Marina Litwinenko
Marina Litwinenko

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Ausland
09/03/2020

Marina Litwinenko: "Lizenz zum Töten"

Marina Litwinenko über die Hintergründe des Giftanschlags auf Alexei Nawalny.

von Tessa Szyszkowitz

Marina Litwinenko, 62, flüchtete mit ihrem Mann Alexander, einem ehemaligen FSB-Offizier, im Jahr 2000 aus Russland nach Großbritannien. 2006 wurde ihr Mann mit der radioaktiven Substanz Polonium-210 vergiftet. Die Witwe kämpfte zehn Jahre lang um eine Untersuchung der Umstände seines Todes.

profil: Hatten Sie ein Déjà-vu, als Sie hörten, dass Alexei Nawalny nach dem Genuss von vergiftetem Tee zusammengebrochen war?
Litwinenko: Natürlich! Als mein Mann Sascha 2006 in London vergiftet wurde, wussten die Ärzte nicht gleich, worum es sich handelte. Heute ist das anders, es ist schon zu oft passiert. In Russland gab es nie eine ernsthafte Untersuchung. Das wiederholt sich jetzt: Nawalny kämpft um sein Leben, und der Kreml sagt einfach: "Wer weiß, ob es überhaupt Gift war?"Sobald aber feststeht, welches Gift im Spiel war, wissen wir auch, wo der Auftraggeber sitzt. Je schwieriger es zu bekommen ist, umso höher hinauf in die russische Machtstruktur müssen wir schauen.

profil: Im Falle Ihres Mannes ergab die britische Untersuchung, dass die Spur in Putins Kremls führte.
Litwinenko: Genau!

profil: Gilt Nawalny in Russland als Held?
Litwinenko: Er hat die Jungen auf seiner Seite. Seine Aufdeckungen über korrupte Regierungsbeamte und Oligarchen waren sehr wichtig. Mittlerweile hat er es auch in der breiteren Bevölkerung zu großer Popularität gebracht, weil er die Menschen dazu aufrief, "smart zu wählen". Alle sollten zur Wahl gehen und jenen Kandidaten wählen, der die besten Chancen hatte, den Kandidaten der kremlnahen Partei Geeintes Russland zu besiegen. Diese Taktik funktionierte bei den Moskauer Regionalwahlen voriges Jahr gut-vielleicht zu gut. Mehr als die Hälfte der Mandate ging an die Opposition. Deshalb war Nawalny auch in Sibirien unterwegs, wo am 13. September Wahlen stattfinden. Es könnte der Grund sein, warum er aus dem Verkehr gezogen werden sollte.

profil: Im Juli musste Nawalny verkünden, dass seine Antikorruptionsstiftung aufgeben muss, weil er zu einer hohen Strafe verurteilt wurde, die seine Stiftung nicht zahlen kann. Eine gebräuchliche Methode, um Kritiker zum Schweigen zu bringen?
Litwinenko: Sie versuchen es mit allen Mitteln. Nawalny wird seit Jahren regelmäßig verhaftet-einmal stand er auch ein Jahr unter Hausarrest. Er ließ sich dadurch nicht zum Schweigen bringen. Er hat auch immer gesagt, dass er nicht ins Exil gehen will. Er wollte in Russland bleiben. Jetzt kann er vielleicht nie wieder nach Hause.

profil: War Nawalny jemals stark genug, um Wladimir Putin die Macht streitig zu machen?
Litwinenko: Putin spricht Nawalnys Namen grundsätzlich nicht aus. Im staatlichen Fernsehen wird er auch nie erwähnt. Doch seine Berichte über korrupte Beamte und Politiker waren sehr unangenehm für die Betroffenen. Wer weiß, wem er dabei auf die Zehen gestiegen ist?

profil: Sie kämpften in London viele Jahre für eine unabhängige Untersuchung des Mordes an Ihrem Mann. Sie fand erst zehn Jahre nach seiner Vergiftung statt. Warum so spät?
Litwinenko: Das Schlimmste nach Saschas Tod war für mich, dass die britische Regierung nichts unternahm. Die Geschäfte mit Russland schienen wichtiger zu sein. Aber man kann keine Geschäfte mit Leuten machen, die ihre Kritiker umbringen, egal wo. Jedes Mal, wenn wieder nichts passiert, geben wir Putins Regime indirekt eine Lizenz zum Töten.

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