Robert Treichler: Neues vom schlechten Gewissen

Robert Treichler: Neues vom schlechten Gewissen

Wenn die Klimakonferenz versagt, wird kalt Duschen die Welt nicht retten.

Republikaner müsste man sein. Die haben nicht nur die lustigeren Vorwahlen, sie können außerdem sorglos in ihren SUVs rumfahren, Fernreisen machen und die Pausenbrote ihrer Kinder in Alufolie wickeln. Wir anderen können das alles nicht, und wenn wir es doch tun, haben wir ein schlechtes Gewissen. Schuld daran ist der Klimawandel beziehungsweise die Tatsache, dass wir im Zweifel eher den Erkenntnissen vertrauen, die in Wissenschaftsmagazinen publiziert werden als denen auf Donald Trumps Twitter-Account („Global Erwärmung – totaler Schwindel“). Eines der ungelösten Rätsel ist, wieso Gott zuließ, dass der Klimawandel, die SUVs und die Gewissensbisse nebeneinander existieren.

Damit die Gewissensbisse in dieser Dreiecksbeziehung nicht den Kürzeren ziehen, findet ein Mal pro Jahr eine Weltklimakonferenz statt, demnächst bereits die 21., und zwar vom 30. November bis 11. Dezember in Paris. Das erklärte Ziel besteht darin, ein rechtlich bindendes Abkommen zur Reduktion der Treibhausgase zu beschließen. Üblicherweise gelingt das nicht, aber es gibt ja auch andere Möglichkeiten, um der enormen Gefahr des Klimawandels den nötigen Respekt zu erweisen, zum Beispiel: uns mit Vorschlägen für Energiesparmaßnahmen zu nerven. Die Konferenz sei „eine perfekte Gelegenheit, um Bürger daran zu erinnern, wie jeder mithelfen kann, Treibhausgasemissionen im Alltag zu reduzieren“, heißt es auf der Website.

Das „Überheizen“ von Wohnungen etwa: Mit dem Absenken der Zimmertemperatur von 20 auf 19 Grad Celsius ließen sich sieben Prozent Energiekosten sparen. Auch vor übermäßiger Benutzung des Internet warnt die Website: „Zehn Kilogramm CO2 pro User pro Jahr“ würden durch den Betrieb der Server anfallen. Wenn Sie auf das Runterscrollen der Site mit den Tipps verzichten, ersparen Sie sich einige Unbequemlichkeiten und dem Weltklima ein paar Nanogramm CO2.

Die nett gemeinten Ratschläge sollen uns suggerieren, wir könnten durch Verzicht die Welt retten. Können wir das?

Mal sehen: China hat vergangene Woche bekannt gegeben, es habe seinen Kohleverbrauch in den vergangenen Jahren ein wenig falsch eingeschätzt, präzise: In den Jahren 2011 und 2012 wurden jeweils um 600 Millionen Tonnen mehr Kohle verheizt als bislang in den offiziellen Statistiken angegeben. Der zusätzliche CO2-Ausstoß, der sich daraus ergibt, entspricht den gesamten Emissionen Deutschlands in einem Jahr.

Die deutsche Bevölkerung könnte also, wenn sie ihre Heime überhaupt nicht mehr heizte, das einsparen, was durch die statistische Nachjustierung Chinas an Emissionen dazugekommen ist – oder besser einen kleinen Teil davon, denn Energie aus Kohlekraftwerken dient ja nicht nur zum Heizen von Wohnungen.

Säßen wir bei abgedrehtem Internet im kalten Zimmer, würden wir gar nicht erfahren, was aus der Idee wurde, dass die reichen Industriestaaten den Entwicklungsländern – deren Anstieg bei Treibhausgasemissionen am größten ist – mit viel Geld helfen wollen, klimafreundlicher zu werden. Der „Green Climate Fund“, dessen Einführung im Jahr 2010 zu diesem Zweck beschlossen wurde, gab vergangenen Freitag per Mail bekannt, dass erstmals die Subventionierung von acht Klimaprojekten beschlossen wurde. Die Gesamtförderungssumme beträgt 154 Millionen Euro. Zur Erinnerung: Geplant war, jährlich 100 Milliarden Dollar zur Verfügung zu stellen. Mit 154 Millionen Euro kann man gerade mal sechs Begegnungszonen im Ausmaß der Mariahilfer Straße bauen.


Nein, wir werden das Klima nicht mittels mönchischer Askese wieder auf normal runterkühlen.

Vielleicht könnten wir ja, um die Konsequenzen dieses Fehlbetrags wettzumachen, kalt duschen und, anstatt zu kochen, lieber niedrigenergetische Butterbrote essen?

Nein, wir werden das Klima nicht mittels mönchischer Askese wieder auf normal runterkühlen. Es ist Unsinn, das Scheitern bei riesigen, strukturellen Maßnahmen wie Energiegewinnung, Infrastruktur, Transport durch Do-it-yourself-Knausern aufholen zu wollen.

Verbote von Heizpilzen und ähnliche Kinkerlitzchen dienen bestenfalls zur Illustration dieser Absurdität. Natürlich kann man auch in der Kälte Glühwein trinken, so wie man sich die Haare ohne Fön trocknen, eine Skipiste ohne Sessellift hochklettern und zu viert in 50-Quadratmeter-Wohnungen wohnen kann. Das tut aber niemand freiwillig.

Der gute Willen kennt Grenzen. Ja, klar werden wir, wenn es geht, mit der U-Bahn oder mit dem Rad fahren, energieeffiziente Staubsauger kaufen und die Pausenbrote der Kinder in Stoffservietten wickeln. Wir sind ja keine Republikaner.

Aber so wie Bildungspolitik nicht darin besteht, den Menschen nahezulegen, recht viele Bücher zu lesen, kann Klimapolitik nur dann weitreichende Änderungen bringen, wenn Systemwechsel von den Staaten vereinbart, finanziert und durchgeführt werden. Dazu sind Staaten da. Dass all das nur klappt, wenn es rechtlich bindend in einem Vertrag festgehalten ist, wissen alle, die seit 2010 vergeblich auf die zugesagten Gelder für den Green Climate Fund warten.

Sollte es mit dem neuen Klima-Vertrag nichts werden, wäre das ein Fiasko. Also mach’s gut, Weltklimakonferenz, und gib Bescheid. Wir sind online, im Warmen.