Wiener Christkindlmarkt: Hinter Millionengeschäft steht ein verschwiegener Verein

Außen Zuckerguss, innen viel dunkle Materie: Der Christkindlmarkt vor dem Wiener Rathaus

Außen Zuckerguss, innen viel dunkle Materie: Der Christkindlmarkt vor dem Wiener Rathaus

Der Christkindlmarkt vor dem Wiener Rathaus zählt zu den größten Events der Bundeshauptstadt. Ein Millionengeschäft. Dahinter steht ein von einem SPÖ-Funktionär geführter unscheinbarer Verein, der sich nur ungern in die Bücher schauen lässt.

Akan Keskin ist enerviert. Hörbar. „Was soll das?“, faucht er in sein Mobiltelefon, „wir sind ein privater Verein. Warum wollen Sie das wissen?“ Kommerzialrat Keskin, Lebensmittelhändler und Gastronom, SPÖ-Funktionär in der Wiener Wirtschaftskammer, Träger des Goldenen Verdienstzeichens des Landes Wien, gilt eigentlich als umgänglicher Charakter. Ein leutseliger Unternehmer, der längst eine feste Größe am Wiener Naschmarkt ist. Zugleich hütet er aber ein Geheimnis, das eigentlich keines sein sollte: die Gebarung des „Vereins zur Förderung des Marktgewerbes“. Seit nunmehr elf Jahren orchestriert Vereinsobmann Keskin eine der glitzerndsten Veranstaltungen der Bundeshauptstadt: den Christkindlmarkt auf dem Wiener Rathausplatz. Mehr als drei Millionen Besucher aus dem In- und Ausland soll die Holzhüttengaudi jeden Advent anziehen. Kunst, Kitsch, Bienenwachs, Strickwaren, Süßigkeiten, Punsch, Promille, Umsätze in zweistelliger Millionenhöhe.

So bling-bling das Spektakel vor dem Amtssitz des Wiener Bürgermeisters – so schattig die Konstruktionen dahinter. Bis 2004 hatte die Stadt den Christkindlmarkt selbst ausgerichtet, mit der Saison 2005 aber fiel die Organisation einem damals urplötzlich entstandenen Verein zu. Obmann Keskin, einst SPÖ-Bezirksrat, heute unter anderem Vizepräsident des Sozialdemokratischen Wirtschaftsverbandes Wien und Obmann des Landesgremiums für Markt-, Straßen- und Wanderhandel der Wiener Wirtschaftskammer, war einer der Gründer. An der Vereinsadresse Siebenbrunnengasse Nummer 65 laufen seither alle Fäden zusammen. Der Verein mietet den Rathausplatz jedes Jahr aufs Neue von der Stadt an, stellt die Hütten auf, vermietet diese an die (zuvor diskret ausgewählten) Standbetreiber, organisiert darüber hinaus den gesamten Auf- und Abbau, dazu Logistik, Infrastruktur, Marketing und Administration.


Außen Zuckerguss, innen viel dunkle Materie.

So sehr Wiens SPÖ-Bürgermeister Michael Häupl die Strahlkraft des Events alle Jahre wieder für werbliche Zwecke zu nutzen weiß – der Christkindlmarkt ist eine rein private Veranstaltung auf öffentlichem Grund. Und weil der Veranstalter privatrechtlich organisiert ist, unterliegt dieser auch keiner Kontrolle durch den Gemeinderat oder den Stadtrechnungshof. Der Verein kann Marktstände ebenso freihändig vergeben wie Werbeetats und Aufträge an Professionisten, veröffentlicht konsequenterweise weder Statuten noch Tätigkeitsberichte noch Rechnungsabschlüsse noch die genaue Zusammensetzung des Vereinsvorstandes, erst recht nicht die des Gremiums, welches Interessenten die begehrten Stände zuweist. Der Verein zur Förderung des Marktgewerbes ist wie ein Punschkrapfen. Außen Zuckerguss, innen viel dunkle Materie.

Gegenüber profil war Obmann Keskin nach anfänglicher Verstimmung dann doch bereit, erstmals überhaupt Einblicke in den Vereinshaushalt zu gewähren. Laut einer vergangene Woche übermittelten Stellungnahme verbuchte der Verein im Rechnungskreis Christkindlmarkt 2014 Nettoerlöse in einer Höhe von stattlichen 1,78 Millionen Euro, im Jahr 2015 waren es 1,67 Millionen Euro (jeweils ohne Umsatzsteuer, der Verein organisiert darüber hinaus andere kleinere Veranstaltungen, die hier nicht enthalten sind). Das ist schon deshalb bemerkenswert, weil der Markt ja kaum mehr als einen Monat geöffnet hat. Der weitaus größte Teil der Zuflüsse stammte aus der Vermietung der vereinseigenen Blockhäuschen. 2015 zum Beispiel spielten 167 Markstände Mieteinnahmen in der Höhe von 1,48 Millionen Euro ein. Die den Betreibern verrechneten Hüttenmieten liegen je nach Größe und Sortiment irgendwo zwischen 3000 und 20.000 Euro (davon ausgenommen sind Stände, die von karitativen Organisationen betrieben werden). Rund 190.000 Euro netto spülte 2015 der Verkauf von Punschhäferln, ein allem Anschein nach beliebtes Souvenir, in die Vereinskassen; in Summe besagte 1,67 Millionen Euro.

Der Verein, gegründet am 5. September 2005, arbeitet nicht profitorientiert. Sollte er doch Gewinne erwirtschaften, werden diese den Reserven zugeführt. Auf konkrete Nachfrage übermittelte die Vereinsführung profil einen Auszug aus den Statuten. Im Falle einer Liquidation dürfe allenfalls vorhandenes Vermögen „in keiner wie auch immer gearteten Form den Vereinsmitgliedern zugute kommen“ – es müsste wohltätigen Zwecken zugeführt werden.


Wiewohl die Stadt und der Verein über die Vermietung des Platzes hinaus in keiner direkten Geschäftsbeziehung stehen, sind sie doch irgendwie verbandelt.

2015 beliefen sich die Aufwendungen rund um das Projekt Christkindlmarkt auf knapp mehr als 1,5 Millionen Euro (ohne Steuern) – Hüttenlagerung und Transport, Auf- und Abbau, Verkabelung, Weihnachtsbeleuchtung, Wasser, Abwasser, Toiletten, Sicherheit, Papierkram, Werbung. Letztere bildet überhaupt einen der größeren Kostenblöcke. Nach Angaben von Vereinssprecherin Angelika Herburger entfällt jährlich etwa ein Viertel des gesamten Aufwands auf das Christkindlmarktmarketing im In- und Ausland. 2015 wären demnach nicht ganz 400.000 Euro für Folder, Plakate, Inserate, Social-Media-Aktivitäten und Sideevents aufgegangen. Eine recht beachtliche Summe. Herburger legt Wert auf die Feststellung, dass weder der Christkindlmarkt noch sonst eines der vom Verein organisierten Projekte Subventionen der Stadt Wien erhielten.

Umgekehrt fließen der Stadtkasse nur geringe Beträge aus der Vermietung des Platzes zu. Auf Grundlage des Wiener Marktgebührentarifs veranschlagt die Kommune eine Gebühr in der Höhe von 5,99 Euro je Tag und Stand. Im September dieses Jahres erfragte der FPÖ-Gemeinderatsklub bei Bürgermeister Häupl die Einnahmen aus Standgebühren. Die Antwort kam im November: 2014 wurden für 148 Stände insgesamt 35.400 Euro vorgeschrieben, 2015 (167 Stände) waren es 44.000 Euro.

Wiewohl die Stadt und der Verein über die Vermietung des Platzes hinaus in keiner direkten Geschäftsbeziehung stehen, sind sie doch irgendwie verbandelt. Genau genommen besteht der Christkindlmarkt nämlich aus zwei Teilen: dem zentralen Markt, den der Verein betreut – und dem Geschehen rundherum, welches nunmehr die Stadt verantwortet. Für die Realisierung des heuer neu konzipierten „Weihnachtstraums“ (vormals „Adventzauber“, siehe Kasten am Ende) veranschlagte das Rathaus in der laufenden Saison immerhin 1,1 Millionen Euro. Weitere 240.000 Euro budgetierte die Wiener Wirtschaftskammer – für „Öffentlichkeitsarbeit“ und „mediale Bewerbung“. So gesehen sind die beiden Veranstaltungen nicht so einfach voneinander abzugrenzen. Auf der von der Stadt Wien Marketing betriebenen Website wienerweihnachtstraum.at wird vielmehr gezielt der Eindruck erweckt, als sei auch der Christkindlmarkt ein gemeinsames Projekt der Stadt Wien und der Wiener Wirtschaftskammer.


Dass der Verein 2005 überhaupt geschaffen wurde, war einer Unzulänglichkeit der Wiener Marktordnung geschuldet.

Tatsache ist, dass im „privaten“ Verein zur Förderung des Marktgewerbes Kammervertreter das Sagen haben, wenn auch nicht ausschließlich rote. Der Verein zählt derzeit sechs Mitglieder, die zugleich den Vereinsvorstand stellen: Drei sind dem Sozialdemokratischen Wirtschaftsverband zuzurechnen, zwei dem ÖVP-Wirtschaftsbund, Schriftführerin Herburger bezeichnet sich selbst als „neutral“.

Dass der Verein 2005 überhaupt geschaffen wurde, war einer Unzulänglichkeit der Wiener Marktordnung geschuldet. Bis dahin galt für Marktstandplätze am Christkindlmarkt ein Vormerksystem: Zum Zuge kam, wer bereits im Jahr davor einen Stand hatte. Was dazu führte, dass neue Interessenten selten bis nie berücksichtigt wurden. Zwei Marktfahrer, die sich über Jahre vergeblich um einen Platz bemüht hatten, beschritten daraufhin den Rechtsweg, der bis zum Verfassungsgerichtshof (VfGH) führte. Im Juni 2005 erklärte der VfGH das Vormerksystem für gesetzwidrig. Die Stadt nahm den Christkindlmarkt daraufhin aus der Marktordnung heraus – und übertrug die Organisation dem nur wenige Wochen nach dem VfGH-Spruch gegründeten Verein. Mit dem nicht unerwünschten Nebeneffekt, dass dieser für seine – bedingt transparente – Auswahlpraxis rechtlich nicht belangt werden kann. Die Volksanwaltschaft warnte bereits 2006 vor einer „Flucht in die Privatwirtschaftsverwaltung“.

Theoretisch könnte heute jeder beim Rathaus einen Antrag auf Ausrichtung des Christkindlmarktes stellen. Abgesehen vom Verein hat das bisher aber noch niemand gewagt.

INFOKASTEN

Die Akte Herzerlbaum
Warum die Stadt Wien und eine Werbeagentur vor Gericht streiten.
Im Frühjahr 2016 war plötzlich Schluss. Die Stadt Wien kündigte der Werbeagentur kreitner & partner nach 30 Jahren die Zusammenarbeit auf – angeblich aus Kostengründen (die Agentur erfuhr davon allerdings erst Monate später). Bis dahin hatte kreitner & partner im Wesentlichen den Rathaus-park rund um den Christkindlmarkt bespielt („Adventzauber“), seit heuer besorgt das die Stadt selbst („Wintertraum“). Nun liegt der Fall beim Verwaltungsgerichtshof. kreitner & partner hat ebenda einen „Feststellungsantrag“ eingebracht. Der Vorwurf: Die stadteigene Wirtschaftsagentur habe die stadteigene Stadt Wien Marketing im Wege einer „unzulässigen Direktvergabe“ mit der Ausrichtung des Rahmenprogramms bedacht, das Rathaus hätte den Auftrag international ausschreiben müssen. Die Anwälte der Stadt sehen das wenig überraschend anders. Das Verfahren läuft. Der Betreiberwechsel sorgte über die juristische Ebene hinaus bereits für Wirbel – der von kreitner & partner entwickelte und von Besuchern geschätzte „Herzerlbaum“ ist mittlerweile ebenso Geschichte wie die bei Kindern beliebte „Christkindlwerkstatt“.