IS-Miliz dringt trotz heftiger Gegenwehr weiter in Kobane vor

IS-Miliz dringt trotz heftiger Gegenwehr weiter in Kobane vor

Kämpfer der Terrorgruppe Islamischer Staat (IS) sind trotz internationaler Luftschläge und massiver Gegenwehr kurdischer Milizionäre in die strategisch wichtige syrische Grenzstadt Kobane eingedrungen.

Wie Menschenrechtsbeobachter am Dienstag berichteten, übernahmen IS-Kämpfer mindestens drei östliche Stadtteile, in denen sie auf mehreren Gebäuden die schwarze Jihadistenflagge hissten.

Nach Angaben von Menschenrechtsaktivisten sind bei den Kämpfern bereits mehr als 400 Menschen getötet worden. Kurdische Volksschutzeinheiten erklärten Kobane (arabisch: Ayn al-Arab) zur "Militärzone" und brachten die noch verbliebenen Zivilisten an die nahe gelegene türkische Grenze. In zahlreichen österreichischen und europäischen Städten kam es zu Protestaktionen kurdischer Gruppen.

Schwere Kämpfe um jede Straße
Die Einnahme der Stadt Kobane wäre für den IS strategisch wichtig: Die Terrormiliz würde damit nicht nur ein großes zusammenhängendes irakisch-syrisches Gebiet, sondern auch weite Teile der Grenze zur Türkei kontrollieren. Die im syrischen Bürgerkrieg stark gewordene Terrormiliz beherrscht inzwischen weite Landstriche in Syrien und im Irak.

Nach Angaben syrischer Menschenrechtsbeobachter übernahmen die sunnitischen IS-Extremisten in Kobane ein Industriegebiet sowie die östlichen Stadtteile Kani Araban und Makatal al-Jadida. Gleichzeitig sei es den PKK-nahen kurdischen Volksschutzeinheiten aber gelungen, IS-Kämpfer aus einigen Straßenzügen zu vertreiben. Es gebe schwere Kämpfe um jede Straße. Im Südwesten Kobanes habe die IS-Terrorgruppe mehrere Gebäude am Stadtrand übernommen.

Im Süden und Osten der Stadt soll es Luftschläge der von den USA geführten internationalen Koalition gegen die Terrormiliz gegeben haben. Nach Berichten der syrischen Menschenrechtsbeobachter wurden mindestens drei Gruppen von IS-Kämpfern im Süden von Kobane getroffen.

Bei den meisten der 412 bekannten Opfer der Kämpfe um Kobane handelt es sich um Kämpfer beider Seiten, teilte die syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte am Dienstag mit. Den Angaben zufolge starben seit Beginn der Kämpfe 219 IS-Jihadisten, 173 kurdische Kämpfer sowie 20 Zivilisten. Nach Angaben der Beobachtungsstelle liegt die Opferzahl vermutlich weit höher. Inmitten der Kämpfe sei es jedoch schwierig, Todesfälle zu dokumentieren.

Kobane ist die letzte Bastion in einer Enklave, die bisher von den kurdischen Volksschutzeinheiten kontrolliert wurde. IS-Jihadisten haben seit September schon mehr als 300 Dörfer im Umland von Kobane eingenommen, rund 185.000 Menschen flohen in die Türkei. Etwa 5000 Kurden stellen sich derzeit den IS-Extremisten entgegen.

Kurden protestieren gegen Terror
Kurdische Demonstranten haben am Montagabend in mehreren Städten Europas, darunter Wien, Bregenz, Innsbruck und Graz, mit Protestaktionen und Besetzungen auf die verzweifelte Lage in der umkämpften syrischen Grenzstadt Kobane aufmerksam gemacht. Die islamistische Terrormiliz IS versucht derzeit, Kobane gegen den erbitterten Widerstand kurdischer Kämpfer unter ihre Kontrolle zu bringen.

Im niederländischen Den Haag drang am Montagabend eine große Gruppe kurdischer Demonstranten in das Parlament ein. Nach einem Gespräch mit der Vorsitzenden der Zweiten Parlamentskammer, Anouchka van Miltenburg, verließen die Protestierer in der Früh das Gebäude wieder, berichteten niederländische Medien am Dienstag.

In Wien versammelten sich gegen 21.00 Uhr rund 300 Personen vor dem Parlament zu einer spontanen Kundgebung, die friedliche verlief. Sie protestierten laut Polizei "gegen die Untätigkeit des Westens" und forderten eine Aussprache mit Nationalratsabgeordneten. Wie auf bei Twitter veröffentlichten Bildern zu sehen war, kam es in der Folge zu Gesprächen zwischen ihnen und SPÖ-Klubobmann Andreas Schieder sowie der Grünen Nationalratsabgeordneten Berivan Aslan. Über die Gesprächsinhalte wurden zunächst keine Details bekannt.

Den Behörden sei der Auslöser der Demonstration ein "Aufruf auf Twitter" gewesen, "dem auch Kurden in Hamburg, Berlin und anderen europäischen Städten gefolgt sein dürften". Auf Twitter waren Bilder von Demonstrationen in der Schweiz und in den Niederlanden gegen IS und zur Solidarisierung mit Kobane zu sehen. Weiteren Twitter-Einträgen zufolge, fanden auch in Paris, London, Bern, Stockholm, Den Haag, Berlin, Ankara und Istanbul Proteste statt.

Auch in Bregenz, Innsbruck und Graz gingen in der Nacht auf Dienstag Dutzende Menschen auf die Straßen, um gegen den IS-Vormarsch zu protestieren. In Bregenz beteiligten sich gegen 23.00 Uhr 70 Personen an einer Kundgebung, in deren Vorfeld es auch einen Angriff auf das türkische Generalkonsulat gab. Dabei wurden die Glastür und zwei Fensterscheiben eingeschlagen. In Innsbruck blockierten 50 Personen gegen Mitternacht eine Straße für 15 Minuten, auch in Graz gab es eine Kundgebung. Alle Demonstrationen verliefen friedlich.

Am Flughafen der belgischen Hauptstadt Brüssel gab es ebenfalls eine Solidaritätsaktion von Kurden. Dort forderten Kurden ein entschlossenes Vorgehen der internationalen Gemeinschaft gegen den IS und humanitäre und militärische Hilfe für die Einwohner von Kobane.

Auch in mehreren deutschen Städten gab es Proteste mit einigen tausend Teilnehmern. In Düsseldorf und Bonn drangen die Demonstranten kurzzeitig in Gebäude des Westdeutschen Rundfunks und des Auslandssenders Deutsche Welle ein. In Berlin versammelten sich nach Polizeiangaben etwa 600 Kurden. Für den Vormittag (10.00 Uhr) war eine weitere Demonstration in der Hauptstadt angemeldet. Auch aus Hamburg, Dortmund, Münster und Essen wurden spontane Demonstrationen gemeldet.

(APA/Red.)