François Hollande: Frankreichs Präsident zwischen Seitensprung und ideologischer Kehrtwende

François Hollande: Frankreichs Präsident zwischen Seitensprung und ideologischer Kehrtwende

Erst wurde Frankreichs Präsident François Hollande beim Seitensprung ertappt und dann auch noch bei einer ideologischen Kehrtwende. Zweiteres ist riskanter, meint Robert Treichler.

In den vergangenen zehn Tagen erfuhren die Franzosen zwei Neuigkeiten über François Hollande. Eine handelte von Sex, die andere von Lohnnebenkosten.

WARNUNG! Die Erörterung der Lohnnebenkosten enthält mehrere schmutzige Wörter, die empfindsame Anhänger des sozialistischen Staatspräsidenten schockieren könnten!

Wir beginnen deshalb besser mit dem Sex. Die Frage, ob die Öffentlichkeit sich für das Intimleben des Staatspräsidenten interessieren darf, war nur kurz strittig. Die abschließende Erkenntnis: Wenn die Bevölkerung schon mitansehen muss, wie der zaudernde Präsident wirtschaftspolitisch in Serie scheitert, will sie wenigstens ein bisschen dabei sein dürfen, wenn er mal irgendwo erfolgreich unterwegs ist. Diese Rechtsmeinung hält zwar vor keinem Gericht, aber an jedem Kiosk.

Die Fotos im französischen Tratsch-Magazin "Closer“ sind verlockend wie die Sünde und anrührend wie ein Liebesbrief: Ein Leibwächter am Lenker eines Dreirad-Motorrades; die Haustür im schummrigen Licht; der Staatspräsident im Motorrad-Outfit, ein bisschen pummelig und mit schwarzem Helm; schließlich: das Antlitz der Frau, von der niemand wissen durfte - Julie Gayet, 41, Filmschauspielerin, geschieden, zwei Kinder. 1993 debütierte sie in Krzysztof Kieslowskis Trilogie über die Französische Revolution, "Drei Farben: Blau“, als Komparsin in der Rolle einer Anwältin. Im Jahr darauf bekam sie eine Hauptrolle in Agnès Vardas Hommage an das Kino, "Hundert und eine Nacht“. Gayet spielte die junge Filmstudentin Camille.

Jetzt kennt die ganze Welt sie als "Mätresse“. Das klingt in manchen Ohren vorwurfsvoll, doch tatsächlich konnte Julie, der Geliebten des Präsidenten, bisher noch niemand böse sein. Sie ist schön und sympathisch. Und: Was hat sie denn Schlimmes getan?

Begossener Pudel
Auch François Hollande steht in der Berichterstattung nicht als Übeltäter da, sondern eher wie ein begossener Pudel. Diese Toleranz des Volkes liegt nicht nur an seinem Naturell, sondern vor allem daran, dass eine amouröse Affäre in Frankreich durchaus in den Kompetenzbereich des Staatspräsidenten fällt. In einer Umfrage des Institutes Ifop im Auftrag der Wochenzeitung "Journal du Dimanche“ gaben 84 Prozent der Befragten an, ihre Meinung über Hollande wegen der angeblichen Liaison nicht geändert zu haben. 77 Prozent sagten, es handle sich um eine "Privatangelegenheit“.

Die Präsidenten im Elysée-Palast haben viele Insignien der Könige übernommen. Eine Mätresse zu haben, ist eine davon. Zwar gibt es sie als offizielle Institution längst nicht mehr, doch die Tradition ist geblieben. Madame Pompadour, die Gespielin von Ludwig XV., hatte den Status einer "maîtresse en titre“ inne, machte an der Seite ihres Königs Politik und wurde sogar von der Ludwigs Ehefrau zur Herzogin ernannt.

Die Republik anerkennt keine Mätressen. Doch das Volk weiß um ihre Existenz, oder es hegt Vermutungen. François Mitterrand, Staatspräsident von 1981 bis 1995, unterhielt neben seiner Ehe mit Danielle Mitterrand auch mit Anne Pingeot eine Liebesbeziehung, aus der eine Tochter - Mazarine Pingeot - hervorging. Der Präsident hielt das viele Jahre geheim, ehe das Magazin "Paris Match“ die Existenz von Mazarine 1994 publik machte. Beim Begräbnis Mitterrands umarmte Danielle Mitterrand die Tochter der Mätresse.

Legendär, wenngleich nicht belegt, ist ein Zitat, das Mitterrand zugeschrieben wird: "Monogamie war nie Teil meines Wahlprogramms.“

Hat François Hollande also gar nichts falsch gemacht?

Fragen Sie besser nicht Valerie Trierweiler, seine offizielle Partnerin, die im Krankenhaus Pitié-Salpêtrière ihre extreme Erschöpfung mittels einer Schlafkur behandeln lässt. Der menschliche Aspekt - die Lüge, der Betrug, der Schmerz - unterscheidet sich bei einem Präsidentenpaar nicht von jeder anderen Beziehung. Es sei denn, es handelt sich um ein politisches Arrangement auf emotionaler Ebene: Bernadette Chirac, die Gattin von Ex-Staatspräsident Jacques Chirac (1995-2007), musste über die Jahre mehrere - unbestätigte, aber oft beschriebene - Liebschaften ihres Ehemanns erdulden. "Vor solche Situationen gestellt, hielt man die Fassade aufrecht“, erläuterte sie in einem Gesprächsband ihre Strategie. Doch sie warnte Jacques, den sie siezte, zu weit zu gehen und sie zu verlassen: "Bedenken Sie, dass Napoleon alles zu verlieren begann, als er Joséphine aufgab.“

Vielleicht ist das einer der entscheidenden Unterschiede zwischen Mitterrand und Chirac auf der einen Seite und Hollande auf der anderen: Hollandes Partnerin leidet, und die Öffentlichkeit weiß davon.

Vom sozialistischen Weg abgekommen
Heimlicher Sex stand nicht im Wahlprogramm von François Hollande. Die Senkung der Lohnnebenkosten übrigens auch nicht. Wobei die Ankündigung, eine Mätresse zu haben, von der Wählerschaft eher als überflüssige Angeberei empfunden worden wäre. Der Plan hingegen, die Lohnnebenkosten zu senken, hätte Hollande ganz ohne Zweifel den Wahlsieg gekostet. Denn es gibt vieles, was einem Politiker in Frankreich verziehen wird, und sexuelle Abenteuer gehören ganz bestimmt dazu. Aber ein Sozialist, der vom sozialistischen Weg abkommt - das ist dann doch zu frivol.

Hier kommen die schmutzigen Wörter ins Spiel: "Angebotsorientierte Wirtschaftspolitik“, "sozialliberale Wende“, "Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit“ - diese Begriffe, die für die französische Linke allesamt neoliberales Teufelszeug sind, kamen in Hollandes Programm niemals vor. Doch seit Dienstag vergangener Woche stehen sie im Zentrum seiner neuen Wirtschaftspolitik. Der Sozialist, als der er gewählt wurde, hatte in den vergangenen Monaten bereits zögerliche Schritte in Richtung Entlastung der Unternehmen gemacht. Doch das war - um beim Sex zu bleiben - bloß ein bisschen Petting. Jetzt kommt der wirtschaftspolitische Seitensprung: 30 Milliarden an Lohnnebenkosten werden den Unternehmen erlassen.

Der Linkspolitiker Jean-Luc Mélenchon, der 2012 eine Wahlempfehlung für Hollande abgegeben hatte, fühlte sich hintergangen wie Valerie Trierweiler und twitterte: "Schnell, eine breite Links-Opposition im Parlament und auf der Straße gegen dieses rechte Programm!“

Konservative Politiker hingegen rieben sich ungläubig die Augen und sicherten Hollande ihre Unterstützung zu, falls er es tatsächlich ernst meinen sollte. Dieser bemühte sich nach Kräften, seinen Schwenk kleinzureden: "Ich bleibe Sozialist. Ich bin nicht vom Liberalismus übermannt worden!“ Umsonst. Die Tageszeitung "Le Monde“ verglich Hollandes neue Politik mit jener seines konservativen Vorgängers Nicolas Sarkozy und fand in den wesentlichen Punkten sieben Übereinstimmungen.

Der langweilige Normalo-Präsident, der versprochen hatte, sein sozialistisches 60-Punkte-Programm abzuarbeiten und dabei "zu jedem Zeitpunkt ein vorbildliches Verhalten zu zeigen“, ist nicht mehr. Nicht ganz zwei Jahre nach seiner Wahl und drei Jahre vor Ende seiner ersten Amtszeit liegt alles in Trümmern. Bleibt Valerie Trierweiler an seiner Seite "Première Dame“? Muss sie den Platz räumen? Was wird aus Julie Gayet? Wie reagiert die Wirtschaft auf Hollandes Ankündigungen? Folgt ihm seine linke Koalition auf dem Weg zu einer angebotsorientierten Wirtschaftspolitik?

Die Ausgangslage könnte nicht trister sein. Frankreich hinkt beim Wachstum neuerdings nicht nur hinter Deutschland, sondern auch hinter Großbritannien und sogar hinter Italien her. Der Anstieg der Lohnkosten zwischen 2000 und 2014 ist in Frankreich größer als in Deutschland, Spanien oder Griechenland. Und schließlich begannen zuletzt die Zinsen, die Frankreich bei der Ausgabe von Staatsanleihen zahlen muss, unangenehm zu steigen.

Was macht Paris? Wir steigern das Bruttosexualprodukt! Die Tageszeitung "Le Figaro“ meldete fröhlich, die Affäre Hollande-Gayet nütze der gesamten Branche, seien es Klatsch-, News- oder Frauenmagazine. Dauerhaftes Wachstum wird die unfreiwillige Elysée-Soap allerdings nicht bieten können.

François Hollande ist nicht der erste französische Staatspräsident, der seine anfänglichen sozialistischen Eskapaden rasch wieder beenden muss. François Mitterrand brachte Frankreich Anfang der 1980er-Jahre mit seiner Verstaatlichungs- und Hochsteuerpolitik an den Rand des ökonomischen Abgrunds. Dann vollzog er einen radikalen Schwenk, und die Wirtschaft erholte sich. Mitterrand bescherte das eine zweite Amtszeit.

So weit voraus braucht Hollande derzeit nicht zu denken. Kommende Woche soll der Präsident einen offiziellen Besuch im Vatikan absolvieren. Seit Wochen hatte es Spekulationen gegeben, ob Valerie Trierweiler ihn begleiten könne, da die beiden doch nicht verheiratet sind. Diese Frage ist nunmehr obsolet. Hollande will seine Beziehungskiste bis 11. Februar, dem Datum seines Staatsbesuchs in den USA, in Ordnung bringen.

Als US-Präsident hätte es Hollande schwerer. Die obsessive - auch strafrechtliche - Verfolgung von Bill Clinton nach dem Bekanntwerden von dessen Affären mit Monica Lewinsky und anderen ist in Frankreich undenkbar. Mit Nicolas Sarkozy wohnte im Elysée-Palast bereits ein Präsident, der während seiner Amtszeit geschieden, Single und wieder verheiratet war. Von Hollande wusste man bereits, dass seine Beziehung zu Valerie Trierweiler bereits begonnen hatte, als er noch mit seiner früheren Frau Ségolène Royal liiert war.

Hollande hat es dennoch eilig. In einer Pressekonferenz gefragt zu werden, wie denn nun der Beziehungsstatus sei, ist eine peinliche Angelegenheit, es sei denn, man ist Justin Bieber. Es ist allerdings auch nicht viel angenehmer, gefragt zu werden, wo die 30 Milliarden Euro herkommen sollen, die der Präsident eben den Unternehmen erlassen hat und die zur Finanzierung der Familienbeihilfen gebraucht werden. Aber beim Schwindeln mit Budgetzahlen wird Hollande wenigstens nicht nachts von Paparazzi ertappt.