Biografin von Wladimir Putin: "Es ist richtig, Russland zu isolieren"

Biografin von Wladimir Putin: "Es ist richtig, Russland zu isolieren"

Die russisch-amerikanische Autorin Masha Gessen über Wladimir Putins Lügen, seine Wandlung zum Ideologen und seinen Krieg gegen den Westen.

Von Tessa Szyszkowitz / Edinburgh

Masha Gessen, 47, hat mit "Der Mann ohne Gesicht“ eines der wichtigsten Bücher über Wladimir Putin vorgelegt. Als eine der schärfsten Kritikerinnen des russischen Präsidenten ist sie auf Konferenzen, in Talkshows oder amerikanischen Medien wie der "New York Times“ zu einer Art Kronzeugin gegen die amtierende Kreml-Führung avanciert.

Die russisch-amerikanische Autorin und Journalistin schrieb jahrelang in Moskau über russische Politik, bevor sie voriges Jahr nach New York übersiedelte. Der Grund: Das russische Parlament hatte ein Gesetz beschlossen, das gleichgeschlechtlichen Paaren die Adoption verbietet und rückwirkend anwendbar ist - was die Autorin und ihre Lebensgefährtin um das Kind bangen ließ, das sie adoptiert haben.

Gessen, die sich selbst einst als die "einzige bekennende russische Lesbe“ bezeichnete, publizierte 2013 ein Buch über die Politaktivistinnen von Pussy Riot: "Words will break cement“. Ihr nächstes Buch soll 2015 erscheinen und handelt von den "Boston-Bombern“ - zwei jungen tschetschenisch-amerikanischen Attentätern, die 2013 beim Marathon in der Ostküsten-Metropole Bomben an der Ziellinie zündeten.

Mit profil sprach Gessen am Rande des Edinburgh International Book Festival in Schottland.

profil: Sie sind vor knapp einem Jahr mit Ihrer Familie aus Moskau nach New York gezogen - den Ukraine-Konflikt haben Sie von dort aus beobachtet. Hätte der Westen eine andere Ukraine-Politik betreiben können, um die Eskalation mit Russland zu verhindern?
Masha Gessen: Es gibt in diesem Fall keine Schuldfrage. Es handelt sich um die erste gewaltsame Landnahme seit dem Zweiten Weltkrieg in Europa. Dies ist eine eklatante Verletzung des internationalen Rechts. Wir haben es hier außerdem mit einer absurden Serie von Lügen zu tun. Gelogen wird in derart lächerlicher Weise, wie wir es seit dem Ende der Sowjetunion nicht mehr erlebt haben. Vielleicht ist es noch schlimmer als zu Sowjetzeiten. Früher haben sich die Machthaber beim Lügen noch mehr angestrengt.

profil: Welche Lügen meinen Sie? Die vom faschistischen Putsch in Kiew?
Gessen: Ja. Oder dass auf der Krim keine russischen Truppen im Einsatz waren. Oder dass der Lkw-Konvoi, der vor wenigen Tagen von Moskau aus in die Ostukraine gefahren ist, tatsächlich Hilfslieferungen geladen hatte. Es war natürlich klar, dass dies als reine Provokation gedacht war. Wladimir Putin macht das sehr geschickt, er lügt wie gedruckt und erkauft sich damit einen Vorsprung. Die westlichen Journalisten sind es gewohnt, Dinge erst zu prüfen. Dadurch ist Putin den Medien immer schon einige Winkelzüge voraus.

profil: Heißt das, Sie glauben auch, dass der Aufstand in der Ostukraine gar nicht von lokalen Rebellen angezettelt wurde?
Gessen: Natürlich nicht. Kämpfer wie Igor Girkin alias Strelkow (der mittlerweile zurückgetretene militärische Führer der separatistischen "Volksrepublik Donezk“ im Osten der Ukraine, Anm.) sind Geheimdienstoffiziere oder Armeeangehörige der Russischen Föderation. Das ist keine separatistische Bewegung, es handelt sich um die Invasion einer ausländischen Armee. Es ist nicht so, dass Russland nur den Terror der Rebellen in der Ostukraine sponsert, der Staat selbst ist Kriegsteilnehmer.

profil:
Plante Putin von Anfang an, in der Ostukraine einzufallen? Oder wurde er selbst von der Entwicklung überrascht?
Gessen: Zuerst hat Putin gedacht, dass es eine gute Idee wäre, die Ukraine zu destabilisieren. Die Regierung in Kiew sollte davon abgehalten werden, sich zu sehr an Europa anzunähern. Der Plan aber hat nicht funktioniert: Die russischen Rebellen wurden von der ukrainischen Armee geschlagen. Putin musste Verstärkung über die Grenze schicken. Dann war alles klar.

profil: Sie meinen, dass er immer tiefer in den Konflikt hineingezogen wird?
Gessen: Ich studiere gerade den Ablauf der Tschetschenien-Kriege, weil ich ein Buch über die "Boston-Bomber“ schreibe. Das ist sehr hilfreich, wenn man den Krieg in der Ukraine verstehen will. Moskau begann den Tschetschenien-Krieg im August 1994 mit Luftschlägen, die Bombern aus Aserbaidschan angelastet wurden. Warum die Aseris Tschetschenien angreifen sollten, blieb unklar, Erklärung gab es keine. Im November hatte man in Moskau dann offenbar das Gefühl, das Drama in Tschetschenien müsse verstärkt werden, also wurden Geheimdienstoffiziere mit falschen Ausweisen geschickt, um einen Umsturz zu inszenieren. Die russischen Provokateure wurden jedoch verhaftet und im Fernsehen vorgeführt - einige von ihnen hatten nicht nur die falschen Ausweise bei sich getragen, sondern auch noch ihre echten russischen Papiere. Moskau war geschockt und zog nach dieser schiefgegangenen Operation Truppen an den Grenzen zu Tschetschenien, Inguschetien und Ossetien zusammen. Am 31. Dezember wurde die tschetschenische Hauptstadt Grosny flächendeckend bombardiert. Und am 1. Jänner begann die Invasion.

profil: Hoffentlich ist das nicht wirklich eine Blaupause für die Ukraine.
Gessen: Ich glaube schon, dass es das ist. Russland wird Kiew klarerweise nicht wie Grosny in Schutt und Asche legen. Doch der russische Geheimdienst hält inszenierte Unruhen für ein legitimes Mittel der Machtpolitik. Putin behält in dem Konflikt mit dem Westen bisher die Oberhand, weil er sich schneller bewegen kann als seine Gegner. Er muss keine demokratischen Hemmschwellen überwinden, er muss sich keiner kritischen Öffentlichkeit oder demokratischen Institution verantworten.

profil: Was aber ist sein Ziel?
Gessen: Wenn der Westen sich irgendwann doch noch zu einer militärischen Intervention entschließt, dann wird Putin schon knapp davor sein, Atomwaffen einzusetzen. Er hat dies bereits mehrfach angesprochen - doch im Westen zieht man es vor, sich lieber nicht damit zu beschäftigen. Russland hat seit 2011 mehrfach den Atomwaffenvertrag von 1987 (der festlegt, dass keine Marschflugkörper mit mehr als 800 Kilometer Reichweite abgeschossen werden dürfen, Anm.) mit Raketentests gebrochen. In seiner Rede vor dem russischen Sicherheitsrat im Juli hat Putin bereits Atomwaffen erwähnt. Am 14. August hat er es in Jalta auf der Krim deutlicher gesagt: "Wir werden den Westen mit unseren neuen Atomwaffen überraschen!“ Leider haben es die meisten Experten im Westen bisher unterlassen, diese bedrohliche Entwicklung zu analysieren.

profil: Sie befürchten doch nicht im Ernst, dass Putin Atomwaffen einsetzen will?
Gessen: Ich bin nicht mehr bereit, diese Möglichkeit nicht in Betracht zu ziehen. Er wird nicht Russland und den Westen in die gegenseitige Zerstörung treiben. Aber den gezielten Einsatz von strategischen Waffen kann man sich vorstellen.

profil: Putin ist doch nicht so verrückt, Atomwaffen einzusetzen!
Gessen: Wer soll ihn davon abhalten? Vor sechs Monaten konnten wir uns nicht vorstellen, dass Russland einfach so die Krim annektiert. Oder in der Ukraine einmarschiert. Vielleicht hätten wir besser zuhören sollen. Putin führt seit Jahren eine beängstigende Kampagne gegen den Westen und gegen Amerika.

profil:
Ist das eine persönliche Vendetta Putins oder eine politische Strategie?
Gessen: Putin hat seine Mission gefunden. Von einem post-ideologischen Politiker verwandelte er sich in einen Ideologen. Seine Ideologie ist die der "russischen Zivilisation“. Putin ist tatsächlich davon überzeugt, dass er der herausragende Führer eines herausragenden Volkes ist. Dieses Volk wird die Welt vor dem retten, was der Politologe Alexander Dugin "die Post-Gender-Menschen“ nennt.

profil: Warnt Dugin vor einer Art degeneriertem Homo sapiens, in dem Geschlechter nicht mehr das sind, wofür die Natur sie vorgesehen hat?
Gessen: So ungefähr. Es ist wirklich erhellend, Dugin zuzuhören. Er höhnt offen: "Der Westen denkt doch tatsächlich, dass es so etwas wie universelle Menschenrechte gibt.“ Dugin oder Putin haben ein ganz anderes Verständnis. Sie sagen in etwa: Unsere Zivilisation basiert auf traditionellen Werten. Er konstruiert einen zivilisatorischen Anlassfall. Dafür gibt es sowohl zu Hause, als auch im Ausland Unterstützung. Ob in China oder Venezuela - Putin findet überall Freunde für seine Ideen. Die europäischen Rechtsradikalen hat er sowieso in der Tasche. Er hat also nicht das Gefühl, dass er allein gegen die Welt steht. Viel mehr denkt er, er verteidigt die Welt gegen Übergriffe des Westens.

profil: Geht es ihm nur um ein ideologisches Konzept oder auch um die geografische Vergrößerung Russlands?
Gessen: Jedes Imperium ist von seinem Charakter her expansionistisch. Russland verweigert sich ganz einfach dem postimperialistischen Zeitalter. Die geografische Dimension, also die Heimholung aller Russen, ist aber auch ein Propaganda-Instrument. Es würde ihm zum Beispiel schwerfallen, ernsthaft die Grenzen des oft zitierten historischen "Rus“ zu definieren.

profil: Warum wehrt sich die Opposition in Russland nicht mehr gegen ihn? Muss sich jedes Volk immer in Zeiten eines Waffenganges hinter dem Führer versammeln, egal, wie sinnlos der Krieg ist?
Gessen: Absolut. Das ist die Regel. Allerdings passiert dann im Lauf der Zeit auch immer das Gleiche. Wenn sich herausstellt, dass es keinen Sieg und kein Ende des Krieges gibt, dann wird es hart für den Führer. Putin hat es dabei leichter als andere: In einem Land ohne freie Medien ist es gar nicht so leicht zu wissen, wie schlimm es um Russland steht. In der Ukraine ist es anders. Dort gab es zwei Revolutionen, beide Male war der Straßenaufstand erfolgreich, weil die Ukraine eben kein autoritärer Staat ist. Es gab quasi-demokratische Institutionen, die eingeschritten sind - 2004 der Oberste Gerichtshof und 2013 das Parlament. Das haben wir in Russland nicht. Wenn zu viele Leute auf die Straße gehen, dann wird die russische Armee sie überrollen.

profil: Sind die Sanktionen gegen Russland ein sinnvolles Mittel, dienen sie nicht nur zur weiteren Eskalation?
Gessen: Mir graut vor dem Gedanken, wo wir in einem Jahr sein könnten. Ich glaube aber auch, dass der Westen wenig zur Beruhigung der Lage tun kann. Putin hat auf Eskalation gesetzt. Die ist in vollem Gange. Wir haben auf der anderen Seite nicht viele Optionen. Wir sind an einem Punkt angelangt, der in der Politik selten ist: Wir müssen einfach tun, was richtig ist. Es ist richtig, Russland zu isolieren, weil das Land ein anderes überfallen hat. Es ist falsch, mit Russland Geschäfte zu machen. Und es ist fatal, Putin weiterhin als angesehenen Staatsmann zu betrachten.

profil: Wenn ein Volksaufstand gegen Putin nicht infrage kommt, halten Sie einen Putsch gegen ihn aus den eigenen Reihen für wahrscheinlich?
Gessen: Es ist höchste Zeit, mit ernsthaften Prophezeiungen für Putins Ende aufzuhören. Wir müssen anerkennen, dass wir vor einer Blackbox stehen. Und als die hat er seinen Machtapparat konstruiert. Erst wenn es vorbei ist, werden wir wissen, dass es vorbei ist.