Martin Pucher hat seine Funktionen bei Mattersburg zurückgelegt

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Morgenpost
08/21/2020

profil-Morgenpost: Whistleblower

Guten Morgen!

von Stefan Melichar

Sehr geehrte Leserin, sehr geehrter Leser!

Es kommt nicht alle Tage vor, dass US-Präsident Donald Trump seine vielen, oft vehementen Kritiker – in deren Sinne – positiv überrascht. Anfang dieser Woche war so ein Tag. Trump zeigte sich gegenüber Journalisten offen, eine mögliche Begnadigung von Edward Snowden zu prüfen. Der ehemalige US-Geheimdienstmitarbeiter Snowden gab 2013 vertrauliche Dokumente an Journalisten weiter, wodurch ein völlig ausgeufertes System der Internetüberwachung offengelegt wurde. Der Whistleblower, der keine andere Möglichkeit gesehen hatte als die Missstände öffentlich zu machen, muss seither im Asyl in Russland leben.

Von Washington und Moskau nun nach Mattersburg, von CIA und NSA zur behördlich geschlossenen burgenländischen Commerzialbank: Auch dort gab es – allem Anschein nach – jemanden, dem Dinge aufgefallen sind, die über Jahrzehnte hinweg Bankaufsehern und Wirtschaftsprüfern entgangen waren. Im Februar 2020 ging bei den Behörden eine anonyme Anzeige ein. Nicht die Form von Anzeige, die abenteuerliche Vorwürfe ohne Beleg enthält und zur Tarnungszwecken mit der linken Hand verfasst wird. Sondern ein mehrseitiges Papier mit Details und sogar Fotos, die eigentlich nur ein Insider kennen beziehungsweise in seinem Besitz haben  kann.

Wir haben in den vergangenen Wochen intensiv über das Thema Commerzialbank berichtet. Über angebliche Kreditnehmer, die selbst davon keine Ahnung haben.

Über das – wie profil-Wirtschaftsressortleiter Michael Nikbakhsh festgestellt hat – vollkommene Versagen des Aufsichtssystems.

Und über das atemberaubende Eingeständnis des Ex-Bankchefs Martin Pucher, dass die Commerzialbank bereits seit dem Jahr 2000 konkursreif sei und er immerhin bereits 1992 – in deutlich kleinerem Maßstab – mit Bilanzfälschungen begonnen habe.

Wer weiß, ob das System Commerzialbank mit erfundenen Krediten und gefälschten Bestätigungen für angebliche Millionenguthaben bei anderen Banken aufgeflogen wäre, hätte es die Hinweise des – bislang unbekannten – Whistleblowers nicht gegeben. Zwar war gerade eine Prüfung durch die Nationalbank am Laufen. Frühere Kontrollen haben jedoch nicht dazu geführt, dass die Vorgänge  ans Tageslicht kamen. Wer weiß, ob – ohne den Whistleblower - nicht noch mehr Sparer, Gemeinden und Unternehmen ihr Geld dem Bankinstitut anvertraut hätten, nur um in einer noch größeren Pleite in einigen Jahren noch mehr zu verlieren.

Beide Fälle – Snowden und der Unbekannte aus Mattersburg – zeigen, wie wichtig es wäre, stabile Rahmenbedingungen für Hinweisgeber in Behörden und Unternehmen zu schaffen. Fest steht: Wer auf interne Missstände hinweist, braucht jede Menge Rückgrat.

Lassen Sie sich nicht verbiegen und genießen Sie das kommende Wochenende mit einer neuen Ausgabe von profil!

Stefan Melichar

PS: Gibt es etwas, das wir an der „Morgenpost“ verbessern können? Das Sie ärgert? Erfreut? Wenn ja, lassen Sie es uns unter der Adresse [email protected] wissen.

Stefan Melichar
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