Braunschlag und das Marienwunder

Mit der TV-Serie „Braunschlag“ beweist der ORF außergewöhnliche Courage. Denn ihr Autor und Regisseur David Schalko demontiert die Macht der Landesfürsten und katholische Verlogenheiten. Schon vorab sorgt das Projekt für Aufregung.

Banyardi ist eine Art „Prada-Priester“, der überprüfen soll, ob das Wunder von Braunschlag in Form einer Marien­erscheinung auch tatsächlich stattgefunden hat. Wunder-Checker, das klingt nach einem überzogenen Satire-Einfall, existieren aber tatsächlich. Im ­Vatikan ist eine eigene Kongregation ausschließlich mit der Verifizierung von übernatürlichen Erscheinungen beschäftigt (profil 42/2010), jeder Beglaubigungsprozess wird mit immensem Personalaufwand betrieben und verschlingt etwa 50.000 Euro. „Es braucht eben die Unterschrift des Himmels“, erklärte Kardinal Schönborn damals im profil-Interview.

Banyardi gibt es billiger – in der sexuellen „Grauzone“ mit einer Dorfschönheit, wo beide artig nebeneinander Hand an sich legen, um in der Leichtversion zu sündigen. „Denk an den Papst!“, fordert sie ihn auf, hoffend, dass dieses Kommando als eine Art Verbal-Viagra Wirkung zeige. Später wird Banyardi, den „Falco“-Hauptdarsteller Manuel Rubey als androgynen Pater Ralph des 21. Jahrhunderts anlegt (rasierte Augenbrauen inklusive), diesen weltlichen Ausrutscher einem Amtskollegen beichten, und zwar so anschaulich, dass dieser bei der Schilderung des Vergehens ebenfalls zu onanieren beginnt.

„Es wundert mich schon, dass das in so einem katholisch geprägten Land möglich ist“, meint der laut Eigendefinition „fröhliche Agnostiker“ Rubey. „Aber ich finde es großartig, dass es passieren kann. Man muss den ORF wirklich einmal loben. Ich bin jetzt bei einer deutschen Agentur, wo viele oft erstaunt sind, was bei uns im öffentlich-rechtlichen Fernsehen möglich ist.“

Der Plot der achtteiligen Serie „Braunschlag“, die kürzlich abgedreht wurde und im Frühjahr 2012 ausgestrahlt werden soll, ist schnell erzählt: Tschach (Robert ­Palfrader), Bürgermeister einer fiktiven Waldviertler Gemeinde (gedreht wurde in Eisengarn), will den Bankrott von Braunschlag abwenden, indem er eine Marien­erscheinung fingiert. Partner in Crime bei dem Täuschungsmanöver ist der örtliche Discobesitzer Österreicher, dargestellt von Nicholas Ofczarek, der in der Folge mit ­einem „Mariamobil“ die Pilger abzockt und mit seinem Spezi im Bastelkeller am hydraulisch gesteuerten Bluttränenfluss einer Marienstatue bastelt.


„Katholizismus, Gier und Alkoholismus“
seien die Hauptingredienzien seiner ­ursprünglich als Kinofilm konzipierten ­Österreich-Betrachtung, so der Autor und Regisseur David Schalko. Aber auch Sex und Macht kommen dabei nicht zu kurz, wobei ein Herr Katzlbrunner (Simon Schwarz) als verlängerter Arm des omnipotenten „Onkels aus St. Pölten“ immer wieder die „Mohnzuzler“ im Waldviertel in die Schranken weist. Bis zur Kenntlichkeit wird in diesen Passagen das Machtbrimborium des niederösterreichischen Landesfürsten Erwin Pröll entstellt, was angesichts eines Staatsfunks, der laut seinem Programmdirektor Wolfgang Lorenz „noch nie so massiv der politischen Einflussnahme“ unterlag „wie heute“, erstaunlich couragiert erscheint.

„Mit ,Braunschlag‘ erwarten wir uns ein scharfes und satirisches Hauptabendprogramm de luxe“, hatte der scheidende Programmdirektor bereits während der Dreharbeiten im Juni verkündet. Doch das verharmlosende Etikett Satire will David Schalko seinem Produkt nicht umgehängt sehen: „Es ist keine Satire, sondern ein rea­listischer Blick auf Österreich, für das unser Waldviertel eben stellvertretend steht.“ Dass in Österreich erhöhte Sumpfgefahr herrscht, hänge damit zusammen, „dass es ein so kleines Land ist, dass die Kontrollinstanzen eben nicht so funktionieren“.

Ob die Kontrollinstanzen des ORF angesichts „dieses ambitioniertesten Serienprojekts, das zurzeit in Produktion ist“ (Lorenz), noch auf die Spaß- oder Mutbremse steigen werden, bleibt abzuwarten – die endgültige Abnahme steht noch aus. ­Heinrich Mis, Film- und Serienchef des ORF, zerstreut jegliche Bedenken: „Die Bücher sind von mir so abgenommen worden, da gibt es keine Zensur im Nachhinein. Es ist ja auch alles fiktional.“ Befürchtungen, dass sich katholische Gremien angesichts eines in ­einem Beichtstuhl onanierenden Priesters, der von seinem Kollegen detailreich eine sexuelle Sünde gestanden bekommt, querlegen könnten, hat Mis keine: „Ich finde es ja geradezu volksbildend, die persönliche Not eines Priesters darzustellen, obwohl ich es wirklich schade fände, wenn die Serie auf diese wenigen, möglicherweise von einigen als blasphemisch-provokant empfundenen Szenen runtergebrochen würde. In Wahrheit geht es um die Not von Protagonisten, die sich in zerbrechenden Sozietäten wiederfinden – das ist der große emotionale Überbau. Das Waldviertel ist in diesem Fall eine Metapher für Österreich.“

Den in „Braunschlag“ persiflierten Wunder-Supermarkt sieht Mis von der ­Realität durchaus übertroffen: „Ich war am Gargano, wo der Padre Pio verehrt wird. Was sich dort abspielt, das ist Blasphemie. Die Blasphemie wird im Leben gespielt und nicht im Fernsehen. Wenn wir uns den Umgang mit den Missbrauchsopfern oder den Fall Groer anschauen, kann man nur sagen: Die Realität ist um noch vieles grauslicher, als wir sie zeigen.“

An eine Skandalwirkung, wie sie einst „Der echte Wiener“ nach sich zog, glaubt Mis im Fall „Braunschlag“ jedoch nicht: „Die Zeiten haben sich wirklich geändert, das ist heute in diesem Ausmaß einfach nicht mehr möglich.“ Die naheliegende Schlussfolgerung, dass der in der Serie immer wieder zitierte „Onkel aus St. Pölten“ mit der überraschend ausgebliebenen Drehförderung des Landes Niederösterreich im Zusammenhang stehen könnte, dementiert Mis: „So kleinlich ist der Erwin Pröll nicht, da steht der drüber. Er hat sich auch persönlich dafür entschuldigt, der Förderungsstelle ist in dem Jahr schlichtweg das Geld ausgegangen.“

David Schalko, der mit John Lüftner im gemeinsamen Unternehmen „Superfilm“ produziert, kommentiert das Ausbleiben der Förderungen lakonisch: „Wir haben um lokale Förderungen angesucht. Warum wir sie nicht bekommen haben, weiß ich nicht. Viel wird uns jetzt als Produzenten nicht überbleiben, aber wir hätten ja auch die Freiheit gehabt, es nicht zu machen.“

Richard Grasl, kaufmännischer Direktor des ORF, bekanntermaßen mit starkem Niederösterreich-Bezug, ist noch diplomatischer: „Mit der Förderpolitik des Landes Niederösterreich hat der ORF nichts zu tun. Es ist Sache der Auftragsproduzenten, die Förderung zu lukrieren. Wir haben das auch budgetiert, nur leider ist die Förderung nie gekommen, was auch unser Budget kräftig durcheinandergebracht hat. Der ORF hat einen beträchtlichen Anteil der fehlenden Summe aus seinem eigenen Budget gezahlt, weil ja der Dreh schon angelaufen war und wir das Projekt, das für einiges Aufsehen sorgen wird, unbedingt machen wollten.“

Für weit weniger prestigeträchtige Projekte – das Unternehmen „Braunschlag“ punktet mit Palfrader, Rubey, Nicholas Ofczarek und Maria Hofstätter auch durch eine Oberliga-Besetzung – scheint es in Niederösterreich nicht an Förderungsgeldern zu fehlen. Für „Soko Donau“ und die politisch ebenfalls unbedenkliche Unterhaltungsserie „Die Steintaler“ wurden im fraglichen Förderungszeitraum 525.000 Euro flüssig gemacht. Kommentar aus St. Pölten: „Das Land Niederösterreich hat auf Empfehlung des Gutachtergremiums für Filmförderung aus budgetären Gründen den Förderantrag abgelehnt. Ausschlaggebend für das Gutachtergremium war der hohe angesuchte Förderbetrag in Höhe von 400.000 Euro für eine Auftragsproduktion sowie der Umstand, dass im Fall einer Zusage zahlreiche andere Filmförderprojekte gefährdet gewesen wären.“

Serien-Bürgermeister Robert Palfrader grinst: „Ich bin überzeugt davon, dass sich der Finanzrat Sobotka das Geld für die zweite Staffel aufhebt und es in der Zwischenzeit gut anlegen wird.“

Karl Mader, dem realen Bürgermeister des Drehorts Eisgarn, ist jedenfalls vor allem eines wichtig: „Es ist nichts Negatives über die Region und die Bevölkerung drinnen.“ Mit den Schauspielern hätte man „nur positive Erfahrungen“ gemacht, denn „die waren sehr aufgeschlossen“.

Von der gesellschaftskritischen Sprengkraft des Projekts sind alle Beteiligten überzeugt. „Die Serie verkörpert Österreich“, so Nicholas Ofczarek. „Und Österreich ist eben auf dem Korruptionsindex ganz oben. Hier geht es um Wahrheit, das ist nicht kabarettistisch. Warten wir ab, zu welcher Uhrzeit der ORF das bringt.“ Heinrich Mis will die Serie nicht „in die Nacht“ ver­räumen, sondern plant den Courageakt, „Braunschlag“ um 21 Uhr einzusetzen, der „ohnehin heimlichen Primetime, denn die Zuschauer kommen immer später nach Hause“.

Am gelassensten scheint der Erfinder David Schalko selbst, der wie so oft den Eindruck erweckt, gerade aufgestanden und entsprechend zerstört zu sein: „Wenn ich schreibe, denke ich nicht daran, ob sich irgendein Stiftungsrat aufregen könnte oder nicht, sondern nur daran, ob etwas innerhalb der erzählerischen Strukturen funktioniert oder nicht.“

Als „eine Art katholischer Atheist, der noch immer nicht ausgetreten ist“, sei er eigentlich der „Idealfall, eine solche Geschichte zu erzählen“. Auch den Reformtrotz der Kirche kann Schalko nachvollziehen: „Die Kirche ist ja keine Partei, die sich alle zehn Jahre neu erfinden muss, sondern eine Glaubensgemeinschaft, die an Dogmen festhält.“

Kennt Alexander Wrabetz die Bücher?
Schalko nickt müde: „Natürlich kennt er zumindest den Inhalt. Man kann den ORF einfach nicht genug dafür loben, sich diese Art von Fernsehunterhaltung zu trauen.“

Mitarbeit: Sebastian Hofer