Eine der größten Vertreibungskrisen der Welt
Ihre Familie ist Opfer der größten Vertreibungskrise der Welt. Seit Beginn des Sudankrieges im April 2023 flohen fast zwölf Millionen Menschen vor der Gewalt. Über vier Millionen von ihnen suchten Schutz in Nachbarstaaten, vor allem in Ägypten, Südsudan und Tschad. Nach Äthiopien flüchteten laut UN-Angaben knapp 180.000 Menschen.
Im Machtkampf zwischen der staatlichen Armee (SAF) und der Miliz „Rapid Support Forces“ (RSF) töteten Bomben Samias Tante und Onkel. Auch die Großmutter starb, weil sie durch die Kämpfe nicht mehr an ihre Medikamente gelangte. Nachdem Samias Mutter wegen ihrer öffentlichen Kritik am Krieg mehrfach inhaftiert worden war, floh die Familie 2024 aus der Hauptstadt Khartum zunächst nach ad-Damazin im Südosten Sudans.
„Die Straßen waren im Herbst sehr schlecht. Es regnete andauernd – und die Soldaten haben uns viele Probleme gemacht“, sagt sie und stockt. Die Englischlehrerin findet plötzlich keine englischen Worte mehr und muss in Arabisch fortfahren. Samias enger Freund Simon, ebenfalls geflüchtet, sitzt neben ihr und übersetzt für sie. Soldaten vergewaltigten Samia. Wie oft, das weiß sie nicht mehr. Wieder machen sich Erinnerungslücken bemerkbar, und Samia springt in ihrer Erzählung. Beides können Anzeichen für eine schwere Traumatisierung sein. Die Mutter entschied schließlich, im nahe gelegenen Äthiopien Schutz zu suchen.
Krieg hat sich zugunsten der RSF verschoben
Heute, eineinhalb Jahre später, weiten sich die Kämpfe wieder aus. „Der Krieg hat im vergangenen Jahr mehrfach die Richtung gewechselt“, sagt Magnus Taylor, stellvertretender Direktor für das Horn von Afrika bei der Denkfabrik „Crisis Group“. „Inzwischen hat sich das Kriegsgeschehen wieder zugunsten der RSF verschoben – insbesondere seit dem Fall von Al-Faschir.“ Al-Faschir war der letzte große SAF-Stützpunkt in Darfur – einer politisch und strategisch bedeutenden Region im Westsudan. Mit der Einnahme der Stadt nach fast eineinhalb Jahren Belagerung verbesserte die RSF ihre Position im Krieg und bei potenziellen Friedensverhandlungen. Vor allem die Unterstützung der Vereinigten Arabischen Emirate für die RSF habe die Wende eingeleitet, sagt Taylor. Derzeit rückt die RSF in den südlichen Kordofan-Bundesstaaten vor. Am 4. Dezember 2025 töteten Drohnen über 100 Menschen in einem Kindergarten, anschließend gab es einen Angriff auf ein Krankenhaus, das die Opfer der Attacke versorgte. 63 Kinder starben. Auch im Februar bombardieren RSF und SAF weiterhin die Zivilbevölkerung in Kordofan. Zusätzlich wurden im Bundesstaat Blue Nile, der direkt an Äthiopien grenzt, Drohnenangriffe gemeldet. Die Gewalt in weiteren Landesteilen Sudans könnte nun neue Fluchtbewegungen nach Äthiopien auslösen, so Analyst Taylor.
Die Folgen weltweiter Budgetkürzungen
Nach den Budgetkürzungen internationaler Geldgeber und insbesondere, seit die US-Amerikaner die Mittel der Entwicklungshilfe-Behörde USAID abgezogen haben, fehlt es im Flüchtlingslager im äthiopischen Ura schon jetzt am Nötigsten. Eine von Samias Tanten, die herzkrank war, starb vor zwei Monaten in Ura, weil die Medikamente fehlten.
„Es ist eine kritische Situation für alle UN-Organisationen, sogar für einige humanitäre Akteure. Wir versuchen, uns an andere Geber als die USA zu wenden“, erklärt Marie-Josee Morgan, Leiterin des UNHCR, des Flüchtlingshilfswerks der UN, in Assosa nahe Ura.
In der Warteschlange vor der Lebensmittelausgabe des Ura–Flüchtlingslagers hockt ein älterer Herr in der prallen Sonne auf dem Boden. „Manchmal warte ich drei oder vier Tage“, sagt er. Vor ihm liegt sein Gehstock. Er trägt eine lachsfarbene Jalabiya, das traditionelle lange Gewand mit weiten Ärmeln, und einen weißen Turban. Aus seiner Brusttasche holt er eine kleine Plastikkarte heraus - darauf die Logos des UNHCR und des UN-Welternährungsprogramms WFP. Stanzlöcher in Herzform dokumentieren darauf, wie viele Rationen er bereits erhalten hat.
„Es gibt keine Seife, keinen Zucker, keine Milch“, klagt er. Die UNHCR-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter verteilen lediglich Hirse, Bohnen, Öl, Salz und ein Mais-Soja-Pulver, aus dem ein nahrhafter Brei hergestellt werden kann. Außerdem händigen sie jeder Person monatlich Bargeld im Wert von 2,30 Euro aus.
Das Welternährungsprogramm der UN musste sein Budget 2025 gegenüber dem Vorjahr um mehr als ein Drittel reduzieren. In Ura wurden die Lebensmittel- und Bargeldausgaben im Oktober 2025 um fast ein Viertel gekürzt. Wer die Kraft habe, verdiene sich in den Goldminen etwas dazu, erklärt der Mann in der Warteschlange.
Simon floh zum zweiten Mal
„Manchmal reicht es nur bis zur Monatshälfte, und dann wird es schwierig“, sagt auch Samias Freund Simon über die Lebensmittelrationen. Er ist keine 1,70 Meter groß und drahtig gebaut. Der kurze Kinnbart nimmt dem Gesicht kaum seine Jugendlichkeit. In einem kleinen Geschäft am Straßenrand verkauft Simon Kekse, Tee, Kaffee und Zucker mit geringem Gewinn, um seine Familie besser ernähren zu können. Oft tausche er das Öl der WFP-Rationen gegen Hirse ein.
Als Zwölfjähriger floh Simon schon einmal mit seiner Familie vor der Gewalt im Südsudan in die sudanesische Hauptstadt Khartum. Bei der zweiten Flucht trägt der 24-Jährige nun selber die Verantwortung für vier Kinder. Er und seine Frau haben zwei Söhne. Zusätzlich zieht er die beiden Söhne seiner verstorbenen Schwester auf.
Auf dem Weg zu seiner Unterkunft ruft ihn eine Gruppe Kinder, die an einem Brunnen Wasser in bunte Kanister abfüllen. „Ich war ihr Lehrer“, erklärt Simon und winkt zurück. Er unterrichtet wie Samia an der Grundschule von Ura. Gleichzeitig besucht er selbst Grundschulklassen, weil sein sudanesischer Schulabschluss in Äthiopien nicht anerkannt wird. Vor dem Krieg arbeitete er nachts in einer Keksfabrik und ging tagsüber in eine weiterführende Schule.
In seinem jetzigen Leben ist Simons alter Spielerausweis des Khartumer Fußballvereins Al–Shabia Bahri wohl sein wichtigstes Besitztum. „Sie haben mich bezahlt“, sagt er. Als er im kalten, schwachen Licht der einzigen Glühbirne seiner Unterkunft auf den Ausweis schaut, verrät sein Lächeln die Bedeutung des chipkartengroßen Dokuments. Im Flüchtlingslager spielt er im zentralen Mittelfeld des ersten Teams. Morgen treffen sie auf die Elf des Dorfes - 90 Minuten Normalität.
In Ura leben Simon und Samia in Sicherheit. Zwei Autostunden vom Ura-Lager entfernt, erstreckt sich die Stadt Kurmuk über beide Seiten der äthiopisch-sudanesischen Grenze. Auf der äthiopischen Seite der Stadt endete 2024 die Flucht von Samia, Simon und fast allen anderen Geflüchteten im Ura-Lager.
Krieg kann banal aussehen. Eine etwa 15 Meter lange, schmucklose Brücke führt über die Grenze. Menschen schieben Schubkarren mit Lebensmitteln in Richtung Sudan, denn die Einkaufspreise auf äthiopischer Seite sind geringer. Im Schatten eines Baumes sitzt ein Soldat regungslos auf einem Stuhl und starrt zur Brücke, das Gewehr im Schoß.
„Wir bekamen eine kleine Portion Reis am Morgen. Wir haben nur diesen Reis gegessen. Mittags und abends gab es nichts“, erinnert sich Simon an die zwei Monate in Kurmuk. Seine Familie habe überlebt, weil er auf dem Markt als Lastenträger arbeitete. Seit Kriegsbeginn sind mindestens 120 Kinder in Kurmuk verhungert oder an fehlender medizinischer Versorgung gestorben, so die Hilfsorganisation Plan International.
Die Armut trieb viele Mädchen und Frauen in die Prostitution und viele Buben und Männer in die gefährlichen Goldminen. Ab Juni 2024 siedelte die äthiopische Verwaltung die Hälfte der 30.000 sudanesischen Geflüchteten von Kurmuk nach Ura um. Die andere Hälfte weigerte sich und lebt seitdem ohne Unterstützung in Kurmuk. Kinderprostitution und Kinderarbeit bleiben alltäglich.
An der Oberfläche sieht Kurmuk jedoch wie eine gewöhnliche ländliche Kleinstadt aus: Wo einst UNHCR-Notunterkünfte standen, vertrocknet gelbliches Gras auf kahlen Feldern. In einem Geschäft sitzen Männer auf kleinen Hockern und trinken Tee. Am Straßenrand liegen Häufchen gesammelten Feuerholzes, bereit zur Abholung. Die Flucht von Imbissbetreiber Mohamed endete vor zwei Jahren in Kurmuk. „Anders als im Sudan sind wir hier sicher“, sagt der 39-Jährige. Er lächelt warm, sein schwarzes Hemd ist mit weißen Totenköpfen bedruckt.
Fünf Kilometer weiter im äthiopischen Landesinneren steigen am hügeligen Horizont rötliche Staubwolken auf, Muldenkipper winden sich über Pisten. Der kanadische Konzern Allied Gold investiert 500 Millionen US-Dollar in das „Kurmuk Project“, das ab 2026 jährlich sieben bis acht Tonnen Gold fördern soll.
Links und rechts der Straße reihen sich zahlreiche Verschläge aus Holz und Plastikplanen aneinander, daneben kleine Gruben, in denen viele Geflüchtete illegal nach Goldpartikeln suchen. Dort brechen die jungen Männer mit Drucklufthämmern Gestein heraus, mahlen das Material und waschen es, wobei sich das schwerere Gold vom Sand absetzt.
Die Lösung des Krieges liegt nicht im Sudan
Letztendlich werde dieser Krieg nicht im Sudan beendet, meint Sudan-Experte Magnus Taylor: „Man muss die arabischen Unterstützer hinter diesem Konflikt, Saudi-Arabien, Ägypten und die Vereinigten Arabischen Emirate, an einen Tisch bringen.“ Die von den USA gestartete „Quad-Initiative“, Friedensgespräche mit Saudi–Arabien, Ägypten und den Vereinigten Arabischen Emiraten, sei als Format grundsätzlich geeignet, aber bisher erfolglos.
In Ura, weit weg vom Verhandlungstisch, arbeiten die Freunde Simon und Samia an ihrer eigenen Zukunft und der ihrer Schüler. Simon träumt davon, in Äthiopien zu studieren - zum Beispiel Informatik. „Ich möchte ein besseres Leben führen“, sagt er.
Samia besucht eine Hilfestelle für Betroffene geschlechtsspezifischer Gewalt, die Plan International im Ura-Lager eingerichtet hat. So kann sie das Erlebte zu verarbeiten beginnen. Auch die Arbeit in der Schule helfe. „Wenn ich die Kinder sehe, vergesse ich meine Sorgen“, sagt Samia. Der Krieg habe ihr das Medizinstudium genommen. Aber ihren Schülern wolle sie die Chance geben, eines Tages ein Studium abzuschließen.