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Ausland
02/05/2017

Martin Staudinger: Mit dem Närrischen leben lernen

Persönlich kann ich mich über Donald Trump maßlos aufregen.

von Martin Staudinger

Ganz ehrlich: Donald J. Trump macht es mir verdammt schwer, die professionelle Distanz zu wahren, die ich als Journalist angemessen finde. Der Mann regt mich maßlos auf, weil er diametral gegen alles steht, was ich für gut und wichtig halte.

Vermutlich ist das der Grund, warum ich mich dabei ertappe, alle Behauptungen über ihn glauben zu wollen, solange sie ihn nur schlecht aussehen lassen. Als es hieß, Trump habe Teile seiner Angelobungsrede aus Dialogen der Hollywood-Filme „Avatar“ und „Bee Movie“ abgeschrieben, hielt ich das umgehend für eine Tatsache – fälschlicherweise, wie sich bald herausstellte. Die TV-Sequenz, die so wirkt, als wolle Melania Trump bei der Angelobung hinter ihrem Mann gleich in Tränen ausbrechen, habe ich mir mindestens zehn Mal reingezogen. Den Videoclip, auf dem Trump mit dem Bösewicht Bane aus dem Batman-Film „The Dark Knight Rises“ gleichgesetzt wird, noch öfter.

Es ist auch der Grund, warum ich alle Analysen verschlinge, in denen Parallelen zwischen der aktuellen Situation und dem Aufstieg des Faschismus gezogen werden; warum ich mich durchaus mitgemeint fühle, wenn der rechtsextreme Chefstratege des neuen US-Präsidenten den amerikanischen Medien ausrichten lässt, dass sie „die Opposition“ seien und gefälligst „den Mund halten“ sollen – und warum ich auch zu nachtschlafener Zeit die Alarmmeldungen lese, die auf meinem Smartphone eintrudeln, am Dienstag vergangener Woche um halb fünf Uhr früh beispielsweise: „Breaking News: Trump feuert Justizministerin.“

Vermutlich geht es mir in dieser Hinsicht genauso wie vielen, die sich von Berufs wegen mit Politik beschäftigen, und auch unzähligen anderen: Ich muss mich sehr zusammenreißen, um zwischen Empörung, Verblüffung und Antipathie einen halbwegs kühlen Kopf zu bewahren. Zumal vollkommen unklar ist, was Trump jenseits des diffusen Versprechens, er werde „America great again“ machen, tatsächlich will und wie weit er für dieses ungewisse Ziel zu gehen bereit ist.

Bislang war es gute Tradition, dass alle, die Teil des demokratischen Systems sein wollten, nach einer allgemein anerkannten Logik handelten. Diese bestand im Wesentlichen darin, dass Parteien versuchten, Wahlen zu gewinnen, um anschließend nach ihrem ideologischen Gusto regieren zu können – aber immer innerhalb dessen, was der ÖVP-Haudegen Andreas Khol einmal „Verfassungsbogen“ nannte.

Und alle US-Präsidenten, die ich bewusst wahrgenommen habe, hielten sich an Mindeststandards transparenter Regierungsführung. Selbst der mit gutem Grund umstrittene George W. Bush dokumentierte seine desaströsen Fehlentscheidungen zumindest penibel und machte die Verantwortung dafür historisch nachvollziehbar. Bei Donald Trump ist das anders. Abgesehen von seinem engsten Führungszirkel weiß niemand, ob die aktuelle Präsidentschaft vielleicht bloß ein Projekt zur Selbstbereicherung durch die Verquickung globaler geschäftlicher und politischer Interessen ist; oder eines, das tatsächlich auf die Zerschlagung des politischen Systems abzielt, von der Trumps Chefstratege Steve Bannon mehrfach schwadroniert hat. Dem wenigen nach zu schließen, was von außen über die Vorgänge im Weißen Haus erkennbar ist, ist beides denkbar.

Außerdem sind die Trump-Leute offenkundig von Anfang an bemüht, ihre Spuren zu verwischen. Es gebe bei Entscheidungen über Fragen der nationalen Sicherheit „erschreckenderweise keine schriftlichen Aufzeichnungen darüber, was in Meetings besprochen und vereinbart wurde“, berichtete das Magazin „Foreign Policy“ vergangene Woche. Hinzu kommt die eklatante Sprunghaftigkeit, mit der das Weiße Haus unter Donald Trump Außenpolitik betreibt, das Einreiseverbot gegen Muslime, die Eskalationspolitik gegenüber dem Iran und so weiter. Kurz gesagt: Ich habe 100 gute Gründe, mir zu wünschen, Donald Trump möge als US-Präsident abtreten, ob freiwillig oder gezwungenermaßen, und zwar lieber heute als morgen.

Trotzdem kann ich mich nur mäßig darüber ereifern, dass Europa erste Schritte zu einer Normalisierung der Beziehungen mit der neuen US-Administration setzt. Vergangene Woche absolvierte etwa der deutsche Außenminister Sigmar Gabriel einen Besuch bei seinem Amtskollegen Rex Tillerson und bei Vizepräsident Mike Pence in Washington. Allen Berichten zufolge verlief das Treffen so, wie man es von Profis erwarten darf, und das ist gut so: Aufgeregtheit ist schließlich keine politische Tugend.

Letztlich ist es Sache der US-Demokratie und ihrer Institutionen, wie lange Trump amtiert (solange er nicht die Demokratie abschafft, wofür es derzeit aber keine Anzeichen gibt). Politisch muss der Rest der Welt auf absehbare Zeit mit dem Mann im Weißen Haus leben und umgehen, umso rationaler, je närrischer er sich gebärdet. Was das betrifft, sind wir derzeit ironischerweise vor allem von der Vernunft jener Staaten abhängig, die der Westen bislang der Großregion Schurkistan zugerechnet hat.

Über allfällige Verrücktheiten von Donald J. Trump und seiner Clique dürfen, sollen und müssen wir uns alle aber weiterhin angemessen aufregen. Und sei es nur, um das amerikanische Volk nicht damit allein zu lassen.