Betoniergehabe: Österreich könnte bald zugepflastert sein

Betoniergehabe: Österreich könnte bald zugepflastert sein

Wenn so gedankenlos weitergebaut wird wie bisher, ist Österreich bis zum Jahr 2050 praktisch zugepflastert - von den klimatechnischen Folgen ganz zu schweigen. Wie kann der Flächenfraß gestoppt werden?

Der Wiener Neustädter Bürgermeister Klaus Schneeberger (ÖVP) hat es geahnt. Seine florierende Gemeinde im Süden Wiens ist im Begriff, Geschichte zu schreiben. Sie könnte die erste komplett zugebaute Stadt Österreichs werden - und das noch vor dem Jahr 2050.

Wiener Neustadt hat 6100 Hektar Gesamtfläche, 40 Prozent davon sind bereits verbaut. Weitere 1330 Hektar sind heute zusätzlich als Bauland gewidmet. Wächst die Stadt weiter wie bisher, so neue Modellrechnungen des Umweltbundesamts, wird sie bald keine freien Äcker und Wiesen mehr haben. Nur das kleine geschützte Wäldchen im Südwesten bliebe übrig.

Bürgermeister Schneeberger will das nicht zulassen. Vor allem die einzigartigen Trockenrasen seiner Gemeinde, auf denen im Spätfrühling das silbrig glänzende Federgras im Wind wogt und die selten gewordenen Ziesel ihre Gänge graben, sollen nicht angerührt werden. "Da können Sie mich beim Wort nehmen." Schneeberger ist seit vier Jahren im Amt. Wiener Neustadt bade aus, was seine Vorgänger verbrochen hätten, sagt er. 2017 hat er ein externes Planungsteam mit einem Flächenentwicklungsplan beauftragt, der 2020 fertiggestellt werden soll. Den Wiener Neustädtern mache das Zubetonieren große Sorgen, sagt der Bürgermeister. In Bürgerversammlungen beraten sie nun darüber, wie ihre Gemeinde in Zukunft aussehen soll. Rückwidmungen schließt Schneeberger nicht aus. Er verspricht: "Über die bereits gewidmeten Flächen hinaus wird es keine Neuwidmungen außerhalb des Stadtkerns geben."

Wie wird das restliche Österreich 2050 aussehen? Bauen wir weiter wie bisher, werden bis dahin weitere 5260 Quadratkilometer Grünfläche verschwinden - das entspricht dem Doppelten der Fläche Vorarlbergs. Eine Studie des Umweltbundesamts hat nun für die kommenden Jahre vier Regionen analysiert, die beispielhaft für ganz Österreich stehen: Wiens Süden, die Umgebung von Leibnitz in der Steiermark, das Inntal in Tirol und das noch recht landwirtschaftlich geprägte Waldviertel, das ebenfalls zunehmend zersiedelt wird. "Dabei geht nicht nur fruchtbares Ackerland verloren, sondern auch wertvolle Lebensräume der Kulturlandschaft wie artenreiches Grünland, Streuobstwiesen und Moore", sagt Studienautor Franz Essl von der Universität Wien. Das dramatische Sterben der Tiere und Pflanzen (70 Prozent sind seit 1986 verschwunden; siehe profil 03/2019) wird weitergehen. Der Flächenfraß beschleunigt zudem den Klimawandel: Verschwindet zu viel Boden unter Asphalt, wird er zum Speichern von Wasser und CO2 unbrauchbar. Naturkatastrophen sind programmiert.

Schneebedeckte Gipfel vor unberührten Wäldern, malerischen Almen und pittoresken Dörfern: So wird Österreich bei Touristen beworben, und so sehen es auch die Bewohner selbst gern. Tatsächlich muss man sich auf dem Weg in die Rest-Idylle durch endlos aufgefädelte Fertigbetonkisten von Baumärkten, Shopping-Citys und Möbelhäusern kämpfen. Österreich ist Europameister beim Flächenverbrauch. Knapp 13 Hektar Land werden täglich mit Häusern, Straßen, Gewerbegebieten, Parkplätzen, Freizeitanlagen und Industriehallen verbaut, was der Größe von 18 Fußballfeldern entspricht. Zielvorgabe der EU wären 2,5 Hektar pro Tag. Österreich verliert jährlich 0,5 Prozent seiner Ackerfläche - doppelt so viel wie Deutschland. Das heimische Straßennetz ist mit 15 Metern pro Kopf eines der dichtesten Europas; Deutschland und die Schweiz bringen es nur auf die Hälfte.

Wie den Flächenfraß stoppen?

Woher kommt diese unbändige Lust auf Beton? Was machen andere Länder besser? Und was muss passieren, um den Flächenfraß zu stoppen?

Die Wirtschaft brummt, die Bevölkerung wächst, und beide brauchen Platz, so das eingängige Argument. Nur: Während die Bevölkerung seit 2001 um nur neun Prozent zunahm, stieg der Flächenverbrauch um 25 Prozent. Der Grund dafür ist eine desaströs gescheiterte Raumplanung. Diese wird in Österreich seit jeher den Gemeinden überlassen, was den Wildwuchs auf der grünen Wiese fördert. Die Länder, die Bausünden eigentlich verhindern sollten, kontrollieren viel zu lasch. Unternehmen siedeln sich lieber an der Peripherie als im Ortsgebiet an, wo die Grundstücke teurer und die Flächen kleiner sind. Für Bürgermeister sind Gewerbegebiete außerhalb der Stadt auf den ersten Blick ebenfalls ein gutes Geschäft. Die Unternehmen versprechen Arbeitsplätze, was wiederum Kommunalsteuern in die Kassen spült. Drei Prozent der Brutto- Lohnsummen stehen den Gemeinden zu. Was viele freilich nicht bedenken: Die Supermärkte außerhalb entziehen dem Dorfkern Kaufkraft, Jobs und Leben. Übrig bleiben verödete Zentren ohne Nahversorger, Dorfwirt und Kaffeehaus.

Die steirische Stadt Leibnitz ist besonders stark zersiedelt. Damit soll nun endlich Schluss sein. "Alle Umwidmungen und Bauvorhaben müssen seit vergangenem Herbst durch den Gestaltungsbeirat", sagt der langjährige Bürgermeister Helmut Leitenberger (SPÖ). An einem Tag im Monat empfängt er gemeinsam mit zwei Architekten Hausbauer, Gewerbetreibende und Betriebe mit ihren Entwürfen. Sie besprechen die Pläne der Bauwerber, machen Verbesserungsvorschläge und schicken manche wieder nach Hause. "Es kam schon vor, dass jemand fuchsteufelswild bei der Tür rausstürmte", sagt Leitenberger. Weitere Einkaufszentren auf der grünen Wiese hat der Gemeinderat im vergangenen Dezember verboten. Auch bei Umwidmungen von Acker-in Bauland, einer bei Bauern und Grundbesitzern sehr beliebten Methode, Flächen zu vergolden, sei man vorsichtiger geworden, beteuert der Bürgermeister. Der Traum vom Häuschen im Grünen lässt die Speckgürtel sprießen. Während ein Österreicher früher im Durchschnitt 20 Quadratmeter bewohnte, sind es heute 40. Im Einfamilienhaus beansprucht eine Person sogar bis zu 70 Quadratmeter. Hinzu kommen die Parkplätze. "Noch immer gibt es die absurde Regel, dass man zu jeder Wohnung einen Abstellplatz für das Auto errichten muss", sagt Verkehrsplaner Hermann Knoflacher.

Baugrund jahrzehntelang für die Enkerl aufsparen: Diese Praxis, die dazu beitrug, dass sich die Siedlungen immer weiter ins Umland fraßen, wurde in den meisten Bundesländern mittlerweile erschwert. Nach einer gewissen Zeit müssen Grundbesitzer für die unverbaute Fläche Erhaltungs-und Aufschließungsgebühren zahlen. Das wirkt bewusstseinsbildend, sagen Experten. Verdichten, statt in die Breite zu gehen, sei auch in Schwaz in Tirol das Ziel, sagt Stadtbaumeister Gustav Kirchmair. Der Druck auf die 30 Kilometer östlich von Innsbruck gelegene Gemeinde wächst, wie auf alle Gebiete im Inntal. "Die Region repräsentiert einen inneralpinen Ballungsraum, der im Talboden schon heute einen hohen Grad an Baulandausweisungen aufweist. Diese werden bis 2050 noch deutlich bis stark zunehmen, mit entsprechend hohem Konfliktpotenzial für heute noch vorhandene, schützenswerte Lebensräume", schreiben Biologe Franz Essl und das Team vom Umweltbundesamt.

Er wolle die zusammenhängenden Grünflächen im Südosten erhalten, sagt Stadtbaumeister Kirchmair. Neue Gewerbegebiete will die Stadt "nur mehr geringfügig erlauben", dafür alte sanieren. Im Stadtgebiet sollen künftig fünf Geschoße erlaubt sein statt drei, der Bahnhof soll tiefer gelegt und überbaut werden. "In den vergangenen 20 Jahren sind viele Fehler passiert, man hat die Speckgürtel in Tirol wuchern lassen. Die Südtiroler haben das von Anfang an besser gemacht, indem sie Einkaufszentren außerhalb verboten haben", sagt Kirchmair.

In Österreich hat sich die Fläche der Shoppingcenter seit der Jahrtausendwende mehr als verdoppelt. Zwischen Vorarlberg und dem Burgenland liegen 234 Großeinkaufszentren und 300 Fachmärkte. Mit 1,66 Quadratmetern Verkaufsfläche pro Kopf führen die Österreicher auch diese Statistik europaweit an (gemeinsam mit den Belgiern). Zeitgemäß ist das längst nicht mehr: Schon jetzt entziehen Onlinehändler, allen voran Amazon und Zalando, dem heimischen Einzelhandel knapp vier Milliarden Euro pro Jahr, Tendenz steigend. Vor allem die Jungen bestellen zunehmend im Netz.

Viele Einkaufszentren werden wohl als Ruinen enden. Sie addieren sich zu dem ohnehin schon großen Leerstand, der derzeit auf 40.000 Hektar geschätzt wird -das entspricht der Fläche der Stadt Wien. Für die Gemeinden wird das teuer: Während man Geschäfte in der Innenstadt umbauen und anderweitig nutzen kann, wird für viele der Schachteln am Ortsrand nur die Abrissbirne bleiben, samt hoher Entsorgungskosten. Gernot Stöglehner, Leiter des Instituts für Raumplanung an der Universität für Bodenkultur in Wien (Boku), fordert eine Rückbaurücklage: "Alle Bauträger, die jetzt noch Einkaufszentren errichten, müssten für die Entsorgung eine entsprechende Summe zurücklegen."

Deutschlands Landschaft ist naturbelassener als jene in Österreich. Dörfer und Städte sind kompakter, Wiesen, Äcker und Wälder besser geschützt. Unsere Nachbarn regeln ihre Raumplanung in größeren Regionen, was das Ausfransen einzelner Gemeinden verhindert. Die Bundesregierung in Berlin steckt außerdem seit Jahrzehnten große Summen in die Raumplanungsforschung. Millionenschwere Programme, an denen viele Universitäten und private Institute beteiligt sind, verhindern die Zersiedelung und haben das Bewusstsein der Entscheidungsträger geschärft.

Wie schwer sich hingegen kleine Gemeinden beim Bremsen des Zubetonierens tun, schildert der Grüne Gemeinderat Peter Prack aus Kronstorf im Unteren Ennstal. Der Ort wuchs in den vergangenen Jahren rasant, zählt derzeit 3500 Einwohner und wird immer beliebter. Im Vergleich zu den Nachbarstädten Linz und Steyr ist Bauland hier noch leistbar. "Bei der Umwidmung verzehnfacht sich der Wert eines Grundstücks. Es ist schwer, das dem einen Mitbürger zu ermöglichen, seinem Nachbarn aber nicht", sagt Prack. Er setzt sich dennoch dafür ein, möglichst viel von der wertvollen Landschaft zu retten. Seit die neue Schnellstraße nach Steyr den Ort streift, ist das noch schwieriger geworden. Kronstorf gehört mittlerweile zu der "Power Region Enns-Steyr" an der "Entwicklungsachse" B 309, zu der sich acht Gemeinden zusammengeschlossen haben. Immerhin wird dadurch ein gegenseitiges Ausstechen bei Betriebsansiedlungen verhindert. Es ist nicht unüblich, dass Unternehmen Dörfer gegeneinander ausspielen und sich dort niederlassen, wo ein Bürgermeister die meisten Zugeständnisse macht.

Die Digitalisierung wird die Lage weiter verschärfen. In den USA kommt man binnen 24 Stunden zum billigen Eigenheim; für nur 10.000 Dollar schichten 3D-Drucker aus vielen Lagen Flüssigbeton Einfamilienhäuser auf. In China werden sogar mehrgeschoßige Wohnbauten ausgedruckt. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis diese Technologie sich auch in Österreich in großem Maßstab durchsetzt.

Was also tun? Verkehrsplaner Knoflacher fordert, dass jede Gemeinde jährlich über die Grünflächen, die sie verbaut hat, Rechenschaft ablegen muss. "Kontrollieren sollte das eine Bundesbehörde, die Sanktionen verhängen darf. Ohne geht es nicht, das sehen wir ja", sagt Knoflacher. Studienautor Franz Essl mahnt zur Eile: "Wir verlieren täglich unwiederbringlich wertvolle Natur. In manchen Gemeinden werden sogar Natura-2000-Schutzgebiete umgewidmet. Wir brauchen sofort eine übergeordnete Planung." Die schwarz-blaue Bundesregierung befördert trotz aller Warnungen den Flächenfraß. So wird das neue Standortentwicklungsgesetz zu noch mehr Verbauung führen. Aus dem Umweltministerium heißt es auf Anfrage von profil, man wolle sich in den kommenden Jahren "intensiv mit dem Thema befassen", etwa beim für 2020 geplanten Erneuerbaren-Energie-Gesetz. Generell sei die Raumordnung aber "am besten bei den Gemeinden bzw. Ländern aufgehoben".

Anlass zur Hoffnung gibt indes die Steiermark. Die Landesregierung hat Gernot Stöglehner, Lore Abart und Susanna Erker von der Boku beauftragt, das Land digital zu vermessen und für jede einzelne Gemeinde eine Energiedatenbank zu erstellen. Wo verbraucht zum Beispiel Kapfenberg am meisten Energie? In welchen Gebieten der Stadt wäre eine Fernwärmeleitung sinnvoll? Wo müssen Gebäude besser gedämmt werden? Aus den Antworten auf diese Fragen ergeben sich automatisch kluge Bau-und Sanierungskonzepte. Denn maßvoll dichte Ortskerne sparen Energie: Die Bewohner fahren seltener mit dem Auto, Haushalte in Mehrfamilienhäusern verheizen nur einen Bruchteil dessen, was Bewohner eines Einfamilienhauses brauchen. Im Frühling schwärmen Stöglehner und seine Mitarbeiterinnen aus, um Planer und Bürgermeister vor Ort zu beraten. Die Steiermark hat einen Fördertopf eingerichtet, der alle Gemeinden unterstützt, die die Energieraumplanung umsetzen. Stöglehner ist überzeugt: "Das hat Schlagkraft."