Afghanistan: "IS" nistet sich am Hindukusch ein

Artillerie-Einschlag im Spinghar-Gebirge: Nach fast drei Monaten hat die "Operation Adler 10" nur wenige Erfolge vorzuweisen.

Artillerie-Einschlag im Spinghar-Gebirge: Nach fast drei Monaten hat die "Operation Adler 10" nur wenige Erfolge vorzuweisen.

Während der sogenannte "Islamische Staat“ in Syrien und im Irak schwere Rückschläge erleidet, machen sich Ableger der Terrormiliz in Afghanistan breit - und wüten nicht nur gegen die Regierung, sondern auch gegen die Taliban.

In unregelmäßigen Abständen dröhnt Geschützdonner über das Schlachtfeld. Wenn eine 122-Millimeter-Granate in den knochentrockenen, steinigen Boden eingeschlagen ist, herrscht kurz Stille - dann hallt das Echo der Explosion von der schneebedeckten Bergkette wider, die hinter dem umkämpften Dorf aufragt.

Zwischendurch feuert ein russisches SPG-9-Kopye-Geschütz. Die Soldaten haben es neben einem Laubbaum platziert, um den weißer Pulverdampf wabert und der mit jeder Salve mehr und mehr Blätter verliert.

Dann wieder rattern Maschinengewehre.

Es sind Soldaten der afghanischen Armee, die hier schießen. Und ihr Gegner ist ein Ableger des sogenannten "Islamischen Staats“ (IS).


Wenn sie feuern, zieht eine schwarze Rauchspur hinter ihnen her.

Einige Zeit lang hat der Gegner drüben stillgehalten. Doch dann beginnen die Extremisten plötzlich zurückzufeuern. Jetzt ist das Zischen von Kalaschnikow-Projektilen zu hören. Einige schlagen im Boden ein, andere klatschen an die hellbraunen Lehmmauern eines nahe gelegenen Bauernhauses.

Panisch sucht der afghanische Soldat, der das Geschütz bedient hat, Deckung hinter einem ein paar Meter entfernt geparkten, gepanzerten Jeep.

Zwei schwarze Esel galoppieren, verwirrt vom Gefechtslärm, wild hin und her. Der Himmel ist blau, die Sonne scheint. Zwei Helikopter der afghanischen Armee kreisen über dem Bauerndorf und versuchen, die Stellungen des IS auszumachen, um sie mit ihren Bordkanonen bekämpfen zu können. Wenn sie feuern, zieht eine schwarze Rauchspur hinter ihnen her.

Seit Wochen kämpfen afghanische Sicherheitskräfte im Dorf Batan gegen den IS, der sich im Distrikt Achin in der Provinz Nangarhar eine Hochburg aufgebaut hat. Während die Terrormiliz in Syrien und im Irak schwere Rückschläge erleidet, haben sich ihre Ableger im Grenzgebiet zu Pakistan eingenistet. Laut Vereinten Nationen versucht der IS bereits in 25 der 34 Provinzen Afghanistans Kämpfer zu rekrutieren.


Unter anderem folterte sie zehn Stammesälteste aus der Gegend und jagte sie vor laufender Kamera in die Luft.

Die genauen Verbindungen der lokalen Ultra-Islamisten in den Nahen Osten sind noch unklar. Im Weltbild der Terrormiliz repräsentiert der Osten Afghanistans jedoch einen Teil von "Khorasan“, einer historischen Region, die vom Osten des Iran bis an die Grenze Pakistans reichte und in einschlägigen Apokalypse-Fantasien eine wichtige Rolle spielt (siehe Kasten).

Der Kampf um Batan ist Teil einer großangelegten Offensive der afghanischen Armee, die unter dem Codenamen "Operation Adler 10“ bereits im Oktober begonnen hat und den IS in Nangarhar eliminieren soll.

Wer die am Fuße des Spinghar-Gebirges mit seinen bis zu 4800 Metern hohen Gipfeln gelegene Gegend hält, kontrolliert auch den Zugang zum Maamand-Tal - und damit zu einer wichtigen Verbindung, über die IS-Kämpfer von Pakistan nach Afghanistan einsickern können.

Bis vergangenen Juli hatten hier Taliban-Verbände die Macht. Dann kam die Terrormiliz in das Tal. Es folgte eine Reihe von Gräueltaten. Unter anderem folterte sie zehn Stammesälteste aus der Gegend, ließ sie anschließend auf Sprengstoff niederknien und jagte sie vor laufender Kamera in die Luft.


Der IS versucht junge Burschen in den Dörfern des Achin-Distrikts zu rekrutieren.

Nicht einmal Taliban-Kämpfer, zumeist Paschtunen wie die IS-Leute, blieben vor dem Wüten verschont: Verletzte wurden laut Augenzeugen gequält, indem ihnen die Terroristen Pfeffer in die Wunden streuten oder ihnen die Hände in siedendem Öl kochten.

Inzwischen sind die meisten der rund 80 Familien, die bislang im Maamand-Tal lebten, in die Provinzhauptstadt Jalalabad geflohen. In der gesamten Provinz wurden laut Angaben der Regierung bereits mehr als 17.000 Familien vertrieben.

Laut Brigadegeneral Muhammad Nasim Sangeen, dem Oberbefehlshaber der hier stationierten afghanischen Truppen, verfügt der IS in der Provinz über 1200 bis 1600 Kämpfer, vorwiegend Angehörige der direkt an der afghanisch-pakistanischen Grenze sesshaften Paschtunenstämme Urukzai und Afridi. Zudem versucht der IS, junge Burschen in den Dörfern des Achin-Distrikts zu rekrutieren - "vor allem Kinder mit schwierigem Familienhintergrund und Waisen“, so Sangeen.

Dabei setzt die Terrormiliz einerseits auf Zwang, andererseits aber auch auf Geld: 400 bis 500 Dollar Prämie für jeden neuen Kämpfer sollen es nach unbestätigten Berichten sein. Woher die finanziellen Mittel dafür kommen, ist weitgehend unbekannt. Amerikanischen Geheimdienstberichten zufolge sollen Anfang 2015 jedenfalls mehrere Millionen Dollar aus dem Nahen Osten zu Extremisten in der Provinz Nangarhar geflossen sein.

Geschützstellung im Dorf Batan: Afghanische Truppen nehmen Einheiten des "IS" unter Beschuss.

Geschützstellung im Dorf Batan

Afghanische Truppen nehmen Einheiten des "IS" unter Beschuss.

Soldaten vor dem Einsatz: Am Tag eroberte Dörfer werden in der Nacht wieder von der Terrormiliz eingenommen.

Soldaten vor dem Einsatz

Am Tag eroberte Dörfer werden in der Nacht wieder von der Terrormiliz eingenommen.

Eine wichtige Einnahmequelle für den IS ist mit Sicherheit der Drogenhandel - ebenso wie für die Taliban, mit denen deshalb heftige Kämpfe entflammt sind.

Brigadegeneral Sangeen steht mit seiner Einheit bereits seit mehr als 70 Tagen im Feld. Der Kampf ist hart, der Gegner - im Sprachgebrauch abfällig "Daesh“ genannt - äußerst zäh. "Wir sehen uns einem komplett neuen Feind gegenüber, der gut ausgebildet unter einer neuen Flagge, mit neuer Taktik und neuen Waffen kämpft“, sagt er. "Die Taliban kämpfen ein bis zwei Stunden. Die Daesh-Krieger kämpfen, bis sie tot sind“, bekräftigt ein Soldat die Einschätzung seines Vorgesetzten.

Einiges hier nahe der pakistanischen Grenze ist jedoch auch beim Alten geblieben. "Wenn wir zurückschlagen, kehren sie einfach in ihre Dörfer nach Pakistan zurück und kommen im Frühjahr wieder“, erzählt der Brigadegeneral - ein Problem, mit dem auch die Amerikaner und die NATO zu kämpfen hatten, als es gegen die Taliban ging. "Aber diesen Frühling werden wir verhindern, dass sie zurückkehren“, hofft er.


Wie viele Extremisten tatsächlich in den Kämpfen gefallen sind, bleibt also unklar.

Sangeen befehligt die Schlacht an diesem Tag von einer Art Feldherrenhügel - einer Anhöhe nördlich des Dorfes. Er sitzt in einem Jeep und gibt durch ein Funkgerät Befehle an Einheiten der Armee, der nationalen Polizei und der aus Stammesmilizen bestehenden "Local Police“ aus. In der Entfernung detonieren 122-Millimeter-Granaten an einem kleinen Berg, der den direkten Weg ins Maamand-Tal blockiert. Offiziere der Polizei und der Armee schauen dem Bombardement etwas gelangweilt zu.

Bis jetzt hatten die afghanischen Sicherheitskräfte im Kampf gegen den IS in Achin zwölf Tote und 28 Verwundete zu beklagen - der IS laut Sangeen hingegen bereits 530 Gefallene und 330 Verwundete. Die Zahl scheint ziemlich hoch angesetzt. Würde sie den Tatsachen entsprechen, wäre der Großteil des IS in der Provinz bereits außer Gefecht.

Am nächsten Tag an der Front wiederholt der Chef der Nationalpolizei Nangarhars, Generalmajor Fazel Ahmad Jezal, jedenfalls die exakt gleiche Statistik, obwohl über Nacht schwere Kämpfe um einen Berg südöstlich von Batan mit einigen Verlusten getobt haben.

Auf Nachfrage geben der Polizeichef sowie der Brigadegeneral zu, dass die gegnerischen Verluste bloß Schätzungen des afghanischen Armeegeheimdienstes sind. Wie viele Extremisten tatsächlich in den Kämpfen gefallen sind, bleibt also unklar.


Wenn sie so weiterkämpfen, sind sie in der Lage, die Regierung zu stürzen.

In einem Schützengraben nahe des Kommandojeeps von Brigadegeneral Sangeen lässig an einen Sandsack lehnend, erklärt Jezal, dass der IS in Khorasan in Wirklichkeit zur pakistanischen Armee gehöre: "Daesh will dieses Gebiet hier für Pakistan annektieren.“ Die Beweislage dafür ist jedoch sehr dünn: ein paar zivile Personalausweise, die bei Kämpfern gefunden wurden, und abgehörte Gespräche, die mit pakistanischem Akzent geführt wurden - mehr nicht.

Für viele ist die Lage dennoch klar: "Wir sollten Pakistan endlich offen den Krieg erklären. Der IS wird von der pakistanischen Armee trainiert. Sie kämpfen alle wie Kommandos. Sie kämpfen wie wir“, sagt ein afghanischer Special-Forces-Soldat.

Auch Jezal ist von der Kampfeskraft der IS-Krieger beindruckt. "Sie kämpfen taktisch sehr klug. Sobald die Kampfkraft eine Gruppe durch Verluste oder Munitionsmangel sinkt, wird sie sofort ausgetauscht. Und sie haben Unmengen an Munition. Nicht einmal die afghanische Armee kann da mithalten. Wenn sie so weiterkämpfen, sind sie in der Lage, die Regierung zu stürzen.“

Unten im Dorf Batan kehrt eine Einheit der Armee gerade von einem Angriff zurück. Der Schrecken ist den Männern ins Gesicht geschrieben. Ihre Augen sind weit aufgerissen, Schweißperlen rinnen über Stirn und Wangen. Sie atmen schwer. In einem verlassenen Bauernhof klopft sich Hauptmann Zabiullah, der Kommandant der Einheit, den Staub aus der Uniform. Seine Kompanie kämpft seit 20 Tagen hier. "Heute haben wir ihnen den Arsch aufgerissen!“, sagt er stolz. Er erzählt von vier erbeuteten Scharfschützengewehren und 20 bis 30 getöteten IS-Kämpfern.


Wir werden so lange kämpfen, bis wir sie alle vernichtet haben.

Die nächste Einheit ist gerade im Begriff, sich für einen Angriff fertigzumachen. Dann aber ebbt der Kampflärm langsam ab. Das Ziel des heutigen Tages sei erreicht, wird über Funk durchgegeben. Dabei ist es erst 13 Uhr - und was konkret das heutige Ziel war, bleibt trotz mehrmaligem Nachfragen unklar. Pläne für den nächsten Tag gibt es noch nicht.

"Wir haben diese Dörfer mehrmals eingenommen und mit Blut bezahlt“, murrt ein afghanischer Soldat frustriert. "Aber in der Nacht ziehen wir ab und Daesh kommt zurück. Warum machen wir das?“

Auf Brigadegeneral Sangeens Feldherrenhügel ist von Rückzug keine Rede. "Es wird kein Ende des Kampfes geben. Wir werden so lange kämpfen, bis wir sie alle vernichtet haben“, sagt ein Offizier der Nationalpolizei.

Während Sangeen weiter Anweisungen gibt, fällt ein Mann auf, der hinter dem Kommandojeep des Brigadegenerals mit einem Mobiltelefon telefoniert. Er trägt Vollbart, langes Haar und traditionelle paschtunische Stammeskleidung. Sein Blick ist finster und entschlossen. Er spricht mit lauter Stimme.


Für heute ist der Krieg in Batan vorbei, und das schon knapp nach Mittag.

Sein Name ist Sayed Jalal Pacha, und er war früher der oberste Kommandant der Taliban in der Region. Jetzt kämpft er zusammen mit der Kabuler Regierung gegen den IS - und der größte Triumph der Offensive ist ihm zu verdanken. Mit seinem Sohn und 100 Mann der "Local Police“, die hier meist aus ehemaligen Taliban besteht, hat er Anfang Dezember in einer Nacht- und Nebelaktion einen strategisch wichtigen Hügel eingenommen und den IS vertrieben.

Abgesehen davon haben die afghanischen Sicherheitskräfte für eine Offensive, die bereits fast drei Monate im Gang ist, wenig vorzuweisen. Bis jetzt ist es der "Operation Adler 10“ weder gelungen, den IS aus dem Maamand-Tal zu vertreiben noch aus den Dörfern entlang des Spinghar-Gebirges.

Inzwischen ist Schnee gefallen und hat die Bergpässe nach Pakistan unpassierbar gemacht, die Kämpfe sind zumindest ein bisschen abgeflaut. Laut Sangeen wird die Offensive aber auch während der Wintermonate fortgesetzt. An diesem Tag wird es jedoch keinen neuen Vorstoß mehr geben: Für heute ist der Krieg in Batan vorbei, und das schon knapp nach Mittag.