IS: Endzeitvisionen & Heilserwartungen

IS: Endzeitvisionen & Heilserwartungen

Der „Islamische Staat“ und seine apokalyptischen Wahnvorstellungen.

Warum tragen die Kämpfer der Terrormiliz IS ihr Haar fast schulterlang? Warum sind ihre Fahnen schwarz? Warum wählen viele ihre Kriegernamen nach den Städten ihrer Herkunft? Der deutsche Schriftsteller Navid Kermani – ein ausgewiesener Islam-Experte – bietet im „Spiegel“ einen Erklärungsansatz. Laut einer Überlieferung aus der Frühzeit des Islam sagte Ali, der Schwiegersohn des Propheten, Folgendes voraus: „Wenn ihr die schwarzen Flaggen seht, bleibt, wo ihr seid, und bewegt nicht eure Hände noch eure Füße. Danach werdet ihr eine klägliche, unbedeutende Schar erblicken. Ihre Herzen werden wie Eisenstücke sein. Sie werden einen Staat haben. Sie werden weder einen Vertrag noch ein Abkommen einhalten. Sie werden zur Wahrheit aufrufen, aber sie werden nicht die Leute der Wahrheit sein. Sie werden sich nach ihren Kindern und ihren Städten nennen. Ihre Haare werden lang herabhängen wie die einer Frau. Dieser Zustand wird andauern, bis sie untereinander streiten. Danach wird Gott die Wahrheit hervorbringen, durch wen auch immer Er will.“

Die Fahnen, die Frisuren, die Namensgebung: „Kalif“ Bakr al-Baghdadi und seine Mordgesellen scheinen alles zu tun, um dem Bild dieser Schar zu entsprechen, deren Auftreten die Endzeit einleitet – bis hin zu der selbst für Kriegsparteien eklatant mangelnden Handschlagqualität, die von ihren Kontrahenten in der Region beklagt wird.

Es ist nicht der einzige Hinweis auf apokalyptische Heils- und Endzeiterwartungen unter radikalen Islamisten. Auch ein von der Terror-Urzelle Al Kaida ersonnener Sieben-Stufen-Plan zur Weltherrschaft, der bereits 2005 bekannt wurde, weist in diese Richtung.

Die ersten fünf sind bereits mit gespens-tischer Akkuratesse eingetreten: das „Aufwachen“ (2000–2003) durch die Vorbereitung und Ausführung der Anschläge von 9/11; das „Augenöffnen“ (bis 2006), das mit dem Aufbau einer Operationsbasis im Irak einhergehen sollte; das „Aufstehen und Auf-Zwei-Beinen-Gehen“ (bis 2010) und die damit verbundene Konzentration auf Syrien. In Phase 4 (bis 2013) sollten verhasste arabische Regierungen gestürzt und in Phase 5 (bis 2016) ein Kalifat errichtet werden.
Dass der Plan offenbar wie am Schnürchen abläuft, ist mit Sicherheit nicht den prophetischen Gaben und dem jahrzehnteübergreifenden strategischen Geschick der Islamisten zu verdanken, sondern eher einer Reihe von – aus ihrer Sicht glücklichen – Zufällen.

Aber die Hoffnung, dass es 2016 mit der sechsten Phase („totale Konfrontation“) weitergeht, spiegelt sich im Handeln des IS durchaus wider: Eine Schlacht der „islamischen Armee“ gegen die Ungläubigen soll es sein, die in Phase 7 zum „endgültigen Sieg“ führt; vorausgesetzt, dass sich alle 1,6 Milliarden Muslime auf der Welt am Kampf beteiligen.