicht mehr.

Ihre Mehrsprachigkeit ist für YOUkraine ein wichtiges Know-How. Durch die bereits existierenden Verbindungen zur Ukraine kann das Team den Transport von Hilfsgütern über die ukrainische Grenze aus organisieren, bis zu den Orten, an denen die Hilfsgüter gebraucht werden. „Das kann man nur mit Sprachkenntnissen schaffen, wie mein Vater damals gesagt hat.“

Nach einem krankheitsbedingten Gap-Year, den sie in der Ukraine verbringt, zieht sie 2017 nach Wien - auch weil es für die Familie in wenigen Stunden erreichbar ist. Ein Flug von Wien nach Odessa dauert in der Regel zwei Stunden.

Zwei Jahre später maturiert sie im Gymnasium Stubenbastei. „Heute war ich dort mit meiner Nichte, sie ist bei meiner ehemaligen Klassenvorständin“, erzählt Lina. Sie ist froh, zumindest einen Teil ihrer Familie bei sich zu haben.

„Ich wollte mein Leben selbst gestalten“

„In der Volksschule wollte ich die erste Präsidentin der Ukraine werden.“ Zu dem Zeitpunkt war Daria Dalichuk Schulsprecherin. „Ich habe bereits in der Kindheit meine Leadership-Skills gezeigt.“ Wenn Daria auf ihre Kindheit blickt, schaut sie vielmehr in die Zukunft. Diese sieht sie zurück in Kyiv, ihrer Heimatstadt. Doch bis dahin hat sie große Ziele. Sie möchte ein Gepäck an Fähigkeiten in die Ukraine zurückbringen, erzählt sie: Von ihrer Master-Ausbildung an der Wirtschaftsuniversität in Wien bis hin zu Joberfahrungen aus der Start-Up-Szene. Das sei notwendig, um das Land wieder aufzubauen.

2017 zieht Daria nach Wien. Neben dem Studium arbeitet Daria im Marketing bei einem Start-Up. Innovationen faszinieren sie. „Ich komme aus einem Bereich, in dem man in zwei Tagen eine Organisation aufbaut.“ Deshalb war ihr bewusst, was es bedeutet, einen Verein zu gründen. „Ich kenne den Spirit, was es heißt, tags und nachts zu arbeiten und 20 unterschiedlichen Aktivitäten in einer Stunde zu erledigen.“

„Wir wollen alle dringend wirklich nach Hause“, sagt Daria mit einer Mischung aus Geduld und Sehnsucht. Geduld, weil sie weit in die Zukunft reicht, sich langfristig für YOUkraine zu engagieren. Die Wut treibt sie an. Die Sehnsucht geht tief. „Es geht nicht nur um unsere Familie. Unsere Familie ist jetzt die ganze Bevölkerung.“

Lina und Daria gibt der Zusammenhalt ihrer Community Kraft. Sie verbringen jeden Tag gemeinsam. Schlechte Nachrichten erreichen sie so nie allein. Die guten werden umso mehr gefeiert. „Das, was wir zusammen machen“, erzählt Lina, „ich finde das echt toll, aber es ist immer noch ein Versuch, sich abzulenken.“

„Unser Leben ist die Ukraine“

Wenn Lina und Daria von der Zeit vor dem Krieg erzählen, hört es sich an, als erzählten sie aus einem anderen Leben. „Unser Leben gerade ist die Ukraine.“ Doch in ihrer Stimme ist kein Bedauern, vielmehr schlummert Hoffnung. Für sie gibt es in der Ukraine viel zu verlieren, aber nichts, was zu groß ist, im Widerstand aufzugeben. Das Studium lasse sich nachholen. „Das Einzige, was uns gerade wichtig ist, ist unsere Heimat. Wir sind die Generation, die für die Zukunft zuständig sind.“

Eine umfassende Reportage über die Flüchtlingssituation in Österreich lesen Sie in der profil-Ausgabe 13/2022. Hier geht's zum E-Paper.

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