Die sinkenden Ölpreise bringen sogar Wladimir Putin ins Schwitzen

Die sinkenden Ölpreise bringen sogar Wladimir Putin ins Schwitzen

Er rückt ins Zentrum der iranischen Atomverhandlungen und bringt den venezolanischen, ja sogar den russischen Präsidenten ins Schwitzen: der rasant sinkende Ölpreis.

Zuerst 95, dann 90, 85, irgendwann waren es nur noch 83,02. Diesen Wert notierte am Donnerstag um elf Uhr der vergangenen Woche die Terminbörse in London. 83,02 Dollar musste man zu diesem Zeitpunkt pro Fass, also 159 Liter, für die Rohölsorte Brent hinblättern. Das ist billig, richtig billig. Noch im Juni hatte ein Barrel fast 116 Dollar gekostet.

Sinkender Preis als Albtraum für Öl-Länder
Mit einem Preisanstieg sei nicht zu rechnen, sagen die Analysten; in den kommenden vier Jahren dürfte die 100-Dollar-Marke kaum überschritten werden. Großverbraucher wie China oder Deutschland freuen sich über solche Nachrichten. Für die ölproduzierenden Länder hingegen ist der sinkende Preis ein Albtraum.

Der Markt, so lautete das bisher gültige Credo der Börsianer zwischen London und New York, reagiert äußerst empfindlich auf das Weltgeschehen. Würden Kriege und Katastrophen automatisch zu steigenden Preisen führen, müsste Öl derzeit äußerst teuer sein. Die Dschihadisten des "Islamischen Staates“ sind im Vormarsch, das tödliche Ebola-Virus breitet sich auch im Westen aus, kein Waffenstillstand kann die Kämpfe zwischen Russland und der Ukraine beenden. Kurz: Es mangelt derzeit nicht an Schreckensszenarien.

Niedrigere Nachfrage, steigendes Angebot
Und dennoch produziert die OPEC (Organisation erdölexportierender Länder) derzeit über eine Million Fässer mehr, als sie verkaufen kann. Die Gründe dafür sind vielfältig: schwächelnde Konjunktur, der Öl- und Gasboom in den USA, neue Produktionskapazitäten und billigere Alternativen, der Höhenflug des US-Dollars. So ist es am Ende eine einfache Rechnung: Niedrigere Nachfrage trifft auf steigendes Angebot - das Missverhältnis lässt die Preise sinken.

Und damit kommen inzwischen nur noch drei OPEC-Länder zurecht: Katar, die Vereinigten Arabischen Emirate und Kuwait. Alle anderen Staaten sind auf höhere Ölpreise angewiesen, um einen ausgeglichenen Staatshaushalt zu erreichen. profil zeichnet nach, was der Preisverfall für die wichtigsten Ölproduzenten und für die USA als zunehmend wichtigen Player auf dem Rohstoffmarkt bedeutet.

OPEC-Länder und ihre Ölpreis-Schmerzgrenze

Saudi-Arabien 93 $/p.Barrell

Börsianer waren davon ausgegangen, dass Riad auch dieses Mal so reagieren würde wie bisher noch bei jedem Preisverfall: die Förderung drosseln und weniger Öl auf den Markt bringen. Nun geschieht allerdings das Gegenteil: Saudi-Arabien hat seine Förderung erhöht. Die Regierung ließ wissen, man könne durchaus auch einige Zeit mit einem Ölpreis von 80 Dollar leben. Für den Kurswechsel Riads gibt es mehrere Erklärungsversuche. Eine Interpretation lautet, dass die Araber die Produzenten in anderen Ländern unter Druck setzen wollen, beispielsweise die USA oder Kanada, wo die Ölforderungen vergleichsweise teuer sind. Andere mutmaßen, Saudi-Arabien drücke den Preis gezielt, um in Absprache mit den USA die gemeinsamen Gegner Russland und Iran zu schwächen. Das klingt nach Verschwörungstheorie, wurde aber auch von dem renommierten "New York Times“-Kolumnisten Thomas L. Friedman als mögliche Ursache ins Spiel gebracht.

Irak 106 $/p.Barrell

Während es im Norden des Irak aufgrund des Vormarsches des "Islamischen Staates“ (IS) zu Produktionsausfällen kommt, sprudeln im Süden des Irak die Ölquellen weiter. Zwar sind die größten Ölfelder im Süden - im schiitischen Gebiet - derzeit nicht akut von den sunnitischen Extremisten bedroht. Dennoch durchkreuzen sie die Pläne der irakischen Regierung, die Erdölproduktion langsam wieder zu alter Stärke zurückzuführen. Der Irak verfügt über die fünftgrößten Erdölreserven der Welt, die aufgrund der geologischen Gegebenheiten leicht zugänglich sind. Noch im Mai hatte die Internationale Energieagentur bis zum Jahr 2035 einen jährlichen Ausstoß von neun Millionen Barrel erwartet - eine Verdreifachung der derzeit geförderten Menge. Durch die IS-Krise dürften sich jedoch in nächster Zeit kaum Förderunternehmen finden, die bereit sind, im Irak zu investieren.

Venezuela 121 $/p.Barrell

Während sich Saudi-Arabien die billigen Preise leisten kann, bat Venezuelas Außenminister Rafael Ramírez kürzlich die OPEC um eine Notfallsitzung. Das Land ist in diesem Bereich extrem verwundbar: Die Ölförderung sichert 80 Prozent der Exporterlöse, die Hälfte der Staatseinnahmen und mehr als 90 Prozent der Devisenzuflüsse nach Venezuela. Es verfügt zwar über die größten Ölreserven der Erde, allerdings liegt die Erdölindustrie seit der Verstaatlichung durch den 2013 verstorbenen Präsidenten Hugo Chávez weitgehend brach. Investoren befürchten nun einen Zahlungsausfall. Für Präsident Nicolás Maduro sind das überaus schlechte Nachrichten: Die monatelangen Proteste aufgrund der kollabierenden Währung und der Versorgungsengpässe sind erst kürzlich wieder abgeflaut.

Libyen 90 $/p.Barrell

Dass die OPEC im September mehr Öl als im August förderte, war neben den steigenden Exporten aus dem Irak zum Großteil auf Libyen zurückzuführen: Zwar liefern sich dort islamistische und nationalistische Milizen einen Machtkampf, der von Monat zu Monat weiter eskaliert. Dennoch ist die Produktion gestiegen, seit im vergangenen Juli Ölfelder und Exporthäfen wieder eröffnet wurden. Seit Anfang des Jahres war die Produktion die meiste Zeit stillgestanden. Die Einnahmen aus dem Ölexport sind die wichtigste Geldquelle des Landes. Die Lage in Libyen gilt im Moment allerdings als besonders angespannt, das Land erlebt derzeit die schwerste Krise seit dem Sturz des Langzeitherrschers Muammar al-Gaddafi im Jahr 2011.

Iran 140 $/p.Barrell

Der Iran kämpft weiterhin mit den Folgen der westlichen Sanktionen. Nach den ers-ten Lockerungen der Strafmaßnahmen hatte der Internationale Währungsfonds dem Iran für 2014 ein Wirtschaftswachstum von 1,5 Prozent vorausgesagt. Das war im August - doch dann kam der Preisverfall. Der Haushalt des Iran basiert auf Öl, das Land ist im OPEC-Vergleich auf den höchsten Ölpreis angewiesen. Der Preisabsturz schwächt nach Einschätzung des US-Magazins "Times“ die Position des Iran in den Atom-Verhandlungen und könnte das Land außerdem zu unpopulären Maßnahmen wie Subventionskürzungen zwingen, um die Erlöse zu kompensieren. Sollte am Ende der Verhandlungen tatsächlich ein Abkommen stehen, dürfte dieses zwar mit Sicherheit die iranische Wirtschaft ankurbeln. Gleichzeitig fürchten Analysten ein anderes Szenario: Das iranische Öl, das dann den Markt überschwemmen werde, drücke den Preis erst recht wieder nach unten.

Nigeria 119 $/p.Barrell

Nigeria wird von zwei Plagen heimgesucht: von dem Ebola-Virus, das die Regierung allerdings allem Anschein nach erfolgreich eingedämmt haben dürfte; und von der islamistischen "Boko Haram“-Gruppe, die das westafrikanische Land mit Anschlägen terrorisiert. Von den über 200 entführten nigerianischen Schulmädchen fehlt ein halbes Jahr nach ihrer Entführung weiterhin jede Spur. Das bevölkerungsreichste Land Afrikas ist weitgehend vom Ölexport abhängig. 90 Prozent der Exporterlöse gehen auf die hohen Reserven zurück, was 80 Prozent der staatlichen Einnahmen und rund ein Drittel des BIP ausmacht. Die trotz Ölreichtums weitgehend verarmte Bevölkerung spürt davon wenig, das Öl gilt als Ursache für massive Korruption im Land. Mit Ende September hat Nigeria laut Rohstoffexperten die Produktion nicht zurückgefahren, sondern sogar erhöht.

Russland 104 $/p.Barrell

Öl ist das wichtigste russische Exportgut. Der niedrige Ölpreis führt bereits zu Verlusten auf dem russischen Aktienmarkt. Vergangene Woche mussten für einen Dollar zeitweise 40,05 Rubel gezahlt werden, womit die russische Währung die psychologisch wichtige Marke von 40 Rubel pro Dollar durchbrach. Den Verfall der Währung verfolgt nicht nur die russische Bevölkerung mit Sorge. Der Wertverlust hat bereits für einen Anstieg der Preise gesorgt, der durch das von der Regierung erlassene Einfuhrverbot für westliche Lebensmittel zusätzlich noch verschärft wird. Im Westen wächst daher die Hoffnung, dass der ökonomische Druck über den Ölpreis die Regierung zu Zugeständnissen in der Ukraine-Krise bewegen könnte. Putins Beliebtheit hat im Zuge des Konflikts zwar stetig zugenommen - allerdings basierte sie bisher immer auf den stabilen wirtschaftlichen Verhältnissen im Land. Putins politisches Überleben ist also auch eine Frage des Ölpreises.

USA

Der weltweit größte Ölverbraucher ist sowohl Auslöser wie auch der größte Nutznießer des aktuellen Preisverfalls. Noch 2010 musste die Amerikaner fast die Hälfte des Öls, das sie verbrauchten, importieren. Für 2015 rechnet die US-Energiebehörde EIA dank der Fracking-Fördermethode - bei der Öl und Gas aus dem Gestein mithilfe eines Chemikaliengemisches herausgelöst werden - mit einer Importquote von nur noch 20 Prozent. Die Weltenergiebehörde IEA schätzt, dass die USA ab Ende kommenden Jahres Saudi-Arabien als größten Produzenten der OPEC ablösen könnten. Die Ökonomen der Ratingagentur Fitch gehen davon aus, dass sich für die USA die Produktionskosten von Schieferöl erst unter einem Preis von 80 Dollar pro Fass nicht mehr rechnen - wodurch einer der wesentlichen Treiber hinter den sinkenden Preisen ausfallen würde.