Polen: 80.000 Hobby-Guerrileros spielen Krieg gegen Russland

Polen: 80.000 Hobby-Guerrileros spielen Krieg gegen Russland

In Polen haben sich mehr als 80.000 Zivilisten zu rund 120 paramilitärischen Milizen zusammengeschlossen und trainieren für den Ernstfall - einen russischen Einmarsch. Was von außen paranoid wirkt, ist für die Beteiligten ein Gebot der Vernunft.

Für Aleksander Dybiec beginnt der Krieg jeden zweiten Sonntag gegen 10 Uhr am Morgen. Diese Woche ist es exakt 9.53 Uhr, als der 32-Jährige auf einer Kuhweide nahe dem südpolnischen Dörfchen Trybsz aus seinem dunkelgrünen Mercedes-Benz 230 steigt, durch nasses Gras zum Kofferraum stapft, eine Wolldecke und einen Rucksack zur Seite räumt und zu den Waffen greift: einer Pistole und einer Kalaschnikow AK-47.

Dann blickt sich Dybiec, ein sportlicher Mann mit kurzem, dunklem Haar, um. Vor ihm wellt sich Hügelland bis an die schneebedeckten Abhänge der Hohen Tatra, hinter ihm parkt im Minutentakt ein Auto nach dem anderen ein. Die Kameraden sind also pünktlich. Es kann losgehen.

Alle 14 Tage verwandelt sich Dybiec, im Privatleben treusorgender Ehemann und frischgebackener Vater, im Zivilberuf Autozubehörhändler, zum Kommandanten der "Lekka Piechota Obrony Terytorialnej" (in etwa: Landesverteidigungsgruppe Leichte Infanterie) - in seiner Freizeit, als ganz normaler Bürger.

Während der Rest des Landes noch auf katholischen Kirchenbänken kniet, bei heißem Tee frühstückt oder sich vom Samstagabend verkatert im Bett herumdreht, üben er und 14 weitere Männer in kompletter Kampfmontur für den militärischen Ernstfall. "Wer Frieden will, muss für den Krieg vorbereitet sein", sagt Dybiec und wischt sich zwischen badewannengroßen Lacken und aufgeweichten Kuhfladen einen Regentropfen von der Nase.

Teil einer Massenbewegung

Seine Truppe besteht nicht bloß aus einsamen Spinnern. Sie ist Teil einer Massenbewegung. Die Tradition der Paramilitärs reicht in Polen bereits bis in die 1930er-Jahre zurück. Seit die rechtsnationale Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) an die Regierung gekommen ist, lebt sie zunehmend auf. Im ganzen Land treffen sich regelmäßig Freizeitkämpfer und proben das Gefecht. Sie üben den Umgang mit Gewehr und Pistole, trainieren Gelände-, Häuser-und Straßenkampf. Mehr als 120 Milizen mit schätzungsweise 80.000 Männer und Frauen bereiten sich auf den Tag X vor -und das ist aus ihrer Sicht ein möglicher Einmarsch Russlands.

Eigentlich hat Polen schlagkräftige Streitkräfte: ein Berufsheer mit 200.000 Soldaten, Marine-, Land-und Lufttruppen, dazu Spezialeinheiten, die auch in Afghanistan und im Irak kämpfen. Profis also. Dazu gibt es eine Nationale Reservearmee, Truppenstärke: 40.000 Mann. Zudem ist das Land Mitglied der NATO. Würde also eine fremde Armee Polen angreifen, wären die anderen 27 Mitglieder des transatlantischen Verteidigungsbündnisses militärisch zur Hilfe verpflichtet. Auch und besonders die Supermacht USA.

Doch Dybiec und seinen Kameraden reicht das nicht. Sie fürchten, dass die polnische Armee kapitulieren oder den Rückzug antreten könnte. Und sie erinnern sich daran, dass die Verbündeten Polens zu oft in der Geschichte im Notfall eben nicht geholfen haben: Als 1939 die Nazis das Land überfielen, beispielsweise. Sollte Ähnliches wieder passieren, wollen die Freizeitsoldaten das Land retten. Oder zumindest den Gegner aufhalten.

Ernstgenommen dürfen sie sich jedenfalls bereits jetzt fühlen: Vergangenes Jahr durfte die Miliz von Dybiec an einem großangelegten Manöver der NATO, Codename Anakonda 2016, teilnehmen.

Dybiec und seine Männer begrüßen sich per Faustcheck und Handschlag. Seit gut eineinhalb Jahren besteht die Gruppe, gegründet durch eine Anzeige auf Facebook. Am Anfang waren sie zu siebt, junge Männer zwischen 25 und 35, die Dybiec fast alle privat kannte. Mundpropaganda und die Sorge um Polen ließen die Truppe wachsen. Bald kamen 15, dann 30 zu den Übungen, nun sind es 40, die zur einzigen Paramilitärgruppe in der Region um Nowy Targ, einer ruhigen Stadt mit 30.000 Einwohnern kurz vor der slowakischen Grenze, gehören.

Die Hobbykämpfer treten an, ohne dass Dybiec einen Befehl geben müsste. Binnen Sekunden wird aus einem herumstehenden, rauchenden Haufen von Freunden eine schnurgerade Linie aus 14 Uniformierten. Diejenigen mit Waffenschein haben originale Kalaschnikows geschultert, diejenigen ohne tragen täuschend echt aussehende Airsoft Guns.

An den Gürteln der Männer baumeln Messer, Munitionsmagazine und Handgranatentaschen, gekauft mit eigenem Geld. Sold bekommt niemand: Mit Gewehr und Uniform stundenlang durch die polnischen Wälder zu rennen und damit ihr Land zu schützen, ist ihnen Lohn genug.

Die Aufgabe heute: Auffinden und Festnehmen fremder Kämpfer "hinter den Linien", wie Dybiec es nennt. Taktik also. Schießübungen gibt es zum Leidwesen vieler erst wieder in zwei Wochen.

Schieß- und Navigationsübungen

Doch die Männer sind keine Anfänger. Ein halbes Jahr lang hat Dybiec ihnen die Grundlagen der Infanterie nähergebracht: zwischen den Linien bewegen, Verwundete bergen, sich im Gelände orientieren, Karten lesen, funken. Seit gut einem Jahr lässt er sie anspruchsvollere Schieß-und Navigationsübungen absolvieren. Und in sechs Monaten, so sein Plan, sollen die Freiwilligen wie richtige Soldaten kämpfen können.

Richtige Soldaten, wie Dybiec selbst einer war - erst in der polnischen Armee, dann in der Nationalen Reserve. Während seiner aktiven Dienstzeit stellte Polen die Truppen von einer Wehrdienst-auf eine reine Berufsarmee um und kürzte die Ausgaben. Im Gefecht war Dybiec selbst also niemals. Er bereut das: "Ein Handwerker will nach der Ausbildung sein Können zeigen. Und ich wollte das auch."

Ein Fanatiker oder Waffennarr will Dybiec aber nicht sein, im Gegenteil: eher der analytische, vernunftbestimmte Typ. Nicht zuletzt deshalb ist er mit seiner Jungfamilie aus Katowice, dem vom Smog geplagten Zentrum der polnischen Kohleindustrie, in die Kleinstadt Nowy Targ gezogen.

Jetzt wohnen die Dybiecs im fünften Stock eines Wohnblocks in einem Appartement mit drei kleinen Zimmern, Küche und Bad. Die Luft ist sauber, der Panoramablick auf die Berge beeindruckend, das Gras zwischen den Gebäuden der Siedlung akkurat gemäht, im Treppenhaus liegt der Geruch von Bohnerwachs. Krieg kennt man hier vielleicht unter Nachbarn oder aus den 8-Uhr-Nachrichten im Fernsehen. Für Dybiec ist er dennoch allgegenwärtig.

"Wenn du eine große Armee hast, willst du sie auch irgendwann nutzen", sagt er und meint damit natürlich Russland und dessen Präsidenten Wladimir Putin. Dybiec zählt auf: die Militärintervention in Georgien, die Annexion der Krim, der Krieg in der Ostukraine, die Verlegung russischer Atomraketen in die Enklave Kaliningrad, keine 80 km von der polnischen Grenze entfernt.

Der Kalte Krieg mag vorbei sein. Doch warum sollte kein neuer kommen? "Die vergangenen 70 Jahre hatten wir Frieden, das ist in Polens Geschichte einzigartig", sagt Dybiec. Er sagt aber auch: "Es ist wie bei einer Autoversicherung: Du kaufst sie, aber der Unfall wird wahrscheinlich nie eintreten. Trotzdem möchtest du versichert sein." Und zum Versicherungspaket gehöre auch seine Gruppe.

Dybiecs Knie drückt zwischen die Schulterblätter von Radek, einem weiteren Hobbykämpfer, und gibt Anschauungsunterricht im Entwaffnen und Festsetzen. Radek, 39 Jahre alt, bullig, knapp zwei Meter groß, betreut im normalen Leben Kinder im Waisenhaus. Jetzt liegt er mit dem Gesicht im Matsch, die Hände sind auf dem Rücken gedreht, ohne seinen Kampfhelm mit dem grünen Tarnschleier und seinem schwarzen Airsoft-Gewehr.

"Fesselt ihm die Hände!"

"Lasst ihn bis 100 zählen, dann kommt er auf keine falschen Gedanken. Zieht ihm die Stiefel aus - so groß der Gefangene auch ist, ohne Schuhe kann niemand weit flüchten. Fesselt ihm die Hände mit Kabelbindern, aber achtet auf die Blutzufuhr", ruft Dybiec seinen Kameraden zu. Die nicken und reißen Scherze über Radeks Lage im Dreck.

Über zwei Stunden trainiert die Leichtinfanterie Festnahmen, dazu Nahkampf, stumme Kommunikation per Handsignal, das Sichern von Positionen. Die Männer stürmen einen steilen Hügel hinauf, robben über Baumwurzeln und durch Pfützen, der Regen in ihren Gesichtern mischt sich mit Schweiß, der Atem pfeift.

Auch wenn sie freiwillig bei der "Lekka Piechota Obrony Terytorialnej" mitmachen: Sie sprechen auch von einem "praktischen Anlass", von einer "Pflicht".

Aber glauben sie im Ernst, in einem allfällig ausbrechenden hochmodernen Krieg gegen Tarnkappenjets, Mittelstreckenraketen und andere Hightech-Waffen etwas bewirken zu können? Nicht wenn sie allein kämpfen müssen, das ist Dybiec klar. Darum setzen sie zusammen mit anderen Paramilitärgruppen im ganzen Land auf eine andere Taktik: den Guerillamodus.

Koordiniert wird die gesamte Strategie für den Fall der Fälle von Dachvereinen und Thinktanks. Einer von ihnen ist Obrona Narodowa (Nationale Verteidigung) in Warschau, der sechs Einheiten mit insgesamt über 800 Mitgliedern vertritt. Vizepräsident Paweł Makowiec empfängt in einem italienischen Restaurant in einer Shopping-Mall am Rande der Stadt. Aus den Lautsprechern dudeln Italo-Schlager, von den Wänden blicken finstere Filmmafiosi. Es bleibt unklar, ob der Verein kein eigenes Büro hat oder ob Makowiec es vorzieht, in anonymer Umgebung interviewt zu werden. Dass russische Agenten in Polen arbeiten, ist ein offenes Geheimnis. Dass sie sich auch für die Paramilitärs interessieren, ist zumindest wahrscheinlich.

Makowiec sieht mit seinem karierten Hemd, den grauen Haaren und der schmalen Brille exakt aus wie der Geschichts-und Erdkundelehrer, als der er seinen Lebensunterhalt verdient. Dass er auch Autor des "Taktikhandbuches für den Häuserkampf" ist, würde man ihm nicht ansehen. Einen Widerspruch zum Lehrberuf erkennt er darin nicht. Arbeit und Hobby, sagt er, seien bei ihm strikt getrennt - "ein jeweils eigener Teil in meinem Leben". Abgesehen davon hat das Militär einen festen Platz in der polnischen Gesellschaft, die Soldatenkarriere ist hoch angesehen. Bei regelmäßig veranstalteten Leistungsschauen dürfen bereits Kleinkinder auf Panzern herumturnen, an den Schulen gibt es sogenannte Uniformklassen, in denen das Fach Nationale Sicherheit und militärische Grundlagen gelehrt wird.

Makowiec ist eher Stratege als Kämpfer und beschwichtigt erstmal: Paramilitärs in Polen seien keine schießwütigen Hinterwäldler. Natürlich sei Landesverteidigung eine der wesentlichen Aufgabe, aber keinesfalls die einzige. "Wir helfen auch in Katastrophenfällen, bei Erdrutschen oder Überschwemmungen, und wir sichern strategische Punkte wie Kraftwerke." Paramilitärische Gruppen gäbe es bereits so lange wie Polen selbst. Sie bekämen seit dem Krieg in der benachbarten Ukraine nur mehr Aufmerksamkeit und Zulauf als zuvor.

"Keine Paranoia"

Alles wie immer also? "Die Sehnsucht nach Sicherheit ist in Polen drastisch gestiegen. Aber deshalb haben wir keine Paranoia. Die Sorge ist nachvollziehbar." Tatsächlich musste Polen für seine Freiheit und Unabhängigkeit immer kämpfen, war Verschubmasse und Zielscheibe der angrenzenden Großmächte Deutschland und Russland. Doch auch wenn alles verloren schien: Die Paramilitärs gaben nie auf.

"Die Geschichte hat uns gelehrt, dass wir unseren Alliierten niemals ganz vertrauen können. Zu oft haben sie uns fallen gelassen. Die NATO ist im Moment unsere Sicherheitsgarantie, doch es wird immer deutlicher, dass sie nicht ausreichen könnte. Wir sind ihre Frontlinie im Osten. Da ist es besser, eine starke Verteidigung zu haben", sagt Makowiec. Für ihn ist klar: Ein möglicher Krieg zwischen West und Ost würde konventionell geführt, also mit Panzern, Raketen und Bodentruppen. Nur in diesem Szenario können seine Paramilitärs überhaupt eine Rolle spielen.

"Widerstandsnester. Zersetzung. Rebellion": Das sei die Partisanentaktik im Kampf, und dafür brauche es keine Rambos, sondern gut geschulte Männer, "die im Leben stehen". Makowiec' Verein wählt aus: Mindestalter 18, besser noch 25 Jahre, dann seien die Kämpfer "mental stabiler". Keinesfalls wolle man Extremisten in den eigenen Reihen, egal ob rechts oder links. Makowiec zählt auf die traditionelle patriotische Erziehung in Polen: Familie, Kirche, Heimat. Sie allein sorge für Nachwuchs an Rekruten.

Dass viele Paramilitärs ihre Ausrüstung und Uniformen auch von der regulären Armee erhalten, erwähnt er nicht. Ebenso wenig, dass zahlreiche Gruppen konservativen und rechtsnationalen Parteien nahestehen. In Makowiec' Welt sind Paramilitärs fast so gut erzogen und diszipliniert wie Pfadfinder. Nur tödlicher.

Doch es gibt auch die schrillen Töne in Polen. Damian Duda, Chef der Legia Akademicka (Akademische Legion) aus Warschau, die ihre Mitglieder vor allem im studentischen Milieu rekrutiert, vergleicht die Aufgabe der Milizen mit Antikörpern: "Wir müssen reagieren wie der menschliche Körper, wenn er von Bakterien befallen wird." Um Kriegserfahrung zu sammeln, besucht Duda dazu regelmäßig die ukrainische Front. Auch der ehemalige polnische Verteidigungsminister Siemoniak ermuntert die Polen offen, sich freiwillig militärisch ausbilden zu lassen, "um das Vaterland gegen Russland zu verteidigen."

Die Welle des Patriotismus zeigt sich im ganzen Land. Überall sieht man Anker, aus deren Spitze sich ein "P" formt. Auf Jacken, Mützen, Tassen, Postern, Aufklebern, selbst auf Unterwäsche prangt diese Abkürzung, die für "Polska Walczaça" steht, kämpfendes Polen. Ursprünglich war dieser Anker das Symbol des polnischen Widerstands gegen die deutsche Besatzung durch die Faschisten.

Nun heizt sich die Stimmung in Polen gegen Russland auf, angefeuert von der rechtskonservativen Regierungspartei PiS. Ihr jüngster Plan: Die zivilen Freizeitkämpfer sollen in eine neu gegründete "Territorialarmee" eintreten, die dem Verteidigungsministerium untersteht. Eine Art dritte Armee, also - Truppenstärke: 35.000 Mann, 30 Tage Training im Jahr für 500 Złoty (umgerechnet rund 110 Euro) Aufwandsentschädigung pro Monat.

"Abwarten", meint Dybiec nur. Das Interesse der Regierung an den Paramilitärs mache ihn zwar stolz.

Doch die staatliche Vereinnahmung der Paramilitärs sei eine andere Sache. "Alle in meiner Gruppe mussten zustimmen, dass es ihnen nicht um Politik geht." Dass Parteileute der PiS seinen Leuten nach dem Training Beitrittsformulare überreichen wollen, könne er allerdings nicht verhindern: "Aber wir kämpfen nicht für eine Partei, sondern für unsere Heimat."