Menschenskind! Zum Tod von Karlheinz Böhm

Menschenskind! Zum Tod von Karlheinz Böhm

Zum Tod von Karlheinz Böhm, der seine Filmkarriere für einen guten Zweck opferte: radikale Hilfsbereitschaft.

Es gibt für Prominente weiß Gott Unangenehmeres als die Verpflichtung, soziales Engagement unter ­Beweis zu stellen: Es beruhigt das Gewissen, ist dem Image förderlich und geht häufig mit der Verleihung von schicken Titeln wie „Sonderbotschafter“ oder „Schirmherrin“ samt Einladungen zu Gala-Abenden unter seinesgleichen einher. Anschließend fährt man wieder nach Hause, im Bewusstsein, Gutes zu tun, ohne deswegen sein ­Leben ändern zu müssen.

Karlheinz Böhm hat diese Verpflichtung im Gegensatz zu vielen anderen tatsächlich ernst genommen – und ist ihr mit radikaler Glaubwürdigkeit nachgekommen, als er seine ­Karriere als Filmstar beendete, um stattdessen die Hilfsorganisation „Menschen für Menschen“ zu gründen.

Den Anstoß dazu gab ein hartnäckiger Bronchialkatarrh, den Böhm – als Darsteller in den „Sissi“-Filmen weltberühmt geworden und durch den Film „Peeping Tom“ sowie Arbeiten mit Rainer Werner Fassbinder zum Charakterdarsteller gereift – 1976 in Kenia zu kurieren versuchte. Dabei sei er, so will es zumindest die Legende, von einem Bediensteten seines Luxushotels in dessen Hütte eingeladen worden. ­Erschüttert von der dort herrschenden Armut, habe Böhm beschlossen, alles in seiner Macht Stehende zu tun, um ­Afrika zu helfen.

Der weitere Verlauf der Geschichte spielte sich in aller Öffentlichkeit ab: Kaum jemandem, der damals einen Fernseher besaß, dürfte die Sendung „Wetten, dass ..?“ im Mai 1981 entgangen sein, in der Böhm vor einem Millionenpublikum mit einem besonderen Einsatz für Aufsehen sorgte. „Ich wette, dass nicht mal ein Drittel von Ihren Zuschauern eine Mark (umgerechnet etwa 50 Euro-Cent, kaufkraftbereinigt rund ein Euro, Anm.) einbezahlt“, sagte er: „Wenn ich verliere, werde ich selbst, unter Auslassung aller Organisationen, nach Afrika fahren. Das würde bedeuten, dass wir mindestens ein Dreivierteljahr kein Kind an Hunger sterben sehen.“
Böhm gewann die Wette, weil deutlich weniger zusammenkam als erwartet. Damit hätte er alle Argumente gehabt, um sein Vorhaben abzubrechen. Er machte sich dennoch auf den Weg, und zwar nach Äthiopien. Dort fand er 1500 Nomaden, die nach Jahren von Krieg und Dürre in einem Lager gestrandet waren und zu verhungern drohten: „Ich bin hier, um zuzuhören. Ich kann euch nichts geben außer meiner Liebe“, sagte Böhm in der ersten Rede an sie.

Mit „Menschen für Menschen“ wollte Karlheinz Böhm nicht zuletzt beweisen, dass ein einzelner als naiv belächelter Amateur besser und effizienter Hilfe leisten kann als die Humanitätsbürokratie von Regierungen: Die staatliche Entwicklungszusammenarbeit gehöre ersatzlos abgeschafft, ­sagte er 2001 in einem profil-Interview – „weil sie die wichtigste Sprache der Welt nicht kennt: dass man die Augen aufmacht und lächelt“.

Dass „Menschen für Menschen“ von Böhm als One-Man-Show konzipiert und lange Zeit auch also solche geführt wurde, war Teil des Erfolges der Organisation – aber auch ihre Schwäche. Einerseits wäre es ohne die Persönlichkeit ihres Gründers kaum möglich gewesen, in den vergangenen 33 Jahren den beeindruckenden Betrag von 415 Millionen Euro zu sammeln. Dafür wurden unter anderem mehr als 300 Schulen, zehn Brücken, tausende Kilometer Straßen und Wege sowie rund 100 Kliniken und Gesundheitsstationen errichtet. „Menschen für Menschen“ finanzierte Alphabetisierungs- und Ausbildungsprogramme für hunderttausende Äthiopierinnen und Äthiopier und hält sich die „fast vollständige Abschaffung“ von Kinderheiraten und weiblicher Genitalverstümmelung in ihren Projektregionen zugute.

Andererseits wurde die auf eine einzelne Person zugeschnittene Struktur der Organisation auch zum Anlass ­heftiger Kritik: nicht nur, weil Böhm – und mit dem Fortschreiten seiner Demenzerkrankung zunehmend auch seine äthiopische Frau Almaz – nach eigenem Gutdünken über eine Vielzahl von Projekten entschieden, hinter denen kein gesamtheitliches Konzept zu erkennen war. Das habe immer wieder dazu geführt, dass Geld für sinnlose Vorhaben ausgegeben wurde.

Ein Großspender warf dem Ehepaar zudem Verschwendung und Bilanzfälschung vor: Diese Anschuldigungen wurden allerdings nie bewiesen. Was jedoch blieb, war die ­Kritik am stattlichen Jahresgehalt von 105.000 Euro, das sich ­Almaz Böhm auszahlen lässt – und die offene Frage, wie gut man als Helfer von der Hilfe leben darf. Ihr muss sich aber beileibe nicht nur „Menschen für Menschen“ stellen, sondern die gesamte Branche.
Am vergangenen Donnerstag starb Böhm 86-jährig in seinem Heimatort Grödig in Salzburg. Das offizielle Österreich zeigte sich von seinem Ableben tief betroffen: „Mit Karlheinz Böhm verlieren wir einen großartigen Künstler und eine großartige Persönlichkeit, die den Menschen immer wieder in Erinnerung gerufen hat, wie wichtig es ist, Verantwortung für jene zu übernehmen, denen es nicht so gut ergeht“, erklärte etwa Bundeskanzler Werner Faymann.

Wenige Tage zuvor hatte die Regierung angekündigt, das ohnehin bereits extrem niedrige österreichische Entwicklungshilfebudget kommendes Jahr um weitere 17 Millionen Euro zu kürzen.