Interview: Wie eine Autistin zur Psychotherapeutin wurde

Christine Preißmann

Christine Preißmann

Die Deutsche Christine Preißmann ist Ärztin, Psychotherapeutin - und Autistin. Im profil-Interview erklärt sie, warum das kein Widerspruch ist und wie sie den Patienten mit ihren eigenen Kindheitserfahrungen helfen kann.

INTERVIEW: FRANZISKA DZUGAN

profil: Autisten tun sich in der Regel schwer mit Gefühlen und Zwischenmenschlichem. Sie arbeiten dennoch als Psychotherapeutin. Ist das nicht paradox?
Preißmann: Eine lange, intensive Psychotherapie wäre tatsächlich schwierig für mich. Ich arbeite in einer Klinik für Suchtkranke. Meine Patienten sind im Entzug und brauchen eher kurze Beratungen. Das kann ich gut leisten. In stressigen Situationen bleibe ich ruhiger als manche meiner Kollegen. Das tut meinen Patienten gut, wie sie mir immer wieder sagen.

profil: Können Sie Gefühle nachvollziehen?
Preißmann: Ich erkenne nicht auf den ersten Blick, wie es jemandem geht. Dafür frage ich ganz genau nach. Ich habe selbst viele schwere depressive Phasen durchgemacht und Ängste ausgestanden. So kann ich meinen Patienten zum Beispiel Strategien beschreiben, die mir selbst geholfen haben. Ganz konkrete Verhaltenstherapie gelingt mir als Autistin gut.


Ich halte Unpünktlichkeit nicht aus.

profil: Komplexe soziale Strukturen sind für Sie schwer zu durchschauen. Wie können Sie da Patienten mit komplizierten Familiengeschichten helfen?
Preißmann: Vieles lässt sich lernen. Mit meiner eigenen Therapeutin habe ich anfangs viele Beratungssituationen bis ins kleinste Detail durchbesprochen. In der Klinik haben wir präzise Fragebögen für die Anamnese. Die Notizen helfen mir, Zusammenhänge zu verstehen.

profil: Sie arbeiteten früher als Allgemeinmedizinerin in einer Praxis. Das ging schief. Warum?
Preißmann: Ich halte Unpünktlichkeit nicht aus. Meine Chefs hatten etwas dagegen, dass ich Patienten, die eine halbe Stunde zu spät kamen, wieder nach Hause schickte. Es waren auch zu viele neue Patienten in zu kurzer Zeit. Der stark strukturierte Tagesablauf in der Klinik kommt sowohl mir als auch den Patienten sehr entgegen.

profil: Sprechen Sie mit den Patienten über Ihre Krankheit?
Preißmann: Von mir aus thematisiere ich sie nicht. Ich halte das nicht für nötig.

profil: Wissen die Kollegen und Chefs Bescheid?
Preißmann: Ja, und das erleichtert mein Leben ungemein. Bei Dienstbesprechungen sind manche junge Kollegen zum Beispiel immer wieder zu spät gekommen. Ich habe sie hartnäckig darauf angesprochen. Sie haben anfangs sicher gedacht, was ich für Nervensäge sei. Dabei war das meine Art, mit ihnen ins Gespräch zu kommen.

profil: Sie kritisieren, wollen aber eigentlich Small Talk machen?
Preißmann: Ja. Mit meiner Psychotherapeutin bespreche ich solche Situationen nach. Ich weiß inzwischen, dass das ungeschickt ist.

profil: Sie haben Ihre Diagnose erst mit 27 Jahren bekommen. Warum so spät?
Preißmann: Man kennt das Asperger-Syndrom, eine Form des Autismus, erst seit 20 Jahren. Damals wurde es bei mir auch diagnostiziert. Das Syndrom wurde zwar schon in den 1943 von dem Wiener Kinderarzt Hans Asperger beschrieben, dann aber lange vergessen.

Hollywood-Schauspielerin Daryl Hannah, The-Vines-Sänger Craig Nicholls und Weltklasse-Surfer Clay Marzo sind Asperger-Autisten. Microsoft-Gründer Bill Gates und Regisseur Steven Spielberg wird das Syndrom immer wieder nachgesagt, ebenso Genies wie Albert Einstein, Wolfgang Amadeus Mozart, Michelangelo und Ludwig van Beethoven.

Experten unterscheiden nicht mehr wie früher zwischen frühkindlichem Autismus, Asperger-Syndrom und atypischem Autismus. Man spricht nun von Autismus-Spektrum-Störungen, um der enormen Bandbreite der Krankheit gerecht zu werden. Diese reicht von sehr leichten Formen, oft gepaart mit hoher Intelligenz, bis zu geistigen Behinderungen.

Probleme im Umgang mit Menschen, verbale Defizite, stereotype Verhaltensmuster, ein großes Bedürfnis nach Routine und Überempfindlichkeiten gegen Lärm, Gerüche, Licht, Farben oder Berührungen: Damit müssen die meisten Autisten leben. Eines von 100 Kindern bekommt heute die Diagnose Autismus, wobei etwa doppelt so viele Buben wie Mädchen betroffen sind. Die genauen Ursachen sind noch nicht geklärt.


Die Toilette war mein Zufluchtsort. Dort sagte ich mir leise die Flugpläne des Frankfurter Flughafens auf oder die Anordnung der Stände auf dem Darmstädter Weihnachtsmarkt.

profil: Wann wurde Ihnen klar, dass Sie anders waren als andere?
Preißmann: Ich ging extrem ungern in den Kindergarten. Dennoch kam ich nicht auf die Idee, bei meinen Eltern zu jammern. Wenn sie für mich Freunde zum Spielen einluden, verkroch ich mich auf die Toilette oder unter den Tisch. Mit Puppen und Rollenspielen konnte ich nichts anfangen. In der Schule legten mir die Lehrer meine Schwächen als Faulheit aus, nach dem Motto: Wenn du Mathe so gut kannst, musst du doch auch Deutsch können! Aber ich konnte keine Aufsätze schreiben, und Interpretationen waren mir ein Graus. In den Pausen litt ich entsetzlich unter der Reizüberflutung: Geschrei, Klingeln, Chaos.

profil: Wie haben Sie sich aus solchen Situationen gerettet?
Preißmann: Wieder war die Toilette mein Zufluchtsort. Dort sagte ich mir leise die Flugpläne des Frankfurter Flughafens auf oder die Anordnung der Stände auf dem Darmstädter Weihnachtsmarkt. Die meisten Autisten beruhigt es, sich in ihre speziellen Interessen zu versenken. Wenn ich völlig fertig von der Schule oder später von der Uni kam, half nur noch eines: Ich schmiss mich auf den Boden, drehte den Couchtisch um und legte mir die Platte auf den Körper. Der feste Druck regulierte das Nervensystem, die äußeren Reize verblassten.

profil: Ist es wichtig, dass Autisten solche Techniken ausleben können?
Preißmann: Unbedingt. Therapeuten arbeiten heute gezielt mit solchen Methoden, indem sie zum Beispiel schwere Matten auf die Kinder legen, um sie zu beruhigen. Feste, schwere Westen helfen den Betroffenen auch.

Preißmann ist kurz vor dem Treffen mit profil mit dem Flugzeug in Graz gelandet. Nun sitzt sie in dem leeren Frühstücksraum eines Hotels, während eine Kellnerin lautstark mit Besteck und Geschirr scheppert. Preißmann lässt sich dadurch nicht stören. Schlimmer seien Berührungen, sagt sie. Das Haar trägt sie kurz geschnitten, Strähnen im Gesicht erträgt sie nicht. Ihren beiden stürmischen Schwägerinnen hat sie das Umarmen sofort abgewöhnt. Das Händeschütteln beherrscht sie inzwischen, auch ohne sich überwinden zu müssen. Entspannung verschafft ihr die alte Leidenschaft aus der Kindheit: Weihnachtszeitschriften.

Preißmann wird in den nächsten Tagen zwei Vorträge über Autismus halten. Viele Menschen tun sich schwer damit, dass sie zwar erfolgreiche Ärztin und Autorin ist, aber Schwierigkeiten hat, allein einkaufen zu gehen. Seit drei Jahren wohnt Preißmann nicht mehr bei ihren Eltern. Nun hilft ihr eine Ergotherapeutin, den Single-Haushalt zu schmeißen. Gemeinsam erstellen sie Putzpläne, erledigen Behördengänge und beraten, welches Gewand zu welchem Anlass passt.


Manche Ärzte tasten überfallsartig den Bauch ab. Für einen Autisten kann das den Weltuntergang bedeuten.

profil: Sie als Medizinerin haben selbst Angst vor Arztbesuchen. Warum?
Preißmann: Arztbesuche sind für viele Autisten schwierig. Volle Wartezimmer sind sehr schwer zu ertragen. Wir brauchen auch länger, um die Schmerzen beschreiben zu können. Eine Frau, die ich in einem meiner Bücher erwähne, wäre im Krankenhaus fast an einer Darmentzündung gestorben, weil sie den Ärzten nicht mitteilen konnte, wie sehr sie litt. Auf die Frage nach dem Befinden brachte sie nur die eingeübte Floskel "Passt schon" heraus. Außerdem tasten manche Ärzte überfallsartig den Bauch ab. Für einen Autisten kann das den Weltuntergang bedeuten.

profil: Autisten werden häufig Opfer sexuellen Missbrauchs. Was kann man dagegen tun?
Preißmann: Wir können zweideutige Situationen nicht richtig einschätzen. Kindern wird oft gesagt, sie dürfen zu keinem Fremden ins Auto steigen. Dass man nicht mit einem Fremden ins Gebüsch gehen darf, sagt ihnen niemand. Autistischen Mädchen und Buben muss man alles bis ins kleinste Detail erklären. Ich kenne Geschichten von Autistinnen, die schwanger wurden, obwohl sie ihrer Meinung nach korrekt verhütet hatten. Sie hatten das Kondom über einem Besenstiel neben dem Bett abgerollt.

profil: Was halten Sie von der umstrittenen ABA-Therapie, bei der Erwachsene autistische Kinder sehr streng trainieren?
Preißmann: Bei dieser Methode muss die Menschenwürde gewahrt werden, was leider nicht immer der Fall ist. Manchmal werden die Kinder mehrere Stunden täglich an einen Tisch gesetzt und regelrecht dressiert. Unter lautstarkem Loben, aber auch mit rüdem Zurechtweisen wird ihnen zum Beispiel beigebracht, das Gegenüber beim Sprechen anzusehen. Das finde ich zu viel. Und man darf den Kindern auf keinen Fall ihre Spezialinteressen abtrainieren.


Ich habe einige Tausend Sprichwörter aus dem Internet auswendig gelernt, um nicht ständig in Fettnäpfchen zu treten.

profil: Das Essen ist für Autisten ein schwieriges Thema. Warum?
Preißmann: Manche Kinder essen zum Beispiel nur Speisen in einer bestimmten Farbe. Ich kann bis heute nichts Breiartiges essen. Ich mag keine Bananen, kein Mousse au Chocolat und kein Kartoffelpüree. Viele Autisten haben kein Sättigungsgefühl oder verspüren keinen Hunger. Das führt häufig zu Über- oder Untergewicht.

profil: Sie haben 40 Kilo abgenommen. Wie das?
Preißmann: Wenn ich sehr überreizt bin, weiß ich oft nicht, ob ich Hunger habe oder einfach nur müde bin. Ich merke auch nicht, wann ich satt bin. Dadurch war ich bis vor ein paar Jahren deutlich zu schwer. Dann begann ich mich intensiv mit Ernährung zu beschäftigen. Seitdem esse ich nach Plan, weniger und regelmäßiger.

profil: Stimmt das Klischee, wonach Autisten am liebsten allein sind?
Preißmann: Wir sind gern allein, aber nicht nur. Ich reise sehr viel, vor Kurzem war ich mit einem Schiff in der Antarktis. Die Kabine hätte ich nicht teilen wollen, aber eine Urlaubsbegleitung wäre schön gewesen. Partnerschaften sind möglich, auch mit Nicht-Autisten. Kinder bedeuten viel Stress, deswegen habe ich mich dagegen entschieden. Ich kenne aber Autisten, die gute Eltern sind.

profil: Vererben autistische Eltern die Störung automatisch an das Kind?
Preißmann: Nein. Man geht von einer Wahrscheinlichkeit von zehn bis 20 Prozent aus, wenn beide Partner Autisten sind. Man hat noch nicht herausgefunden, wie die Vererbung funktioniert. Manchmal werden Generationen übersprungen, manchmal tritt der Autismus ganz neu in einer Familie auf.

profil: Ironie, Sarkasmus, Redewendungen: Damit können Autisten in der Regel nichts anfangen. Wie machen Sie das?
Preißmann: Ich habe einige Tausend Sprichwörter aus dem Internet auswendig gelernt, um nicht ständig in Fettnäpfchen zu treten. Das gelingt nicht immer. Eine Kollegin in der Klinik sagte einmal zu mir, sie könnte in die Luft gehen. Ich dachte, sie wolle ihre Urlaubspläne mit mir besprechen und fragte, wohin sie denn gern fliegen wolle.

Christine Preißmann: Asperger - Leben in zwei Welten. Trias Verlag, 192 Seiten, 20,60 Euro.

Christine Preißmann: Autismus und Gesundheit. Kohlhammer, 201 Seiten, 28 Euro.

Christine Preißmann, 47
Sie ist in Darmstadt aufgewachsen und hat in Frankfurt am Main und Uganda Medizin studiert. Mit 27 Jahren bekam Preißmann die Diagnose Autismus. Die Allgemeinmedizinerin und Psychotherapeutin arbeitet heute in einer Suchtklinik in Südhessen, ist Autorin zahlreicher Sachbücher und hält regelmäßig Vorträge über Autismus.

Tipp: Am 20. April hält Preißmann anlässlich der Montessori Werkstatt in Emmersdorf an der Donau einen öffentlichen Workshop. Thema: Wie Autisten und Angehörige mit Alltag und Krisen besser umgehen lernen. Anmeldung auf montessori-werkstatt.at