Nationalpark Hohe Tauern mit Regenbogen

Nationalpark Hohe Tauern mit Regenbogen

© Severin Sadjina / Getty Images

Wissenschaft
07/14/2021

50 Jahre Nationalpark Hohe Tauern: Im größten Naturschutzgebiet

Von Edelweißdieben, verhinderten Staudämmen und zurückgekehrten Aasgeiern: Ein Besuch in Österreichs größtem Naturschutzgebiet.

von Franziska Dzugan

Beinahe wäre der Nationalpark in seiner heutigen Form an einem Politikerattentat gescheitert. Der Salzburger Landeshauptmann Hans Katschthaler (ÖVP) hatte seinen Besuch in Mittersill angekündigt. Er war ein leidenschaftlicher Verfechter des heftig umstrittenen Naturprojekts. Die Eröffnung eines Wanderwegs beim malerischen Hintersee wollte er nutzen, um skeptische Grundeigentümer vom Nationalpark zu überzeugen. Die Freude auf den Gast war bei manchen geradezu diebisch. An den Stammtischen herrschte eine aufgekratzte Stimmung, wie der Postenkommandant von Zell am See damals bemerkte. Manche rieben sich die Hände: „Na, der wird schauen, dem werden wir es zeigen!“ 

Der Polizist beschloss, die Route vor Ankunft des Landeshauptmanns zu inspizieren. Katschthaler sollte eine kleine Holzbrücke überqueren, die über einen Bergbach führte. Einer Eingebung folgend kletterte der Polizist die Böschung hinab, um die Brücke von unten zu begutachten, und tatsächlich: Überall lagen Späne. Sie war angesägt worden.

Der Landeshauptmann wäre nicht nur nass geworden, er hätte sich wohl auch verletzt, sagt Wolfgang Mattes. Der Ministerialrat war damals im Umweltministerium dafür zuständig, den ersten Nationalpark Österreichs in ein Gesetz zu gießen. Wurden die Schuldigen je ausgeforscht? „Nein. Der Landeshauptmann ging nicht über die Brücke, und damit war die Sache vergessen“, so Mattes.

Katschthalers Beinahe-Unfall ereignete sich Anfang der 1990er-Jahre. Dennoch feiert Österreichs erster Nationalpark heuer sein 50. Jubiläum. Denn der Startschuss war schon im Herbst 1971 gefallen, als sich die Landeshauptleute von Salzburg, Kärnten und Tirol in Heiligenblut getroffen und feierlich eine Absichtserklärung unterzeichnet hatten. Zum international anerkannten Naturreservat war es freilich noch ein zäher Weg.

Davon ist heute nicht mehr viel zu merken. Ruth Bstieler, Nationalpark-Rangerin der ersten Stunde, führt durch das sattgrüne Dorfertal am Fuße des Großglockners. Als die Osttirolerin 1993 ihren Dienst antrat, begannen sich die einst ausgerotteten Bartgeier langsam wieder anzusiedeln, die Steinböcke im Tal zählten nicht einmal 20 Stück. Nun segeln mehr als 300 Geier über die Alpen, 1200 Steinböcke tummeln sich zwischen schroffen Felsen und pink leuchtendem Almrausch. 

Als Rangerin ist es Bstielers Aufgabe, den Menschen die Natur näherzubringen. „Beim Bartgeier ist das besonders leicht“, sagt sie. Nicht nur Schulkinder machen große Augen, wenn sie erzählt, dass der Aasfresser einen Knochen von der Länge eines Unterarms auf einen Sitz verschlingen kann. Zu den Highlights ihres Jobs gehört das Markieren der riesigen Vögel. Dafür werden einige Federn auf der Unterseite der dunklen Schwingen gebleicht, damit man die Geier beim Gleitflug identifizieren kann. „Sie sind furchtbar neugierig, dann fliegen sie tief“, sagt Ruth Bstieler. Das wurde ihnen einst zum Verhängnis: Es ist durchaus angsteinflößend, wenn ein Vogel mit drei Metern Flügelspannweite über einem kreist. Die Panik vor den „Kinderräubern“ verbreitete sich, bis 1906 der letzte Bartgeier ausgerottet war.

Das Dorfertal ist eine beschauliche Ecke des gut besuchten Nationalparks. Der Kalser Bach mäandert durch die mit Margeriten getupften Weiden, von den Bergflanken rauschen Wasserfälle herab, über dem Talschluss erheben sich schneebedeckte Gipfel. Beinahe wäre diese Pracht in den Fluten des größten Staudamms Österreichs versunken. Die Pläne für das gigantische Wasserkraftwerk bei Kals waren schon in den 1920er-Jahren entstanden und immer wieder verschoben worden, bis es im Sommer 1985 schließlich ernst wurde. Ein Kraftwerk mitten im geplanten Nationalpark? Für die Tiroler Energiewirtschaft und die Politik war das kein Widerspruch. Doch in der Bevölkerung regte sich Widerstand. Gefährlicher Widerstand, wie Altlandeshauptmann Eduard Wallnöfer seinen Nachfolger Alois Partl (beide ÖVP) warnte: „Finger weg, wenn die Weiberleut aufstehn!“ 

Theresia Hartig, eine der Aktivistinnen von damals, hat profil in ihre Almhütte im Lesachtal geladen. Im Herd prasselt das Feuer, obenauf kocht der Tee, draußen klopft der Regen an die Fenster. Was hat die Kalser Frauen damals in den Widerstand getrieben? „Die 215 Meter hohe Staumauer machte uns Angst. Was, wenn sie nicht halten würde?“, so Hartig. Die Katastrophe von 1963 im norditalienischen Longarone saß vielen noch in den Köpfen. Durch einen Felssturz war eine Flutwelle über die Staumauer geschwappt und hatte 2000 Menschen in den Tod gerissen. Zudem war im Dorfertal eben erst ein sanfter Tourismus entstanden. „Das wollten wir nicht aufs Spiel setzen“, sagt Hartig. 47 Gletscherbäche sollten durch Stollen in den Staudamm geleitet werden. „Da wäre ringsum nur eine Mondlandschaft übrig geblieben.“

Das Dorf Kals war tief gespalten. Viele erhofften sich mindestens zehn Jahre Arbeit beim Bau der Staumauer. Für Naturjuwele wie die Umbalfälle in Prägraten fanden die Kraftwerksbefürworter kreative Lösungen: Am Tag sollte das Wasser für die Touristen sprudeln, nachts sollte der Umbalbach in den Staudamm fließen. „Wie eine Klospülung“, sagt Theresia Hartig. Heute kann sie darüber lachen. 

Drei Jahre dauerte der erbitterte Kampf der Kalser Frauen. Sie seien „hysterisch“, bekamen sie ständig zu hören; manchmal raunte ihnen eine Frau zu, sie bete heimlich für die Bürgerinitiative, ihr Mann sei für das Kraftwerk. Schließlich drehte sich der Wind: Die Aktivistinnen und Aktivisten der Hainburger Au stärkten den Kalsern ebenso den Rücken wie Umweltministerin Marilies Flemming (ÖVP) und Landwirtschaftsminister Josef Riegler (ÖVP). Als Berechnungen zeigten, dass der Strom hauptsächlich ins Ausland gehen würde, weil es in Österreich nicht genug Bedarf dafür gab, war das Kraftwerk Dorfertal Geschichte. 

Heute sind auch die damaligen Befürworter froh darüber. Immer wieder hört Hartig: „Gott sei Dank habt ihr damals gewonnen.“ Die Angst vor dem Nationalpark als „Käseglocke“, unter der die Natur verschwinden und die den Menschen aussperren würde, ist ebenfalls verflogen.

In afrikanischen Nationalparks steht das Vereiteln von Wilderei im Fokus der Ranger. Gibt es auch in den Hohen Tauern illegale Abschüsse? „Das kommt zum Glück so gut wie nie vor“, sagt Florian Jurgeit. Er ist im Nationalpark für Forschung und Naturraummanagement zuständig und wird von der Kriminalpolizei angerufen, wenn der Verdacht auf Wilderei besteht. Manchmal helfen Besenderungsdaten weiter, speziell bei den unter Artenschutz stehenden Tieren. 

Die größere Gefahr für die Tiere, allen voran für die Bartgeier, ist das Blei in den Gewehren. Erst kürzlich meldete eine Besucherin einen apathischen, gestrandeten Vogel. Er hatte liegen gelassenes Aas gefressen, das durch Bleiprojektile eines Jägers vergiftet war. „Die meisten können wir retten“, sagt Florian Jurgeit. Die Geier werden in der Greifvogelstation Haringsee gesund gepflegt und wieder ausgelassen. Nötig wären die regelmäßigen Rettungseinsätze nicht: Bleimunition ist seit Langem durch Kupfer oder Bismut ersetzbar, es ist nur eine fachgerechte Umstellung der Waffen nötig. In Workshops versucht der Nationalpark, der Jägerschaft die bleifreie Munition näherzubringen. Die Kernzone des Nationalparks ist natürlich jagdfrei, nur:  Bartgeier kennen keine Grenzen.

Viele Gipfel des Nationalparks sind im Sommer wie im Winter von einem Eismantel bedeckt. 342 Gletscher zählen zum Schutzgebiet. Doch der Klimawandel heizt ihnen gehörig ein. „Wir waren schockiert, als wir die neuen Luftbilder sahen“, sagt Forschungskoordinatorin Elisabeth Hainzer. 80 Quadratkilometer des Eises sind seit 1969 weggeschmolzen, übrig sind 126 Quadratkilometer – noch. Was passiert ohne die permanente Schneedecke? In allen drei Bundesländern des Nationalparks laufen Untersuchungen der freigelegten Böden, ebenso wie in der Schweiz und in Südtirol. Welche Pionierpflanzen schlagen ihre Wurzeln, welche Insekten, welche Tiere wandern nach oben? „Wir sammeln Daten  nicht nur vor der Haustür – über Forschungsnetzwerke tauschen wir uns über den Alpenbogen hinweg aus“, sagt Hainzer.

So viel ist bereits klar: Die Vegetationszonen wandern stetig nach oben. Bald könnte auch Österreichs Nationalblume, das Edelweiß, auf über 3000 Meter klettern. Der Legende nach entstand es aus den Tränen der Eisjungfrau, die sie über die Untreue ihres Geliebten vergoss. Sie zauberte die „Sterne der Alpen“ über die Bergflanken, bevor sie ob ihres Unglücks in den Abgrund sprang. „Dort sollen sie jeden, der begehrlich nach dem Edelweiß greift, zum tödlichen Sturz in die Tiefe bringen und so den Liebeskummer der Eisjungfrau rächen“, heißt es auf der Website des Alpenvereins.

Tatsächlich lief es umgekehrt: Der Mythos hätte das Edelweiß in manchen Regionen beinahe ausgerottet. Die Allgäuer Bergwacht lag jahrzehntelang jeden Sommer auf der Lauer, um liebeskranken Edelweißdieben das Handwerk zu legen. Auf dem Höfats, in knapp 2000 Meter Seehöhe, übernachteten stets zwei Männer oder Frauen auf einem schmalen Felsvorsprung, um die letzten Exemplare der legendären Blume zu schützen. Mit Erfolg: Seit 2007 hat sich der Bestand erholt, die Bodyguards konnten abziehen.

In den Hohen Tauern war indes nie eine Blumenwache nötig. Nur ab und zu müssen die Ranger einem Wanderer erklären, dass Almrausch, Arnika, Enzian und Edelweiß im eigenen Garten nicht gedeihen. Die erfreuliche Nachricht, trotz des Klimawandels: Die Arten im Nationalpark sind stabil.

1200 Steinböcke: Die Tiere können 3 Meter hoch aus dem Stand springen. Zum Vergleich: Die weltbesten Hochspringer schaffen 2,40 Meter – allerdings mit Anlauf.

43 Steinadler-Brutpaare: Mit 320 km/h belegen sie hinter den Wanderfalken Platz 2 unter den schnellsten Tieren der Welt.

300 Bartgeier (im Alpenraum): 1986 wurden in Rauris die ersten zwei Jungvögel freigelassen. 2010 verließ der erste dort geschlüpfte Bartgeier sein Nest.

1,2 Kilo Fettreserven muss sich jedes der vielen Tausend Murmeltiere anfressen, um den Winterschlaf zu überstehen. Das entspricht einem Drittel seines Körpergewichts. Zum Vergleich: Beim Menschen läge das ideale Überwinterungsgewicht bei 150 Kilo.

12.500 Arten beheimatet das Schutzgebiet, das ist rund ein Fünftel der österreichischen Flora und Fauna.

342 Gletscher mit einer Gesamtfläche von 126 Quadratkilometern befinden sich im Nationalpark. Der Klimawandel setzt ihnen gewaltig zu: Seit 1969 schmolzen 80 Quadratkilometer des Eises weg.

300 Dreitausender und 279 Bäche, davon
57 Gletscherbäche
26 große Wasserfälle
551 Bergseen (zwischen 35 Quadratmetern und 27 Hektar)

4308 Kilometer Wanderwege führen durch das Schutzgebiet – das entspricht einem Fußmarsch von Matrei in Osttirol bis Santiago de Compostela (Jakobsweg-Endstation im Westen Spaniens).

1856 Quadratkilometer Fläche misst der Nationalpark, 4 Mal hätte das Stadtgebiet Wiens darin Platz.

35 Prozent der Fläche des Nationalparks sind bewirtschaftete Almen.

60 Rangerinnen und Ranger betreuen jährlich 41.000 Schülergruppen und 49.000 Besucherinnen und Besucher.

78 Partnerschulen mit insgesamt 8814 Schülerinnen und Schülern kooperieren mit dem Nationalpark. Mehrmals jährlich besuchen Ranger die Schulen sowie die Schüler den Nationalpark.

50 Millionen Jahre alt ist der mit 3798 Metern höchste Berg Österreichs, der Großglockner.

Minus 20 Grad Celsius ist die Lieblingstemperatur der 2 Millimeter kleinen Gletscherflöhe.

0,18 Mikrometer Durchmesser haben die einzelnen Haare auf der Blüte des Edelweiß – dies entspricht der Wellenlänge der UV-Strahlung. Der Flaum verhindert Sonnenbrand, ohne die Photosynthese zu stören.

Mit 3500 Metern hält der Tauernsteinspanner den Höhenrekord der Schmetterlinge. Wegen der verschärften Bedingungen braucht er vom Ei bis zum Falter 2 bis 3 Jahre.

4 Jahre dauert die Tragezeit von Alpensalamandern. Das ist die längste Schwangerschaft unter den Wirbeltieren, die sogar jene der Elefanten übertrifft.

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