Ukio-Leaks: Impala, spring!

Waffenschmuggel: In Thailand flog 2009 ein Waffendeal auf. Die Hintermänner nutzten eine Finanzstruktur, die auch in den "Ukio-Leaks" eine Rolle spielt.

Waffenschmuggel: In Thailand flog 2009 ein Waffendeal auf. Die Hintermänner nutzten eine Finanzstruktur, die auch in den "Ukio-Leaks" eine Rolle spielt.

Ein neuseeländischer Briefkasten überwies in nur drei Jahren rund eine halbe Milliarde US-Dollar auf fünf österreichische Konten. Dahinter standen wiederum drei mysteriöse ausländische Firmen. Der Fall steht auch im Zentrum einer Anzeige, die bei mehreren österreichischen Banken eine "Beitragstäterschaft" zur Geldwäsche vermutet.

Im Leben verweben sich hin und wieder Geschichten von Menschen, die einander noch nie gesehen haben. Eine Haushälterin von der Insel Vanuatu im Südpazifik wird Direktorin einer Firma, der wiederum eine Firma gehört, in der eine Burger-King-Köchin aus China Direktorin ist. Eine Russisch-Übersetzerin in den Niederlanden unterschreibt Rechnungen für eine mysteriöse Frau auf den Seychellen.

Die Hausfrau aus Vanuatu, die Köchin aus China, die Dolmetscherin aus den Niederlanden:
Sie waren und sind Figuren in einem globalen Versteckspiel, an dem einst auch der Wiener Rechtsanwalt Erich Rebasso partizipierte (siehe dazu hier und unsere Themenseite auf profil.at). Mit verteilten Rollen waren sie anderen Leuten – Russen und Ukrainern, aber längst nicht nur – dabei behilflich, Milliarden US-Dollar und Euro durch ein dichtes Netz aus Briefkastenfirmen und Bankkonten zu schleusen. Und zwar so, dass kaum noch jemand nachverfolgen konnte, wo das Geld hergekommen war und wer wen wofür bezahlt hatte.

Die dem OCCRP-Rechercheverbund vorliegenden Buchungen, Verträge und Rechnungen aus dem Innersten der 2013 geschlossenen litauischen AB Ukio Bankas gewähren einen kleinen Einblick in eine Welt, in der eine einfache Hausfrau aus Vanuatu mit ein paar Unterschriften zur Herrin über ein globales Firmenimperium avancieren und ein Wiener Rechtsanwalt Millionen US-Dollar für vermeintliche Handelsgeschäfte in Bewegung setzen konnte.

Die Datensätze dokumentieren nicht nur den Fall Rebasso. Sie zeigen unter anderem auch, dass eine neuseeländische Firma mit nebulosem Geschäftszweck in nur drei Jahren ziemlich genau 493 Millionen US-Dollar auf fünf österreichische Bankkonten transferierte, hinter welchen wiederum Firmen in den Niederlanden, Zypern oder Hongkong standen.

Eingerichtet waren diese fünf Konten bei der Raiffeisen Zentralbank AG, die nunmehr Raiffeisen Bank International AG heißt. Die Bank äußert sich zu Kundenbeziehungen nicht – Bankgeheimnis. Zugleich legt man aber Wert auf die Feststellung, stets alle gesetzlichen Bestimmungen zur Hintanhaltung von Geldwäsche befolgt zu haben.

1. Auf der Insel

Von Vanuatu weiß man, dass es flach ist. So flach, dass seine Bewohner fürchten müssen, dass ihre schönen Strände bald unter dem steigenden Meeresspiegel versinken könnten. Was man von dem Archipelago im Pazifik eher nicht weiß: der 270.000-Einwohner-Staat gehört zu den Offshore-Zentren der Erde. Über die Jahre ließen sich hier reihenweise Finanzdienstleister nieder, um Tausende und Abertausende Briefkastenfirmen für Kundschaft aus aller Welt einzurichten.

Einer dieser Dienstleister ist ein Brite namens Geoffrey Taylor. Er allein ließ in Vanuatu rund 2500 Briefkastenfirmen registrieren und stellte diese Klienten zur Verfügung.

2. Die Hausfrau

Eines der Offshore-Vehikel, das Taylor 2002 geschaffen hatte, hieß „VicAm Limited“. Diese Firma spielt im weiteren Verlauf dieser Geschichte eine zentrale Rolle. Denn rund um diese „VicAm“ entstand über die Jahre ein undurchdringliches Netz aus weiteren Gesellschaften, Adressen und Konten. Als Direktoren der „VicAm“ agierten zunächst Taylors Familienmitglieder, im Februar 2007 übernahm die Firma eine Necita M. – Taylors Haushälterin, geboren in Vanuatu. Deren Name steht mit Hunderten anderen Offshore-Firmen in Verbindung, die auch Gegenstand der „Panama Papers“-Enthüllungen waren. Darunter beispielsweise eine „SP Trading Limited“, die vor zehn Jahren in einen internationalen Skandal verwickelt war.

3. Ein Flugzeug voller Waffen

Am 12. Dezember 2009 durchsuchten thailändische Spezialeinheiten ein Cargo-Flugzeug, das in Bangkok zwischengelandet war. Sie hatten einen Tipp bekommen, dass in der russischen Iljuschin 76 keine Ersatzteile für Ölbohr-Ausrüstung geladen waren, wie in den Frachtpapieren angegeben. Als die Polizisten den Laderaum öffneten, fanden sie 35 Tonnen Panzerabwehrgranaten, Raketen und Granatwerfer. Der Frachtflieger war damals von Nordkorea in den Iran unterwegs.

Das Flugzeug war über mehrere Firmen angekauft, verleast und gechartert worden. Eine der involvierten Gesellschaften: eine „SP Trading Limited“, registriert in Auckland, Neuseeland, deren „Direktorin“ damals hauptberuflich Köchin bei Burger King in China war. Die Köchin erzählte später neuseeländischen Medien, dass sie für die Überlassung ihrer Identität an Dritte 20 NZ-Dollar (rund zwölf Euro) pro Firma und Monat bekommen hatte – vom britischen Briefkastenarchitekten Geoffrey Taylor.

Die „SP Trading“ gehörte zu besagter „VicAm“, jenem Briefkasten also, bei dem die Haushälterin Necita M. als Direktorin eingetragen war. Am 13. Juni 2005 entstand in Geoffrey Taylors „VicAm“-Reich eine weiteres Postfach mit Zustelladresse in Auckland, Neuseeland: die „Impala Trans Limited“ – und von ebendieser Gesellschaft führt eine Spur bis nach Wien.

Zwischen 2007 und 2010 überwies diese Impala Trans von ihrem litauischen Ukio-Konto 493,79 Millionen US-Dollar auf fünf österreichische Bankkonten, allesamt eingerichtet bei der damaligen Raiffeisen Zentralbank. Inhaber dieser österreichischen Konten waren Firmen mit Adressen in Rotterdam, Limassol (Zypern) und Hongkong. Woher das Geld stammte und wofür es verwendet wurde, das ist unklar. Die RBI wollte sich zu den Firmen und Konten auf zweimalige Anfrage nicht äußern.

4. Die Direktorin des Kartells

Als Direktorin der Impala Trans diente eine Stella P., die in Anse Aux Pins auf den Seychellen wohnte. Ihr Name taucht auch in einem anderen Kontext auf. 2007 hatten US-Behörden entdeckt, dass das mexikanische Sinaloa-Kartell mehrere Milliarden US-Dollar über US-Konten gewaschen hatte. In einem späteren Gerichtsverfahren tauchten auch vier neuseeländische Briefkästen auf, die insgesamt rund 40 Millionen US-Dollar aus dem Drogenhandel weitergeleitet hatten. Die Direktorin dieser Briefkästen war besagte Stella P. Soll heißen: Wer immer Zugriff auf die Impala Trans hatte, bediente sich einer Finanzstruktur, die auch vom Waffen- und Drogenhandel benutzt wurde.
Am 10. Jänner 2007 landete die erste Überweisung der Impala Trans in Österreich: 116.570 US-Dollar gingen auf dem RZB-Konto einer zypriotischen Briefkasten-Firma mit Sitz in Limassol ein: Highton Construction Limited.

5. Die sprachlose Übersetzerin

Highton bekam in Summe rund 108 Millionen US-Dollar auf das RZB-Konto – laut vorliegenden Rechnungen hauptsächlich für die angebliche Lieferung von Computern und Digitalkameras. Eine „Astron Computer Limited“ mit Sitz in Hongkong und RZB-Konto verkaufte dem neuseeländischen Briefkasten ebenfalls Computer und kassierte rund
86 Millionen US-Dollar. Und dann wäre da noch die niederländische „Kaft B. V.“, die ebenfalls ein RZB-Konto hatte. Die Gesellschaft mit Sitz in Rotterdam erhielt gleich 298 Millionen US-Dollar von Impala Trans: für Digitalkameras, DVD-Rohlinge, Notebooks.

Hat es diese Warenlieferungen je gegeben? Das ist unklar. Wer stand oder steht hinter den Zahlungsempfängern? Hinter Impala Trans? Auch das ist unklar.

Im Fall der niederländischen Kaft B. V. ergibt sich zumindest eine verworrene Spur: Sie führt in die Ukraine. Das in Rotterdam ansässige Unternehmen wurde laut niederländischem Firmenbuch von Vladimir Shulmeister gegründet. Er hat in den Niederlanden studiert und arbeitete später im Management eines ukrainischen Elektronikhändlers. Im Jahr 2014 stieg er für kurze Zeit zum stellvertretenden Infrastrukturminister der Ukraine auf. Eine Anfrage an die Kaft B. V. blieb bis Redaktionsschluss unbeantwortet.

Wie bereits die neuseeländischen Firmen rekrutierte auch die Kaft B. V. eine ungewöhnliche Frau als Direktorin: Die Rechnungen, welche den Millionen-Überweisungen nach Wien zugrundelagen, tragen die Unterschrift einer Marielle U. – einer Fotografin und Russisch-Niederländisch-Dolmetscherin. Sie übersetzte unter anderem die „Anastasia“-Bücher des russischen Autors Vladimir Megre, aus denen sich ein esoterischer Kult mit gleichem Namen entwickelte.

Niederländische Journalisten der Investigativ-Plattform „Investico“ kontaktierten Marielle U. im Rahmen des internationalen Recherche-Projektes telefonisch, um sie zu ihrer Rolle in der Kaft B. V. zu befragen. Sie zeigte sich wenig auskunftsfreudig, wusste nach eigener Darstellung auch nicht, worum es bei alldem überhaupt gehe. „Ich bin verblüfft, dass Sie überhaupt von der Existenz der Firma Kaft wissen“, sagte sie den Journalisten – und legte den Hörer auf.

„Kaft“ heißt auf Deutsch übrigens so viel wie Abdeckung, Umschlag oder Schutzhülle.
Die meisten der genannten Gesellschaften existieren lange nicht mehr, Anfragen des Recherche-Verbundes bei deren ausgewiesenen Repräsentanten blieben reihenweise unbeantwortet.

Die Rechercheplattform „Addendum“ berichtete am vergangenen Dienstag von einer in Wien eingebrachten Anzeige gegen unbekannte Täter wegen des Verdacht der Geldwäscherei und der Bildung einer kriminellen Organisation. Die Anwälte des britischen Investors Bill Browder behaupten, dass die Organisierte Kriminalität Russlands österreichische Konten und Banken über Jahre benutzt habe, um systematisch russisches Geld zu waschen. Laut der Sachverhaltsdarstellung, die nun von der Wiener Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft geprüft wird, sollen insgesamt 967 Millionen US-Dollar durch 1055 Konten bei 78 in Österreich tätigen Banken gegangen sein, darunter Bank Austria, Erste Bank und eben die RZB, die den größten Teil der fragwürdigen Zahlungen abgewickelt haben soll: 633,5 Millionen US-Dollar.

„Die oben genannten Umstände lassen auf eine Beitragstäterschaft der Raiffeisen Bank und anderer österreichischer Banken schließen“, steht in einer Sachverhaltsdarstellung der Anwälte Browders. Die Rotterdamer RZB-Kundin Kaft B. V. wird darin ebenso genannt wie die neuseeländische Impala Trans. Keine der genannten Banken wollte sich dazu äußern – es gilt das Bankgeheimnis. Alle legten jedoch Wert auf die Feststellung, den Sorgfaltspflichten im Geldverkehr nachgekommen zu sein. Die Raiffeisen Bank International verwies vergangene Woche darauf, dass ein Teil der von Browder erhobenen Vorwürfe bereits Gegenstand „intensiver behördlicher und gerichtlicher Untersuchungen bei der RBI“ gewesen sei, die bestätigt hätten, „dass diese Vorwürfe unbegründet sind“.