© Alexandra Unger

Leitartikel
10/31/2020

Robert Treichler: The answer, my friend ...

Noch zwei Tage oder vier Jahre. 100 Fragen und eine lange Antwort.

von Robert Treichler

profil fragt, was Donald Trump aus uns - also auch aus Ihnen - gemacht hat, und - Vorsicht - die 100 Fragen in diesem Heft, die helfen sollen, das herauszufinden, sind zum Teil listig. Richtig oder falsch ist nicht das Kriterium. Vielleicht antworten Sie auf die Frage, ob Sie Trump weiterhin auf Twitter folgen werden, mit Ja; vielleicht aber antworten Sie stattdessen auf die Frage, ob man seinen Twitter-Account sperren sollte, mit Ja. Und möglicherweise schwanken Sie sogar zwischen dem einen und dem anderen. Donald Trump macht es einem auch vier Jahre nach seinem Wahlsieg und zwei Tage vor seiner erwarteten Abwahl (allfällige Reklamationen sind ab Mittwoch bitte an die Umfrageinstitute zu richten) verdammt schwer, den eigenen Prinzipien treu zu bleiben.

100 zum Teil verfängliche Fragen zu stellen, wäre ein wenig feig, wenn man nicht auch die eigene Haltung zu Donald Trump problematisieren würde. Oh ja, wir sitzen als liberales Nachrichtenmagazin in einem von der hellen Sonne der politischen Moral beschienenen, aber deshalb nicht weniger fragilen Glashaus.

Wir fragen: "Laut einer Liste, die Wikipedia erstellt hat, haben sich 90 amerikanische Tageszeitungen für die Wahl von Joe Biden ausgesprochen, dagegen nur sieben für Donald Trump. Finden Sie diese sehr weitgehende Einigkeit beunruhigend?" Gute Frage in einem Magazin, das zwar keine Wahlempfehlung für die US-Bürger abgegeben hat, aber in allen Kommentaren fraglos auf der Anti-Trump-Seite steht.

Meine Antwort? Ja, es ist beunruhigend, wenn sich in einem Land so gut wie alle Medien für einen Kandidaten aussprechen. Andererseits kann ich es den Redaktionen dieser Medien nicht verdenken, zu demselben Schluss zu kommen, den ich auch teile. Die oberflächliche Sorge, nordkoreanische Gleichförmigkeit zu orten, ist schnell beseitigt: Wenn alle Medien nicht für, sondern gegen den amtierenden Präsidenten sind, dann ist das wohl der beste Beleg für den größtmöglichen Unterschied zwischen Pjöngjang und Washington D.C.

Dennoch bleibt ein Unbehagen. Verliert Donald Trump diese Wahl, dann mag das größte politische Problem der USA beseitigt sein, doch es bleiben rund 60 Millionen US-Wähler (Stand 2016) zurück, die Trump gewählt haben und die in der Öffentlichkeit mit sehr wenigen Ausnahmen (wie der TV-Sender Fox News oder die Boulevardzeitung "New York Post") über kaum eine Stimme verfügen. Und das ist gefährlich, denn es illustriert einmal mehr die viel beschworene Spaltung der Bevölkerung in einen Teil, der das sogenannte Establishment auf seiner Seite weiß, und einen anderen, der sich sprachlos wähnt und der zusehends wütend wird. So wurde Trump geboren.


Nein, profil und alle anderen Medien, die der Überzeugung sind, Trump hätte niemals zum Präsidenten gewählt werden sollen (nicht mal zum Gemeinderat für die Upper East Side),werden ihre Meinung nicht ändern, nur um sich zum Sprachrohr der politisch Verirrten zu machen. Aber wir werden sehr viel Verständnis und Geduld aufbringen müssen, wenn Joe Biden als US-Präsident sein Versprechen wahr macht, die Nation zu einen. Das nämlich bedeutet, im Falle eines Wahlsieges auf vieles zu verzichten:

Auf Triumphalismus, auf Rechthaberei, auf moralisierend-elitäres Gehabe und vor allem auf politische Umwälzungen, die zwar möglich wären, die aber den ideologischen Graben weiter vertiefen würden. Ein Beispiel: Biden könnte mithilfe einer Mehrheit im Kongress die Zahl der Richter im Supreme Court erhöhen und so den Überhang, der durch Trumps Ernennungen von sehr konservativen Richtern entstanden ist, ausgleichen. Doch Biden hat angekündigt, lediglich eine Kommission aus Mitgliedern beider Parteien einzusetzen, die sich der Frage annehmen soll. Eine vorsichtige und deshalb kluge Herangehensweise. Zögerlich-feig werden manche sagen.


Biden wird bei jeder großen politischen Entscheidung betonen, was für die Trump-Klientel-den schlecht gebildeten Weißen-dabei rausschaut. Wie profitieren sie von einem Handelsabkommen? Wie werden sie von den ökonomischen Folgen des Wiederbeitritts zum Pariser Klimaabkommen geschützt? Im Gegensatz zu Hillary Clinton hat Biden nicht den schweren Fehler begangen, Trump-Wähler als einen "Korb voller Beklagenswerter" zu verunglimpfen. Sie mögen einen Rassisten, Sexisten und einen Unfähigen gewählt haben, aber das ist kein Grund, über sie hinwegzusehen, sondern vielmehr einer, sich zu bemühen, dass möglichst wenige von ihnen es wieder tun.

Eine Biden-Präsidentschaft wäre keine revolutionäre, von der Parteilinken Bernie-Sanders-Alexandria-Ocasio-Cortezinspirierte Ära, sondern eine verdammt mühselige Konsenssuche.

Und wir Medien? Werden endlich wieder so richtig gespalten sein. Viel zu langsam, gerade richtig, zu viel Rücksichtnahme, zu radikal Und auch ein Teil der Ex-Trump-Wähler wird sich hoffentlich irgendwo in der Debatte wiederfinden.

Das war die sehr lange Antwort auf eine von 100 Fragen.

Okay, eine noch: Ja, ich werde Donald Trump weiterhin auf Twitter folgen. 

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