Marcus Franz über „Anomalien” Kinderlosigkeit und Homosexualität

Marcus Franz über „Anomalien” Kinderlosigkeit und Homosexualität

Der Stronach-Abgeordnete und Arzt Marcus Franz wechselt zur ÖVP. Im November 2013 sprach Franz in einem profil-Interview über das Amoralische an Kinderlosigkeit und Demonstrationsverbot für Schwule in der Innenstadt.

Interview: Eva Linsinger

profil: Sie sind Geruchsforscher. Wie riecht es denn im Parlament?
Marcus Franz: Nach viel Politik, nach langer Vergangenheit und, ehrlich gesagt, ein bisschen staubig. Der Geruch hat mich an das Naturhistorische Museum erinnert.

profil: Wie riecht es im Team Stronach?
Franz: Nach sehr viel Zukunft.

profil: Es gibt Parteiausschlüsse und Chaos. Haben sich da zu viele Opportunisten zusammengefunden?
Franz: Wie bei jeder neuen Partei sind Glücksritter und Opportunisten dabei und manche, denen es vor allem ums Geld geht. Den Dreck, der aus diesem Spannungsfeld entsteht, lässt man am besten vorbeischwimmen. Wenn Debatten, wie jetzt in Kärnten, abgleiten in Fragen, wer hat wem die Frau weggenommen, dann ist das ein notwendiger Reinigungsprozess. Der wird noch ein halbes Jahr dauern.

profil: Welche Rolle hat Frank Stronach?
Franz: Ich sehe ihn als eine Art eigenwilliger Senator. Als Internist habe ich viel mit älteren Menschen zu tun und kann damit gut umgehen. Stronach ist gut beieinander. Tendenzen zu einer Art gutmütiger Starrsinnigkeit sind aber zu beobachten.

profil: Wie gehen Sie als Arzt damit um?
Franz: Starrsinnigkeit ist unproblematisch, wenn man mit Argumenten landen kann. Das gelingt durchaus.

profil: Sie sind ein ehemaliger ÖVP-Sympathisant. Ist das Team Stronach für Sie eine bürgerliche Partei?
Franz: In gewisser Hinsicht ja. Aber es ist schon eine sehr bunte Gruppe. Das finde ich positiv.

profil: Sie haben viele Kommentare in Zeitungen geschrieben und beklagen darin oft den Niedergang bürgerlicher Werte. Welche Werte vermissen Sie?
Franz: Eigenverantwortlichkeit und Individualismus. Die Staatsgläubigkeit hat sich breitgemacht. Der Einzelne kennt nur mehr Rechte, aber keine Pflichten. Denken Sie an den Umgang mit Armut. Da wird viel zu wenig geschaut, warum jemand arm ist. Ist jemand arbeitsunwillig? Will er nicht anders?

profil: Glauben Sie, dass Arme selber schuld sind?
Franz: Nicht alle, aber wohl 30 Prozent.

profil: Ihrer Analyse nach ist für den Werteverfall mitverantwortlich, dass Religion keine so große Rolle mehr spielt.
Franz: Es war natürlich alles einfacher, als es noch den Kaiser gab von Gottes Gnaden. Man hat oft den Eindruck, dass Menschen, die in einfacheren Verhältnissen leben, aber religiös sind, glücklicher sind.

profil: Sie glauben an arm, aber glücklich?
Franz: Es gibt sicher viele unglückliche Arme. Aber in Bhutan, dem glücklichsten Land der Welt, sind viele arm, aber gläubig. Daher muss es am Glauben hängen. Wobei man nicht alle katholisch machen oder irgendwie gläubig machen muss – ich bin ja kein Missionar.

profil: Die Säkularisierung ist wohl nicht rückgängig zu machen.
Franz: Aber zu verlangsamen. Man kann niemand in den Glauben hineinprügeln, das ist ja versucht worden, aber nicht sehr erfolgreich.

profil: Wie wollen Sie die Säkularisierung verlangsamen?
Franz: Wenn ich das wüsste, wäre ich ein Guru, und es würden abertausende Leute hier vor der Türe stehen. Ich will Bewusstsein für die Problematik schaffen und in der Politik dafür werben, dass man auch anders als mit Materialismus glücklich wird.

profil: Wenn Materialismus verwerflich ist – warum beklagen Sie hohe Steuern?
Franz: Es gibt sehr viele Menschen, die über einen Verteiler namens Staat unterstützt werden, ohne dass man mitreden kann. Steuern über 40 Prozent werden als schmerzhaft empfunden. Jeder soll selber bestimmen, wo die Steuern hingehen – so wie es früher war mit den Almosen.

profil: Statt Steuern zu zahlen, wollen Sie einen Bedürftigen Ihrer Wahl unterstützen?
Franz: Das fordern Berühmtere als ich, etwa Peter Sloterdijk. Steuern sind so zwanghaft.

profil: In anderen Bereichen plädieren Sie für Zwänge – etwa gegen Kinderlose. Ist es nicht das Recht jedes Menschen, sich für oder gegen Kinder zu entscheiden?
Franz: Die Moral ist auch eine freie Entscheidung. Und freiwillige Kinderlosigkeit ist aus meiner Sicht amoralisch. Das ergibt sich klar aus dem Kant’schen Prinzip: Wenn das jeder macht, ist die Welt bald tot.

profil: Das Gegenteil ist der Fall: Die Weltbevölkerung wächst.
Franz: Aber wir haben das Problem der Überalterung. Wenn Menschen, die gesund genug sind, um Kinder zu bekommen, welche in die Welt setzen und sie zur Adoption freigeben, wäre das viel moralischer, als überhaupt keine Kinder zu bekommen.

profil: Es soll die Pflicht von allen sein, Kinder zu bekommen?
Franz: Ja. Wir haben durch Pille und Co. sehr viele Möglichkeiten zu verhüten. Dabei ist Fortpflanzung unser Lebenszweck. Dass Sie eine Frau sind und ich ein Mann, ist unser Urzweck. Wir könnten uns theoretisch vereinigen und jetzt ein Kind zeugen.

profil: Ich stelle lieber weiter Fragen.
Franz: Ich bin eh verheiratet und treu. Aber jeder Mann und jede Frau haben im Ursinn des Lebens die Möglichkeit, sich zu vereinen. Wenn man das nicht mehr macht, ist das eine Todeserklärung.

profil: Verhütung ist aus Ihrer Sicht auch amoralisch?
Franz: Wenn ich es immer betreibe und gar keine Kinder will, ist es amoralisch.

profil: Wie soll das funktionieren? Wenn eine Frau 35 Jahre ist und kinderlos – bekommt Sie Verhütungsverbot?
Franz: Ich will nur das Bewusstsein schärfen. Denn mit 60 Jahren mit allen Mitteln der Medizin Mutter zu werden, das ist höchst fragwürdig.

profil: Sie wurden mit 46 Jahren Vater.
Franz: Das ist aber moralisch. So ist halt die Biologie.

profil: Ist Abtreibung legitim?
Franz: Das ist das heikelste Thema überhaupt. Legitim ist es sicher nie. Dennoch ist die Fristenlösung eine gute Lösung. Kriminalisierung bringt auch nichts.

profil: In Ihrem Wertegerüst: Ist Homosexualität amoralisch?
Franz: Wenn ich strenge Moralmaßstäbe anlege, ist es mit Sicherheit amoralisch, wiewohl es in den Genen steckt. Es gibt auch im Säugetierreich Homosexualität, bei Hunden oder Affen. Und das ist eine genetische Anomalie. Denn wenn es auf einmal ganz normal wäre, wäre die Welt schon ausgestorben. Ich werte jetzt nicht, sondern sage – es ist außerhalb des normalen biologischen Mainstreams.

profil: Sind Sie für die Homo-Ehe?
Franz: Es kann eine Partnerschaft geben, das ist okay, aber eine Ehe kann nicht sein. Eine Ehe kann nur zwischen Mann und Frau funktionieren. Denn nur dort gibt es Fortpflanzung.

profil: Sollen homosexuelle oder lesbische Paare Kinder adoptieren können?
Franz: Das muss man im Einzelfall entscheiden. Es gibt schlechte normale Eltern – da ist es möglicherweise besser, es wächst ein Kind bei Homosexuellen auf als in zerrütteten Verhältnissen.

profil: Sie haben in einem Kommentar über die Homo-Parade am Ring geschrieben, dass hier „eine undemokratische Bevorzugung einer Minderheit auf Kosten der Mehrheit“ stattfinde. Wie meinen Sie das?
Franz: Die Mehrheit will die Ringstraße haben, um Auto zu fahren, Fahrrad zu fahren, spazieren zu gehen. Sie muss sich aber zurückziehen aus einer ganz zentralen städtischen Zone, weil demonstriert wird. Das gilt nicht nur für die Schwulenparade, das gilt für alle Demonstrationen. Es muss nicht am Ring demonstriert und Stau verursacht werden.

profil: Das Demonstrationsrecht ist eine wichtige Säule der Demokratie.
Franz: Die Leute könnten im Prater demonstrieren oder auf der Donauinsel, mit Übertragungspflicht für das öffentlich-rechtliche Fernsehen. Aber nicht in der Innenstadt.

profil: Mit Demos will man auf Anliegen aufmerksam machen. Am Stadtrand, wo’s keiner merkt, ist das sinnlos.
Franz: Demonstrationen sollen stattfinden, wo es niemandem wehtut, und in Zonen verlagert werden, wo normale Bürger nicht sind.

profil: Also Schwule sollen nur auf der Donauinsel demonstrieren dürfen.
Franz: Ja, warum nicht, das wäre eine Gesetzesnovelle, die ich mir für alle Demos vorstellen könnte. Sonst tanzen die Minderheiten der Mehrheit auf der Nase herum. Der zentrale städtische Raum kann nicht blockiert werden.

profil: Zu einem anderen Thema: Mich wundert, dass Sie als Arzt gegen Rauchverbote sind.
Franz: Ich habe selber geraucht bis vor zwei Jahren, bin auch dafür, dass man sagt, dass Rauchen ungesund ist, habe aber kein Verständnis für diese dauernden Verbote. Verbote sind illiberal. Von mir aus soll Rauchen teurer werden und in Zonen verbannt, aber nicht verboten.

profil: Sollen auch andere ungesunde Gewohnheiten teurer werden?
Franz: Wäre ich sofort dafür. So wie eine Tabaksteuer soll es auch eine Fettsteuer geben. Wenn jemand sich wirklich dauernd fette Wurst kaufen will, soll er das tun. Aber die Wurst soll teurer sein, um einen Euro vielleicht. Und die Gelder sollen ins Gesundheitssystem fließen.

profil: Was soll sich sonst im Gesundheitssystem ändern?
Franz: Es soll statt der nach Gehalt gestaffelten Sozialversicherung einen Einheitstarif geben und auch eine Einheitskasse. Das wäre wesentlich gerechter. Wir haben derzeit keine Zwei-Klassen-Medizin, sondern eine Zig-Klassen-Medizin.

profil: Wie viel soll jeder zahlen müssen?
Franz: Derzeit liegen die Gesundheitskosten pro Kopf bei etwa 350 Euro im Monat. Das wird sich aber nicht jeder leisten können, da wird es Unterstützung geben. Aber eine Reform muss in den kommenden Jahren passieren, denn das System stößt an seine Grenzen. Ich will den Menschen reinen Wein einschenken. Deshalb gehe ich in die Politik.

profil: Wer ist Ihr politisches Vorbild?
Franz: Eine Mischung aus Bill Clinton und Ronald Reagan erscheint mir als guter Ansatz.

Marcus Franz, 50
Der Internist ist Primar am Wiener Ordenskrankenhaus Hartmannspital und zog am vergangenen Dienstag für das Team Stronach ins Parlament ein.

Anmerkung: Das Interview wurde autorisiert.