A Life, A Song, A Cigarette: Halb so wild

Wohin geht die Reise noch? „Das wissen wir selber nicht.“ A Life, A Song, A Cigarette
Wohin geht die Reise noch? „Das wissen wir selber nicht.“ A Life, A Song, A Cigarette

Wohin geht die Reise noch? „Das wissen wir selber nicht.“ A Life, A Song, A Cigarette

Die Wiener Band A Life, A Song, A Cigarette befreit sich mit ihrem vierten Album „All That Glitters Is Not Gold“ vom Hype der frühen Jahre und wirkt dabei entspannter denn je.

Der Zeitgeist ist ein Hund. Wer ihn trifft, braucht sich um lautes Gebell nicht zu sorgen. Sobald er aber weitergezogen ist, bleibt man allein zurück. A Life, A Song, A Cigarette hatten einmal das Glück, den Geist der Zeit zu treffen. Als ihr Debütalbum „Fresh Kills Landfill“ 2007 erschien, arbeitete sich die internationale Musikpresse an Schlagwörtern wie „Indie-Folk“, „Alternative Country“ und „Singer/Songwriter-Pop“ ab. Bands wie Bright Eyes und Arcade Fire dominierten die Indie-Charts, und Österreich hatte mit A Life, A Song, A Cigarette sein eigenes Liebkind.

Im Jänner 2016, zehn Jahre nach dem Hype, sitzt die fünfköpfige Wiener Band zur Mittagsstunde im Café Rüdigerhof beim Wiener Naschmarkt. Es wird viel geraucht, Kaffee und Soda-Zitrone getrunken – und man fragt sich, ab welcher Uhrzeit es in Ordnung ist, bei einem Interview das erste Bier zu bestellen. Der Rock’n’Roll hat es heute, wie man sieht, nicht mehr ganz leicht: Statt großer Konzerttourneen und durchzechter Nächte wird die Gegenwart der fünf Musiker von Büroalltag, Kinderbetreuung und Zeitmanagement bestimmt.


Unsere Musik war nicht mehr neu, die Band war nicht mehr neu – und wir waren nicht mehr ganz so jung.

Wahrscheinlich ist genau dies der Grund dafür, warum die Band beim Interview-Termin mit profil entspannter denn je wirkt. Stephan Stanzel (Gesang und Gitarre), Hannes Wirth (Gitarre), Martin Knobloch (Bass), Lukas Lauermann (Cello und Keyboard) und Daniel Grailach (Schlagzeug) haben sich in den vergangenen Jahren nicht nur als Band-Kollektiv musikalisch gefunden, sondern auch mit den Notwendigkeiten des Erwachsenendaseins arrangiert. Die Sturm-und-Drang-Zeit ohne Verbitterung hinter sich zu lassen, kann durchaus ein Akt der Befreiung sein.

Selbstverständlich war das allerdings nicht. „Wenn man schon Jahre im Musikgeschäft ist und irgendwann nur noch vor ein paar Leuten spielt, stellt sich die Frage, wie lange man das noch machen möchte“, sagt Schlagzeuger Grailach und meint damit die Zeit nach dem dritten Album. „Tideland“, 2012 erschienen, war ein Wendepunkt, darin sind sich die fünf Bandmitglieder heute einig. Die Gründe dafür sind so banal wie nachvollziehbar: schwindende Aufmerksamkeit, Verkaufszahlen hinter den Erwartungen, Abnutzungserscheinungen und die ernüchternde Feststellung: „Unsere Musik war nicht mehr neu, die Band war nicht mehr neu – und wir waren nicht mehr ganz so jung.“ Für Konzerte und Festivals wurde die Band, die Mitglieder sind heute zwischen 30 und 44, kaum gebucht. Der Zeitgeist nimmt eben auch auf ehemalige Liebkinder keine Rücksicht.

Fünf Freunde sollt ihr sein. V.l.n.r.: Martin Knobloch (Bass), Daniel Grailach (Schlagzeug), Lukas Lauermann (Cello und Keyboard), Stephan Stanzel (Gesang und Gitarre) und Hannes Wirth (Gitarre)

Fünf Freunde sollt ihr sein. V.l.n.r.: Martin Knobloch (Bass), Daniel Grailach (Schlagzeug), Lukas Lauermann (Cello und Keyboard), Stephan Stanzel (Gesang und Gitarre) und Hannes Wirth (Gitarre)

Vier Jahre nach dem Wendepunkt erscheint nun das überraschend intime, in seiner scheinbaren Ruhe seltsam aufwühlende vierte Album „All That Glitters Is Not Gold“. Neues Label, neues Glück. Die Band bezeichnet die Veröffentlichung als eine Art zweites Debüt: „Wir haben uns gesagt: Warten wir ab, was passiert“, so Gitarrist Hannes Wirth. Vor allem die Arbeit mit dem Produzenten Stefan Deisenberger (Naked Lunch) im hauseigenen Studio in Wien-Ottakring, der Tonkombüse, hat für die Musiker neue Perspektiven eröffnet. Man will nun alles ein wenig ruhiger angehen und einem gut gemeinten Ratschlag folgen: „Spielt alles einmal halb so schnell.“

Die neue Entspanntheit spiegelte sich auch im Songwriting und im Aufnahmeprozess wider. Erstmals in ihrer Karriere gingen die Musiker ohne fertige Kompositionen ins Studio, vertrauten einzig auf ihr Bandgefüge. Am Ende standen elf Songs, eingespielt in sieben Sessions, verteilt über einen Zeitraum von zweieinhalb Jahren. Auch die Texte, bislang ausschließlich Aufgabe von Sänger Stephan Stanzel, wurden teilweise erst Stunden vor der Aufnahme verfasst.


Wir machen Popmusik, mehr nicht.

Experiment geglückt: Die Wende wurde nicht zur Krise, das Lebensabschnittsalbum gelang. „Wir sind glücklich mit dem Ergebnis“, so die Band einhellig. Ihrem Stil ist die Gruppe in all den Jahren treu geblieben. Mit der Kategorisierung Alternative-Country konnte die Band jedoch nie etwas anfangen: „Wir machen Popmusik, mehr nicht“, sagt Bassist Knobloch, der im Brotberuf als Jurist arbeitet.

Einfacher geworden ist bei all der neugefundenen Spielfreude das Popgeschäft nicht. Aktuelle Erfolgsprojekte wie Bilderbuch und Wanda sagen wenig darüber aus, ob auch in Zukunft mehr heimische Kreative ihrem Dasein als Teilzeitmusiker entkommen können werden. Die Konkurrenz wird größer, Veranstalter jammern über wenig Geld, und die Gagen decken kaum die Fixkosten einer Konzertreise. Auf Tour zu gehen, immer noch der Hauptantrieb von A Life, A Song, A Cigarette, wird leicht zum finanziellen Trauerspiel. Nach einer Handvoll Shows und einer Negativbilanz von 1500 Euro fällt es nicht immer leicht, tausende Kilometer durch halb Europa zu tingeln.


Andere leisten sich einen Urlaub, wir gönnen uns eben eine Tour.

„Nach dem ersten Album haben wir noch auf jedem Misthaufen gespielt“, wirft Cellist Lukas Lauermann lachend in die Runde.
Der ruhige 30-Jährige ist das einzige Bandmitglied, das von der Musik leben kann. Zwischen Pop, Theater und Performance spielt er in zahlreichen Projekten. „Andere leisten sich einen Urlaub, wir gönnen uns eben eine Tour.“

Wohin geht die Reise noch? „Das wissen wir selber nicht,“ sagt Sänger Stanzel abschließend: Das Album sei fertig, die ersten Shows seien gebucht, der Rest sei offen. Für A Life, A Song, A Cigarette spielen große Erwartungen zwischen Bühne und Bürojob nach über einem Jahrzehnt im Geschäft ohnehin keine Rolle mehr. Sie verstehen sich als Freunde, die immer noch froh darüber sind, gemeinsam Musik machen und unterwegs sein zu können.

Vielleicht geht es einfach nur darum im Rock’n’Roll: das zu machen, was man gerne macht. Am besten gemeinsam.

Zum neuen Album „All That Glitters Is Not Gold“

„Where are we going to? Darling I have no clue“, singt Bandgründer Stephan Stanzel auf „Blindhearted“ und setzt damit den Ton für das vierte Album: düstere Wege, unsicherer Ausgang, aber auch das Vertrauen, Song für Song ein wenig Licht in die eigene Existenz zu bringen. Der von Shakespeare geliehene Albumtitel „All That Glitters Is Not Gold“ zieht sich als roter Faden durch die elf Songs. Mehr Schein als Sein? Mitnichten: A Life, A Song, A Cigarette zelebrieren ihren melancholischen Indiepop als Kammerspiel, das in seiner stoischen Ruhe erst wieder die nervöse, fast fiebrige Intensität der früheren Alben entwickelt. Musikalisch drückt sich diese Gelassenheit durch beschauliches Tempo, dezent eingesetzte Gitarren und feingliedrige Glockenspiel- und Cellotöne aus. Selbst der nachdenklich-distanzierte Gesang lässt den trüben Grundton nicht alleine zurück: „I feel easy and free with all the sadness I see / Let’s go and kill another day“ heißt es auf dem Stück „Simmering (Part II)“. Am Ende führt der Weg eben doch noch nach Hause.

A Life, A Song, A Cigarette - Blindhearted (official)

„All That Glitters Is Not Gold“ erscheint am 29. Jänner bei Wohnzimmer Records.

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