Charlie Kirk und die politische Spaltung der USA
Der Spalt, der durch die US-amerikanische Gesellschaft geht, hat ein Gesicht. Es ist ebenmäßig oval, mit eng stehenden Augen, leicht schiefer, schlanker Nase und schmalen Lippen. Es gehört dem am 10. September erschossenen Aktivisten Charlie Kirk. Bis zu dem Attentat, kurz vor seinem 32. Geburtstag, war Kirk ein prominenter Politik-Influencer im Einflussbereich der MAGA-Bewegung. Seit diesem Tag kennt ihn die ganze Welt.
Nun ja, fast. „Wer ist Charlie Kirk?“, erkundigte sich die 56-jährige Peruanerin Milagros Garcia am 4. Oktober bei einer Reporterin der „New York Times“, die von einer Charlie-Kirk-Gedenkfeier in der peruanischen Hauptstadt Lima berichtete. Die Veranstaltung war von dem Bürgermeister Limas veranstaltet worden, dem Rechtspopulisten Rafael López Aliaga (von Freunden wie Gegnern „Schweinchen“ genannt), der sich von dem Event wohl eine gewisse Mobilisierung der eigenen Anhängerschaft (sowie Goodwill im Weißen Haus) erwartete. Er war mit diesem Kalkül keineswegs allein: In den USA, aber auch in Europa, wurde Charlie Kirk nach seinem Tod zu einer Art politischem Märtyrer erhoben, unter dessen Banner die Kulturkämpfe der Gegenwart ausgefochten wurden und dessen namentliche Erwähnung zu einem klaren Glaubensbekenntnis avancierte. Yo soy Charlie!
Die Ansichten, die man von Charlie Kirk haben kann, gehen stark auseinander. Seinen Anhängern gilt er als Vorkämpfer einer offenen Debattenkultur, der sich mit offenem Visier den heiklen Themen der Zeit stellte. Seine Gegner erkennen in ihm einen rechtsextremen Hetzer, der immer wieder mit rassistischen Stereotypen operierte.
Kirk selbst hat seine Positionen im Laufe der Zeit teils deutlich verändert, war noch vor wenigen Jahren zum Beispiel sehr dezidiert für eine Trennung von Kirche und Staat, zuletzt aber mit einem politischen Glaubensbekenntnis unterwegs, in dem biblische Gesetze über staatliches Recht gestellt wurden. Wenige Tage nach seiner Ermordung fand in Glendale, Arizona, ein Gedenkgottesdienst mit mehr als 90.000 Teilnehmern statt, der die Form eines Staatsbegräbnisses annahm. Evangelikale Christen schleppten Holzkreuze durch das State Farm Stadium, Kirks Witwe Erika erklärte, dass sie dem Täter verzeihe, Präsident Donald Trump betonte, dass er da grundsätzlich anderer Ansicht sei: „Charlie hasste seine Gegner nicht. Er wünschte ihnen das Beste. Da unterscheiden wir uns. Ich hasse meine Gegner.“
Am 10. September, dem Tag des Attentats auf dem Campus der Utah Valley University, trug Kirk ein weißes T-Shirt mit dem Schriftzug „Freedom“ und saß unter einem Baldachin, auf dem das Motto seiner Uni-Debatten-Tour stand: „Prove me wrong“. Sekunden vor den tödlichen Schüssen fragte ihn ein 29-jähriger Student – provokant gemeint –, wie oft tödliche Waffengewalt in den USA eigentlich von transgeschlechtlichen Menschen ausgehe. Der mutmaßliche Attentäter, der 22-jährige Elektriker Tyler Robinson, lebte selbst mit einer Transperson in einer Beziehung; als Motiv für seine Tat gab er in einer Textnachricht an diese an, er habe „genug von seinem Hass. Mit diesem Hass kannst du nicht verhandeln.“
Der Spalt, der durch die USA des Jahres 2025 verläuft, scheint über jede vernünftige Debatte erhaben. Hunderte Menschen – Lehrer, Krankenschwestern, Flugbegleiter – verloren in den Tagen nach dem Attentat ihre Jobs, weil sie sich gegenüber Kollegen oder auf Social Media nicht politisch korrekt zum Tod von Kirk geäußert hatten. Linke Organisationen wurden von Regierungsmitgliedern als Auslöser politischer Gewalt identifiziert und mit Sanktionen bedroht, die „Antifa“ per präsidentiellem Dekret als Terrororganisation eingestuft.
Ein zentrales Credo des Ermordeten lautete: „Wenn die Leute aufhören zu reden, kommt es zu Gewalt. Dann kommt es zum Bürgerkrieg, weil man die andere Seite für so böse hält und sie ihre Menschlichkeit verliert.“
Zwischen diesen Wörtern verläuft ein Spalt. Wir haben in diesem Jahr in seinen Abgrund geschaut.