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Maria Pevchikh: „Sie versuchen, Nawalny mit jedem Mittel zu brechen“

Russlands prominentester Oppositionspolitiker ist tot. Im Vorjahr sprach profil mit der Leiterin seiner Anti-Korruptions-Stiftung, Maria Pevchikh, über die Methoden des russischen Staats und ihren Optimismus.

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Maria Pevchikh, geboren 1987 in Selenograd, leitet die von Alexej Nawalny ins Leben gerufene Anti-Korruptions-Stiftung FBK – mittlerweile von Litauen aus. Pevchikh studierte Soziologie in Moskau und Politik an der London School of Economics, bevor sie 2011 zu Nawalnys Team stieß. International bekannt wurde sie nach der Vergiftung Nawalnys im Jahr 2020 und dem oscarnominierten Film „Nawalny“ von 2021. Es war Pevchikh, die Wasserflaschen aus dem Hotelzimmer Nawalnys in Sibirien sicherte. Später wurden darauf Spuren des Nervenkampfstoffes Nowitschok gefunden.

Bei der Frage, wie der Krieg in der Ukraine beendet werden kann, sehen russische Oppositionelle vor allem einen Weg: eine Revolution in ihrer Heimat. In seinem neuen Buch „Wie man einen Drachen tötet“ gibt der russische Ex-Oligarch Michail Chodorkowski eine knappe Anleitung zum Sturz Putins – und schlägt eine föderale parlamentarische Republik als Gegenmodell vor.

„Ein solches Modell hat auf absehbare Zeit keine Zukunft in Russland“, sagt dazu der Russland-Experte Gerhard Mangott. Eine parlamentarische Demokratie sei nur mit funktionierenden Parteien vorstellbar – „und die sind sehr schwach“. Mangott sieht die Gefahr einer Fragmentierung: „Es wäre besser, eine Zeit lang mit einem präsidialen System weiterzumachen, allerdings sollte der Präsident die Partei auch anführen.“ Erst dann könne ein strukturiertes Parteiensystem entstehen. „Ich halte Chodorkowskis Idee für keine gute.“

Chodorkowski ist nicht der Einzige, der an einer demokratischen Zukunft Russlands arbeitet. Der prominenteste russische Oppositionelle ist Alexej Nawalny. Er wurde im Sommer 2020 von Agenten des russischen Geheimdiensts mit dem Nervenkampfstoff Nowitschok vergiftet, überlebte und erholte sich in Deutschland, bevor er ein halbes Jahr später nach Russland zurückkehrte – im Wissen, dass er sofort verhaftet werden würde.

Seit zwei Jahren sitzt Nawalny in einer berüchtigten Strafkolonie östlich von Moskau. Die Rückkehr war eine riskante Entscheidung. Solange Putin im Amt ist, kann Nawalny nicht damit rechnen, freizukommen. Sollte das System Putins zusammenbrechen, dürfte es sich für Nawalny jedoch gelohnt haben. Er könnte dann ins politische Rampenlicht zurückkehren – und bei demokratischen Wahlen antreten.

Bis es – im besten Fall – so weit ist, müssen Nawalny und sein Team dafür sorgen, dass die Welt ihn nicht vergisst. Das tut seine langjährige Mitarbeiterin Maria Pevchikh im Gespräch mit profil.

 

Alexej Nawalny sitzt seit etwas mehr als zwei Jahren in einem russischen Gefängnis. Wie geht es ihm?
Pevchikh
Nicht gut. Er ist permanent in Einzelhaft in einer sogenannten Bestrafungszelle. Wer gegen bestimmte Auflagen des Gefängnisses verstößt, kommt da für zehn bis 14 Tage hin. Für Nawalny gelten andere Regeln. Er kommt aus dieser Zelle gar nicht mehr heraus, weil sie ihn immer wieder für absurde angebliche Regelverstöße abstrafen, etwa, weil er sein Hemd nicht richtig in die Hose gesteckt oder sein Gesicht nicht gewaschen haben soll. Es ist eine winzige Betonbox, zweieinhalb mal drei Meter groß, mit einem kleinen Fenster, einem Bett, das jeden Morgen um fünf hochgeklappt wird, einem Tisch und einem Sessel.
Wie wird er behandelt?
Pevchikh
Sie nutzen unterschiedliche Foltermethoden. In die Zelle direkt gegenüber jener Nawalnys haben sie eine psychisch kranke Person gesteckt, die rund um die Uhr heult, knurrt und bellt. Nawalny kann kaum schlafen. Das liegt auch daran, dass das Licht in seiner Zelle besonders grell ist. Sie versuchen, ihn mit jedem denkbaren Mittel zu brechen. Dazu gehört auch der Versuch, ihn mit Krankheiten zu infizieren, indem sie kranke Gefangene in seine Zelle stecken. Das geschah ein paar Mal, schlussendlich wurde er sehr krank, wobei wir nicht wissen, ob er Corona hatte oder ein anderes Virus, denn Nawalny erhält keine medizinische Behandlung. Klar ist, dass sie Mitgefangene als biologische Waffen gegen Nawalny missbrauchen. Es steht nicht gut um seine Gesundheit, aber er hält sich überraschend gut. Nawalny hat seinen Kampfgeist nicht verloren. Er selbst würde sagen, dass es ihm gut geht, aber so ist er nun einmal: Er ist bekannt dafür, stets optimistisch zu bleiben. Er findet immer etwas, woran er festhalten kann, egal wie aussichtslos die Situation ist. profil: Nawalny sitzt wegen zweier Schuldsprüche ein, bald könnte ein dritter dazukommen, diesmal wegen Gründung einer „extremistischen Organisation“ – gemeint ist die Anti-Korruptions-Stiftung, für die auch Sie arbeiten. Es drohen noch einmal 35 Jahre Haft. Besteht Hoffnung, dass Nawalny je wieder freikommt?
Pevchikh
Dieser dritte Fall betrifft uns alle, die Mitarbeiter seiner Stiftung. Dass Nawalny 35 Jahre inhaftiert bleibt, glaubt niemand, er hat sozusagen lebenslang bekommen. Die Frage ist: Nawalny oder Putin – wer überlebt wen? In der Minute, in der Putin weg ist, aus welchem Grund auch immer, wird Nawalny freigelassen werden. Ich denke nicht, dass das noch sehr lange dauert.
Wie lange geben Sie Putin noch?
Pevchikh
Ich will nicht spekulieren, ich bin keine Anhängerin von Verschwörungstheorien und möchte mich nicht über seinen Gesundheitszustand äußern. Ich sehe aber auch nicht, wie Putin die kommenden zehn Jahre überleben soll. Er ist ein russischer Mann und hat seine Lebenserwartung bereits um Jahre überschritten. Ich hoffe aber auch, dass er nicht einfach stirbt. Ich will ihn vor einem Gericht sehen, er soll den Preis für seine Taten zahlen. Alle, die gemordet und vergewaltigt haben, sollen verurteilt und eingesperrt werden. Es soll Gerechtigkeit geben, das haben auch die Menschen in Russland verdient. Wenn man mehr als 20 Jahre ohne die geringste Gerechtigkeit gelebt hat, dann braucht man das.

Maria Pevchikh

geboren 1987 in Selenograd, leitet die von Alexej Nawalny ins Leben gerufene Anti-Korruptions-Stiftung FBK-mittlerweile von Litauen aus. Pevchikh studierte Soziologie in Moskau und Politik an der London School of Economics, bevor sie 2011 zu Nawalnys Team stieß. International bekannt wurde sie nach der Vergiftung Nawalnys im Jahr 2020 und dem oscarnominierten Film "Nawalny" von 2021. Es war Pevchikh, die Wasserflaschen aus dem Hotelzimmer Nawalnys in Sibirien sicherte. Später wurden darauf Spuren des Nervenkampfstoffes Nowitschok gefunden.
 

Der Westen, vor allem Deutschland, hat Nawalny lange unterstützt. Hat sich das mit dem Beginn des Angriffskrieges auf die Ukraine geändert?
Pevchikh
Die Aufmerksamkeit der internationalen Gemeinschaft hat sich seit Kriegsbeginn natürlich verschoben, doch es gibt Konsens darüber, dass das eine mit dem anderen zu tun hat: Nawalnys Situation hängt mit dem Angriff auf die Ukraine zusammen. Das ist ein riesiges Paket der russischen Regierung. Auch der Versuch, Nawalny mithilfe eines chemischen Kampfstoffes zu töten, gehört dazu. Im Nachhinein ergibt das alles Sinn, auch der Zeitpunkt im Sommer 2020: Putin bereitete sich auf seinen Angriff vor, räumte Menschen aus dem Weg, die dagegen sein könnten.
Er hat Nawalny vergiften lassen, weil er die Ukraine überfallen wollte?
Pevchikh
Als 2014 die Krim annektiert wurde, befand sich Nawalny unter Hausarrest. Das hat Putin dieses Mal nicht gereicht, er wollte ihn töten. Ich wünschte, der Westen hätte diese Zusammenhänge früher erkannt. Länder aus dem Westen haben lange gute Geschäfte mit Moskau gemacht, die Regierungen haben ihre Augen davor verschlossen, was in Russland geschieht. Sie dachten, die Menschenrechtsverletzungen seien interne Angelegenheiten Russlands. In der internationalen Arena galt Moskau als verlässlicher Partner. Es ist offensichtlich, dass diese Strategie falsch war. Wenn ein Regime seine eigenen Leute unterdrückt, wird das früher oder später über-schwappen. Es war klar, dass die Probleme der Menschen in Russland einmal zum Problem der ganzen Welt werden.
Sie waren mit Nawalny in Sibirien, als er vergiftet wurde. Danach wurde seine Stiftung verboten, Sie mussten das Land verlassen. Haben Sie jemals überlegt, aufzuhören?
Pevchikh
Nein. Das ist für mich nicht denkbar, ich könnte mir das nicht verzeihen. Ich arbeite seit einem Jahrzehnt für die Anti-Korruptions-Stiftung. Als ich 2011 anfing, für Nawalny zu arbeiten, waren die Zeiten friedlich. Es gab Proteste, die Menschen brachten weiße Ballone. Im schlimmsten Fall gab es umgerechnet 20 Dollar Strafe. Als Nawalny 2017 als Präsidentschaftskandidat antrat, haben wir eine große Basis von Unterstützern aufgebaut, Büros in 88 russischen Städten eröffnet und Tausende Menschen angestellt. Wir wurden zur politischen Drehscheibe vor allem für junge Leute. Ich würde niemals aufgeben, nur weil es mir zu viel wird. Was soll ich tun? Nach Neuseeland ziehen und Surfen lernen? Nein, wir tragen Verantwortung gegenüber unseren Unterstützern, die oftmals ihre Karriere oder gar ihr Leben riskieren, um uns zu helfen. Keiner von uns wird aufgeben.
Nachdem Nawalny vergiftet wurde, fand man auch in Ihrem Hotelzimmer Spuren von Nowitschok. Haben Sie den Verdacht, dass man Ihnen den Anschlag in die Schuhe schieben wollte?
Pevchikh
Die Investigativjournalisten von Bellingcat haben herausgefunden, dass die Attentäter auch mein Hotel besucht haben. Bellingcat hat den Verdacht, dass Nawalny im Flugzeug hätte sterben sollen. Sein Team wäre weiter nach Moskau gereist, und ich wäre bei der Ankunft verhaftet worden. Sie hätten meinen Koffer aufgemacht und darin Spuren von Nowitschok gefunden. Nawalny hätte mich nicht mehr verteidigen können. Das ist sehr gruselig. Es ist zum Glück anders gekommen. Nawalny überlebte, und der Plan war dahin. Ansonsten hätte es wohl funktioniert. Ich wäre die Schuldige gewesen und säße nun im Gefängnis.
Der entscheidende Moment im Film „Nawalny“ ist, als er unter falschem Namen einen Mann aus dem Team der Attentäter anruft und ihm dieser alles erzählt – unter anderem, wie sie das Gift auf der Unterhose angebracht hatten. Während des Telefonats sitzen Sie neben Nawalny. Was waren Ihre ersten Gedanken?
Pevchikh
Ich konnte das am Anfang gar nicht verarbeiten. So etwas geschieht doch nicht im echten Leben! Das war ein undenkbarer Twist. In den ersten Minuten hat der Mann bestätigt, dass er in dem Spital in Tomsk war, in dem Nawalny nach der Notlandung lag. Er beschreibt im Detail, wie die Polizei ihm einen Sack mit Nawalnys Sachen gab mit der Anweisung, sie zu reinigen. Er zählt auf, was in dem Sack war: Jogginghose, Shirts, Socken und so weiter – alles, was Nawalny im Krankenhaus abgenommen wurde. In dem Moment erinnerte ich mich: Im Krankenhaus hatte ich mit eigenen Augen gesehen, wie dieser Sack gepackt wurde, wie die Ärzte ihn hinaustrugen, mit den Polizisten die Liste schrieben: „Schwarze Hosen. Weißes T-Shirt, etwas feucht …“. Und dann sitze ich neben Nawalny und höre, wie dieser Mann beschreibt, wie er den Sack bekommt, um dessen Inhalt chemisch zu reinigen. Es war der Höhepunkt unserer Karrieren, wenn nicht unseres Lebens. Ich bin froh, dass wir diesen Moment mit der Welt teilen können. Manchmal ist die Realität besser als jeder Film.
Sie zeigen in Ihren Videos auch immer wieder die absurde Seite des Regimes. Auch beim Beitrag über Putins Palast mit seinen riesigen, protzigen Zimmern nutzen Sie Humor als Waffe. Wer ist Putin in Ihren Augen?
Pevchikh
Er ist ein Mann aus dem KGB, der dort keine besonders beeindruckende Karriere hingelegt hat. Er mag Geld und teure Dinge. Ich studiere ihn seit Jahren und kann sagen: Er hat nichts Außergewöhnliches an sich. Er ist ein Glücksritter. Als er in den frühen 1990er-Jahren als Nachfolger Jelzins auserwählt wurde, geschah das eher zufällig. Jelzins Umfeld und die Oligarchen dachten, sie könnten Putin kontrollieren, weil er keine Persönlichkeit hat, kein Charisma. Es scheint fast, als müsse er eine miserable Kindheit in der Sowjetunion kompensieren. Er will die alten Zeiten zurück. Der Kollaps der Sowjetunion hat ihn traumatisiert wie viele andere Russen.
Hat Putin sich verändert, wie nun viele behaupten?
Pevchikh
Für mich war der KGB immer ein schwarzes Loch. Kein intelligenter, ehrlicher Mensch würde je für den KGB oder FSB arbeiten. Es gibt in Russland kaum eine Familie, die nicht ihre eigenen miserablen Erfahrungen mit dem KGB gemacht hat. In den frühen 2000er-Jahren begann Putin sich zu verhalten, wie man das von einem KGB-Mann erwartet. Er hat ein Monster erschaffen, ein Regierungssystem, das sich von Korruption ernährt. Es gab immer weniger Freiheiten. Es soll keine freien Medien geben, die berichten, was er tut. Bis etwa 2008 gab es die Hoffnung, dass Putin verschwinden würde, er hatte zwei Amtszeiten hinter sich. Nach dem Ämtertausch, als Putin Medwedew 2012 als Präsident ablöste, war klar: Das ist das Ende. Er behauptete damals, acht Jahre zu bleiben. Doch nach acht Jahren änderten sie die Verfassung, und er ist immer noch da. Die Repression der Zivilgesellschaft hat an Fahrt aufgenommen. Ich halte Putin nicht für ein bösartiges Genie, er hat nichts Geniales an sich. Er ist nicht besonders intelligent, er hat einen sehr sowjetischen Blick auf das Leben und auf die Politik. Er hat keine Ahnung von Technologie. Er weiß nicht einmal, wie man ein iPhone bedient.
Dascha Nawalnaja hat vor Kurzem ein Video veröffentlicht, in dem sie unter anderem über die Verhaftung ihres Vaters vor zwei Jahren spricht. In der Ukraine stieß es auf Kritik, weil das Wort „Ukraine“ gar vorkam. Verstehen Sie die Kritik?
Pevchikh
Ich verstehe jede Kritik und jede Emotion der Ukrainer gegenüber den Russen. Ich erlebe das jeden Tag auf Twitter: Was ich auch sage oder tue, es wird Menschen aus der Ukraine verärgern. Wir bewegen uns auf sehr dünnem Eis. Die Menschen regen sich auf, wenn Dascha die Ukraine nicht nennt. Am nächsten Tag regen sie sich auf, weil ich genau das in einem anderen Beitrag mache. Dann heißt es, ich würde einen Nutzen aus dem Krieg ziehen. Am dritten Tag schreibe ich etwas über die inneren Affären Russlands, und die Menschen regen sich auf, dass ich ausgerechnet jetzt etwas über die Korruption im Land sage. Es heißt dann: Du kritisierst die Korruption im Verteidigungsministerium – willst du etwa, dass sie effizienter arbeiten und noch mehr Ukrainer töten? Ich weiß nicht, wie es mir gehen würde, wenn meine Freunde und meine Familie getötet würden und Bomben auf meine Stadt fielen. Wenn ich unter ständigem Luftalarm leben müsste. Vielleicht würde ich auch alles hassen, was aus dem Land des Aggressors kommt. Es ist nicht die Zeit, um über diese Fragen zu streiten. Ich denke aber, dass die Ukrainer uns nicht als Feinde sehen sollten. Das sind wir nicht. Ich wurde zuletzt wegen eines Porträts kritisiert, das im „Guardian“ über mich erschienen war. Es gab darin eine Passage, in der ich eine Frage nicht beantworten will, doch im Artikel wirkt das, als wolle ich mich nicht zur Krim äußern.

TEAM NAWALNY 

Maria Pevchikh mit Investigativjournalist Christo Grozev, Julia Nawalny und "Nawalny"-Regisseur Daniel Roher (von links) im Jänner 2023 vor der Filmpremiere beim Sundance Film Festival in Park City, Utah.

Das schlägt in eine alte Kerbe. Nawalny wurde immer wieder für seine Positionen zur Krim kritisiert, etwa für seine Aussage von 2014, die Krim sei kein Sandwich, das man ohne Weiteres zurückgeben könne.
Pevchikh
Genau das meine ich: Wir können nichts richtig machen. In dem Interview, das wenige Tage nach der Annexion stattfand, sagte er: Das war eine illegale Annexion und keine „Rückholung“, das ist ein Problem für künftige Generationen, Russland hat internationale Grenzen missachtet. Dann sagte er den Satz mit dem Sandwich – und seither wird ausschließlich der zitiert. Der Kontext ist verloren, niemand liest das ganze Interview. Das Wording war falsch, aber in der Substanz hatte er recht. Es gibt auf der Krim zwei Millionen Menschen, die man nicht herumschubsen kann. Ein Referendum hier, ein anderes dort, dann kommen wieder Soldaten. Das geht doch nicht! Man sollte es den Menschen überlassen, zu entscheiden, wie sie leben wollen. Das hat Nawalny gesagt. Doch was überbleibt, ist diese eine Phrase, die immer wieder gegen ihn verwendet wird. Momentan wieder häufiger, ich schätze, das hängt mit der Oscar-Nominierung des Films zusammen. Da kam eine neue Welle des Hasses. Auch mir wird vorgeworfen, keine klare Position zur Krim zu haben. Dabei habe ich Hunderte Male gesagt, dass die Annexion illegal war und Sanktionen hermüssen. Doch es ist nie genug. Das Beste, was ich tun kann, ist, das alles nicht persönlich zu nehmen. Ich verstehe jeden Ukrainer und jede Ukrainerin, die mich hasst. Ich werde diese Menschen dafür nicht verurteilen.
Nationalismus spielt in Russland eine große Rolle. Ist es ein Balanceakt, Putin und seinen Krieg zu kritisieren, ohne den Draht zu den Menschen zu verlieren?
Pevchikh
Wie kommen Sie darauf, dass eine Mehrheit der Russen nationalistisch ist?
Die Idee vom Großrussland, von einem überlegenen Staat, der seinen Platz verdient, wurde den Menschen in den vergangenen Jahrzehnten eingeimpft, sie wurde in den Medien verbreitet und Kindern in der Schule beigebracht. Meinen Sie nicht, dass das bei den Menschen Spuren hinterlässt?
Pevchikh
Das ist Propaganda, aber die ist nicht besonders nationalistisch. Jede Nation preist sich selbst, auch Frankreich und Großbritannien. Ich denke nicht, dass den Russen etwas eingeimpft wurde, das besagt, dass sie die Weltherrschaft übernehmen sollen. Es gibt die Psychos im Fernsehen, die sagen, dass wir die USA bombardieren sollten. Doch das ist nicht, was die Mehrheit in Russland denkt, das zeigen auch unsere Umfragen. Es ist ein Fehler, zu denken, dass die Mehrheit der Russen imperialistisch oder nationalistisch denkt. Es ist ein Fehler, zu denken, dass sie den Krieg unterstützen.
Dennoch hält sich der Protest dagegen in Grenzen …
Pevchikh
Diese Menschen leben in einem Land, in dem sie für 20 Jahre ins Gefängnis kommen, wenn sie den Begriff „Krieg“ benützen. Ich fürchte mich nicht vor der Zeit, die Nawalny die „schöne Zukunft Russlands“ nennt. Ich bin sicher, dass die Menschen Demokratie und Freiheiten begrüßen und bereit dafür sind. Ich glaube nicht an die sogenannte Sklavenmentalität – die Annahme, dass die Russen ihren Zaren zurückhaben wollen. Würden Menschen in Europa riskieren, mit einem chemischen Kampfstoff vergiftet zu werden? Würden sie gegen die Festnahme eines Oppositionspolitikers demonstrieren, wenn sie dann garantiert ihren Job verlieren und eine Gefängnisstrafe riskieren? Ich bin optimistisch, was die Menschen in Russland betrifft. Es sind schwierige Zeiten, es waren die vergangenen 22 Jahre unter Putin schwierig. Doch am Ende werden wir Erfolg haben.
Siobhán Geets

Siobhán Geets

ist seit 2020 im Außenpolitik-Ressort und gehört zum "Streiten Wir!"-Kernteam.