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Kryptobörse FTX: "Komplettes Versagen"

Der Kollaps der Kryptobörse FTX verdeutlicht, wie dringlich die Regulierung des Geschäfts mit digitalen Assets ist.

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Drama ist nur ein Wort für das, was sich derzeit rund um den kollabierten Finanzdienstleister FTX abspielt. Die erst 2019 gegründete App-basierte Handelsplattform für Krypto-Assets mit Hauptsitz auf den Bahamas musste am 11. November in den USA Gläubigerschutz beantragen. Zuvor hatten Spekulationen über die wirtschaftliche Verfasstheit von FTX zu einem massiven Abfluss von Kundengeldern geführt. Wenngleich belastbare Informationen fehlen, so mehren sich auch Hinweise auf Unregelmäßigkeiten in den Büchern der weitverzweigten Unternehmensgruppe mit Adressen rund um den Globus. Der erst 30-jährige FTX-Mitgründer und zwischenzeitlich zurückgetretene CEO Sam Bankman-Fried steht im Verdacht, an der Veruntreuung von mehreren Milliarden US-Dollar mitgewirkt zu haben; der Fall beschäftigt bereits Ermittlungsbehörden in den USA und auf den Bahamas. Die FTX-Gruppe, die sich aus mehr als 100 Rechtsträgern zusammensetzt, soll mehr als eine Million Gläubiger haben.

Der Kollaps verstärkte den Druck auf die Krypto-Kurse, das Leitgestirn Bitcoin stand zuletzt bei knapp über 16.000 Euro, vor einem Jahr waren es noch mehr als 51.000 Euro gewesen.

Noch nie in meiner Laufbahn habe ich ein so komplettes Versagen der Unternehmenskontrolle erlebt.

John Ray III

ist nun der mit der Leitung von FTX betraute Manager

Der Fall verdeutlicht einmal mehr, wie dringlich die Regulierung des Geschäfts mit digitalen Assets ist. Zumindest in der EU sollen ab 2024 neue einheitliche Bestimmungen gelten, zusammengefasst in der sogenannten EU-Kryptoverordnung ("Markets in Crypto Assets Regulation"), die weitreichende Verschärfungen für Anbieter (und verbesserten Konsumentenschutz) mit sich bringen wird.

"Noch nie in meiner Laufbahn habe ich ein so komplettes Versagen der Unternehmenskontrolle und einen derartigen Mangel an vertrauenswürdigen Finanzinformationen erlebt wie in diesem Fall", schreibt der nun mit der Leitung von FTX betraute Manager John Ray III in einem kürzlich öffentlich gewordenen Bericht an das Konkursgericht im US-Bundesstaat Delaware. Er hat im Lauf seiner Karriere zahlreiche Firmen abgewickelt, darunter den Anfang der Nullerjahre kollabierten US-Energiekonzern Enron. Er dürfte also wissen, wovon er spricht.

In Florida wurde zwischenzeitlich eine Sammelklage eingebracht. Sie richtet sich einerseits gegen Bankman-Fried, andererseits aber auch gegen eine Reihe teils sehr prominenter Menschen, die in den vergangenen Jahren als FTX-Markenbotschafter unterwegs waren, unter ihnen NFL-Quarterback Tom Brady, dessen frühere Frau, Model und Unternehmerin Gisele Bündchen, der frühere NBA-Basketballstar Shaquille O'Neal, Tennisspielerin Naomi Osaka und US-Komikerlegende Lawrence Gene "Larry" David.

Tatsächlich hatte sich die FTX-Gruppe in den knapp drei Jahren ihres Bestehens vor allem durch Sportsponsoring hervorgetan. Allein 2021/2022 schloss man mehrere langjährige Verträge im Gegenwert mehrerer Hundert Millionen US-Dollar: So etwa als Sponsor der "FTX Arena" in Miami, des US-Basketballteams Golden State Warriors, des Formel-1-Rennstalls Mercedes-AMG. Letzterer hat den Sponsoringvertrag aus 2021 bereits ausgesetzt. "Wir hatten FTX in Betracht gezogen, weil sie einer der glaubwürdigsten und solidesten, finanziell gesunden Partner da draußen waren", sagte Teamchef Toto Wolff in einer ersten Reaktion. Mit dieser Einschätzung war er offensichtlich nicht allein.

Der erst 30-Jährige FTX-Mitbegründer und zwischenzeitlich zurückgetretene CEO Sam Bankman-Fried steht im Verdacht, an der Veruntreuung von mehreren Milliarden US-Dollar mitgewirkt zu haben. 

Laut Ray lag die Kontrolle über FTX in den Händen einer "sehr kleinen Gruppe unerfahrener, unbedarfter und potenziell kompromittierter Personen"-auch der Abwickler geht davon, dass ein "beträchtlicher Teil" der Vermögenswerte "verschwunden oder gestohlen" worden sein könnte. Zu ähnlichen Schlussfolgerungen gelangten kürzlich auch die bahamaischen Liquidatoren von FTX.

Die frühere FTX-Führungsebene soll demnach nach Gutdünken Milliardenbeträge innerhalb der Gruppe verschoben haben, dazu sollen auch private Entnahmen erfolgt sein. "Auf den Bahamas wurden meines Wissens Unternehmensgelder der FTX-Gruppe für den Kauf von Häusern und anderen persönlichen Gegenständen für Mitarbeiter und Berater verwendet. Mir ist bekannt, dass es für einige dieser Transaktionen offenbar keine Darlehensdokumente gibt und dass bestimmte Immobilien in den Unterlagen der Bahamas auf den persönlichen Namen dieser Mitarbeiter und Berater eingetragen wurden", so John Ray an die Adresse des Konkursgerichts.

In Florida wurde zwischenzeitlich eine Sammelklage eingebracht. Sie richtet sich einerseits gegen Bankman-Fried, andererseits aber auch gegen eine Reihe teils sehr prominenter Menschen, die in den vergangenen Jahren als FTX-Markenbotschafter unterwegs waren, unter ihnen NFL-Quarterback Tom Brady, dessen frühere Frau, Model und Unternehmerin Gisele Bündchen, der frühere NBA-Basketballstar Shaquille O'Neal, Tennisspielerin Naomi Osaka und US-Komikerlegende Lawrence Gene "Larry" David.

Tatsächlich hatte sich die FTX-Gruppe in den knapp drei Jahren ihres Bestehens vor allem durch Sportsponsoring hervorgetan. Allein 2021/2022 schloss man mehrere langjährige Verträge im Gegenwert mehrerer Hundert Millionen US-Dollar: So etwa als Sponsor der "FTX Arena" in Miami, des US-Basketballteams Golden State Warriors, des Formel-1-Rennstalls Mercedes-AMG. Letzterer hat den Sponsoringvertrag aus 2021 bereits ausgesetzt. "Wir hatten FTX in Betracht gezogen, weil sie einer der glaubwürdigsten und solidesten, finanziell gesunden Partner da draußen waren",sagte Teamchef Toto Wolff in einer ersten Reaktion. Mit dieser Einschätzung war er offensichtlich nicht allein.

Michael   Nikbakhsh

Michael Nikbakhsh

ist stellvertretender Chefredakteur, Leiter des Wirtschaftsressorts und Mitglied beim International Consortium of Investigative Journalists (ICIJ)