Attentat in Ottawa: Kanada rätselt über die Motive des Täters

Attentat in Ottawa: Kanada rätselt über die Motive des Täters

War es ein Islamist oder ein Verrückter? Nach dem Angriff auf das Parlament in Ottawa fragten sich das die Kanadier.

Auch am Tag nach der Attacke mit einem toten Opfer und einem toten Täter sind viele Fragen noch ungeklärt, doch die Antwort könnte lauten: Möglicherweise war er beides.

Nach und nach verdichtet sich das Bild eines Menschen, der vom Islam angezogen war, von Bekannten aber auch als verwirrt bezeichnet wurde.

Soldat starb im Krankenhaus
Das Denkmal für die kanadischen Gefallenen aller Kriege steht gleich beim Regierungsgebäude in Ottawa, nur auf der anderen Seite der Straße. Mittwoch früh schoss ein ganz in schwarz gekleideter Mann einen der beiden Ehrenwache stehenden Soldaten nieder. Dann reckte er Augenzeugen zufolge triumphierend seine Faust. Das Opfer, ein Reservist, starb Stunden später im Krankenhaus. Der Vater eines sechs Jahre alten Buben wurde 24 Jahre alt.

Der Angreifer gelangte in das Parlament, durch dessen steinerne Gänge Dutzende Schüsse hallten. Premierminister Stephen Harper und die Chefs der drei anderen großen Parteien waren im Haus, wurden aber schnell in Sicherheit gebracht. Letztlich war es Medienberichten zufolge der Sicherheitschef des Parlaments selbst, der seine Pistole ergriff und den Mann niederschoss - unmittelbar vor dem Sitzungssaal. Bisher kannten die Kanadier nicht den Namen dieses Kevin Vickers, nur die Bilder, wenn er vor Parlamentssitzungen das alte Zepter in den Saal trägt. Jetzt ist der 58-Jährige ein Held.

War Täter geisteskrank?
Und der Angreifer? Michael Zehaf-Bibeau soll er heißen und 32 Jahre alt sein. Er hat eine Vergangenheit mit Vorstrafen und Drogen. Das melden kanadische Medien, die Polizei sagt nichts. Zehaf-Bibeau wurde in Kanada geboren, soll aber auch einige Zeit in Libyen gewesen sein. Vom Islam habe er sich angezogen gefühlt und immer wieder eine Moschee besucht. Also ein hartgesottener Islamist, wie der Times-Square-Bomber in New York oder die Attentäter von Boston? "Ich denke, er war geisteskrank", zitiert "The Globe and Mail" einen Freund von Zehaf-Bibeau. Er sei ihm nicht extremistisch erschienen, habe aber oft davon gesprochen, vom Teufel verfolgt zu werden.

Haben die kanadischen Sicherheitsbehörden versagt? Zehaf-Bibeau war als "Reisender mit hohem Sicherheitsrisiko" eingestuft, ganz unbekannt war er also nicht. Laut CNN steht er auf einer Liste von 90 Personen, die wegen einer Terrorgefahr beobachtet werden. Auch der britische "Guardian" schrieb von einem "spektakulären Versagen" des Geheimdienstes. So habe Michel Coulombe, Direktor des Canadian Security Intelligence Service, erst vor zwei Wochen vor dem Parlament gesagt, die Gefahr terroristischer Anschläge sei real, es gebe aber kein Anzeichen für ein bevorstehendes Attentat.

Premier Harper will Terror bekämpfen
Konnte man die Pläne eines Verwirrten ahnen? Oder war Zehaf-Bibeau doch kaltblütiger, als es zunächst den Anschein hatte? Sein Ziel wird er vermutlich nicht erreichen. Kanada ist stolz darauf, dass seine Institutionen nicht zu Festungen ausgebaut sind wie beim Nachbarn USA. So soll es auch bleiben, versicherten Politiker. Und Premier Harper beteuerte, dass sich Kanada nicht einschüchtern lasse. Kanada ist an den Luftschlägen gegen die Terrormiliz Islamischer Staat beteiligt. Nach der "brutalen und gewalttätigen Tat" kündigte Harper ein stärkeres Engagement seines Landes im Kampf gegen den internationalen Terrorismus an.

Chronologie der Ereignisse im Parlament von Ottawa:

09.52 Uhr (Ortszeit; 15.52 Uhr MESZ): Ein Angreifer feuert auf einen Wachsoldaten vor dem Nationalen Kriegsdenkmal schräg gegenüber dem Parlament in Ottawa. Sanitäter geben dem schwer verletzten Soldaten eine Herzdruckmassage, bevor ihn ein Krankenwagen fortbringt.

09.55 Uhr: Dutzende Schüsse hallen durch die Eingangshalle des zentralen Parlamentsgebäudes, wo gerade die wöchentlichen Fraktionssitzungen begonnen haben. In einem Video ist eine starke Detonation zu hören, bevor Polizisten ihrerseits das Feuer eröffnen.

10.00 Uhr: Die Polizei warnt vor einem möglichen zweiten Schützen im Parlament. Augenzeugen berichten, der Angreifer vom Kriegsdenkmal sei - verfolgt von Polizisten - zum Parlament gerannt.

10.12 Uhr: Das Parlament wird offiziell abgeriegelt. Schwer bewaffnete Polizisten und gepanzerte Fahrzeuge gehen rund um Parliament Hill in Stellung.

10.25 Uhr: Die Polizei ruft die Bevölkerung auf, sich von dem Parlament und anderen Gebäuden fernzuhalten, in denen Abgeordnete und Senatoren tagen.

10.37 Uhr: Premierminister Stephen Harper wird aus dem Parlament in Sicherheit gebracht. Die offizielle Räumung des Gebäudes beginnt. Kurz darauf werden Thomas Mulcair und Justin Trudeau, die Vorsitzenden der beiden wichtigsten Oppositionsparteien, in Sicherheit gebracht.

10.53 Uhr: Die Polizei ruft die Bevölkerung in der Innenstadt von Ottawa auf, sich von Fenstern fernzuhalten und nicht auf die Dächer zu gehen.

11.20 Uhr: Die Polizei bestätigt den Tod eines Angreifers im Parlament. Später wird dieser als der polizeibekannte 32-jährige islamische Konvertit Michael Z. identifiziert.

11.45 Uhr: Ein Minister meldet, dass der am Kriegsdenkmal angeschossene Soldat seinen Verletzung erlegen ist. Auch ein Sicherheitsmann im Parlament wurde demnach verletzt.

12.15 Uhr: Die gemeinsame Nordamerikanische Luftverteidigung von USA und Kanada wird in erhöhte Alarmbereitschaft versetzt.

13.50 Uhr: Das Weiße Haus in Washington teilt mit, US-Präsident Barack Obama habe am Telefon mit Harper über den Angriff gesprochen.

14.15 Uhr: Die Polizei meldet, die Operation sei weiter im Gange und sie versuche, die Identität des oder der Angreifer festzustellen.

14.30 Uhr: Harper verurteilt in einer Erklärung den "verachtenswerten Angriff".

20.15 Uhr: Der Regierungschef sagt in einer Rede an die Nation, dass sich Kanada niemals einschüchtern lassen werde. Ottawas Bürgermeister Jim Watson teilt am Abend mit, es habe allem Anschein nach nur einen Angreifer gegeben und dieser sei tot.

(APA/Red.)