Flüchtlingskrise: Wie viel Orbán steckt in uns?

Sichere Grenzen, Zäune, Verteidigung der Identität – die Konzepte des ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán haben den bisher zentralen Begriff der Willkommenskultur in der Flüchtlingskrise an den Rand gedrängt. Was macht seine Politik so verlockend, dass sie immer mehr Nachahmer findet?

Woche sechs der Flüchtlingskrise, kein Ende in Sicht und die Frage, wie das alles weitergehen soll: Zwar versucht die EU, Handlungs- und Verhandlungsfähigkeit zu beweisen, indem sie der Türkei und fragwürdigen afrikanischen Regimes Milliardensummen bietet, damit diese im Gegenzug Kriegsvertriebene und Migranten vom Aufbruch nach Europa abhalten. Währenddessen bemüht sich Deutschland, den Zustrom langsam und möglichst schonend wieder abzubremsen. Eine wirkliche Lösung der Problematik ist aber längst nicht in Sicht.

Und wie geht es uns allen dabei? Sind auch Sie hin- und hergerissen zwischen Humanität und Hilfsbereitschaft auf der einen und einem mulmigen Gefühl des Kontrollverlusts auf der anderen Seite? Irgendwo zwischen den Extrempositionen eines Viktor Orbán und einer Angela Merkel?

Um ein Mindestmaß an Empathie für die Situation der Flüchtlinge aufzubringen, müssen Sie sich nicht zu hundert Prozent mit dem „Wir schaffen das“-Optimismus der deutschen Kanzlerin identifizieren. Um eines kommen Sie aber kaum herum: den Krawall-Autoritarismus des ungarischen Premierministers abzulehnen.

Christian Rainer und Robert Treichler im profil Videoblog.

So wie Orbán mit den Menschen verfährt, die in sein Land kommen, um weiter nach Österreich und Deutschland zu reisen, oder, seltener, in Ungarn Asyl zu beantragen – so darf die Lösung wirklich nicht aussehen: Darüber herrschte in den ersten Wochen der Flüchtlingskrise außer am rechten Rand allgemeine Übereinstimmung.

Orbáns Diktion stieß auf Abscheu, und seine Politik erst recht. „Ich bin der Burgkapitän der letzten Festung Europas“, sagt er stolz. Orbán ist der Anti-Merkel, der Law-and-Order-Polterer, der Mann der Zäune. Noch vor zwei, drei Monaten schien es, als seien er und seine Politik geächtet.

Sind sie das wirklich? Die Zäune, die er errichtet hat, werden inzwischen auch anderswo in den Boden gerammt. Sein erbitterter Kampf gegen die Merkel’sche Willkommenskultur scheint zusehends aussichtsreich …

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