IS: Vor einem Jahr rief die Terrormiliz ein Kalifat aus

RAQQA, SYRIEN: Kämpfer in einem Park in der selbsternannten Hauptstadt des Islamischen Staates

RAQQA, SYRIEN: Kämpfer in einem Park in der selbsternannten Hauptstadt des Islamischen Staates

Vor einem Jahr rief die Terrormiliz „Islamischer Staat“ ein Kalifat aus. Heute erstreckt es sich in Syrien und dem Irak über eine Fläche der Größe von England. Wie konnte das passieren?

Die Szene trug sich im Sommer des vergangenen Jahres zu. Schauplatz: die Ruinen der syrischen Stadt Aleppo. Abu Hamzi Arandas tat sein Bestes, um die Fassung zu bewahren, die Verzweiflung stand ihm ins Gesicht geschrieben. Der 34-Jährige kämpfte auf Seiten der Rebellen gegen die Truppen des Regimes von Bashar al-Assad, die auf wenige Meter herangekommen waren. Abu Hamzi wusste bereits damals: „Wir sind in einem Zwei-Fronten-Krieg verstrickt.“ Denn auch die Terror-Milizen des ein Monat zuvor gegründeten „Islamischen Staates“ näherten sich unaufhaltsam der Stadt.

profil zählte zu den letzten Medien, deren Korrespondentin sich damals noch tief in Syriens Rebellengebiete vorwagte. Aleppo und die Region im Nordosten des Landes gehören bis heute zu den am härtesten umkämpften Gebieten im syrischen Bürgerkrieg. Die Kämpfer des IS stehen nur noch wenige Kilometer vor der Verbindungsstraße zwischen Aleppo und der Grenze zur Türkei. Der seit drei Jahren hart umkämpfte nördliche Teil der Stadt droht an den IS zu fallen. Doch es geht schon lange nicht mehr nur um Aleppo, um den Ausgang des Bürgerkrieges oder um Syrien allein.

Als Abu Hamzi im Sommer des Vorjahres in den verwinkelten Gassen gegen die Islamisten des IS kämpfte, hätte die Aussicht, dass es der Terrormiliz im Nahen Osten gelingen würde, die gesamte Region zu bedrohen, noch jede Vorstellungskraft gesprengt. Spätestens jedoch, als die Gotteskrieger im Juni 2014 die nordirakische Stadt Mossul in ihre Gewalt brachten und danach binnen drei Tagen mehr als 300 Kilometer in Richtung Bagdad vorrückten, markierte das den Beginn eines Albtraums, der sich „Islamischer Staat“ nennt.

Heute, ein Jahr später, erstreckt sich das Herrschaftsgebiet des IS von der syrisch-türkischen Grenze bis nahe an Bagdad heran.

profil bei Radio Wien: profil-Redakteurin Anna Giulia Fink steht Radio Wien-Moderator Christian Ludwig Rede und Antwort zum Thema: ein Jahr Kalifat, warum sich der „Islamische Staat“ noch immer ausbreiten kann.

Aus dem Westen kamen lange nur Worte. Seit vergangenem September hat sich dem IS gegenüber eine scheinbar übermächtige Koalition aus 60 Ländern formiert. Deren militärische Potenz übersteigt zwar zweifellos jene des IS, ihre Uneinigkeit über die Strategie im Kampf gegen die islamistischen Terroristen allerdings spielt letztlich dem IS in die Hände.

Wie kann es sein, dass die internationale Gemeinschaft mit einer Terrormiliz, die sich nicht einmal versteckt hält, nicht zurande kommt? Wie kann sich ein Staat ausbreiten, der auf einer Ideologie beruht, der Köpfungen und Massenerschießungen anordnet? Was motiviert seine Anhänger in der Region und im Westen?

Ein Jahr existiert das gespenstische „Kalifat“ nun schon, am 29. Juni 2014 wurde es per Audiobotschaft offiziell ausgerufen – und immer noch sucht der Westen nach Antworten und nach einer vernünftigen Gegenstrategie.

Warum revoltieren die Bewohner des IS nicht gegen den IS?

Der IS kontrolliert inzwischen ein Gebiet von der Größe Englands mit einer Bevölkerung von zwölf Millionen Menschen – eine Herausforderung, die die Organisation nicht nur durch Terror zu bewältigen scheint. Zum einen konnte der IS seine Kämpfer und deren Familien dank finanzieller Unterstützung aus den Golfstaaten stets großzügig bezahlen. Die Männer sind krankenversichert, darüber hinaus gibt es Heiratsbeihilfen und Unterstützungszahlungen für die Familien getöteter oder inhaftierter Kämpfer.

Zum anderen kümmert sich der IS aber auch in seinem Einflussgebiet darum, dass Straßen repariert, der Müll eingesammelt, die Wasserversorgung wiederhergestellt und Schulen aufgebaut werden. Die IS-Leute regulieren den Brotpreis und die Mieten, sie stellen den Armen Suppenküchen und den Kranken Gesundheitseinrichtungen zur Verfügung. In dem vom Bürgerkrieg gebeutelten Syrien ist es dem IS also gelungen, in den von ihnen kontrollierten Gebieten grundlegende staatliche Strukturen aufzubauen.

Der IS sichert seine Macht mithilfe zweier Dinge ab: mit Sozialleistungen – und mit Unterdrückung. Wo seine Kämpfer einmarschieren, töten, vergewaltigen und foltern sie. Sie versklaven Frauen und Kinder, und bedrohen all jene mit dem Tod, die von der von ihnen propagierten salafistischen Doktrin abweichen. Bilder, die aus der Region nach außen dringen, zeigen Kinder im Alter von drei, vier Jahren, die an Waffen geschult werden und Enthauptungen an Puppen üben. „Sie wollen unsere Kinder zu kaltblütigen Kämpfern erziehen“, berichtet ein Bewohner der selbsternannten IS-Hauptstadt Raqqa, mit dem profil in Kontakt steht. Die Strafen für Vergehen aller Art sind drakonisch: Dieben werden die Hände abgehackt, wer über den Islam spottet, dem droht die Hinrichtung.
Zu den wenigen Berichten, die aus dem Islamischen Staat nach außen dringen, gehören jene der Gruppe „Mossul Eye“, die Informationen aus der irakischen Stadt Mossul in die Welt tragen. Demnach müssen Frauen neuerdings ein Gramm Gold bezahlen, wenn sie auf offener Straße die Augen nicht bedeckt haben. Berührt die Hose eines Mannes den Boden, sind zwölf Dollar Strafzahlung fällig. 100 Dollar sind es für all jene, die keinen Bart tragen.

Wo steckt Kalif Ibrahim alias Abu Bakr al-Baghdadi?

Er ist 45 Jahre alt, trägt den Kampfnamen „Abu Bakr al-Bagdadi“ und ist wahrscheinlich mittel bis schwer verwundet. Es ist nicht viel, was man von Ibrahim weiß, dem selbsternannten Kalifen und Regenten des IS.
Gesichert ist: Al-Bagdadis Konvoi wurde am 18. März 2015 von US-Kampfflugzeugen angegriffen, 130 Kilometer westlich der irakischen Stadt Mossul. Drei Begleiter kamen ums Leben, er selbst bekam Rückenverletzungen ab. Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird er nahe Mossul immer noch ärztlich behandelt.

Nach dem Angriff auf Al-Bagdadi hätte Abu Alaa al-Afri den Kalifen vertreten sollen, die Nummer zwei im IS-Land. Am 5. Mai allerdings ist Al-Afri seinerseits möglicherweise bei einem US-Luftangriff ums Leben gekommen. All dies führte wohl zu einer massiven Führungskrise im IS.

Wie groß ist die Macht des Kalifen?

Wie handlungsfähig Kalif Ibrahim ist, dürfte sich bald erweisen: Anlässlich des Jahrestages der Gründung des Kalifats Mitte Juni wird ein Auftritt Ibrahims erwartet. Alles andere käme einer Kapitulation gleich – allerdings nur einer Kapitulation Ibrahims und bei Weitem nicht gleich der ganzen IS-Führung.

Al-Bagdadi gilt zwar als charismatische Führungsfigur, aber auch als ersetzbar. Die eigentliche Macht im IS-Land dürften ehemalige Spitzenmilitärs aus der Ära Saddam Husseins innehaben. Hintergrund: In den Gefangenenlagern der Amerikaner nach dem Irak-Krieg – allen voran bis 2009 im „Camp Bucca“ im Südirak – trafen diese einst auf Al-Kaida-Terroristen. Sie schlossen ein Zweckbündnis mit dem Ziel, den Irak für die Sunniten zurückzuerobern.

Heute gelten zwei Militärs aus dem einstigen Saddam-Kader als die stärksten Figuren der IS-Armee: Abu Ali al-Anbari und Muslim al-Turkmani. Ersterer war General in der irakischen Armee vor 2003, Zweiterer bekleidete eine führende Rolle in Saddams Geheimdienst. „Die wahre Macht des Kalifen al-Bagdadi ruht auf diesen beiden Figuren“, sagt Hisham al-Hashimi, einer der führenden irakischen IS-Experten.

Weitere zentrale Rollen nehmen Ausländer ein, zum Beispiel kampferprobte Tschetschenen wie Mohammed Al-Adnani, der Sprecher des IS. Aber auch Europäer sind dabei. Der Österreicher Mohammed Mahmoud etwa gilt, wie sein deutscher Waffenbruder und Ex-Rapper Denis Cuspert, als wichtige Figur; sie dürften die europäische Propaganda-Arbeit leiten.

Wie halten es die Gotteskrieger mit dem Geld?

Dass in Finanzangelegenheiten sogar die Radikalsten pragmatisch werden, gilt auch für den IS. Er ist zweifellos die reichste Terrororganisation weltweit, und das Vermögen wird immer größer. Pro Tag nimmt die IS-Führung – grob geschätzt – bis zu fünf Millionen Dollar ein. Sie stammen etwa aus hohen Zwangssteuern, Schutzgeldern, Einnahmen aus dem Ölhandel sowie Zöllen, beispielsweise auf LKW-Ladungen.

Aufsehen in internationalen Medien erregt vor allem der Verkauf geraubter archäologischer Schätze an anonyme Kunstsammler im Westen. Doch der brachte geschätzt bislang nur einige Dutzend Millionen Dollar ein – Peanuts im Vergleich zur Plünderung von 700 Millionen Dollar aus der Nationalbank im irakischen Mossul nach der Eroberung der Stadt im vergangenen Sommer. Oder im Vergleich zu den hohen „Steuern“, die Staatsbedienstete im Irak an den IS entrichten müssen, wenn sie ihr Gehalt immer noch von der Bagdader Zentralregierung beziehen.

In Syrien kontrolliert der IS zudem mittlerweile 80 Prozent der Öl- und Gasfelder; zuletzt eroberte er am 20. Mai die Felder von Arak und al Hail nahe der Stadt Palmyra. Die erbeuteten Rohstoffe werden munter gehandelt, auch innerhalb der verschiedenen Rebellengruppen Syriens. In Sachen Ölschmuggel kann der IS auf viel Expertise aus der Saddam-Ära im Irak zurückgreifen. Damals musste aufgrund der Sanktionen auch Öl geschmuggelt werden. Izzat Ibrahim ad-Duri, Saddams damaliger Vize, spielte darin eine wichtige Rolle – und heute soll er den Ölschmuggel im IS kontrollieren.

Gegen hohe Wegzölle werden Lastwägen von den syrischen Kriegsparteien gern durchgewinkt, selbst wenn sie Lieferungen ins Feindesland beinhalten, berichtet der Schweizer Kriegsreporter Kurt Pelda aus Syrien.

Pragmatisch zeigen sich die Gotteskrieger auch bei der Bezahlung ihrer Kämpfer: Sie erhalten ihren Lohn in Dollar. Die Feindeswährung ist beliebter als die syrische Lira des Assad-Regimes, die von ständiger Inflation bedroht ist. Einige hundert Dollar verdienen IS-Kämpfer monatlich, beachtliche Summen in Syrien und dem Irak. Die Pläne des IS, eine eigene Währung einzuführen – „Dinars“ aus 21-Karat-Goldmünzen – haben bislang noch nicht gefruchtet.

Der deutsche Islamwissenschafter Guido Steinberg spricht von einer „Beuteökonomie“. Solange der IS immer neue Gebiete dazuerobere, funktioniere sie. Irgendwann jedoch wird er darangehen müssen, die staatlichen Strukturen zu festigen und vertiefen. Denn ein Finanzierungsmodell aus Schutzgeldern und Plünderungen stößt schnell an seine Grenzen.

Beschützt der Islamische Staat die sunnitische Bevölkerung?

Die Spannungen zwischen Sunniten und Schiiten auszunutzen, ist schon länger ein beliebtes Rezept der Radikalen. Anfang der Nullerjahre, als der Traum vom islamischen Kalifat noch ein Hirngespinst war, ließ die sunnitische Al-Kaida im Irak bereits gezielt Schiiten niedermetzeln. Daraufhin griffen schiitische Milizen die sunnitische Bevölkerung an – und diese flohen, wie gewünscht, in die schützenden Arme der Terroristen.

Nach dem Irakkrieg hat sich diese Praxis weiter zugespitzt. Nach der Zerschlagung des Saddam-Regimes etablierte sich unter Ex-Premier Nuri Al-Maliki eine schiitische Regierung. In seiner zehnjährigen Herrschaftszeit litt die sunnitische Bevölkerung unter massiver Unterdrückung. Dass die irakische Armee bis heute großteils aus Schiiten besteht, spielt dem IS in die Hände.

Sunniten haben im Normalfall zwei Möglichkeiten: Entweder sie akzeptieren das Kalifat und können ein vergleichsweise sicheres Leben führen. Oder sie wenden sich gegen die Extremisten, fliehen und ordnen sich gleichzeitig dem verhassten schiitischen Regime unter.

Immer wieder berichtet Human Rights Watch über sunnitische Zivilisten, die den schiitischen Milizen in die Hände gefallen sind und zum Opfer von Folter und Ermordungen wurden. Das Säen des Hasses zwischen Schiiten und Sunniten hat bestens funktioniert.

Was macht die IS-Armee so stark?

Die Gotteskrieger greifen im Schutz des Nebels an. Der IS kommt aus dem Hinterhalt, keiner kann genau vorhersehen, wann er angreift. Mit den berüchtigten Konvois der Kämpfer aus Dutzenden schwarzen Pick-ups können sie in einer Nacht Hunderte Kilometer zurücklegen. Ihre Mobilität macht sie ebenso unberechenbar wie der kalkulierte Einsatz von roher Gewalt. Bei der Besetzung von Ramadi, einer Großstadt westlich von Bagdad, schickten sie beispielsweise zahlreiche Selbstmordattentäter voraus, um die gegnerischen Verteidigungslinien zu sprengen.

Niemand vor Ort kann ansatzweise mit den militärischen Fähigkeiten und dem Fanatismus des IS mithalten. Erfahrene Offiziere stehen im Hintergrund, die noch zu Zeiten Saddam Husseins ausgebildet wurden und seit mehr als einem Jahrzehnt ununterbrochen Krieg führen. Die Offiziere sind im sunnitischen Herzland aufgewachsen, sie kennen jede Böschung und jede Düne. Sie wissen um soziale Strukturen und haben gute Beziehungen zu den lokalen Stämmen. Die Offiziere genießen weitreichende Handlungsfreiheit und können einschätzen, in welcher Gegend Kooperationsbereitschaft herrscht und wo gewalttätig vorgegangen werden muss.

Die Anzahl der IS-Soldaten liegt zwischen 30.000 und 70.000, je nach Quelle. Viele von ihnen haben ihr Leben gänzlich dem Kalifat verschrieben. Die Truppen sind im Besitz modernster Waffen, die sie auf Raubzügen erbeuten konnten, nachdem die Gegner ihre Positionen fluchtartig verlassen hatten. Ironischerweise handelt es sich großteils um Material, das die USA der irakischen Armee einst zur Verfügung gestellt haben.

Warum sind westliche Kämpfer für den IS so wichtig?

Sie geben ihr altes Leben auf, um Mudschahed, also Märtyrer zu werden. Dies macht sie gefährlich – und für den IS wertvoll.

Westliche Kämpfer sind die perfekten Selbstmordattentäter. Sie haben nichts zu verlieren – keine Familienmitglieder oder Stammesbrüder, auf die Rücksicht genommen werden müsste. Diese fanatische Begeisterung geht so weit, dass es regelrechte Wartelisten für Selbstmordattentäter gibt, berichtet das US-Magazin „Foreign Policy“.

Laut den Vereinten Nationen stammt gar die Hälfte aller IS-Kämpfer nicht aus dem Einzugsgebiet des „Islamischen Staates“. Aus 80 verschiedenen Staaten sollen Männer und Frauen bereits in den Irak oder nach Syrien gereist sein, um für die Ausweitung des Kalifats zu kämpfen.

Manche sehen in den westlichen Kämpfern sogar eine Art Lebensversicherung für die IS-Führerschaft. Denn sollte die Elite des Terrorstaates ausgelöscht werden, könnten die West-Kämpfer in die ganze Welt ausschwärmen, um den Tod ihrer Führer zu rächen.

Wer geht in der Region gegen den IS vor?

In der zersplitterten Region haben gleich mehrere Gruppen den Kampf gegen den IS aufgenommen – wenn auch bisher mit geringem Erfolg. So kämpft in Syrien weiterhin das Assad-Regime gegen das Kalifat. Seine Armee ist jedoch längst zersplittert. Viel zum Kampf tragen die libanesische, schiitische Hisbollah bei. Finanzielle Unterstützung erhält die Hisbollah aus Teheran.

An einer anderen Front kämpft die irakische Armee gegen den IS, doch auch sie hat Schwächen: Sie gilt als extrem unstrukturiert und korrupt. Daran kann auch Militärhilfe aus den USA von mehr als 25 Milliarden Dollar nichts ändern.

Die irakische Armee kooperiert stark mit der Gruppierung Hashad al-Shaabi, die als Schirmorganisation der schiitischen Milizen gilt und vom Iran finanziert wird. Diese weigert sich allerdings, in den Angriff gegen den IS überzugehen. Denn sie hat kein Interesse daran, sunnitische Gebiete zurückzuerobern. Lieber schützen sie die Schiiten – eine Erklärung mehr, warum beim Kampf gegen den IS so wenig weitergeht. Einmal mehr lassen sich Motive und Erfolge des IS auf die sunnitisch-schiitische Spaltung zurückführen – genauso bei den Gegnern: Der Kampf gegen die Terrororganisation ist den nationalen Regierungen in Bagdad und Damaskus längst entglitten. Hier zieht der – schiitische – Iran nun die Fäden.

Nördlich des IS liegt außerdem das Siedlungsgebiet der Kurden. Bisher sind sie die Einzigen, die sich dem IS erfolgreich entgegenstellen. So spielten sie bei der Rückeroberung von Kobane und Tikrit die entscheidende Rolle. Die irakische und syrische Regierung will die Kurden allerdings nicht übermäßig unterstützen, da ihnen das die Möglichkeit geben könnte, einen Kurdenstaat zu gründen. Und vorerst kämpfen die Kurden ohnehin nur, wenn es um ihr eigenes Territorium geht.

Wie bedroht sind Bagdad und Damaskus?

Im Irak kontrolliert der IS einen Korridor, der sich wie eine Schlinge um die Hauptstadt gelegt hat (siehe Karte). Bagdad ist Frontstadt, das Kalifat des IS liegt nur noch zehn Kilometer von einigen Vororten entfernt. Zur Verteidigung der Sieben-Millionen-Metropole hat die Regierung ein eilig zusammengestelltes Heer aus schiitischen Milizen aufgestellt. Dass sich Zellen des IS in Bagdad verankert haben, steht spätestens seit der Anschlagserie Ende 2014 fest. Die Rückeroberung von Mossul wurde abgeblasen, in der Provinz Anbar, der größten des Landes, sitzt der IS fest im Sattel, der Schock nach der Einnahme der Provinzhauptstadt Ramadi sitzt noch immer tief. Kurz: Bagdad ist durchaus in Gefahr.

Dasselbe gilt für die syrische Hauptstadt Damaskus, denn in Syrien gewinnt der IS noch rasanter an Boden: Derzeit stehen seine Truppen nur wenige Kilometer von dem strategisch enorm wichtigen syrisch-türkischen Grenzübergang Bab Al-Salam entfernt. Auch die Stadt Aleppo, die einstige Handelsmetropole und größte Stadt Syriens, gilt nach der Eroberung von Palmyra als gefährdet. Nun droht das Kerngebiet des Präsidenten Assad vom IS eingenommen zu werden.

Welchem westlichen Teufelszeug können nicht einmal IS-Sympathisanten widerstehen?

Es deuten nur bruchstückhafte Informationen darauf hin, aber ganz ohne die satanischen Auswürfe der westlichen Warenwelt scheint auch der IS nicht auszukommen.

Man erfreut sich beispielsweise nicht nur an Tausenden mit Waffensystemen bestückten Militär-Humvees im Wert von knapp 560 Millionen Dollar, die man in Mossul erbeutet hat, sondern auch an kleineren Dingen: So halten IS-Kämpfer europäischer Provenienz gern Schoko-Riegel der Marke Snickers in die Selfie-Kameralinsen. In Restaurants im IS-Gebiet schlürft man zudem gern geschmuggeltes Pepsi, wie der Kriegsreporter Kurt Pelda aus Syrien berichtet.

Aber es gibt auch Tand mit regionaler Note: In einer Videobotschaft trägt Kalif Ibrahim höchstpersönlich eine Armbanduhr der Marke „WA-10S Deluxe“ des saudischen Herstellers Al-Fajr – quasi als Product Placement. Die Uhr kostet 560 Dollar, wobei es sich bei Bagdadis Exemplar um eine Fälschung handeln soll. Sie bietet alles, was gläubige Muslime brauchen: einen Gebetszeiten-Wecker, einen Mekka-Kompass und sogar ein Lesezeichensystem für Koran-Suren.

Stehen die IS-Bosse auf der US-Terrorliste weiter oben als Al Kaida, Taliban und Co.?

Die „Most Wanted“-Liste des US-Außenministeriums bildet, wenn man so will, die Charts der ganz Bösen ab. Anfang Mai wurde die 71 Namen umfassende Liste der weltweit am meisten gesuchten Terroristen um vier erweitert. Fünf IS-Bosse finden sich nun darauf. Die Belohnung für Informationen, die zu ihrer Verhaftung führen, beläuft sich auf insgesamt 30 Millionen Dollar. Damit liegt der „Islamische Staat“ auf Platz fünf des US-Außenministeriums – hinter der Al Kaida (87 Millionen), der Al-Shabaab-Miliz in Somalia (37), der libanesischen Hisbollah (35) und der Al Kaida auf der Arabischen Halbinsel (35 Millionen). Die Taliban schaffen es auf Platz elf (10 Millionen), Boko Haram liegt an siebter Stelle (12 Millionen).

- 7 Millionen Dollar gibt es für den Vize-Chef des IS Abd al-Rahman Mustafa al-Qaduli
- 5 Millionen Dollar Belohnung für IS-Sprecher Abu Mohammed al-Adnani
- 5 Millionen Dollar für den ranghohen Militär Tarkhan Tayumurazovich Batirashvili (auch bekannt als „Omar, der Tschetschene“)
- 3 Millionen Dollar für Tariq Bin-al-Tahar Bin al Falih al-’Awni al-Harzi, einen der Hauptverantwortlichen für die Aufbringung von Geldern und Rekrutierung ausländischer Kämpfer für den IS.
-10 Millionen Dollar gibt es für IS-Chef Al-Bagdadi
- Mit 25 Millionen Dollar Kopfgeld führt weiter Al-Kaida-Chef Ayman al-Zawahiri die Liste an.

Warum muss die Freiheit des Westens am Hindukusch verteidigt werden, aber nicht am Tigris?

Zwar stecken die USA derzeit jeden Tag 1,6 Millionen Dollar in Luftschläge gegen den IS. Trotzdem könnte sich der Terrorstaat noch lange halten. Da wäre zunächst einmal der Unwille des Weltpolizisten USA, eine weitere große Operation anzugehen – nach den Kriegsabenteuern in Afghanistan und Irak. Die Amerikaner fordern lieber die Iraker auf, entschlossener gegen den IS vorzugehen. So warf US-Außenminister Ash Carter ihnen „mangelnden Kampfeswillen“ vor. Iraks Ministerpräsident Haidar al-Abadi wiederum kritisiert eine mangelnde Unterstützung aus dem Westen.

Da wäre außerdem die ausweglose Lage vieler Sunniten in der Region, denen nur die Wahl zwischen IS-Terror oder schiitischer Unterdrückung bleibt. Und da ist schließlich die völlig ungelöste Syrien-Frage: Die westliche Welt hat den Krieg seit dem Arabischen Frühling 2011 geschehen lassen, bis der IS ins neu entstandene Machtvakuum vorstieß.

Zu der – ohnedies zaghaften – Militäroperation gegen den IS gesellt sich bisher keine politische Initiative, etwa ein internationaler Friedensplan für Syrien. „Wir können nicht nur mit militärischer Macht auf den IS reagieren“, sagt David Petraeus, Ex-Chef der CIA und ehemaliger Oberbefehlshaber der US-Streitkräfte im Irak und in Afghanistan. „Genauso notwendig ist eine politische Lösung.“

Über den Einsatz von Bodentruppen wird gerade gestritten, diese Frage könnte allerdings noch auf längere Zeit unentschieden bleiben. Offenherzig bekannte der US-General Michael K. Nagata im Dezember 2014: „Wir verstehen den ,Islamischen Staat‘ nicht, am wenigsten seine Ideologie. Und das ist zentral, denn erst wenn wir die Idee dahinter verstanden haben, wird es uns gelingen, diese Idee zu besiegen und mit der Idee auch den ,Islamischen Staat‘.“