Europol-Sprecher Hesztera: „10.000 sind eine grobe Schätzung“

Minderjährige Flüchtlinge bei der Eröffnung der "Caritas WG Yunus" eines Quartiers für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in Wien

Minderjährige Flüchtlinge bei der Eröffnung der "Caritas WG Yunus" eines Quartiers für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in Wien

Über 10.000 minderjährige Flüchtlinge könnten in der EU verschwunden sein, das gab Europol vergangenen Sonntag bekannt. Eine grobe Schätzung, wie Gerald Hesztera betont, denn in der Realität gibt es kaum Daten darüber, wo sich junge Flüchtlinge aufhalten.

profil: Mindestens 10.000 minderjährige Flüchtlinge werden laut Europol in Europa vermisst, 5.000 sind allein in Italien verschwunden. Gibt es auch Zahlen zu Österreich?
Gerald Hesztera: Zu den einzelnen Staaten haben wir momentan keine Zahlen. Einige Staaten haben uns mitgeteilt, wie viele Minderjährige aus ihrem Registrierungssystem gefallen sind. Da es allein in Italien schon 5.000 sind, gehen wir davon aus, dass 10.000 für die EU nicht zu hoch geschätzt ist. Es ist aber eine sehr grobe Schätzung.

profil: Was ist mit diesen Kindern passiert?
Hesztera: Es muss nicht sein, dass diese Minderjährigen auch Opfer eines Verbrechens geworden sind. Unter Umständen sind sie bei Familienmitgliedern untergekommen oder in ein anderes Land weitergereist. Wir haben jedoch Sorge, dass sie zum Stehlen, zum Betteln oder zur Prostitution gezwungen werden könnten. Was wir bei europäischen Kindern am häufigsten erlebt haben, ist gewaltsam erzwungene Bettelei und das ist auch der Hintergrund unserer Warnung. Wir wollten den Polizeibehörden in Europa mitteilen: ‚Es könnte etwas passieren, achten wir drauf.’ Darauf reagieren jetzt unsere Mitgliedsstaaten. Vielleicht haben wir es damit geschafft, potentielle Straftaten bereits im Vorfeld einzudämmen.

profil: Verschwinden diese Minderjährigen auf dem Weg nach Europa oder in den Erstaufnahmezentren?
Hesztera: Darüber wissen wir ebenfalls sehr wenig. Sobald sie die EU betreten, haben sie natürlich die Freiheit hinzugehen, wohin sie wollen. Sei es, weil sie diese oder jene Stadt besser finden oder weil sich beispielsweise ihre Tante aus einem anderen Land gemeldet hat.


Mit unserer Warnung haben wir schon dazu beigetragen, bei den Mitgliedsstaaten ein Bewusstsein für das Problem zu schaffen.

profil: Wie groß schätzen sie den Anteil jener, die bei Verwandten untergekommen sind?
Hesztera: Auch das können wir leider nicht sagen. Es könnten alle sein, aber auch nur wenige. Wir haben keine Daten darüber. Was wir wissen ist, wie viele Kinder aus einem nationalen System draußen sind, aber nicht, ob sie in einem anderen drin sind.

profil: Das größte Problem ist also, dass nicht erfasst wird, wo sich die Minderjährigen aufhalten bzw. wohin sie gehen?
Hesztera: Genau. Wir wollten auf diese Informationslücke hinweisen. Die sollten wir in irgendeiner Form gemeinsam füllen.

profil: Wie kann man diese Lücke füllen?
Hesztera: Mit unserer Warnung haben wir schon dazu beigetragen, bei den Mitgliedsstaaten ein Bewusstsein für das Problem zu schaffen. Grundsätzlich muss man jene kriminellen Vereinigungen überwachen, die sich zum Beispiel auf Menschenhandel spezialisiert haben und beobachten, ob sie in irgendeiner Weise expandieren. Das haben wir im Bereich der Schlepperei gesehen, als es vor ein paar Monaten einen enormen Bedarf gab. Vom organisierten Kriminellen bis zum Laien haben viele Menschen versucht, Geld mit Schlepperei zu machen.


Bei bisherigen Fällen der erzwungenen Bettelei wurden Kinder zum Stehlen und Betteln ausgebildet und dann in europäische Hauptstädte gebracht.

profil: Wie hoch sind die Chancen, die Vermissten wiederzufinden?
Hesztera: Üblicherweise treten kriminelle Gruppen in irgendeiner Form in Erscheinung und dann sind die Chancen relativ hoch. Bei bisherigen Fällen der erzwungenen Bettelei wurden Kinder zum Stehlen und Betteln ausgebildet und dann in europäische Hauptstädte gebracht. Die sind sehr wohl aufgefallen und auch von der Polizei in soziale Betreuungseinrichtungen der jeweiligen Städte gebracht worden, aus denen sie aber wieder weggelaufen sind. Um das in den Griff zu bekommen, hat man schließlich die Strategie geändert. Es gab Hinweise, dass diese Kinder aus einem EU-Mitgliedsstaat stammen, also wurden Kontakte zur dortigen Polizei hergestellt. Daraufhin sind die Kinder in staatliche Betreuungseinrichtungen gekommen. Das hat die Strukturen der organisierten Kriminalität zerstört. Für die Hintermänner hat es sich dann nicht mehr ausgezahlt Kinder einzusetzen.

profil: Brian Donald, Stabschef von Europol, rief die Öffentlichkeit dazu auf, wachsam zu sein. Wie kann man als Privatperson auf diese Kinder aufmerksam werden?
Hesztera: Wenn man Minderjährige sieht, egal woher sie kommen, die zum Beispiel betteln, steckt meistens etwas dahinter. Dann sollte man die Polizei informieren.

Gerald Hesztera ist bei Europol in Den Haag unter anderem für die externe Kommunikation zuständig.