„Den lieben Gott kann man nicht entdecken“

Anton Zeilinger - „Den lieben Gott kann man nicht entdecken“

Der Quantenphysiker Anton Zeilinger über Teleportation, Religion und Naturwissenschaften sowie positive Folgen von Studiengebühren.

Interview: Herbert Lackner

profil: Herr Professor, gehen Sie gern auf Partys?
Zeilinger: Wenn Sie mir erklären, was eine Party ist …

profil: Man steht herum und macht Small Talk.
Zeilinger: Ich mag Small Talk überhaupt nicht.

profil: Mich hätte Quantenphysiker-Small-Talk interessiert.
Zeilinger: Wenn wir auf Konferenzen zusammenstehen, reden wir über Dinge, bei denen es um neue Ideen und Experimente geht, manchmal sogar um die Grenzen des Wissens.

profil: Wenn Sie am Abend heimkommen, sagen Sie dann zu Ihrer Frau: „Stell dir vor, was ich heute herausgefunden habe!“
Zeilinger: Nein, das ist nicht möglich. Aber ich wage zu behaupten, dass das auch in vielen anderen Berufen so ist.

profil: Menschen wie Sie sind Unikate. Besteht da nicht eine gewisse Vereinsamungsgefahr?
Zeilinger: Eine interessante Frage, über die ich nachdenken sollte. Aber ich lebe ja wissenschaftlich in meiner Forschergruppe. Das sind etwa 20 junge Leute, auf verschiedenen Levels ihrer Ausbildung. Das ist eine wunderbare Verwurzelung. Die andere Verwurzelung ist jene in der internationalen Scientific Community.

profil: Sie sind jedenfalls eine solche Rarität, dass Sie als Gesamtkunstwerk bei der documenta eingeladen wurden.
Zeilinger: Das mit der documenta freut mich. Ich interessiere mich immer schon für zeitgenössische Kunst und wurde vor 15 Jahren von Peter Weibel eingeladen, bei einer Ausstellung in Graz mitzumachen. Irgendwie haben die beiden Kuratorinnen der documenta Wind davon bekommen und haben mich überredet. Das war witzig.

profil: Worüber haben Sie bei der documenta vorgetragen?
Zeilinger: Zum Beispiel über die Frage: Was ist Wirklichkeit? Gibt eseine Wirklichkeit, die unabhängig von uns ist, und wenn ja: Wie sieht sie aus? Was kann man über sie wissen? Und gibt es den Zufall?

profil: Kann ich versuchen zu beschreiben, womit Sie berühmt geworden sind?
Zeilinger: Bitte.

profil: Sie teleportieren Photonen, also Lichtteilchen, wobei zwei dieser Teilchen verschränkt sind und interagieren, ohne dass es zwischen ihnen eine Verbindung gibt.
Zeilinger: Interagieren ist zu viel gesagt. Wir haben zwei Teilchen, die, sobald sie gemessen werden, beide dieselben Eigenschaften zeigen, aber vor der Messung noch keine individuellen. Jetzt können diese beiden Zwillingsteilchen beliebig weit voneinander entfernt sein. Ich messe und bekomme eine Antwort. Das kann irgendeine Eigenschaft sein, etwa die Farbe. Und in diesem Moment bekommt das andere Teilchen genau die gleiche Eigenschaft.

profil: Warum ist das so?
Zeilinger: Das kann man im klassischen Weltbild nicht erklären. Das kann man nur so erklären, dass es uns lehrt, dass Information wichtiger ist als die Wirklichkeit.

profil: Jetzt lehnen sich die Esoteriker zufrieden zurück und sagen: Das haben wir schon immer gesagt.
Zeilinger: Esoteriker kontaktieren mich tatsächlich immer wieder. Aber die sind naiv. Es ist ihnen nicht klar, wie knallhart mathematisch unsere Aussagen sind.

profil: Freunde, denen ich von unserem Interview erzählt habe, haben mich gebeten, Sie zu fragen, ob die Captain-Kirk-Geschichte aus „Raumschiff Enterprise“ irgendwann einmal Wirklichkeit werden könnte, also das „Beamen“ von Menschen.
Zeilinger: Das werde ich immer wieder gefragt. Bei „Raumschiff Enterprise“ hat man das Beamen erfunden, um Produktionskosten zu sparen. Die Teleportation von großen Objekten ist und bleibt Science-Fiction.

profil: Ein Physiker hat berechnet, was es brauchen würde, einen Menschen zu teleportieren: einen Rechner mit 1028 Kilobyte Speicherplatz. Das wäre eine Festplattensäule, die 10.000 Lichtjahre hoch ist.
Zeilinger: Ja, das ist völlig unrealistisch. Aber der Autor des berühmten Buchs „2001: A Space Odyssey“, Arthur C. Clarke, hat einen klugen Satz geschrieben: Wenn dir ein hinreichend anerkannter Wissenschafter sagt, was in der Zukunft möglich ist, dann hat er wahrscheinlich Recht. Wenn dir derselbe Wissenschafter sagt, was in der Zukunft nicht möglich ist, dann hat er wahrscheinlich Unrecht.

profil: Sie sehen die Gegenstände Ihrer Forschung nicht. Bleibt da nicht vieles im Bereich der Spekulation?
Zeilinger: Quantenteilchen sieht man nicht. Aber wir machen sehr präzise Voraussagen für experimentelle Resultate.

profil: Für Sie ist es ein Erfolg, wenn Ihre Messapparate an irgendeiner Stelle „Klick“ machen. Sehnen Sie sich nicht manchmal nach etwas Optischem?
Zeilinger: Nein. Ich sehe den Unterschied nicht. Für mich sind meine Hände oder Augen Hilfsmittel meines Gehirns. Messgeräte sind genauso nichts anderes als die Fortsetzung meiner Sinnesorgane. Wenn Sie Experimente im Labor machen, und es macht „Klick“, dann ist es unmittelbar, wie wenn Sie etwas mit der Hand angreifen.

profil: Und wann kommt da etwas Konkreteres, Anwendbareres raus als dieses „Klick“?
Zeilinger: Diese Frage höre ich hauptsächlich von Journalisten und von Leuten, die damit Geld verdienen wollen. Den „Normalbürgern“, denen ich erzähle, was ich mache, reicht es, wenn sie sehen: Das ist interessant, es ist spannend, und da lernen wir was Neues über die Welt. Die gleiche Frage würden Sie ja auch nicht stellen, wenn Sie ein Schubert-Trio hören. Aber wir arbeiten konkret an weltweiter Quantenkommunikation mit Satelliten und am Quantencomputer.

profil: Sind Sie ein Anhänger der Urknalltheorie?
Zeilinger: Sie ist eine Möglichkeit. Aber es gibt auch die Theorie, dass es keinen Urknall gegeben hat, sondern dass sich das Universum immer wieder ausdehnt und dann wieder kollabiert.

profil: Der Kirche gefällt die Urknalltheorie, weil sie Platz für einen Schöpfer lässt. Irgendwer muss ja schließlich vorher auf den Knopf gedrückt haben.
Zeilinger: Das ist genau die falsche Argumentation. Wenn ich Anhänger der Urknalltheorie bin, dann gibt es kein Vorher, weil mit dem Urknall erst die Dimension der Zeit begonnen hat.

profil: Halten Sie es für möglich, dass Sie bei Ihren Forschungen eines schönen Tages an den Punkt kommen, an dem Sie sagen: „Jessas, da ist ja der liebe Gott!“
Zeilinger: Den lieben Gott kann man nicht entdecken. Das ist eine Frage des Glaubens und nicht des Wissens. Ich kenne ein paar Leute, besonders aus konservativen kirchlichen Kreisen, die meinen, man könnte Gott nachweisen. Das wäre aber das Ende der Religion. Dann wäre das In-die-Kirche-Gehen nicht mehr eine Frage des Glaubens, sondern des beinharten Kalküls.

profil: Gott ist nicht naturwissenschaftlich erfassbar?
Zeilinger: Nein, das ist er nicht. Die Frage ist: Wo gibt es in den Naturwissenschaften eine Rolle für Gott, die nicht im Widerspruch zu den Naturgesetzen steht – und nie stehen wird? Ich sehe sie dort, wo es grundsätzlich nichts Erklärbares gibt, etwa die Naturgesetze selbst, wie zum Beispiel die Schwerkraft. Denn warum gibt es Naturgesetze? Niemand weiß es, sie sind einfach da.

profil: Da kommt Gott ins Spiel?
Zeilinger: Das ist der Raum, den ich Gott geben kann, wenn ich ein gläubiger Mensch bin, weil er da nicht im Widerspruch zu den Naturwissenschaften steht. Aber das ist eine persönliche Entscheidung.

profil: Dieser Raum wird durch die Erkenntnisse der Naturwissenschaften ständig kleiner.
Zeilinger: Es geht hier um Dinge, die man nie wissen wird. An Gott zu glauben oder nicht ist für einen Naturwissenschafter genauso eine persönliche Frage wie für einen Laien. Gott kann nicht nachweisbar sein, aber er kann auch nicht nicht nachweisbar sein.

profil: Die Biologin Renée Schröder sieht das anders. Sie sagt: Die Wissenschaft hat sich vor 300 Jahren von der Religion befreit. Die Religion ist irrational. Glauben steht diametral zur Wissenschaft.
Zeilinger: Na ja, auch Frau Schröder muss einiges in ihrer Wissenschaft glauben, wie eben die Gültigkeit der Naturgesetze. Die kann man nie beweisen, höchstens widerlegen. Und Atheist sein heißt ja auch glauben – eben daran, dass es keinen Gott gibt. Auch das ist keine beweisbare Position.

profil: Glauben Sie, dass die Evolution zielgerichtet ist?
Zeilinger: Sicher nicht auf so ­naive Weise, dass es ein konkretes Ziel gibt. Allein dass die Naturgesetze – einschließlich der Evolutionsgesetze – so funktionieren, dass es so etwas wie Leben gibt, ist fantastisch. Das steht außerhalb der wissenschaftlichen Erklärbarkeit.

profil: Das könnte doch genauso gut Zufall sein.
Zeilinger: Aber da frage ich: Warum ist die Welt so, dass der Zufall so etwas produzieren kann. Wenn etwa das Planck’sche Wirkungsquantum viel kleiner oder größer wäre, dann gäbe es nicht annähernd die Möglichkeit, dass es Atome gibt. Und damit uns.

profil: Das Planck’sche Wirkungsquantum?
Zeilinger: Das ist die grundlegende Zahl der Quantenphysik, die auch festlegt, wie groß die Atombahnen sind. Eine Naturkonstante. Wenn ich nur sage „Zufall“, dann verlasse ich die Ebene der wissenschaftlichen Erklärbarkeit.

profil: Waren Sie ein hochbegabter Schüler?
Zeilinger: Ich habe jedenfalls die Schule ohne Anstrengungen hinter mich gebracht.

profil: Mit Physik und Chemie als Lieblingsfächern?
Zeilinger: Nicht unbedingt. In Chemie hatten wir einen Lehrer, der schlechter informiert war als zwei von uns. Wir wussten mehr als er. Und das schlug sich in der Note nieder. In Physik hatten wir einen total begeisternden Lehrer. Das war dann das einzige Sehr gut in meinem Maturazeugnis. Mich hat aber auch Griechisch fasziniert.

profil: Kommen Sie aus konservativem Elternhaus?
Zeilinger: Ja und nein. Mein Vater war Biochemiker und wurde Lehrer in einer landwirtschaftlichen Schule in Niederösterreich, später Professor an der Hochschule für Bodenkultur. Meine Mutter stammte aus einer sozialdemokratischen Familie. Ihr Vater war aus Schlesien, ein Bergmann und auch in der Sozialdemokratie aktiv. Er war aber genauso wie mein Vater stark anti-nationalsozialistisch engagiert. Ein Bruder meines Vaters wiederum war eines der ersten NSDAP-Mitglieder in Österreich.

profil: Ist in Ihrer Familie über das Thema geredet worden?
Zeilinger: Nein, es war aber klar, dass die Nazis das Letzte waren. Im Gymnasium hat uns ein Lehrer einmal in eine Ausstellung mit Fotos von NS-Vernichtungslagern geführt. Das war für mich ein Schlüsselerlebnis, ein Schock. Später, in den 1970er-Jahren, durfte ich in den USA emigrierte Wiener treffen. Wenn man dann unmittelbar lernt, was damals geschah, wie manche gerade noch ihre Haut retten konnten und viele andere nicht, dann wird man sehr traurig, dass so etwas überhaupt möglich war. Im eigenen Land, durch Österreicher.

profil: Hat Ihnen je eine Partei ein Angebot gemacht zu kandidieren?
Zeilinger: Ich wurde einmal gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, für die ÖVP in den Nationalrat zu gehen.

profil: Und Ihre Antwort war Nein?
Zeilinger: Man kann nicht beides machen. Man kann nicht Wissenschafter und Politiker sein. Wenn man in der Wissenschaft so an der vordersten Front, an den Grenzen des Wissens arbeitet, dann ist das fast wie eine Droge. Wenn man da ein Jahr weg ist, hat man den Anschluss vollkommen verloren.

profil: Sie haben sich als Befürworter von Studiengebühren und Zugangsbeschränkungen an Universitäten geoutet. Besteht da nicht die Gefahr, dass ein Jahrhunderttalent verloren geht?
Zeilinger: Zugangsbeschränkungen ist das falsche Wort. Ich sehe viele bei uns in der Physik, die viel zu lange etwas studieren, für das sie nicht wirklich geeignet sind. Ich finde es verantwortungslos, diesen Leuten nicht zu sagen, dass das nichts bringt. Die verlieren ja Jahre ihres Lebens. Bei den Studiengebühren gilt das Gleiche. Es kann mir niemand erzählen, dass man sich das nicht leisten kann. Es muss natürlich ausreichend Stipendien geben. Ich kann Ihnen ein gutes Argument für Studiengebühren geben: Als ich Dekan war, gab es Studenten, die zu mir kamen und sagten: „Dieser Professor bereitet sich nicht wirklich vor; wir zahlen schließlich dafür, also können wir das verlangen.“ Das fand ich gut. Seit die Studiengebühren wieder weg sind, kommt niemand mehr.

profil: 2005 zählte Sie die britische Zeitschrift „New Statesman“ zu den „Ten people who could change the world“. Haben Sie das Gefühl, die Welt verändert zu haben?
Zeilinger: Ich weiß es nicht. Durch unsere wissenschaftlichen Arbeiten haben wir sicher Veränderungen herbeigeführt – zumindest innerhalb der Physik. Ich habe auch viel Glück gehabt.

profil: Geht ein Forscher in Pension?
Zeilinger: Ein Forscher geht nie in Pension. Unser System ist verkehrt, weil man in einem gewissen Alter in Pension geschickt wird. Das ist ein Blödsinn. So lange man nicht unter einer Demenzkrankheit leidet, hört die Lust am Forschen nie auf.

Anton Zeilinger, 67
Er ist Österreichs Physik-Star, dem eine Fachzeitschrift schon einmal zutraute, zu den zehn Menschen zu zählen, die die Welt verändern könnten. Der gebürtige Oberösterreicher ist Vorstand des Instituts für Experimentalphysik an der Universität Wien.

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