Nahost-Konflikt

Mendel: „Als israelischer Linker fühlt man sich zur Zeit allein"

Der Historiker Meron Mendel hat sich in der israelischen Friedensbewegung politisiert, heute leitet er die Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt. Im Interview spricht er über die Kälte nach dem 7. Oktober, das „absolut Böse“ der Hamas und die Gemeinsamkeiten von AfD und linker Szene.

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Seien Sie nicht schüchtern, nehmen Sie sich Frühstück", sagt Meron Mendel, als er profil in der Lobby eines Wiener Hotels empfängt. Der 47-jährige Deutsch-Israeli ist in Frankfurt am Main Leiter der Bildungsstätte Anne Frank und Professor für Soziale Arbeit. Im November war er in Österreich zu Gast, um sein aktuelles Buch vorzustellen: "Über Israel reden" ist im Frühjahr erschienen, mittlerweile wurde die fünfte Auflage gedruckt. Mendel schreibt darin über den Nahostkonflikt. Allerdings nicht darüber, wie er sich in Israel anfühlt, sondern wie in Europa darüber diskutiert wird. Im Interview mit profil spricht er darüber, was sich seit dem Terrorangriff der Hamas am 7. Oktober verändert hat, den Mangel an Mitgefühl und warum er von Teilen der Linken enttäuscht ist. "Ich möchte nicht mehr beschwichtigen", sagt er am Ende des Gesprächs.

Sie waren gerade für ein paar Tage in Israel: Wie nehmen Sie die Situation dort wahr?

Meron Mendel

Die Menschen dort stehen noch unter Schock und sind traumatisiert. Die Sehnsucht nach Frieden und Lösung des Konflikts war ebenfalls überall zu hören. Die Frage ist, ob dieser Wunsch sich als politische Massenbewegung formiert. Erst einmal steht an, Ministerpräsident Benjamin Netanjahu und seine ultranationalistische Regierung zum Rücktritt zu zwingen. Dann besteht noch die Hoffnung, dass die Friedensbewegung wieder zu einer nennenswerten politischen Kraft im Land wird.

In einem Interview mit dem ARD-Magazin "Monitor" haben Sie gesagt, die kalte Reaktion in Deutschland auf den Terrorangriff des 7. Oktober hat sie geschockt. Wie meinen Sie das?

Mendel

Es gab eine kleine Gruppe, die auf das Massaker an Kindern, Frauen und Männern reflexhaft mit offener Freude reagierte. Diese Leute sind auf die Straße gegangen, haben getanzt, gesungen und Süßigkeiten verteilt. Die große Mehrheit hat in den Tagen nach dem 7. Oktober gar nicht reagiert. Der Unterschied zu den Reaktionen auf andere islamistische Anschläge in der Vergangenheit ist frappierend. Statt 200.000 Menschen nach dem Anschlag vom 11. September 2001 haben sich dieses Mal kaum 10.000 Menschen vor dem Brandenburger Tor versammelt. Wo sind die 190.000 anderen geblieben? Die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung blieb gleichgültig angesichts des größten Massakers an Juden seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges, als fehlten ihr die Reflexe. Das ist eine bittere Feststellung für alle Juden in Europa.

Moritz Ablinger

Moritz Ablinger

war bis April 2024 Redakteur im Österreich-Ressort. Schreibt gerne über Abgründe, spielt gerne Schach und schaut gerne Fußball. Davor beim ballesterer.