Grazer Iman D. wehrt sich nach Verhaftung gegen Terrorvorwürfe

Grazer Iman D. wehrt sich nach Verhaftung gegen Terrorvorwürfe

Der vergangene Woche in Graz unter Terrorverdacht verhaftete Imam D. bestreitet in einem Exklusiv-Interview mit profil den Vorwurf, er habe Tschetschenen zum Dschihad nach Syrien geschickt.

Es sind schwerwiegende Vorwürfe, die von der Staatsanwaltschaft Graz gegen den muslimischen Geistlichen D. erhoben werden: Dem 41-Jährigen, der am vorvergangenen Montag festgenommen wurde, wird die „Bildung einer terroristischen Vereinigung“ und das „Gutheißen terroristischer Handlungen“ zur Last gelegt. Unter anderem soll er daran beteiligt gewesen sein, mindestens acht in der Steiermark ansässige Männer – allesamt Asylwerber und Tschetschenen, wie der Imam selbst – zu radikalisieren und als Kämpfer für Syrien anzuwerben. Dort haben sich die Gotteskrieger angeblich der Al-Nusra-Front angeschlossen, einer Gruppierung aus dem Umfeld der Al Kaida. Vier von ihnen wurden offenbar bereits getötet, über das Schicksal von zwei weiteren herrscht Unklarheit.

D. ist nach eigenen Angaben 2004 nach Österreich gekommen und seit vier Jahren Imam der Tawhid-Moschee am Grazer Lendplatz. Er lehrt auch Arabisch. Der Glaubensverein Tawhid hat nach D.s Schätzung zwischen 100 und 150 Mitglieder, die meisten von ihnen kenne er persönlich.
Die Nachricht von der Festnahme des Imams habe in der tschetschenischen Gemeinde von Graz Verwunderung ausgelöst, sagt Bernhard Lehofer, der Anwalt des Geistlichen, gegenüber profil. D. sei dort nämlich nicht im Mindesten als Extremist bekannt gewesen.

Bislang hat sich der Geistliche selbst nicht zu den Vorwürfen geäußert. Gegenüber profil beantwortete er aus der Untersuchungshaft eine Reihe schriftlich eingereichter Fragen.

profil: Vertreten Sie als Imam öffentlich politische Meinungen? Welche?
D.: Ja, ich äußere mich über tschetschenische Politik und stehe in Gegnerschaft zum derzeitigen Kadyrow-Regime (Ramsan Kadyrow, seit 2007 Präsident der autonomen russischen Republik Tschetschenien, Anm.). Natürlich besprechen wir durchaus auch sonstige internationale Probleme.

profil: Haben Sie sich in Ihren Ansprachen über den Bürgerkrieg in Syrien geäußert? Haben Sie dazu aufgerufen, in den Kampf gegen das Regime von Präsident Baschar al-Assad zu ziehen?
D.: Ich habe auch über den Bürgerkrieg in Syrien gesprochen, jedoch niemals dazu aufgerufen, in den Kampf gegen das Regime von Assad zu ziehen. Ich erinnere mich an eine Predigt im Sommer des vergangenen Jahres, in welcher ich äußerte, dass die Syrer ihre Probleme selbst lösen müssen, weil externe Gruppen vor allem Schaden anrichten können. Ich habe auf die Situation in Tschetschenien hingewiesen: Die Einmischung externer, auch islamischer Gruppen hat dort stets nur zu weiteren Problemen geführt, weil solche externen Gruppen auf Selbstversorgung angewiesen sind und zudem die Situation in Tschetschenien nicht wirklich verstehen.

profil: Welches Verhältnis haben sie zu den jungen Männern aus Graz, die nach Syrien in den Krieg gezogen sind?
D.: Ich kenne die vier Tschetschenen aus Graz, die nach Syrien gegangen sind. Richtig ist, dass diese – so wie viele andere Tschetschenen in Graz auch – die Tawhid-Moschee besucht haben. Schließlich handelt es sich um die einzige tschetschenische Moschee in Graz.

profil: Begrüßen Sie es, dass sich die Männer entschieden haben, in Syrien zu kämpfen?
D.: Ich begrüße dies keinesfalls, Tschetschenen haben im Syrienkrieg nichts verloren.

profil: Hat jemand von den acht Männern bei Ihnen um Rat gefragt – und wenn ja: Haben Sie ihnen dazu geraten? Wenn nein: Was hätten Sie ihnen geraten?
D.: Keiner hat mich um Rat gefragt. Hätten sie mich gefragt, so hätte ich ihnen gesagt, dass sie dankbar sein sollen, dass Österreich sie so gut aufgenommen hat, und dass sie hier bei ihren Familien bleiben sollen.

profil: Wussten Sie von dem Vorhaben der Männer, nach Syrien zu reisen?
D.: Nein.

profil: Hatten Sie mit den Männern Kontakt – etwa via E-Mail –, während diese sich in Syrien aufhielten?
D.: Nein.

profil: Vier der acht sollen bereits getötet worden sein. Sind sie für eine gerechte Sache gestorben und kommen sie demnach ins Paradies?
D.: Ich bedaure, dass diese jungen Menschen gestorben sind. Sie hätten ihr ganzes Leben noch vor sich gehabt. Ich werde für sie beten, dass sie ins Paradies kommen.

profil: Halten Sie es für legitim, gegen das Assad-Regime zu kämpfen, wenn man selbst kein syrischer Staatsbürger ist?
D.: Ich bin natürlich gegen das Assad-Regime, Assad ist ein rücksichtsloser Diktator. Dennoch müssen die Syrer ihre Probleme selbst lösen, ausländische Gruppen können dort nichts zur Verbesserung beitragen.

profil: Wie erklären Sie es sich, dass Sie unter Terrorverdacht geraten sind?
D.: Es gibt in Österreich tschetschenische Flüchtlinge, die eigentlich dem Kadyrow-System nahestehen. Mir ist bekannt, dass diese sogar planen, eine eigene Moschee in Graz zu eröffnen. Solche Personen denunzieren mich unter dem Deckmantel der Anonymität und behaupten, sie wollten anonym bleiben, weil sie Angst hätten. Ich lebe seit zehn Jahren in Österreich und habe mir nie irgendwas zuschulden kommen lassen. Ich verstehe nicht, wie man diesen Leuten einfach glauben kann, sie hätten Angst vor mir. Ich bin selbst Flüchtling, habe den Krieg in Tschetschenien erlebt und habe Kinder, von denen ich möchte, dass sie sicher und behütet in Österreich aufwachsen dürfen. Ich würde niemals Personen dazu auffordern, nach Syrien oder sonst irgendwohin in den Krieg zu ziehen.

Foto: Christian Jungwirth/bigshot.at für profil