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Corona
07/09/2020

Corona-Alarm im Kindergarten: "Ich halte wieder Abstand"

Seit einem Corona-Alarm im Kindergarten ist für Clemens Neuhold die Anspannung zurück.

von Clemens Neuhold

"Meine ganz persönliche Corona-Bilanz ist positiv", kam es mir in Small Talks gerne über die Lippen. Wissend, wie provokativ das klingt, angesichts des weltweiten Leids und Ausnahmezustandes. Dennoch konnte ich dem Umstand, auf das Wesentliche zurückgeworfen zu werden - Familie, Endlichkeit, echte Freunde, Himmel ohne Kondensstreifen, Durchatmen der Natur -, einiges abgewinnen. Dank eines sehr passablen Krisenmanagements war der Ausnahmezustand ja rechtzeitig vor Sommerbeginn wieder vorbei. Dann der Anruf aus dem Kindergarten. Corona-Verdachtsfall. Die Tochter muss als sogenannte "Kontaktperson 1" daheimbleiben. Ein paar Stunden später, nur zur Klarstellung: Quarantäne! Vorerst nur für sie. Sollte die Verdachtsperson im Kindergarten positiv sein, für uns alle.

Dieses Mal ist meine Corona-Bilanz von Beginn an negativ. Mir wird schlagartig bewusst: Die zweite Welle wird wesentlich härter als die erste. Vorbei der Reiz des Neuen. Gewichen der Stolz, ein Homeoffice mit angeschlossener Kinderkrippe zu führen; als Teil eines kollektiven Kraftaktes, das Virus in Schach zu halten. Dieses Mal fühlt es sich ganz anders an, irgendwie einsam. Die anderen da draußen bleiben nicht daheim, halten keinen Abstand, tragen keine Maske mehr. Draußen dreht sich das Leben weiter. Dieses Mal ist die Kombination aus Homeoffice und Wohnzimmerkindergarten nur noch mühsam für uns alle. Anstatt positive Lehren aus der Pandemie zu ziehen, kommt dieses Mal die Angst auf, dass sie nie wieder endet. Diese Art von existenzieller Erfahrung ist weniger prickelnd.

Eine zweite Angst gesellt sich dazu. Hab ich das Büro lahmgelegt? Ich bin der Erste seit Beginn der Krise, der einen Corona-Alarm im "profil" auslöst. Ich informiere die Geschäftsleitung umgehend und schicke mein persönliches Kontaktprotokoll mit. Und ich merke: Von der ersten Welle ist doch so viel Anstand zum Abstand geblieben, dass ich niemanden nennen könnte, dem ich gefährlich nahegekommen wäre - sollte auch ich positiv sein.

Seither halte ich wieder ganz bewusst Abstand. Damit ich beim nächsten Mal wieder genauso sicher sein kann.

Clemens Neuhold