© shutterstock.com

Medikamente gegen Corona: Was wirkt, was nicht?
05/04/2020

Medikamente und Impfung gegen Corona: Was wirkt, was nicht?

Ein Überblick über die fieberhafte Suche nach Arzneien.

von Franziska Dzugan

Dieser Artikel wird laufend ergänzt.

In Österreich wird derzeit der Virusblocker Remdesivir getestet. Er gilt als vielversprechend im Kampf gegen Covid-19, ebenso wie das Malariamedikament Chloroquin. Ein für HIV-Patienten entwickeltes Medikament hat bei Corona-Infizierten bisher schlecht abgeschnitten. Ein Überblick über die fieberhafte Suche nach Arzneien.

Remdesivir: Corona statt Ebola?

Der Virusblocker wurde vom US-Pharmaunternehmen Gilead ursprünglich für Ebolapatienten entwickelt. Es half diesen zwar nicht, erwies sich aber immerhin als verträglich. Die Arznei gleicht Bausteinen, die RNA-Viren wie das Coronavirus zur Vervielfältigung ihres Erbguts brauchen. Baut nun ein Virus Remdesivir ein, kann es sich nicht weiter vermehren. Im Labor wirkte diese Strategie gegen MERS- und SARS-Erreger gut, nun wird das Medikament am Patienten getestet.

In Österreichischen Krankenhäusern ist Remdesivir seit Kurzem im Einsatz – freilich ausschließlich im Rahmen von klinischen Studien. In den USA, in China sowie in Deutschland wird das Medikament ebenfalls getestet – bisher mit vielversprechenden Ergebnissen.

Wie schnell könnte Remdesivir in Österreich regulär verabreicht werden?

Ein Vorteil von Covid-19 ist, dass die Krankheit in der Regel nach zehn bis 20 Tagen überstanden ist. Es wird sich also in Studien schnell zeigen, ob und wie gut Remdesivir wirkt. „Demnach könnten Ärzte in Form von Heilversuchen auch abseits von wohl noch länger dauernden Zulassungen dieses Medikament bereits in absehbarer Zeit als Notfalltherapie verwenden“, sagt Christoph Baumgärtel vom Bundesamt für Sicherheit im Gesundheitswesen, das für Arzneimittelzulassungen zuständig ist. Das heißt, dass es Patienten auch außerhalb von klinischen Studien verabreicht werden könnte. Ein reguläres Zulassungsverfahren dauert hingegen Monate. Weltweit gibt es noch keine Zulassungen für den Wirkstoff.

Die USA wollen Remdesivir nun in den Mittelpunkt ihres Kampfes gegen Corona stellen. Eine Studie des National Institute for Allergy and Infectious Diseases (NIAID) mit 1.063 Patienten brachte vielversprechende Ergebnisse. Demnach wiesen COVID-19-Patienten, die Remdesivir erhielten, eine um durchschnittlich 31 Prozent schnellere Genesungszeit auf als Patienten, die ein Placebo erhalten hatten. Die Zeit bis zur Genesung bei Remdesivir-Patienten betrug elf Tage im Vergleich zu 15 Tagen bei Placebo-Patienten. Dies deute zudem auf einen leichten Überlebensvorteil hin, so die US-Experten. Für Anthony Fauci, Direktor des NIAID und Berater Donald Trumps, ist Remdesivir „die künftige Standard-Therapie“.

Europäische Experten schlossen sich dieser Meinung an. „Damit konnte zum ersten Mal die Wirksamkeit einer Substanz gegen COVID-19 in einer nach höchsten Standards durchgeführten Studie nachgewiesen werden. Mit einer raschen Zulassung von Remdesivir zur Behandlung von COVID-19 ist deshalb zu rechnen. Für Patienten mit einer schweren Form dieser Erkrankung macht diese Studie Hoffnung, schneller und sicherer von der Infektion genesen zu können“, sagt Gerd Fätkenheuer, Infektiologe der Uniklinik Köln und ebenfalls Leiter einer klinischen Prüfung von Remdesivir in Deutschland. Der Münchner Infektiologe Clemens Wendter warnte allerdings vor zu viel Euphorie: „Remdesivir zeigt zwar einen Trend für ein besseres Überleben für symptomatische COVID-19-Patienten, aber es stirbt dennoch laut Studie jeder zwölfte Patient an dieser Erkrankung. Hier sind die Gründe in der vollständigen Auswertung genau zu betrachten. So stellt sich zum Beispiel die Frage, ob eventuell ein früherer Einsatz der Substanz von Vorteil sein könnte, da Sekundärkomplikationen, wie irreversible Lungen- und Nierenschädigungen, verhindert werden könnten.“

Chloroquin: erst gegen Malaria, jetzt gegen Covid-19

Als Malariamedikament war der Wirkstoff Chloroquin viele Jahre lang im Einsatz, bis er von anderen Wirkstoffen verdrängt wurde. Nun fährt der Pharmakonzern Bayer die Produktion seines Medikaments namens Resochin wieder hoch. Der Grund: Im Labor erwies sich Chloroquin als wirksam gegen das Coronavirus. 100 chinesische Patienten bekamen das Medikament daraufhin verabreicht und sollen sich schneller von der Krankheit erholt haben als die Placebogruppe. In China sei das Mittel von den Behörden bereits in die Behandlungsempfehlungen bei Erkrankungen infolge des Coronavirus aufgenommen worden, wie das „Handelsblatt“ berichtete. Für Jubel ist es aber noch zu früh: Eine Studie mit 100 Patienten ist nicht aussagekräftig, weitere laufen in Deutschland gerade an. „Der Vorteil von Chloroquin wäre, dass es eine lange bekannte Substanz ist und keine überraschenden Nebenwirkungen zu erwarten wären“, sagt Christoph Baumgärtel vom Bundesamt für Sicherheit im Gesundheitswesen.

ACE2-Hemmer als Virus-Täuscher

Wie ein Schwamm soll ein von Josef Penninger entwickelter Wirkstoff Viren aufsaugen. Der österreichische Genetiker fand bereits während der SARS-Epidemie 2003 heraus, wie sich Coronaviren im menschlichen Körper verhalten: Sie schleusen sich über ein Enzym namens ACE2 in die Zellen, wo sie sich anschließend vermehren. Penninger gelang es, das Enzym gentechnisch herzustellen. Wird es dem Körper intravenös zugeführt, könnten sich die Coronaviren täuschen lassen – und an den künstlichen Enzymen andocken, anstatt an den Körperzellen. „Wir haben damals bereits Studien am Menschen durchgeführt, um die Sicherheit und Verträglichkeit zu testen - und unser Enzym hat sich dabei als unbedenklich und gut verträglich erwiesen. Wir haben also schon Daten am Menschen - das ist jetzt unser großer Vorteil“, sagte Penninger kürzlich im „Kurier“. Derzeit läuft eine erste Studie mit 24 Patienten in China, ist sie erfolgreich, sollen weitere folgen.

Lopinavir und Ritonavir: wirkungslos

Die HIV-Medikamente erwiesen sich bei ersten Tests in China als kaum wirksam. „Bei hospitalisierten erwachsenen Patienten mit schwerer Covid-19-Erkrankung wurde mit Lopinavir/Ritonavir kein Benefit im Vergleich zur Standardtherapie registriert“, resümierten chinesische Forscher im „New England Journal of Medicine“.

Panik um Blutdrucksenker

Blutdrucksenker sorgten zuletzt für Spekulationen, sie könnten Patienten anfälliger für das Coronavirus machen. Der Grund: Bei Tests mit Ratten kam es durch die Medikamente zu einer leichten Erhöhung des Enzyms ACE2 an den Körperzellen – welches das Coronavirus als Rutsche in die Zelle verwendet. (Das von Josef Penninger entwickelte ACE2-Enzym wirkt im Gegensatz dazu im Blutkreislauf und soll das Virus ablenken.) Dass Blutdrucksenker zu einem erhöhten Covid-19-Risiko führen, sei derzeit in keiner Weise belegt, auch wenn man diesen Aspekt weiterhin „sorgsam und genau“ beobachte, sagt Christoph Baumgärtel von der zuständigen Arzneimittelbehörde. Er warnt eindringlich davor, die lebenswichtigen Blutdrucksenker deswegen abzusetzen.

Seit Anfang Mai 2020 gibt es endgültig Entwarnung: Drei Studien mit mehreren Tausend Covid-19-Patienten zeigten, dass Blutdrucksenker weder das Risiko einer Erkrankung noch eines schwereren Verlaufs erhöhen. Die Forscher durchforsteten Patientenakten von positiv Getesteten auf der Suche nach Korrelationen zwischen den Blutdruckmitteln und einer Infektion. „Wir haben keinerlei Unterschied gefunden zwischen denen, die diese Medikamente nahmen, und anderen“, sagte Harmony Reynolds von der Universität von New York. Sie leitete eine der drei Studien, die im „New England Journal of Medicine“ erschienen. „Ich bin froh, meinen Patienten sagen zu können, dass sie ihre Medikamente gegen Bluthochdruck weiter nehmen können.“

Fake News zu Ibuprofen

Kettenbriefe warnten in den vergangenen Tagen vor der Einnahme von Ibuprofen und anderen Entzündungshemmern. Sie würden die Vermehrung der Viren fördern. Das waren Fake News, wie das Bundesamt für Sicherheit im Gesundheitswesen auf seiner Webseite feststellt: „Derzeit gibt es keine wissenschaftlichen Beweise für einen Zusammenhang zwischen Ibuprofen und der Verschlechterung von COVID 19.“ Außerdem gebe es keinen Grund für Patienten, die Ibuprofen einnehmen, ihre Behandlung zu unterbrechen. Dies sei besonders wichtig für Menschen, die Ibuprofen oder andere NSAID-Arzneimittel gegen chronische Krankheiten nehmen.

Impfungen: Bitte warten

Ärzte in den USA verabreichten am 19. März erste Impfungen gegen das Coronavirus. Auch wenn diese Tests erfolgreich verlaufen, wird ein Impfstoff frühestens in einem Jahr zur Verfügung stehen. Umso wichtiger sind jetzt wirksame Medikamente gegen Covid-19.

Blutspende von Geheilten: Antikörper-Therapie

Das Rote Kreuz rief gesundete Covid-19-Patienten in der Karwoche zum Blutspenden auf. „Die im Blutplasma von Genesenen vorhandenen Antikörper helfen schwer erkrankten Personen, die Infektion zu besiegen“, sagte Christof Jungbauer, medizinischer Leiter der Blutspendezentrale für Wien, Niederösterreich und Burgenland. Binnen weniger Tage können die aus der Spende gewonnenen Antikörper Erkrankten verabreicht werden, was deren Krankheitsverlauf abmildern soll. In den USA wird sogar überlegt, dem Gesundheitspersonal vorbeugend Antikörper zu geben. Ein Plasmaspender kann, je nach Körpergröße, die Therapie für zwei bis vier Kranke liefern. Knapp eine Tasse des Serums (200 Milliliter) brauche ein Patient, sagt Aaron Tobian von der Johns Hopkins University. Spenden kann in Österreich, wer durch einen Rachenabstrich eindeutig diagnostiziert wurde. Die Spender bilden ihre Antikörper nach.

Avigan: Grippepille aus Japan

Avigan wurde in Japan 2014 als Mittel gegen Influenzaviren zugelassen, war aber bis dato nur als Notfallmedikament für schwere Fälle im Einsatz. In chinesischen Kliniken in Wuhan und Shenzen erzielte man damit gute Ergebnisse bei Covid-19-Patienten. Sie waren schneller virusfrei und litten weniger an Lungenentzündungen, wie chinesische Gesundheitsbehörden berichten. Anfang 2020 begann der Hersteller, Fujifilm Toyama Chemical, die Produktion der Arznei hochzufahren und sie international zu vertreiben. In Österreich kommt Avigan derzeit auf Intensivstationen zum Einsatz. Die Österreichische Gesellschaft für Anästhesiologie, Reanimation und Intensivmedizin (ÖGARI) empfiehlt die Substanz neben anderen Virenblockern für Intensivpatienten.

Camostat: Viruseintritt verboten

Um in eine Lungenzelle einzudringen, braucht das Coronavirus ein Enzym: die Protease TMPRSS2. Herausgefunden haben dies kürzlich Forscher des Deutschen Primatenzentrums und von der Charité in Berlin – und sie warteten auch prompt mit einer Therapie auf. Camostat Mesilate, ein in Japan gegen Entzündungen der Bauchspeicheldrüse entwickeltes Medikament, hemmt die Protease TMPRSS2. Erste Tests im Labor verliefen vielversprechend: „Wir haben festgestellt, dass Camostat Mesilate das Eindringen des Virus in Lungenzellen blockiert und somit vor der Krankheit Covid-19 schützen könnte“, sagt Markus Hoffmann, Erstautor der im Fachmagazin „Cell“ veröffentlichten Studie. Nun sollen klinische Tests anlaufen.

Anmerkung aus der Redaktion: Die Informationen zum Coronavirus ändern sich rasch. Daher können einige der Inhalte in diesem Artikel veraltet sein. Die aktuellsten Infos finden Sie hier.