Runtastic: Was ist so toll an dem Fitness-App-Anbieter?

Florian Gschwandtner

Florian Gschwandtner

Runtastic gilt als das Vorzeigeunternehmen der österreichischen Start-up-Szene. Doch was ist so toll am Fitness-App-Anbieter, dass sogar die hohe Politik dem Ruf in die oberösterreichische Provinz folgt?

Am Samstag, dem 6. Mai um 10:36 Uhr, setzte sich Florian Gschwandtner in Bewegung. Er lief von der Linzer Altstadt in Richtung Pasching. Für die 9,44 Kilometer benötigte er insgesamt 8470 Schritte beziehungsweise 49 Minuten. Das ergibt eine durchschnittliche Geschwindigkeit von 11,56 Kilometer pro Stunde. Dabei hat er 688 Kalorien verbrannt. 18 Leuten hat diese Aktivität gefallen. 38 haben ihn dabei angefeuert.

Seither war der 34-Jährige ein bisschen weniger aktiv: Einmal 40 Liegestütze in 29 Sekunden – ergibt acht verbrannte Kalorien. Etwas später noch einmal 35 Liegestütze in 23 Sekunden (sieben verbrannte Kalorien). Auch das hat einigen Leuten gefallen.

Florian Gschwandtner ist Geschäftsführer des Fitness-App-Anbieters Runtastic und passionierter Läufer. Wenn er Sport betreibt, tut er das meist vor einem Publikum Gleichgesinnter. Gschwandtner führt ein offenes Runtastic-Profil. Jeder, den es interessiert, kann Einblick in das Training des Oberösterreichers nehmen.

Kürzlich zog Gschwandtner jedoch Aufmerksamkeit von ungewohnter Seite auf sich. Sein Unternehmen stand plötzlich im Mittelpunkt der heimischen Politik-Berichterstattung. Vorvergangene Woche nämlich, als die Welt der österreichischen Innenpolitik noch einigermaßen in Ordnung war, kam es in der PlusCity – in dem Einkaufszentrum im oberösterreichischen Pasching befindet sich der Firmensitz von Runtastic – zu einer denkwürdigen Begegnung zwischen Bundeskanzler Christian Kern und Außenminister Sebastian Kurz. Einigermaßen erstaunlich. Schließlich haben die beiden gemeinsame Fototermine in der Vergangenheit tunlichst vermieden.

Was also ist so toll an dem Unternehmen, dass Kanzler und Außenminister anlässlich der Einweihung neuer Büros in die Provinz reisen und die Fete mit ihrer Anwesenheit beehren? Oder ist die österreichische Start-up-Szene so unterentwickelt, dass sich alle auf das immer gleiche Unternehmen stürzen?

Läuft bei dir

„In der Selbstdefinition ist fast jedes neu gegründete Unternehmen ein Start-up. Das klingt gleich viel hipper. Tatsächlich gibt es aber nur sehr wenige echte“, sagt Elisabeth Zehetner, Bundesgeschäftsführerin des Gründerservice der Wirtschaftskammer Österreich. Nur bei 500 bis 1000 Unternehmensgründungen pro Jahr handle es sich um Start-ups. Das entspricht etwa 1,5 bis drei Prozent aller Neugründungen. Die KMU Forschung Austria definiert in ihrem aktuellen Report Start-ups als Unternehmen, die jünger als zehn Jahre sind, ein signifikantes Umsatz- oder Beschäftigungswachstum anstreben oder aufweisen und die eine (technologische) Innovation eingeführt haben oder mit einem innovativen Geschäftsmodell operieren. Da sie ein höheres Risiko haben zu scheitern als „normale“ Gründungen, wird in der Studie von einem Bestand von rund 2000 bis maximal 4000 Start-ups in Österreich ausgegangen. Neun von zehn Start-ups scheitern bereits in den ersten Jahren, weiß die Statistik. „Weil sie häufig mit einem noch nicht erprobten Geschäftsmodell oder technologischen Innovationen starten, können sie nicht auf die Erfahrungswerte anderer zurückgreifen“, sagt Gründerservice-Chefin Zehetner.

Als Gschwandtner und seine drei Gründerkollegen René Giretzlehner, Christian Kaar und Alfred Luger im Jahr 2009 nach Geldgebern für ihre Idee suchten, bekamen sie fast ausschließlich negative Rückmeldungen. Für ein Gadget, welches Läufern ermöglicht, ihre Strecken aufzuzeichnen, via GPS mitzuverfolgen und auf Landkarten darzustellen, gäbe es keinen Markt, hieß es. Die drei Absolventen der FH Hagenberg und der Ökonom von der Johannes Kepler Universität ließen sich nicht entmutigen und steckten ihr Erspartes ins Unternehmen. „Anfangs haben wir Apps für andere Firmen entwickelt und mit dem so verdienten Geld unsere Mitarbeiter bezahlt“, erzählt Gschwandtner. Man habe sich selbst einen Markt geschaffen und alles getan, um Runtastic möglichst international auszurichten. Das Unternehmen ist schnell gewachsen. Bereits nach 18 Monaten sei Runtastic profitabel gewesen.
Die Zahl der Mitarbeiter hat sich von Jahr zu Jahr verdoppelt. Mittlerweile beschäftigt das Unternehmen rund 200 Mitarbeiter aus über 30 verschiedenen Nationen. „Aktuell suchen wir 40 Leute. Es ist nicht einfach, Talente zu bekommen, die zu uns passen“, meint Gschwandtner.

Der ganz große Coup

2013 kaufte sich das Berliner Verlagshaus Axel Springer mit 50,1 Prozent in das Unternehmen ein. Gschwandtner und seine Kollegen wurden zu Millionären. Der ganz große Coup folgte jedoch 2015: Der deutsche Sportartikelkonzern adidas übernahm Runtastic zur Gänze und blätterte dafür 220 Millionen Euro auf den Tisch. So viel wurde noch für kein anderes österreichisches Start-up bezahlt. Völlig überteuert, meinten viele. Doch im Gegensatz zu Mitbewerber Nike – der einer der Pioniere bei Fitness-Apps war – hatte adidas die Entwicklungen im Digitalgeschäft ziemlich verschlafen. Für den Konzern aus Herzogenaurach war Runtastic die Chance, Anschluss zu finden. Zudem sitzen die Oberösterreicher auf einem enormen Schatz: Daten von 110 Millionen registrierten sportaffinen Nutzern. Mit all den Informationen, welche die User freiwillig preisgeben, kann punktgenau auf die Zielgruppe eingegangen werden. So könnten zukünftig beispielsweise auf Wunsch Sportschuhe von der App getrackt werden, um den Läufer darauf aufmerksam zu machen, wann ein Schuhtausch wegen des Risikos von Knieproblemen sinnvoll wäre.

„Umsatzzahlen geben wir grundsätzlich nicht bekannt“, sagt Gschwandtner. In der Konzernbilanz von adidas ist nachzulesen, dass Runtastic im Jahr der Übernahme acht Millionen Euro Umsatz erzielt und keine Verluste geschrieben hat. „Aktuell stehen wir bei über 20 Millionen Euro Umsatz“, lässt sich Gschwandtner dann doch noch entlocken. Etwa zwei Drittel davon entfallen auf Erlöse aus Premium-Mitgliedschaften – kostenpflichtige Accounts, die über zusätzliche Funktionen verfügen. Der Rest stamme aus Werbeumsätzen, die mit den kostenlosen Basis-Apps erzielt werden und Zubehör wie Sportarmbändern oder Uhren. 18 unterschiedliche Apps wurden seit der Gründung entwickelt. Zukünftig will sich Runtastic verstärkt dem Thema Ernährung widmen. „Das ist ein bisschen komplexer, weil man da stärker geografische Besonderheiten berücksichtigen muss“, erklärt Gschwandtner. Aber Kochen sei sexy geworden, davon wolle man auch profitieren.

"Einmalige Erfolgsgeschichte"

„Runtastic ist eine ziemlich einmalige Erfolgsgeschichte, wie man sie sonst eigentlich nur aus dem Ausland kennt“, sagt Eva Heckl von der KMU Forschung Austria. Bei dem Produkt möge es sich zwar nicht um eine technologische Revolution handeln, aber es sei extrem benutzerfreundlich und entspreche dem Zeitgeist. „Da hat einfach alles gepasst“, so Heckl.

Was die internationale Aufmerksamkeit betrifft, kann vielleicht noch die Flohmarkt-App Shpock oder die Personensuchmaschine 123people mithalten.

Runtastic hat außerdem dafür gesorgt, dass Unternehmertum wieder hip geworden ist. Kein Wunder also, dass sich auch Kanzler und Außenminister in diesem Glanz sonnen wollten. Allfälligen innenpolitischen Verschwörungstheorien erteilt Gschwandtner jedoch eine Absage: Er habe „den Christian und den Sebastian“ schon vor einem halben Jahr eingeladen. „Beide haben zugesagt und vom geplanten Besuch des jeweils anderen gewusst.“