Medien: Russia Today macht Antiamerikanismus weltweit sexy

Medien: Russia Today macht Antiamerikanismus weltweit sexy

Russia Today, der Auslandsnachrichtensender des Kreml, ist mit einer schillernden Mischung aus Sex-Appeal, Verschwörungstheorie und Antiamerikanismus zu einer ernsthaften Konkurrenz für BBC und CNN geworden. Wie konnte das passieren?

Es sieht aus wie ein Nachrichtensender, es klingt wie ein Nachrichtensender, es sendet Nachrichten, und doch ist es ein bisschen anders: RT, vormals „Russia Today“, versteht sich als eine Art Gegen-CNN. Mit seinen hochprofessionell gestalteten, tendenziell antiwestlich grundierten Nachrichten- und Diskussionssendungen hat sich der 2005 gegründete Auslandssender des Kreml zum erfolgreichsten Stimmungsmacher der Regierung Wladimir Putins entwickelt. Weltweit erreicht man 700 Millionen Menschen, im Internet sogar noch mehr: RT ist der mit Abstand reichweitenstärkste Nachrichtenkanal auf YouTube und hat dort als Erster eine Milliarde Klicks erreicht. In seinem offiziellen Mission Statement definiert sich RT, bei dem auch namhafte westliche Querdenker wie Julian Assange oder der langjährige CNN-Talker Larry King untergekommen sind, folgendermaßen: „RT liefert Geschichten, die von den Mainstream-Medien ignoriert werden. RT zeigt eine alternative Perspektive auf das Weltgeschehen und bringt einem internationalen Publikum die russische Sicht der Dinge näher.“ US-Außenminister John Kerry formulierte es kürzlich etwas drastischer und nannte RT „ein Propaganda-Megafon, das eingesetzt wird, um Putins Fantasien zu verbreiten“. Kerrys Staatssekretär Richard Stengl legte in einem offenen Brief nach: „RT ist eine Verzerrungsmaschinerie, kein Nachrichtensender.“

Simone Brunner hat sich für profil in der RT-Zentrale in Moskau umgesehen.

Akkurat eingeparkt, in Reih und Glied, stehen dutzende Kleinbusse vor einem schmucklosen Plattenbau mit garagenähnlichem Zubau in einem traditionellen Industriegebiet im Osten Moskaus. Hinter dem Gelände rattern Frachtzüge über die Schienen, der Himmel wird von hohen Bürogebäuden und Schloten durchschnitten. Unübersehbar prangt das Logo auf Türen und Motorhauben der Busse: „Television – RT“. An Wochentagen pendeln die Busse im Viertelstundentakt zur nächstgelegenen Metrostation, heute, an einem Sonntag, stehen sie still. Wie eine kleine Armee in Lauerstellung.

Hier, in der Straße Borowaja 3, befindet sich das, was das deutsche Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ zuletzt „Putins Waffe im Bilderkrieg“ nannte: die Zentrale von RT, ehemals „Russia Today“, dem Auslandssender des Kreml und Russlands stärkster Waffe im Medienkrieg. „Im globalen Informationsraum tobt ein Kampf um die Köpfe. Der Erfolg des russischen TV-Netzwerkes RT verändert die Gewichte. Plötzlich ist der Westen in der Defensive“, schrieb der deutsche „Tagesspiegel“ vor einem Jahr. Bei RT sieht man das offensichtlich ähnlich: Das Zitat hängt auf dem Gang zwischen den Studios, hell erleuchtet durch eine breite Fensterfront, feierlich von einer Glastafel eingefasst, auf Russisch übersetzt. Außerdem steht da: „RT ist heute – neben Gazprom und der Waffenindustrie – das effizienteste Instrument der russischen Außenpolitik.“

„Hey, how are you?“-Attitüde
Die Zentrale von RT versprüht sowjetischen Charme, wenig deutet von außen darauf hin, dass hier einer der modernsten Nachrichtensender der Welt operiert – auf Englisch, Spanisch, Arabisch und Russisch, bald auch auf Französisch und Deutsch. Die Newsrooms des Kreml-finanzierten Senders sind schick, in das grüne Logo des Senders getaucht und mit modernster Technik ausgestattet. Der Boden soll sogar die Schockwellen der Frachtzüge absorbieren. Rund 2000 Mitarbeiter hat RT insgesamt, die Hälfte davon ist in Moskau tätig. Die freundliche „Hey, how are you?“-Attitüde der Mitarbeiter – der Großteil von ihnen um die 30 Jahre alt – will nicht so ganz zu den grimmigen Wächtern am Empfang passen. Zu Sowjetzeiten wurde hier Tee produziert. Heute erleuchtet das grün-schwarze Senderlogo die Gänge: „RT – Question More“.

Das größte Studio ist der arabische Newsroom. „Rusiya Al-Yaum“ (Russland heute) steht in hellblauen Lettern auf dunklem Hintergrund. Ein Moderator spricht gerade seinen Text ein, Bilder flimmern über die Screens. Explosionen, Menschenmengen, Panik – Syrien. Im englischen RT-Studio nebenan läuft eine Sendung zum Unabhängigkeitsreferendum Schottlands. Hie und da sind Lampen oder Equipment mit dem schwarz-orangen Sankt-Georgs-Band geschmückt – eine alte militärische Auszeichnung zum Gedenken an den Zweiten Weltkrieg. In der Ostukraine dient das Band mittlerweile als Erkennungszeichen der Separatisten.

RT ist überall dort, wo es um russische Weltdeutung geht – ein Gegengewicht zu den westlichen Medien, wie die RT-Macher immer wieder betonen. Bei einem Studiobesuch im Sommer 2013 erklärte Wladimir Putin seine Vision: „Als wir dieses Projekt in Angriff genommen haben, wollten wir das angelsächsische Monopol in der globalen Informationsverteilung brechen.“ RT wurde 2005 unter dem Dach der staatlichen Medienagentur RIA Novosti gegründet. Im Vorjahr wurden RIA Novosti und RT in ein neues Medienunternehmen namens Rossija Segodnja (Russland heute) überführt; Kritiker gehen davon aus, dass der Einfluss des Kreml dadurch noch weiter gestiegen ist. Nicht zuletzt seit dem Ausbruch der Ukraine-Krise steht RT wegen angeblich tendenziöser Berichterstattung in der Kritik. „Ich kann nicht Teil dieses Netzwerkes sein, das von der russischen Regierung finanziert wird und die Aktionen von Putin schönfärbt“, erklärte die US-amerikanische RT-Moderatorin Liz Wahl anlässlich der Krim-Berichterstattung von RT und kündigte live auf Sendung. „Das kann man nicht Journalismus nennen. Das ist eine riesige, effektive PR-Maschine“, meinte später auch die britische Journalistin Sarah Firth, die zuvor bei RT das Handtuch geworfen hatte.

Klischees und Wahrheit
Maria Finoschina sieht das ganz anders. Wenn RT sich mitten in einem Informationskrieg mit dem Westen befindet, dann steht die 32-Jährige an vorderster Front. Die zierliche Frau steckt in einem modischen Poncho und ist gerade braungebrannt von ihrem Spanien-Urlaub zurückgekehrt. Fragen beantwortet sie mit kühler Überheblichkeit. Finoschina ist Kriegsreporterin und berichtet für RT aus der Ostukraine und aus Syrien. Sie arbeitet schon seit Beginn bei dem Sender. Dreieinhalb Monate hat sie heuer in der Ukraine verbracht. In der Einschätzung der Situation ist sie ganz auf Kreml-Linie. Russische Soldaten in der Ukraine? Nur Freiwillige. Russische Waffen in der Ukraine? Finoschina schüttelt ihren blonden Lockenkopf. Wo sind denn die Beweise? „Die westlichen Journalisten kommen mit Klischees in ihrem Kopf hierher, nach denen sie dann suchen. Sie haben nicht das Ziel, herauszufinden, was wirklich passiert, und warum. Das ist die größte Sünde des Journalismus.“ Und schon ist sie bei ihrem Lieblingsthema: Fehler in der weltweiten Berichterstattung. Minutiös listet sie Mängel auf, von Al Jazeera bis zum „Telegraph“. Offensichtliche Falschmeldungen russischer Medien lässt sie unkommentiert. „Wir können nur über unsere Berichte etwas sagen“, schaltet sich die RT-Pressesprecherin ein, die das Interview mit einem Diktiergerät mitschneidet. „Die russische Berichterstattung generell können wir nicht kommentieren.“

RT ist bis dato nicht mit abstrusen Falschmeldungen aufgefallen wie der staatliche Inlandssender Perwi Kanal, in dem zuletzt etwa von der Kreuzigung eines Kindes auf dem Hauptplatz von Slowjansk berichtet worden war – eine frei erfundene Geschichte, welche die Brutalität der ukrainischen Armee unterstreichen sollte. RT hat nicht die Aufgabe, das russische Inlandspublikum auf den Widerstand gegen die „faschistische Junta“ in Kiew einzuschwören. „Das Hauptziel von RT ist es, den Leuten im Westen zu zeigen, dass es bei ihnen genauso schlecht ist wie in Russland – und den Eindruck zu erwecken, dass es ein starkes Russland gibt, das in sich einzigartig ist“, sagt Wasili Gatow, Ex-Abteilungsleiter bei der staatlichen russischen Medienagentur RIA Novosti. Als das Unternehmen vor einem Jahr umstrukturiert wurde, warf er das Handtuch. Heute arbeitet er als freier Medienanalyst.

Rasanter Ausbau
Unter dem Eindruck der Ukraine-Krise baut RT sein Netzwerk mit Riesenschritten aus. 2015 wird das Budget von bisher elf Milliarden Rubel (umgerechnet etwa 220 Millionen Euro) um knapp ein Drittel aufgestockt. Gab es bisher einen klaren Schwerpunkt auf die USA, Lateinamerika und den arabischen Raum, so rückt nun Europa in den Mittelpunkt: Die Zweigstelle in London wird ausgebaut, bald soll RT auch auf Französisch und Deutsch senden. Vom Berliner Büro aus – in Toplage, nur einen Steinwurf vom Brandenburger Tor entfernt – soll im kommenden Jahr ein deutsches Angebot aufgebaut werden, „mit einem starken Fokus auch auf österreichischen Themen“, erklärt RT-Chefredakteurin Margarita Simonjan in einem E-Mail an profil. Mit nur 25 Jahren wurde Simonjan Chefredakteurin des Senders, zuletzt wurde sie außerdem zur Chefredakteurin der russischen Agentur Rossija Segodnja ernannt. „Ich bin in meiner Arbeit loyal zum Staat und seinem Wohlergehen“, beschreibt Simonjan ihren Modus Operandi.

Während der Kreml seine Investitionen in die Staatsmedien aufstockt, gerät die private Medienszene immer stärker unter Druck. Ende September wurde ein Gesetz beschlossen, wonach ausländische Investoren nur noch mit maximal 20 Prozent an russischen Medien beteiligt sein dürfen. Beobachter sehen das vor allem als Maßnahme gegen die kremlkritischen Zeitungen „Wedomosti“ und „Forbes“. Blogger mit mehr als 3000 Lesern pro Tag müssen sich seit heuer behördlich registrieren lassen. Dem liberalen TV-Sender „Doschd“ (Regen) wurde vor wenigen Monaten der Zugang zum Kabelnetz verwehrt; er verlor damit 85 Prozent seiner Zuschauer.
Das Fernsehen spielt bei der Meinungsbildung der Russen eine herausragende Rolle: 85 Prozent der Russen informieren sich fast ausschließlich über den TV-Schirm. „Den Medien ist es gelungen, ein alternatives Bild der Realität zu schaffen“, sagt Lew Gudkow, Chef des russischen Meinungsforschungsinstituts Lewada-Zentrum. Das Bild zeigt ein wiedererstarktes Russland, das dem Westen, der NATO und den USA die Stirn bietet. Insofern verwundert es wenig, dass die Kreml-Politik bei rund 80 Prozent der Russen Anklang findet. 82 Prozent der Russen gaben in einer Umfrage des Lewada-Zentrums der ukrainischen Armee die Schuld am Abschuss der malaysischen Passagiermaschine MH17 in der Ostukraine.
Kritische Stimmen werden zunehmend aus der Öffentlichkeit verbannt. Das führt zu einer Gleichschaltung von Medien und Öffentlichkeit, wie sie Russland seit der Wende nicht mehr gesehen hat, sagen Kritiker. „Nur eine Stimme ist jetzt in Russland zu hören“, schrieb der russische Schriftsteller Boris Schumatsky in einem Beitrag für die „Zeit“: „Es ist die Stimme des kollektiven Putins.“

Am Ausgang der RT-Zentrale kommen Besucher an einer Wand mit sechs großen Flachbildschirmen vorbei. Sechs verschiedene Moderatoren spulen ihren Text in vier Sprachen herunter. In der Fußzeile laufen Eilmeldungen durch das Bild – auf Englisch, Spanisch, Arabisch und Russisch. Ein junger Sprecher berichtet über die Schläge der US-Luftwaffe gegen IS-Stützpunkte. „Wir wissen nicht, wie lange diese Operation dauern wird. Aber eines können wir schon sagen: Die Zeiten waren für US-Militärfirmen niemals besser“, sagt er. „Für manche ist Krieg eben ein lukratives Geschäft.“

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