Bilanzskandal rund um die Commerzialbank Mattersburg

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profil-Morgenpost
07/28/2020

Wie wär‘s mal mit Misstrauen?

Guten Morgen!

von Michael Nikbakhsh

Ich hätte da eine Frage: Wie kann es sein, dass Martin Pucher, der Chef der Mattersburger Commerzialbank, die Bücher seiner Bank über Jahre hinweg systematisch und vom Aufsichtssystem unbedrängt fälschen konnte? Ich habe diese Frage im Zuge meiner Recherchen einigen Leuten gestellt, Antworten bekam ich, wenn überhaupt, nur hinter vorgehaltener Hand: Die Finanzmarktaufsicht verließ sich bei ihrer Arbeit darauf, dass die Oesterreichische Nationalbank die Bank auftragsgemäß sauber und umfassend prüfte (das macht hierorts nach wie vor die OeNB, diese schickt ihre Erkenntnisse an die FMA, die daraus allfällige Bescheide ableitet).

Die Nationalbank verließ sich bei ihrer Arbeit auf die Abschlussprüfer der Kanzlei TPA, welche die Jahresabschlüsse der Commerzialbank seit 2006 umstandslos testiert hatten. Die TPA-Prüfer verließen sich darauf, dass die von Martin Pucher zur Verfügung gestellten Unterlagen „korrekt“ waren. Nachzulesen ist das in einer rezenten Pressemitteilung von TPA: „Es wurde das Vertrauen der Prüfer in die Korrektheit der zur Verfügung gestellten Unterlagen offensichtlich missbraucht.“ Die Wirtschaftsprüfer sehen sich selbst als „Opfer“ und das ist zynisch, wenn man bedenkt, dass die insolvente Bank viele Geschädigte hinterlassen wird. Nach ersten Erkenntnissen liegt die Überschuldung bei 528 Millionen Euro. Die Einlagensicherung wird nicht alle entschädigen, erste Klagen rollen an, der Gerichtsbarkeit wird darob nicht fad werden.

Die Korruptionsstaatsanwaltschaft, die schon im Juni 2015 einen ersten anonymen Hinweis zu handfesten Unregelmäßigkeiten in Mattersburg in den Akten hatte, verließ sich bei ihrer Ermittlungsarbeit auf die Amtshilfe der Finanzmarktaufsicht (Verfahrenseinstellung im Jänner 2016). Und die Staatsanwaltschaft Eisenstadt, die ihrerseits Ende 2015 von der FMA auf Unregelmäßigkeiten in Mattersburg hingewiesen wurde, nun, die verließ sich auf ihr eigenes Urteilsvermögen und stellte erst gar keine ernstzunehmenden Ermittlungen an (Verfahrenseinstellung im Juni 2016).

Für Österreichs Finanzaufsicht gilt (zumindest in diesem Fall): Analyse und Kontrolle sind gut, Vertrauen aber allemal besser.

Zweite Frage: Vertrauensgrundsatz? Im Ernst?

Dem Finanzplatz und den Geschädigten wäre vieles erspart geblieben. Hätten die TPA-Prüfer nur einmal zum Telefon gegriffen und bei einer der anderen Banken nachgefragt, ob die Commerzialbank da wirklich Millionen auf dem Konto hatte (von behaupteten 426 Millionen Euro an Bankguthaben waren tatsächlich nur sechs Millionen vorhanden). Warum sie das nicht gemacht haben? Ich habe diese Frage TPA gestellt und bekam keine Antwort.

Die Oesterreichische Nationalbank hat eine umfangreiche Bankenaufsichtsabteilung – für die betriebswirtschaftliche Analyse und Prüfung der Kreditinstitute sind rund 160 Menschen verantwortlich. Was machen die dort? Hätten die Analysten in ihren eigenen Datenreihen nachgeschaut, dann hätten ihnen auffallen müssen, dass sich in Mattersburg seit Jahren betriebswirtschaftlich Unmögliches zutrug. Puchers Jahresabschlüsse mögen mehr oder weniger kunstvolle Fakes sein. Aber selbst seine Installationen ergeben keinen Sinn. Die Commerzialbank Mattersburg verzeichnete über Jahre steigende Nettozinserträge, denen auch die Nullzinsphase ab 2016 nichts anhaben konnte. Und das, obwohl die Bank ab 2016 weniger und weniger Kredite vergab. Herr Pucher, wo kommen eigentlich ihre fantastischen Zinserträge her? Diese Frage wurde dem Banker offenbar jahrelang nicht gestellt. Und wie, außer vorgeblich völlig ahnungslos, waren eigentlich die Mitglieder des Commerzialbank-Aufsichtsrats so drauf?

Unpackbar. Ich kann mich nicht erinnern, dass ich eine Recherche jemals mit diesem Etikett versehen hätte. Und ich habe in meinem Leben schon eine Menge merkwürdiger Dinge recherchiert. Aber Mattersburg ist schlicht unpackbar.

 

Michael Nikbakhsh