Irakischer Präsidentenberater Pire: „ISIS wird nicht lange zusammenhalten“

Irakischer Präsidentenberater Pire: „ISIS wird nicht lange zusammenhalten“

Der irakische Präsidentenberater Sadi Ahmed Pire über die Offensive der Islamisten in seiner Heimat und das Versagen Europas, die Rekrutierung junger Muslime zu verhindern.

Interview: Luca Faccio und Anna Giulia Fink

profil: Wie ist es möglich, dass ein paar tausend Kämpfer in der zweitgrößten Stadt des Irak eine modern bewaffnete Armee in die Flucht schlagen?
Sadi Ahmed Pire: Armee und Bevölkerung haben Mossul, eine mehrheitlich sunnitische Stadt, so überstürzt verlassen, weil hier der Konflikt zwischen Schiiten und Sunniten bereits stark ausgeprägt war. Die schiitische Regierung unter Premierminister Nuri al-Maliki hat ihn in der Vergangenheit selbst geschürt. So versuchte sie etwa mehrmals, etliche Minister und hochrangige Offiziere in Mossul zu entmachten.

profil: Kam der ISIS-Vormarsch überraschend?
Pire: Wir Kurden sind überrascht, die irakische Regierung ebenso – und vermutlich waren die ISIS-Rebellen selbst erstaunt, wie schnell es ihnen gelungen ist, ihr Einflussgebiet zu erweitern, und wie einfach es war, eine Stadt wie Mossul mit 1,5 Millionen Menschen und 60.000 Sicherheitskräften von Armee und Polizei einzunehmen.

profil: Inzwischen kehren einige Sunniten, die vor ISIS geflohen sind, bereits nach Mossul zurück. Haben die Islamisten Rückhalt in der Bevölkerung?
Pire: Ich habe zwei Jahre in Mossul gelebt. Ich kann mir zwar vorstellen, dass die dortige Bevölkerung vielleicht noch damit leben kann, dass alle Frauen nun Schleier tragen müssen. Aber dass Frauen das Haus nicht mehr verlassen dürfen und ihre Kinder zwangsverheiratet werden sollen, passt überhaupt nicht mit der kulturellen Metropole zusammen, als welche Mossul bekannt ist. Seit der ISIS-Übernahme gelten in Mossul andere Regeln, die auf dem Scharia-Gesetz basieren. Es sind vor allem Geschäftsleute, die derzeit ihre Rückkehr in die Wege leiten. Nur: Wenn Geschäfte fortan nur mehr auf der Grundlage von streng islamischen Vorschriften gemacht werden dürfen und manche Produkte gänzlich verboten sind, wird sich die Anzahl weiterer Rückkehrer wohl in Grenzen halten.

profil: Wer ist eigentlich die ISIS?
Pire: Ich schätze, dass sie zu rund 20 Prozent aus Stammesangehörigen besteht und zu mehr als
40 Prozent aus Gefolgsleuten des alten Saddam-Regimes. Der Rest sind Angehörige diverser islamischer Gruppierungen. Sie setzt sich also aus recht unterschiedlichen Gruppierungen zusammen, die jeweils ihre eigene Agenda haben. Deshalb glaube ich nicht, dass die ISIS lange zusammenhält. Es gibt bereits jetzt Reibereien zwischen den Fraktionen.

profil: Sind die irakischen Kurden bereit, die Regierung im Kampf gegen die ISIS zu unterstützen?
Pire: Die Kurden stehen ISIS derzeit an einer Front von 1000 Kilometern Länge gegenüber. Wenn wir außerhalb der Grenzen der kurdischen Gebiete an diesem Konflikt teilnehmen sollen, dann ist das von unserer Seite an gewisse Zugeständnisse geknüpft. Schließlich haben wir bisher sehr schlechte Erfahrungen mit der Regierung in Bagdad gemacht. Wir wollen als Teil der irakischen Armee angesehen und als solche auch ausgebildet und ausgerüstet werden. Wir wollen, dass die irakische Armee Verstärkung in die kurdischen Gebiete schickt. Wir wollen, dass endlich Artikel 140 der irakischen Verfassung zur Anwendung kommt, der ein Referendum für die Kurdenregionen des Irak vorsieht. Und wir wollen schließlich auch die Einführung eines Gesetzes, das die Verteilung der Öl- und Gaserlöse regelt.

profil: Die Kurden gelten derzeit als „Gewinner“ dieser Krise, da ihnen durch die Kämpfe zwischen ISIS, Armee und Stammeskriegern große Gebiete zugefallen sind. Ist das der erste Schritt zur Unabhängigkeit?
Pire: Entweder bildet sich am Ende ein irakischer Vielvölkerstaat, in dem wir uns alle gegenseitig mit Respekt begegnen – oder das Land wird früher oder später entlang seiner konfessionellen Grenzen zerfallen. Das hängt derzeit von den Arabern ab, nicht von den Kurden. Wir Kurden werden es auf jeden Fall nicht länger akzeptieren, Menschen zweiter Klasse zu sein.

profil: Wäre eine Regierung der nationalen Einheit, wie sie die UN fordert, unter Premier Maliki möglich, oder bedarf es einer anderen Person, um Stabilität zu garantieren?
Pire: Es gibt im Irak viele Parteien, ethnische und religiöse Gruppierungen. Aber letztlich ist das Land in zwei grobe Blöcke aufgeteilt: Einer ist für eine Wiederkandidatur Malikis, einer ist dagegen. Wir Kurden sind weder für das eine noch für das andere. Wir haben klare Forderungen und stellen uns am Ende auf die Seite jener, die bereit sind, uns bei diesen Forderungen am meisten entgegenzukommen.

profil: ISIS hat auch viele junge Islamisten aus dem Westen rekrutiert. Muss sich Europa fürchten, wenn sie nach Hause zurückkehren?
Pire: Ohne Zweifel. Menschen, welche die Welt verändern wollen, akzeptieren keine Grenzen. Letztlich ist die Tatsache, dass die Islamisten so viele junge Menschen rekrutieren können, ein Armutszeugnis für die Integrationspolitik Europas. Europa muss sich ernsthaft Gedanken machen, wie es so weit kommen konnte, dass sich Jugendliche, die in Europa geboren wurden, dafür entscheiden, in einen tausende Kilometer entfernten Krieg zu ziehen, mit dem sie eigentlich nichts zu tun haben.