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Wirtschaft
02/06/2021

Wirecard: „Wir sehen einander ja heute Abend!“

Ein cooler Beratungsauftrag, Einladungen zu exklusiven Mittagsessen und Kontakte zu israelischen Verschlüsselungsspezialisten: Aus der schwungvollen Geschäftsbeziehung des ÖVP-Stiftungsrats im ORF Thomas Zach mit Wirecard-Manager Jan Marsalek.

von Michael Nikbakhsh

Thomas Zach spielte im Machtgefüge der Österreichischen Volkspartei schon eine Rolle, als Sebastian Kurz dies noch nicht tat. 2001 hatte Zach als Mitarbeiter im Kabinett des damaligen ÖVP-Innenministers Ernst Strasser angedockt, da war er noch keine 30. 2011 hievte die ÖVP Zach in den Stiftungsrat des ORF, das ist das von Parteien durchsetzte Gremium, wo bedeutende Entscheidungen fallen. Personal, Finanzen, Strategie, Verträge, Technik. Zehn Jahre später ist der mittlerweile 48-Jährige immer noch ORF-Stiftungsrat, längst leitet er den „Freundeskreis“ der ÖVP-nahen Stiftungsräte, daneben ist er auch Vorsitzender des Ausschusses für Finanzen und Technik.

Thomas Zach hat gewachsenen Einfluss in der ÖVP, im ORF und er hat auch einen Brotberuf: Unternehmensberater. Seit 2013 ist er an der Wiener Beratungsfirma Gradus Proximus beteiligt, die er gemeinsam mit seinem Partner Christoph Ulmer gegründet hat. Die beiden hatten schon Anfang der 2000er Jahre im Kabinett von Ernst Strasser zusammengearbeitet. Ulmer war bis 2003 Strassers Kabinettschef gewesen, ehe er sich im Beratungsgeschäft etablierte (und dabei dem ÖVP-regierten Innenministerium verbunden blieb). Auch Zach verließ das Kabinett Strasser 2003, er wechselte für zehn Jahre ins Management der Österreichischen Staatsdruckerei, die ihrerseits traditionell gute Geschäfte mit dem BMI macht.

Christoph Ulmer, Thomas Zach – und die deutsche Wirecard AG. Es ist eine interessante Gemengelage, die sich da im Zuge von profil-Recherchen aufgetan hat. Vergangene Woche berichteten wir erstmals von einer langjährigen Geschäftsbeziehung zwischen Strassers einstigen Kabinettsleuten und dem vormaligen DAX-Konzern (Nr. 5/21).
Wie berichtet, hatten Ulmer und Partner für die Wirecard AG über mehrere Jahre hinweg „Social Media-Reports“ erstellt und dafür 25.000 Euro im Monat verrechnet. Zustande gekommen war der Auftrag auf Wunsch des früheren Wirecard-Vorstands Jan Marsalek. Marsalek ist seit dem 19. Juni 2020 flüchtig; er ist Österreicher wie auch Markus Braun, die frühere Nummer eins bei Wirecard.

2017 hatte Markus Braun der damals wahlwerbenden türkisen Bewegung von Sebastian Kurz 70.000 Euro gespendet (nachdem er zwischen 2014 und 2016 die NEOS mit insgesamt 125.000 Euro unterstützt hatte). Nach der Wahl 2017 machte Kurz Braun zu einem seiner Einflüsterer. Der Wirecard-Chef wurde Mitglied der Strategiegruppe „Think Austria“ unter der Leitung von Antonella Mei-Pochtler, einer Vertrauten des Kanzlers. Markus Braun sitzt mittlerweile in deutscher Untersuchungshaft.

profil liegen nunmehr Dokumente vor, die einen umfassenden Blick auf die mehrschichtige Geschäftsbeziehung zwischen Zach/Ulmer und Wirecard ermöglichen. Die Dokumente zeigen, dass die ÖVP-nahen Berater ab Mitte 2016 volle vier Jahre für Wirecard tätig waren, bis in den Juni 2020 hinein, das war unmittelbar vor dem Kollaps. Sie hatten einen Vertrag, welcher die Beobachtung und Analyse von Online-Kanälen (Medienhäuser, Finanzplattformen, Social Media, Blogs) definierte und ihrer Firma ein Jahreshonorar von 300.000 Euro sicherte – auf vier Jahre gerechnet ergibt das ein Volumen von rund 1,2 Millionen Euro.

Geschlossen wurde das Geschäft im Juni 2016 zwischen der Wirecard AG und der Wiener Gradus Proximus Corporate Advisory GmbH (Hälfte Ulmer, Hälfte Zach). Der Vertrag sollte zunächst zwölf Monate laufen, sich bei Nichtkündigung aber um jeweils ein weiteres Jahr verlängern. Volumen: 25.000 Euro Monatspauschale exklusive Umsatzsteuer, also 300.000 Euro im Jahr, zuzüglich Reisen- und Aufenthaltsspesen „außerhalb des Großraums Wien“.

Für diesen Betrag sollten die Leute von Gradus Proximus ein Auge auf aktuelle Online-Nachrichten und -Meinungen zu Wirecard haben dazu laufend nach Deutschland berichten. „Aus einer großen Menge an Datenquellen und Formaten sollen (finanz)mathematische Inhalte, Netzwerke, Akteure und kurzfristige Stimmungsschwankungen präzise bestimmt werden, um so inhaltliche Trends für Entscheidungen zeitgerecht nutzbar zu machen“, heißt es in dem profil vorliegenden Dokument. Für Gradus Proximus unterschrieb damals Christoph Ulmer, für Wirecard unterzeichneten Markus Braun und Jan Marsalek.

Die Vereinbarung vom Juni 2016 regelte ein Honorarvolumen von 300.000 Euro im Jahr plus Nebengeräusche. Es war nicht das billigste Angebot, das Wirecard auf dem Tisch hatte. Ende März 2016, also nur wenige Wochen vor dem Vertragsschluss mit Gradus Proximus, wollte Marsalek eigentlich mit einem anderen Wiener Berater ins Geschäft kommen. Dieser hatte bereits im November 2015 ein Angebot für ein umfassendes Social-Media-Monitoring gelegt – und für das erste Jahr Arbeit 118.080 Euro veranschlagt, also kaum mehr als ein Drittel des Betrags, zu dem Ulmer und Zach später abschließen sollten. Auch dieses Offert liegt profil vor, die Leistungsumfänge waren durchaus vergleichbar (die Angebotstexte interessanterweise auch).

Jedenfalls entstand in zeitlicher Nähe zum Vertragsabschluss mit Wirecard eine weitere Wiener Beratungsfirma, die Gradus Proximus Business Intelligence GmbH. Diese lieferte fortan wöchentlich einen Social-Media-Report per E-Mail an Jan Marsalek persönlich.

profil liegen rund 200 dieser Berichte vor. Anfangs waren die Reports als „Social Media Activities“ betitelt, später als „Sentiment Analyse“. Die Berichte hatten in aller Regel 30 bis 40 DIN-A4-Seiten, einzelne waren auch umfangreicher. 2016 waren diese noch textlastig, die späteren bestanden großteils aus standardisierten Bausteinen: Grafiken und Screenshots von Twitter- und Forenbeiträgen (siehe Faksimile). Christoph Ulmer hatte gegenüber profil vorvergangene Woche Wert auf die Feststellung gelegt, dass seine Firma „Reports umfangreichster Natur“ erstellt habe.

profil hat 20 dieser Reports dem Wiener PR-Berater und früheren Journalisten Werner Beninger zur Analyse übermittelt, auch Beningers Agentur Milestones bietet Social-Media-Monitoring an. „Chapeau, sehr sehr gut verhandelt“, sagt Beninger in aller Knappheit. Der letzte Report von Gradus Proximus schlug in Marsaleks E-Mail-Posteingang übrigens am 15. Juni 2020 auf – vier Tage später bestieg er in Bad Vöslau nahe Wien einen Business Jet und entschwand Richtung Minsk. Es ist anzunehmen, dass die späten Reports wegen des zunehmenden Durcheinanders bei Wirecard im Frühjahr 2020 nicht mehr fristgerecht bezahlt wurden.

Die Geschäftsbeziehung zwischen Ulmer, Zach und Marsalek beschränkte sich alsbald nicht mehr nur auf soziale Netzwerke. Auch analoges Netzwerken gehörte dazu. Ganz old school hatten Ulmer und Zach ihre Wiener Agentur damals zu einem Ort der – exklusiven – Begegnung gemacht. Bei wiederkehrenden Mittagessen (Titel: „Lunch mit …“) brachten sie Persönlichkeiten aus Wirtschaft und Politik zusammen. Kleiner Kreis, nie mehr als zehn Leute.

Ab 2016 war Jan Marsalek immer wieder nach Wien eingeladen, um beim Speisen den Impulsreferaten interessanter Menschen zu lauschen. Auch diese Einladungen liegen profil vor. In den Jahren 2016 bis 2018 standen auf der „Lunch mit“-Liste von Christoph Ulmer und Thomas Zach unter anderem folgende Namen: die damalige stellvertretende ÖVP-Bundesparteiobmann-Stellvertreterin, Casinos-Direktorin Bettina Glatz-Kremsner (14. Mai 2018); die frühere Telekom-Managerin und nunmehrige ÖVP-Wirtschaftsministerin Margarete Schramböck (20. Februar 2017); Wiens Polizeipräsident Gerhard Pürstl (7. Juni 2017); die frühere Leiterin der Oberstaatsanwaltschaft Wien, Eva Marek (3. April 2017); Thomas Köhler, einst Chefberater des früheren deutschen Finanzministers Wolfgang Schäuble (16. April 2018); ein Offizier des österreichischen Bundesheeres (13. Dezember 2016); Oberbank-Generaldirektor Franz Gasselsberger (11. September 2017); Flughafen-Wien-Vorstand Günther Ofner (12. März 2018); der damalige deutsche CDU-Bundestagsabgeordnete Jens Spahn, zwischenzeitlich deutscher Gesundheitsminister und stellvertretender CDU-Chef (2. November 2016).

Den Lunch mit Spahn musste Marsalek aus Termingründen sausen lassen, wie die meisten anderen dieser Einladungen auch. „Hallo Tom! Vielen Dank für die Einladung! Leider schaffe ich am 2. November nicht nach Wien :(“, schrieb Marsalek in einem E-Mail an Thomas Zach am 21. Oktober 2016. Zach replizierte zwei Tage später: „Lieber Jan! Da ist natürlich schade, wäre aber bei deinem Kalender auch fast ein Wunder gewesen. Dafür sehen wir einander ja heute Abend!“

Dokumentiert ist eine Zusage Jan Marsaleks zu einen „Lunch mit“ Gerhard Starsich, dem Generaldirektor der Münze Österreich am 2. Mai 2017. Laut der von Christoph Ulmer verschickten Einladung hielt Starsich damals übrigens ein Impulsstatement zum Thema „Nur Bares ist Wahres!“

Israelische Verschlüsselungsspezialisten

Und da wäre da noch die Sache mit den israelischen Verschlüsselungsspezialisten. profil vorliegende E-Mail-Korrespondenz zeigt, dass Thomas Zach Ende 2016 an der Anbahnung einer Geschäftsverbindung zwischen Jan Marsalek und dem Unternehmer Avi Rosen beteiligt war. Rosen ist einer der Gründer der israelischen High-Tech-Schmiede Kaymera Technologies, die sich auf die Sicherung/Verschlüsselung von Android-Smartphones spezialisiert hat. Laut Website ist der amtierende Chairman von Kaymera Technologies ein ehemaliger Offizier der israelischen Luftwaffe, der CEO leitete zuvor das „Cyber Security Departement“ des Premierministers. Man hat bei Kaymera also gute Kontakte zum israelischen Sicherheitsapparat.

Ende 2016 trafen Marsalek und Rosen ein erstes Mal in München aufeinander, im Februar 2017 ein weiteres Mal. Beide Male war Thomas Zach involviert, wie profil vorliegende E-Mails dokumentieren. Für das zweite Treffen am 24. Februar 2017 hatte Zach auch eine Agenda erstellt und diese sowohl an Rosen als auch an Marsalek verschickt. „Shall we start at 09.00 a.m. and see how far we come until lunchtime?“, fragte er die beiden in einem E-Mail am 13. Februar 2017.
Soweit sich das rekonstruieren lässt, erwogen Marsalek und Rosen damals die Gründung eines Gemeinschaftsunternehmens, im Fachjargon „Joint venture“ genannt. Am Ende blieb es bei der Idee, das Geschäft kam nicht zustande.

Aber was hatte es damit auf sich? profil übermittelte Thomas Zach dazu eine Anfrage. Die Antwort kam über Zachs Firmenanwalt Gerald Ganzger von der Kanzlei LGP: „Die Wirecard AG war damals ein DAX-Konzern und eine ganz große Nummer. Viele Beratungsunternehmen hätten sehr gerne damals für die Wirecard AG gearbeitet. Das darf natürlich im Rückblick nicht vergessen werden.“ Darüber hinaus wolle seine Mandantschaft keine weiteren Auskünfte geben.

Israelische Verschlüsselungsspezialisten auf der einen Seite; auf der anderen Jan Marsalek, der Hasardeur mit einem Faible für das nachrichtendienstliche Milieu und mit guten Quellen im Bundesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung. Und irgendwo zwischendrin Thomas Zach, der Leiter des bürgerlichen Freundeskreises im ORF-Stiftungsrat. In Österreich geht sich sogar das aus.

 

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