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Medikamente gegen Corona: Was wirkt, was nicht?
10/16/2020

Medikamente gegen Corona: Was wirkt, was nicht?

Ein Überblick über die fieberhafte Suche nach Arzneien.

von Franziska Dzugan

Dieser Artikel wird laufend ergänzt.

 

Steroide als Lebensretter

Mehrere klinische Tests hatten bereits auf die rettende Wirkung von Steroiden hingewiesen, eine Metastudie mit Krankenhauspatienten aus fünf Kontinenten hat diese im Sommer 2020 bestätigt. Kortikosteroide verbessern die Überlebenschancen von schwer Erkrankten um 20 Prozent. Die Wirkstoffe Hydrocortison und Dexamethason sind vielfach verwendete Steroide, die das körpereigene Immunsystem bremsen. Eine überschießende Immunantwort erwies sich bei schwer erkrankten Covid-Patienten als lebensbedrohlich, wie der führende US-Gesundheitsexperte Anthony Fauci erklärte: „Wenn man so schwer erkrankt ist, dass man an ein Beatmungsgerät angeschlossen wird, hat man üblicherweise eine anomale Entzündungsreaktion, die ebenso viel zur Mortalität beiträgt wie jeder direkte virale Effekt.“ Die Weltgesundheitsorganisation WHO empfiehlt Steroide für schwere Fälle, bei leichter Erkrankung kann das Unterdrücken des Immunsystems kontraproduktiv sein.

 

Remdesivir: Corona statt Ebola

Der Virusblocker wurde vom US-Pharmaunternehmen Gilead ursprünglich für Ebolapatienten entwickelt. Es half diesen zwar nicht, erwies sich aber immerhin als verträglich. Die Arznei gleicht Bausteinen, die RNA-Viren wie das Coronavirus zur Vervielfältigung ihres Erbguts brauchen. Baut nun ein Virus Remdesivir ein, kann es sich nicht weiter vermehren.

Im Gegensatz zu Steroiden konnte Remdesivir in klinischen Studien die Sterblichkeit von schwerkranken Patienten nicht signifikant senken. Frühzeitig verabreicht könnte es aber die Krankheitsdauer um einige Tage verringern. „Insofern bleibt auch der bisherige klinische Standard – vorerst – bestehen, dass Remdesivir bei Patienten mit Atemnot und Lungenveränderungen in den ersten zehn Tagen der Erkrankung zum Einsatz kommen sollte. Bezogen auf das Medikament gilt der Grundsatz ‚in dubio pro reo‘, im Zweifel für den Angeklagten“, sagt Clemens Wendtner, Chefarzt der Infektiologie der München Klinik Schwabing Mitte Oktober 2020.

 

Chloroquin: laut WHO unwirksam

Als Malariamedikament war der Wirkstofft Chloroquin (Hydroxychloroquin) viele Jahre lang im Einsatz, bis er von anderen Wirkstoffen verdrängt wurde. Im Zuge der Corona-Pandemie fuhr der Pharmakonzern Bayer die Produktion seines Medikaments namens Resochin wieder hoch. Der Grund: Im Labor erwies sich Chloroquin als wirksam gegen das Coronavirus. US-Präsident Donald Trump lobte das Medikament wiederholt als Wundermittel und befeuerte damit Hoffnungen und Absatz. Der Erfolg blieb aus: Die US-Arzneimittelbehörde FDA entzog Chloroquin im Sommer die Zulassung für Covid-Patienten, im Oktober 2020 vermeldete die WHO die Unwirksamkeit des Medikaments.

 

ACE2-Hemmer als Virus-Täuscher

Wie ein Schwamm soll ein von Josef Penninger entwickelter Wirkstoff Viren aufsaugen. Der österreichische Genetiker fand bereits während der SARS-Epidemie 2003 heraus, wie sich Coronaviren im menschlichen Körper verhalten: Sie schleusen sich über ein Enzym namens ACE2 in die Zellen, wo sie sich anschließend vermehren. Penninger gelang es, das Enzym gentechnisch herzustellen. Wird es dem Körper intravenös zugeführt, könnten sich die Coronaviren täuschen lassen – und an den künstlichen Enzymen andocken, anstatt an den Körperzellen. „Wir haben damals bereits Studien am Menschen durchgeführt, um die Sicherheit und Verträglichkeit zu testen - und unser Enzym hat sich dabei als unbedenklich und gut verträglich erwiesen. Wir haben also schon Daten am Menschen - das ist jetzt unser großer Vorteil“, sagte Penninger im Frühjahr 2020 im „Kurier“. Derzeit läuft eine erste Studie mit 24 Patienten in China, ist sie erfolgreich, sollen weitere folgen.

 

Lopinavir und Ritonavir: wirkungslos

Die HIV-Medikamente erwiesen sich bei ersten Tests in China als kaum wirksam. „Bei hospitalisierten erwachsenen Patienten mit schwerer Covid-19-Erkrankung wurde mit Lopinavir/Ritonavir kein Benefit im Vergleich zur Standardtherapie registriert“, resümierten chinesische Forscher im „New England Journal of Medicine“.

 

Panik um Blutdrucksenker

Blutdrucksenker sorgten zuletzt für Spekulationen, sie könnten Patienten anfälliger für das Coronavirus machen. Der Grund: Bei Tests mit Ratten kam es durch die Medikamente zu einer leichten Erhöhung des Enzyms ACE2 an den Körperzellen – welches das Coronavirus als Rutsche in die Zelle verwendet. (Das von Josef Penninger entwickelte ACE2-Enzym wirkt im Gegensatz dazu im Blutkreislauf und soll das Virus ablenken.) Dass Blutdrucksenker zu einem erhöhten Covid-19-Risiko führen, sei derzeit in keiner Weise belegt, auch wenn man diesen Aspekt weiterhin „sorgsam und genau“ beobachte, sagt Christoph Baumgärtel von der zuständigen Arzneimittelbehörde. Er warnt eindringlich davor, die lebenswichtigen Blutdrucksenker deswegen abzusetzen.

Seit Anfang Mai 2020 gibt es endgültig Entwarnung: Drei Studien mit mehreren Tausend Covid-19-Patienten zeigten, dass Blutdrucksenker weder das Risiko einer Erkrankung noch eines schwereren Verlaufs erhöhen. Die Forscher durchforsteten Patientenakten von positiv Getesteten auf der Suche nach Korrelationen zwischen den Blutdruckmitteln und einer Infektion. „Wir haben keinerlei Unterschied gefunden zwischen denen, die diese Medikamente nahmen, und anderen“, sagte Harmony Reynolds von der Universität von New York. Sie leitete eine der drei Studien, die im „New England Journal of Medicine“ erschienen. „Ich bin froh, meinen Patienten sagen zu können, dass sie ihre Medikamente gegen Bluthochdruck weiter nehmen können.“

 

Fake News zu Ibuprofen

Kettenbriefe warnten in den vergangenen Tagen vor der Einnahme von Ibuprofen und anderen Entzündungshemmern. Sie würden die Vermehrung der Viren fördern. Das waren Fake News, wie das Bundesamt für Sicherheit im Gesundheitswesen auf seiner Webseite feststellt: „Derzeit gibt es keine wissenschaftlichen Beweise für einen Zusammenhang zwischen Ibuprofen und der Verschlechterung von COVID 19.“ Außerdem gebe es keinen Grund für Patienten, die Ibuprofen einnehmen, ihre Behandlung zu unterbrechen. Dies sei besonders wichtig für Menschen, die Ibuprofen oder andere NSAID-Arzneimittel gegen chronische Krankheiten nehmen.

 

Blutspende von Geheilten: Antikörper-Therapie

Das Rote Kreuz rief gesundete Covid-19-Patienten in der Karwoche zum Blutspenden auf. „Die im Blutplasma von Genesenen vorhandenen Antikörper helfen schwer erkrankten Personen, die Infektion zu besiegen“, sagte Christof Jungbauer, medizinischer Leiter der Blutspendezentrale für Wien, Niederösterreich und Burgenland. Binnen weniger Tage können die aus der Spende gewonnenen Antikörper Erkrankten verabreicht werden, was deren Krankheitsverlauf abmildern soll. In den USA wird sogar überlegt, dem Gesundheitspersonal vorbeugend Antikörper zu geben. Ein Plasmaspender kann, je nach Körpergröße, die Therapie für zwei bis vier Kranke liefern. Knapp eine Tasse des Serums (200 Milliliter) brauche ein Patient, sagt Aaron Tobian von der Johns Hopkins University. Spenden kann in Österreich, wer durch einen Rachenabstrich eindeutig diagnostiziert wurde. Die Spender bilden ihre Antikörper nach.

 

Avigan: Grippepille aus Japan

Avigan wurde in Japan 2014 als Mittel gegen Influenzaviren zugelassen, war aber bis dato nur als Notfallmedikament für schwere Fälle im Einsatz. In chinesischen Kliniken in Wuhan und Shenzen erzielte man damit gute Ergebnisse bei Covid-19-Patienten. Sie waren schneller virusfrei und litten weniger an Lungenentzündungen, wie chinesische Gesundheitsbehörden berichten. Anfang 2020 begann der Hersteller, Fujifilm Toyama Chemical, die Produktion der Arznei hochzufahren und sie international zu vertreiben. In Österreich kommt Avigan derzeit auf Intensivstationen zum Einsatz. Die Österreichische Gesellschaft für Anästhesiologie, Reanimation und Intensivmedizin (ÖGARI) empfiehlt die Substanz neben anderen Virenblockern für Intensivpatienten.

 

Anmerkung aus der Redaktion: Die Informationen zum Coronavirus ändern sich rasch. Daher können einige der Inhalte in diesem Artikel veraltet sein. Die aktuellsten Infos finden Sie hier.

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