Sepp Schellhorn

Der Gastronom und ehemalige NEOS-Politiker Sepp Schellhorn. 

© Neumayr/ picturedesk.com

Wirtschaft
11/26/2021

Sepp Schellhorn: „Ich fühle mich total verarscht“

Wenn man den Gastronomen und ehemaligen NEOS-Politiker Sepp Schellhorn nach seiner Einschätzung zum Pandemie-Management der Bundesregierung befragt, wird das Gespräch schnell sehr emotional.

von Christina Hiptmayr

profil: Herr Schellhorn, wie kalt hat Sie der Lockdown erwischt? Mussten Sie viel Ware entsorgen?
Schellhorn: Nein, nicht sehr viel. Auf den Skihütten haben wir bisher nur Bier und Trockenware eingelagert, aber noch keine Frischware. Mit dem Lockdown war zu rechnen. Seit der 2G-Regelung ist in unserem Restaurant in Salzburg-Stadt das Geschäft massiv eingebrochen. Üblicherweise haben wir dort einen Tagesumsatz von 10.000 Euro. Zuletzt haben wir nur noch zwischen 1500 bis 2000 Euro umgesetzt. Und der Hotelbetrieb „Der Seehof“  in Goldegg hat im November sowieso drei Wochen zu.
profil: Viele Ihrer Kollegen aus Hotellerie und Gastronomie sagen jetzt, der Lockdown wäre vermeidbar gewesen. Sehen Sie das auch so.
Schellhorn: Wir hätten es vermeiden können, wenn wir uns im Sommer auf den Herbst vorbereitet hätten. Das haben auch alle Experten gesagt, aber auf die hat man nicht gehört. Diese Wissenschaftsfeindlichkeit nervt mich. Jede Verdoppelung der Infektionszahlen hat bei mir Schüttelfrost und Angstzustände ausgelöst. Ich verstehe, dass Gesundheit vorgeht, und unterstütze das auch. Aber man muss mich auch als Unternehmer verstehen, dass es mir um die Wirtschaft geht. Mir wäre es lieber gewesen, wir hätten schon früher alles heruntergefahren und hätten den ganzen November einen harten Lockdown gehabt. Denn touristisch gesehen macht der November nur drei Prozent aus. Wenn ich vor Weihnachten noch aufsperren darf, schlage ich alle Hände über dem Kopf zusammen.
profil: Muss sich die Branche nicht auch selbst an der Nase nehmen? Die 3G-Regeln wurden in der Gastronomie häufig nur halbherzig bis gar nicht kontrolliert. Und als es um die Einführung der 2G-Regel ging, haben sich die Interessenvertreter sofort dagegengestemmt. 
Schellhorn: Die Frage ist berechtigt. Nach meinem politischen Ausscheiden hatte ich meinen ersten öffentlichen Auftritt im August bei den Tourismusgesprächen in Alpbach. Ich habe damals gefordert, rasch zu handeln und die 2G-Regelung einzuführen. Da haben die Branchenvertreter aufgeschrien und gesagt, das geht nicht, weil dann bekommen wir keine Mitarbeiter mehr aus Osteuropa, denn die lassen sich nicht impfen. Wir haben in unserem Betrieb sofort darauf geschaut, dass sich die Leute impfen lassen. Von Kollegen weiß ich, dass mittlerweile fast überall über 90 Prozent der Mitarbeiter geimpft sind. Ja, die Branche hat sich etwas vorzuwerfen: dass sie aus Angst vor zu wenig Personal auf die 3G-Regel gesetzt hat. Aber man kann jetzt nicht der Gastronomie die Schuld zuschieben, dass die Infektionszahlen so sind, wie sie sind. Wir haben in unseren Betrieben kontrolliert. Die Treiber sind ja woanders.
 
profil: Wo denn?
Schellhorn: Na ja, es gab ja jede Menge Zeltfeste, Erntedankfeste und was weiß ich. Da glaube ich schon, dass das eher am Vereinswesen liegt.
profil: Wie wichtig ist die Vorweihnachtszeit für Ihre Betriebe?
Schellhorn: Sehr wichtig. Das Hotel in Goldegg wollten wir mit 20. November wieder öffnen. Der gesamte Dezember bis zum 10. Jänner ist hier die wichtigste Zeit für die gesamte Wintersaison. Wir haben dieses Jahr auch groß in einen innovativen Wellnessbereich investiert, um so zum Ganzjahresbetrieb zu werden. Das muss natürlich auch finanziert werden. Da rechnet man im Businessplan mit gewissen Umsätzen, die jetzt nicht kommen werden. Im M32, unserem Restaurant in Salzburg, habe ich bemerkt, dass bei den Firmen wieder das Bedürfnis da war, Weihnachtsfeiern abzuhalten. Das findet halt jetzt auch nicht statt. Und bei unseren beiden Skirestaurants im Gasteinertal – das sind ja nur Ein-Saison-Betriebe – ist die große Herausforderung, die Mitarbeiter bei Laune zu halten, damit sie nicht in die Schweiz oder nach Südtirol abwandern. Vergangenen Winter musste ich sie  ständig vertrösten, weil der Lockdown im Zwei-Wochen-Rhythmus immer wieder verlängert wurde.
 
profil: Wie hält man die Mitarbeiter da bei Laune?
Schellhorn: Indem ich einen Teil der insgesamt etwa 65 bis 80 Leute schon mit 13. Dezember anstelle. Das riskiere ich, wiewohl die Infektionszahlen jetzt nicht danach aussehen, dass wir da aufsperren könnten.
 
profil: Rechnen Sie noch mit einer Wintersaison oder ist die ohnehin schon gelaufen?
Schellhorn: Wir waren im Hotel bis zum Dreikönigstag komplett ausgebucht. Ich denke, im allerbesten Fall können wir mit 20. Dezember aufsperren. Aber welche Familie lässt sich bis dahin vertrösten? Die suchen sich jetzt schon Ersatzdestinationen. Das ist ein enormer Schaden. Aber eigentlich rechne ich mit Weihnachten und Silvester gar nicht mehr. Ich hoffe auf Februar und die beiden Märzwochen. In den Skirestaurants machen wir in dieser Zeit üblicherweise 50 Prozent des gesamten Winterumsatzes.
 
profil: Auch die Salzburger Landesregierung, der die Neos angehören, hat Fehler im Pandemiemanagement gemacht. Wie bewerten Sie die Performance der Bundesregierung?
Schellhorn: Es wird Sie nicht überraschen, dass ich die für eine Katastrophe halte. Als Unternehmer fühle ich mich total verarscht, weil das auf meinem Rücken ausgetragen wird. Aus Mutlosigkeit und vor allen Dingen aus Angst vor dem politischen Gegner wurden nicht die richtigen Akzente gesetzt. Bei den Erstimpfungen kommen wir überhaupt nicht vom Fleck, die Testinfrastruktur läuft auch unrund. Da herrscht einfach Chaos pur. Jeder Unternehmer, der so arbeiten würde, wäre längst pleitegegangen. Die Regierung hat Konkursreife erreicht. Und eines muss man natürlich auch sagen: Das Spiel dieser Kurz-Truppe ist total perfide. Manchmal habe ich das Gefühl, die setzen wirklich alles daran, noch mehr Chaos in die Regierung zu bringen, damit der Heiland Basti wieder zurückkommen kann. Ich habe noch die Worte der Köstinger im Kopf, immerhin Tourismusministerin, die gesagt hat, es wird keinen Lockdown geben. Wohlwissend, in welche Richtung wir pandemietechnisch fahren. Da frage ich mich, was ist mit der eigentlich? Die ist hausverstandsbefreit. Das weiß ja sogar ich, dass es eine Verzögerung von zwei bis drei Wochen gibt, bis sich die Infektionszahlen in den Intensivstationen niederschlagen.

Das Spiel dieser Kurz-Truppe ist total perfide. Die setzen alles daran, noch mehr Chaos in die Regierung zu bringen.“
 

profil: Setzt die Regierung mit der geplanten Impfpflicht die richtigen Akzente?
Schellhorn: In der derzeitigen Situation bin ich für die Impfpflicht. In meinen Betrieben habe ich de facto schon eine. Ich stelle nur mehr Mitarbeiter ein, die geimpft sind. In Goldegg habe ich eine Durchimpfungsrate von 100 Prozent. Wenn ich von meinen Gästen einen Impfnachweis verlange, dann brauche ich den auch von meinen Mitarbeiten. Ich kann da ja nicht zwei verschiedene Parameter anlegen.
 
profil: Was machen Sie mit Mitarbeitern, die sich partout nicht impfen lassen wollen? Kündigen?
Schellhorn: Da werden sich jetzt Gewerkschaft und Arbeiterkammer aufregen, aber ja, denen habe ich angedroht, dass wir uns dann trennen müssen. In Salzburg hatte ich von 30 Mitarbeitern drei, die sich nicht impfen lassen wollten. Das hat jede Woche einen Gesprächsmarathon und viel Überzeugungsarbeit erfordert. Eine Mitarbeiterin erklärte mir zum Beispiel allen Ernstes, bei der Impfung werde ihr eine tote Plazenta eingepflanzt. Sie wollte sich auch nicht testen lassen. Von der musste ich mich trennen.
 
profil: Gibt es aus Ihrer Sicht irgendetwas, was die Bundesregierung gut gemacht hat? Bei Ihrem Abschied aus der Politik haben Sie ja explizit den Finanzminister gelobt.
Schellhorn: An Gernot Blümel schätze ich seine Fähigkeit, Kritik anzunehmen und dann an einer gemeinsamen Lösung zu arbeiten. Darin unterscheidet er sich massiv von vielen auf der Regierungsbank. Was die Regierung bei den Wirtschaftshilfen gut gemacht hat, war die Umsatzsteuerermäßigung. Das hat dem Tourismus wirklich geholfen.
 
profil: Als Oppositionspolitiker haben Sie das bürokratische Wirrwarr bei den Wirtschaftshilfen oft kritisiert. Rückblickend betrachtet: Haben die Hilfen gewirkt?
Schellhorn: Es hat an Praktikabilität gefehlt. Ich bin immer noch der Meinung, die Finanzämter hätten die Corona-Hilfen per Knopfdruck viel zielgerichteter und schneller abwickeln können. Ich fand das auch sehr ungerecht, dass der Tourismus im vergangenen November wegen des 80-prozentigen Umsatzersatzes massiv kritisiert worden ist. Ja, wir haben den gebraucht, um unseren Mitarbeitern das 14. Gehalt zu bezahlen. Und weil vorher nichts weitergegangen ist und wir gar nichts bekommen haben. Danach ist es besser geworden.
 
profil: Vertrauen Sie darauf, dass es auch in Zukunft ausreichend Hilfen geben wird, welche die Branche über diese Krise bringen?
Schellhorn: Ich hoffe es. Aber dieser Winter wird viel schwieriger als der letzte.
 
profil: Weil?
Schellhorn: Weil wir erst vor Kurzem aus einem ganz langen Lockdown herausgekommen sind und wirklich optimistisch waren. Und jetzt geht das Ganze wieder von Neuem los. Da wird es psychologisch ganz schwierig. Wir wissen auch noch nicht, wie es mit den Wirtschaftshilfen weitergeht. Aber als Politikinsider glaube ich nicht, dass man den Markt noch lange so mit Geld fluten kann. Das ist auch ein Versagen dieser Politik: Zuerst hat man das Geld mit der Gießkanne verteilt und jetzt, wo es notwendig wäre, fehlt es. Und der Glaube, dass wir weiterhin die Mitarbeiter halten können, ist illusorisch. Das wird die Drop-out-Rate aus dem Tourismus mit einem Turbo befeuern.
 
profil: Das war aber doch schon vor Corona ein Problem. Offenbar arbeiten die Österreicher nicht gerne im Tourismus und am Wochenende.
Schellhorn: Hier trifft Freizeitgesellschaft auf Dienstleistungsgesellschaft. Der Österreicher ist wochenendarbeitsfeindlich, erwartet sich aber die Dienstleistung, wenn er frei hat. Das ist ein Dilemma, aus dem wir nicht so leicht herauskommen. Es braucht eine dramatische Entlastung des Faktors Arbeit. Der Mitarbeiter muss mehr verdienen und weniger kosten. Dann können wir die Arbeitsplätze auch wieder mit Österreichern befüllen. Ich gebe Ihnen recht, die letzten 30 Jahre waren für den Tourismus als Arbeitgeber kein Ruhmesblatt. Wir haben alle Scheiße gebaut, aber jetzt heißt es umdenken. Wenn wir die Mitarbeiter zu Höchstleistungen motivieren und nicht zwingen wollen, dann müssen wir ihnen auch die beste Umgebung bieten.

saß sieben Jahre für die NEOS im Nationalrat. Im Frühsommer 2021 nahm er seinen Abschied aus der Politik, um sich wieder verstärkt dem Unternehmertum zu widmen. Sein Gastroimperium besteht aus dem Stammhaus „Der Seehof“ in Goldegg, welches er Mitte der 1990er-Jahre von den Eltern übernommen hat. Außerdem betreibt er in seiner Heimatgemeinde ein Wirtshaus, das Restaurant „M32“ am Salzburger Mönchsberg sowie zwei Skirestaurants im Gasteinertal.

 

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