Sie haben ja dann auch Jus studiert.
Kopf
Ich dachte: Rechtsanwalt kenne ich, das will ich unbedingt werden. Dann habe ich für einen gearbeitet und wollte es nicht mehr. Die KI wird nicht nur Konzipienten unter Druck bringen.
Täuscht der Eindruck, dass klassische Einstiegsjobs wegfallen?
Kopf
Es gibt erste Hinweise, dass qualifizierte Einstiegsjobs in Bereichen wie IT, Kommunikation, Recht oder Buchhaltung zurückgehen. Es ist mir aber noch zu früh, das zu interpretieren. Das Thema Einstiegsjobs für junge Akademiker wird aber sicher ganz viel Niederschlag in den Medien finden.
Weil es die Kinder der Journalisten betrifft?
Kopf
Genau, auch über Jobabbau in der Medienbranche wird sehr viel berichtet. Oder denken Sie an die Diskussion um die „Generation Praktikum“ damals. Da waren sehr oft Leute betroffen, die Publizistik studiert haben. Das war ein Riesenthema, obwohl es die „Generation Praktikum“ eigentlich gar nicht gab. Die Arbeitslosenquote von Akademikerinnen und Akademikern liegt bei 3,4 Prozent. Und selbst wenn sie auf fünf Prozent stiege, wäre sie unter der aller anderen Gruppen. Also das besorgt mich weniger.
Sehen Sie momentan Signale für eine Erholung am Arbeitsmarkt?
Kopf
Wir sind aus der Rezession draußen. Die Arbeitslosigkeit wäre ab Ostern gesunken, hätte der Iran-krieg nicht begonnen. Jetzt sinkt sie zumindest in manchen Bundesländern. Und Unternehmen melden uns wieder geringfügig mehr offene Stellen. Grund zur Freude ist das aber noch nicht. Ich sehe auch fürs nächste Jahr nicht die große Erholung. Wir haben eine leicht positive Seitwärtsbewegung.
Sie haben sehr viel mit Zahlen zu tun. Gibt es konkrete Zahlen, die Ihnen Hoffnung machen?
Kopf
Ich finde gut, dass die Beschäftigung bei den Geflüchteten und bei den Vertriebenen deutlich steigt.
Ist das bloß darauf zurückzuführen, dass seit Jahresbeginn subsidiär Schutzberechtigte auch in Wien und Tirol keinen Anspruch mehr auf Mindestsicherung haben?
Kopf
Nein, wir wussten zum Beispiel, dass bei Syrern die Integration in den Arbeitsmarkt etwas länger dauern wird als bei Afghanen.
Warum?
Kopf
Weil Syrer im Schnitt höher qualifiziert sind. Sie mussten aber erst die Sprache besser lernen, um auch in höher qualifizierte Jobs zu kommen. Für unqualifizierte Jobs ist das nicht so wichtig. Deswegen sind afghanische Flüchtlinge früh beschäftigt gewesen. Die Zahlen bei den Syrern in Beschäftigung steigen jetzt massiv.
Wie steht es um die Vertriebenen aus der Ukraine?
Kopf
Auch bei Personen aus der Ukraine sehen wir, dass sie sich ihr Leben hier einrichten. Da hatten viele die Hoffnung, dass sie nur ein paar Monate bleiben und dann wieder in die Ukraine zurückkehren können. Das sind Effekte, die wir in allen Bundesländern beobachten können.
In Wien ist die Zahl der arbeitslos gemeldeten subsidiär Schutzberechtigten im Mai gegenüber dem Vorjahr um 36 Prozent gesunken.
Kopf
Gut ein Drittel davon lässt sich damit erklären, dass die Leute wegen der Kürzung der Sozialleistungen tatsächlich Arbeit aufgenommen haben. Der zweite Effekt ist, dass der Anreiz, nach Wien zu gehen, kleiner geworden ist. Die Leute bleiben in den Bundesländern.
Und das dritte Drittel?
Kopf
Die sind aus dem Erwerbsleben ausgeschieden. Das könnte zum Beispiel die Ehefrau sein, die durch die Kürzung auf die Grundversorgung jetzt kein Geld mehr bekommt und sich deswegen gar nicht mehr arbeitslos meldet.
War die Kürzung der Sozialleistungen also ein Erfolg?
Kopf
Gut ist ganz sicher, dass die Arbeitslosigkeit zurückgeht. Das sagt aber nichts über die Qualität der Arbeit. Möglicherweise liefert jetzt jemand Pizza aus, der mit der richtigen Förderung eine qualifizierte Fachkraft geworden wäre. Dann war die Kürzung zwar gut in Bezug auf Beschäftigungsaufnahme, aber schlecht in Bezug auf nachhaltige Integration. Ganz allgemein gilt: Armutsvermeidung und Arbeitsanreiz stehen in einem Widerspruch. Das sind einander widersprechende Ziele, die beide wichtig sind. Wenn wir das Arbeitslosengeld in Österreich halbieren, haben wir weniger Arbeitslose. Das ist so. Aber wir haben auch mehr Armut, weil trotzdem Leute keinen Job finden.
Derzeit verhandelt die Regierung eine Reform der Sozialhilfe. Arbeitsfähige Asylberechtigte sollen weniger Unterstützung erhalten. Wird das auch mehr Menschen in Beschäftigung bringen?
Kopf
Es gibt zwei Personengruppen, da will ich gar nicht den ganz schnellen Weg auf den Arbeitsmarkt. Erstens: Leute, die Qualifikation mitgebracht haben. Wir haben mehr als 200 Ärzte auf dem Weg ihrer Nostrifikation begleitet. Es dauert im Durchschnitt drei Jahre, bis du Deutsch auf C1-Niveau kannst und alle Ergänzungsprüfungen auf der Medizin-Uni gemacht hast. Aber das ist es natürlich wert.
Und die zweite Personengruppe?
Kopf
Das sind alle Jungen unter 25 Jahren. Ganz viele von den jugendlichen Geflüchteten, die hier sind, könnten mit der richtigen Förderung wunderbare Fachkräfte von morgen werden. Da will ich gar nicht, dass sie Gurken pflücken. Wenn man die demografischen Zahlen anschaut, dann fehlen in Österreich vor allem qualifizierte Fachkräfte, also Menschen mit Lehrabschluss und in der Pflege. In manchen Bundesländern wie Steiermark und Kärnten wird es da einen unglaublichen Mangel geben.
Wird der demografische Wandel unterschätzt?
Kopf
Und wie! Das Thema wird überhaupt nicht ernst genommen, weil uns seit drei Jahrzehnten Wissenschafter und Statistiker davor warnen und nichts passiert ist. Der Grund, warum nichts passiert ist, war die EU-Osterweiterung um 13 Staaten in unmittelbarer Nachbarschaft. Da sind richtig viele gut qualifizierte Leute zu uns gekommen, die auch noch jung waren. Gegenüber 2008, dem Jahr vor der Wirtschafts- und Finanzkrise, sind fast 700.000 zusätzliche Personen auf unserem Arbeitsmarkt. Und die Geflüchteten: Wir haben fast 70.000 aus Syrien, Afghanistan, Iran und Irak beschäftigt, über 30.000 aus der Ukraine. Und jetzt sagt die Statistik Austria: Selbst bei einem prognostizierten Zuzug von 30.000 Ausländern pro Jahr nach Österreich wird in Kärnten die Erwerbsbevölkerung um 17 Prozent zurückgehen, in der Steiermark um 12 Prozent.
In Wien ist die Lage umgekehrt.
Kopf
In meiner Schulzeit war Wien das älteste Bundesland, heute ist es mit Abstand das jüngste. Wien wird überhaupt kein Arbeitskräfteproblem kriegen. Wenn ich mir das Bevölkerungswachstum von Wien und die Beschäftigungsquoten der Migranten ansehe, dann wird Wien 2050 einen Anstieg der Erwerbsbevölkerung um neun Prozent haben. Das ist vielleicht super für die Firmen, aber für mich als AMS-Chef eigentlich eine schlechte Nachricht, weil wir in Wien jetzt schon zu wenig Jobs haben.
Sie haben sich stets für eine Residenzpflicht für Geflüchtete ausgesprochen. Sehen Sie sich bestätigt?
Kopf
Die Idee einer Residenzpflicht wäre richtig gewesen und ist es auch noch immer.
Woran scheitert es?
Kopf
Ganz einfach: Wien ist dafür, die anderen acht Bundesländer sind dagegen. Die sind froh, wenn diese Leute nach Wien ziehen. Die veränderte Demografie ist ein Kernthema bei meinen Vorträgen vor Branchenvertretern, in den Bundesländern, auf Konferenzen. Ich erzähle überall dasselbe. In Mürzzuschlag wird die Zahl der Erwerbstätigen bis 2050 um mehr als 20 Prozent zurückgehen. Wenn ich Politiker in Mürzzuschlag wäre, würde ich mich nicht freuen, dass alle jungen Migranten nach Wien ziehen.
Wie schätzen Sie das Potenzial der jungen Geflüchteten ein?
Kopf
Wir haben jetzt zwei Jahre Erfahrung mit unter 25-Jährigen in unseren Jugendcolleges, das sind insgesamt 5000 Plätze vor allem für junge Menschen. Das bedeutet ein Jahr lang 30 Wochenstunden wie in der Schule: Sprachunterricht in Deutsch und Englisch, Pflichtschulabschluss, Berufsinformationswochen. Je nach Kurs schaffen es 40 bis 50 Prozent, binnen drei Monaten einen Job aufzunehmen, und bis zu zehn Prozent schließen eine Ausbildung an. Das gibt mir Hoffnung. Das Fazit lautet: Wenn man diese jungen Menschen intensiv betreut, dann gelingt auch etwas.
Seit 8. Juni kann man die neue Weiterbildungszeit beantragen. Wie ist das Nachfolgemodell der Bildungskarenz angelaufen?
Kopf
Es ist erkennbar, dass es wieder einen massiven Schwerpunkt im Bereich Studieren gibt.
Die ohnehin Qualifizierten holen sich eine Zusatzqualifizierung?
Kopf
Das hat man so erlaubt. Ich finde es nicht ideal, aber so ist es. Es sind sogar solche dabei, die haben schon ein abgeschlossenes Studium und machen jetzt noch ein zweites. Ich habe nichts dagegen, aber das muss nicht unbedingt aus Mitteln der Arbeitsmarktpolitik finanziert werden. Wir sind die Arbeitsmarktförderung, nicht die Stipendienstelle. Akademiker, die schon ein Studium haben, haben eigentlich eh ganz gute Jobchancen.
Die teure Bildungskarenz wurde abgeschafft, weil sie vielfach zur Verlängerung der Elternkarenz oder von Akademikern als Auszeit vom Job genutzt wurde. Sollte man die Weiterbildungszeit vielleicht auch gleich wieder sein lassen?
Kopf
Nein. Ein Teil macht natürlich auch die Meisterprüfung oder eine fachliche Qualifizierung. Außerdem ist es noch viel zu früh, das wirklich zu beurteilen.
Wie zufrieden sind Sie aus AMS-Sicht mit dem Doppelbudget?
Kopf
Die Beschlüsse zum Budgetbegleitgesetz sind noch nicht erfolgt. Ich habe den exakten Wert für das AMS-Budget noch nicht schriftlich. Aber ich sehe ein echtes Bekenntnis, dass bei aller Sparnotwendigkeit zumindest die Mittel im Arbeitsmarkt nicht reduziert werden. Das ist eine gute Neuigkeit. Hätte ich lieber, man würde aus dieser Krise heraus investieren? Ja natürlich.
Dafür fehlt jetzt das Geld.
Kopf
Ich bin dafür kritisiert worden, dass ich gesagt habe: Wir haben viele Jahre über unsere Verhältnisse gelebt. Aber es stimmt. Dass man im Jahr 2022 bei fünf Prozent Wirtschaftswachstum drei Prozent Defizit macht, ist aus meiner Sicht verwerflich und nicht erklärbar. Wenn man da keine Überschüsse erzielt, dann hat man kein Geld für eine Krise.
Sie werden im September 53. Wie viele Jahre haben Sie dann noch bis zur Pension?
Kopf
Zwölf nach dem geltenden Pensionsrecht. Wenn es nach mir geht, dann müsste ich sogar länger arbeiten als zwölf Jahre.
Wie lange?
Kopf
Na ja, bis 67 ist wohl jedenfalls notwendig. Ehrlich gesagt, hätte ich es mir für dieses Budget schon erwartet, aber das war halt nicht mehrheitsfähig.