1911 Tage war Andrzej Poczobut im Gefängnis
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Nach drei Jahren Strafkolonie in Belarus: „Ich werde trotz allem zurückkehren“

Vor einem Monat kam der polnisch-belarussische Journalist und Sacharow-Preisträger Andrzej Poczobut frei. profil sprach mit ihm über seine Zeit in Haft.

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„Andrzej Poczobut ist frei! Willkommen im polnischen Zuhause, mein Freund“, schrieb der polnische Premier Donald Tusk auf „X“. Er holte den von 2021 bis zum 28. April 2026 inhaftierten Aktivisten und Journalisten an der polnisch-belarussischen Grenze persönlich ab. Seit über 20 Jahren ist Andrzej Poczobut, selbst Teil der polnischen Minderheit in Belarus, eine wichtige Stimme für Minderheitenrechte und gegen das Regime des belarussischen Diktators Alexander Lukaschenko. 2021 wurde er verhaftet und nach zwei Jahren Untersuchungshaft aufgrund von angeblicher „Anstiftung zum Hass“ und „Aufrufen zu Handlungen gegen die Staatssicherheit“ zu acht Jahren Strafkolonie verurteilt. Er saß drei Jahre davon ab, bis es polnischen und amerikanischen Politikern und Diplomaten gelang, ihn im Rahmen eines Gefangenenaustausches freizubekommen. Im Dezember 2025 wurde Andrzej Poczobut mit dem Sacharow-Preis für geistige Freiheit des Europäischen Parlaments ausgezeichnet. 

Sie wurden am 28. April im Rahmen eines Gefangenenaustausches aus der Strafkolonie befreit. Wie überraschend kam das für Sie?

Andrzej Poczobut

Ich habe überhaupt nicht damit gerechnet. In der Nacht wurde ich geweckt, mir wurde gesagt, ich werde in ein anderes Gefängnis gebracht, aber man brachte mich an die Grenze zu Polen.

Sie haben nun insgesamt fünf Jahre im Gefängnis verbracht. Wie blicken Sie auf diese Zeit zurück?

Poczobut

Vor allem, als ich meinen Sohn sah, merkte ich, wie viel Zeit wirklich vergangen ist. Als man mich verhaftete, war er elf Jahre alt, heute ist er 16. Damals war er einen Meter 40 groß, heute ist er fast zwei Meter und damit größer als ich. Das war eine wichtige Zeit, die mir genommen wurde und die ich nie wieder zurückbekomme.

Können Sie beschreiben, wie Ihre Zeit in der Strafkolonie ausgesehen hat?

Poczobut

Ich war im Lager Nummer eins in der Nähe der Stadt Nowopolozk, im Norden des Landes. Das System in diesen Kolonien hat sich seit der Sowjetzeit nicht verändert. Diese Lager sind aufgeteilt in Baracken, in denen man sich theoretisch frei bewegen kann, wenn man gerade Freizeit hat. Dann gibt es noch einen Bereich mit Isolationszellen, für Häftlinge, die sich laut der Haftanstalt „nicht für eine Resozialisierung eignen“ oder einen „negativen Einfluss“ auf andere Häftlinge haben sollen. Ich war insgesamt 167 Tage lang in Einzelhaft.

Wie kann man sich einen Alltag in Isolationshaft vorstellen?

Poczobut

Ich war bis auf 15 Minuten pro Tag die ganze Zeit in der Einzelzelle. In den 15 Minuten durfte ich in Begleitung eines Wärters in einen Raum, der etwa so groß wie eine Zelle war, aber kein Dach hatte und stattdessen mit Stacheldraht überspannt war: Dort durfte ich dann spazieren. Besonders schlimm ist, dass es in diesen Zellen sehr kalt war, weil es kein richtiges Fensterglas gab. Manchmal konnte ich die Fenster mit einem Handtuch abdecken, oft aber nicht. Den Effekt, den die Strafkolonie auf mich hatte, konnte man auch an meinem Körper sehen: Als ich nach Nowopolozk kam, wog ich 93 Kilo, als ich rauskam, 74.

Poczobut in der Strafkolonie
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Gab es etwas, das Ihnen in dieser schwierigen Zeit Hoffnung gab?

Poczobut

Ja, ich habe mich immer wieder daran erinnert, dass ich nicht allein bin. Obwohl die Wachen mir in der Isolation stets das Gefühl vermittelten, dass die Welt auf mich vergessen hat. Ich wusste, dass es nicht so ist und dass alles, was ich mache, einen Sinn hat und dass meine Arbeit für die Polen in Belarus wichtig ist.

Sie engagieren sich in Ihrer Arbeit als Journalist und Aktivist für die polnische Minderheit in Belarus. Wie steht es um die Minderheitenrechte dort derzeit?

Poczobut

Die Situation ist extrem schwierig. „Der Bund der Polen in Belarus“, eine Organisation, die sich für die Minderheitenrechte einsetzt und deren Mitglied ich auch bin, wurde 2024 vom belarussischen Geheimdienst KGB als extremistische Gruppierung eingestuft. Faktisch ist es uns nicht einmal erlaubt, über unsere Geschichte zu sprechen – denn die Geschichte der polnischen Minderheit unterscheidet sich um einiges von der Geschichte, die das belarussische Regime propagiert. Beispielsweise wenn es um die Darstellung von Stalin oder den Geheimdiensten geht.

Wie groß ist die polnische Minderheit in Belarus?

Poczobut

Laut offiziellen Angaben des Regimes leben etwa 300.000 Polen in Belarus – diese Zahl ist in der Realität um einiges höher. Unabhängig davon gibt es im öffentlichen Schulsystem keine Möglichkeit mehr, die polnische Sprache zu lernen. Es gibt so genannte „Sonntagsschulen“, die der Bund der Polen in Belarus leitet, wo man noch Polnisch lernen kann, allerdings gehen in diese Schulen nur etwa 3000 Kinder.

Welche Rolle spielt hier der Ukraine-Krieg? Polen ist als großer Verbündeter der Ukraine zumindest Putin ein großer Dorn im Auge.

Poczobut

Seitdem der Krieg begonnen hat, wird Belarus immer mehr zum totalitären Staat – 2022 hat Lukaschenko die letzten unabhängigen Medien in Belarus zerstört und das Recht auf Proteste untersagt. Die Zukunft der polnischen Minderheit wie auch der übrigen Staatsbürger hängt maßgeblich davon ab, wie der Krieg in der Ukraine endet und welche Rolle Russland danach einnehmen wird.

In den Jahren 2020 und 2021 gab es eine große Protestwelle gegen gefälschte Wahlen und den brutalen Umgang mit Oppositionellen und Protestierenden. Wie viel ist davon noch übrig?

Poczobut

Geblieben ist die Erinnerung an die Proteste. Die Situation hat sich seitdem nur verschlimmert. Belarus vor 2020 und Belarus nach 2020 sind zwei komplett unterschiedliche Länder. Heute fürchten sich die Menschen davor, sich irgendwie politisch zu äußern – nicht mal online wird über Politik geschrieben. In Belarus herrscht mittlerweile die Angst.

Auch die USA waren an Ihrer Freilassung beteiligt. Donald Trump hat diesbezüglich auf seiner Social Media-Plattform „Truth Social“ geschrieben, Sie seien „dank ihm und Präsident Nawrocki“ in Freiheit – was sagen Sie dazu?

Poczobut

Ich sehe das auch so, ich wäre jetzt nicht hier, wenn Trump nicht wäre. Ich hatte während meiner Zeit in der Strafkolonie einige Male die Möglichkeit, freizukommen, aber nur dann, wenn ich Belarus für immer verlassen würde. Das kam für mich nicht infrage. Diesmal wurde mir garantiert, dass ich danach zurückkehren kann.

Ich werde im September trotz allem nach Belarus zurückkehren. Ich will wieder in meinem Haus leben, bei meinen Eltern sein. Mein Leben ist dort.

Andrzej Poczobut

Journalist und Sacharow-Preisträger

Sie wollen also zurück?

Poczobut

Ich werde im September trotz allem nach Belarus zurückkehren. Ich will wieder in meinem Haus leben, bei meinen Eltern sein. Mein Leben ist dort.

Haben Sie denn keine Angst, dass man Sie wieder einsperren könnte?

Poczobut

Man kann nie alles ausschließen, vor allem nicht, wenn es um ein totalitäres Regime geht. Aber ich beobachte das Verhalten der belarussischen Kräfte seit über 20 Jahren. Meiner Meinung nach ist es nicht in ihrem Interesse, die ganze Geschichte mit mir neu aufzurollen, da sie wissen, dass ich bereit dazu war, meine ganze Strafe abzusitzen. Ob meine Einschätzung stimmt, werde ich im September erfahren, wenn ich versuchen werde, wieder nach Belarus zurückzukehren.

Andrzej Poczobut im Europäischen Parlament in Brüssel
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Haben Sie dann vor, weiter als Aktivist und Journalist zu arbeiten?

Poczobut

Natürlich. Ich habe in den vergangenen Jahren in Haft bereits begonnen, mich mit der polnisch-belarussischen Geschichte zu befassen und darüber zu schreiben und werde das, wenn ich zurück in Belarus bin, weitermachen. Auch im Bund der Polen in Belarus werde ich mich weiter engagieren.

Was wünschen Sie den Menschen in Belarus?

Poczobut

Vor allem, dass sie nicht mehr in Angst leben müssen. Dass die Freiheit wieder nach Belarus zurückkehrt. Und ich glaube fest daran, dass es irgendwann so kommen wird.

Natalia Anders

Natalia Anders

ist seit Juni 2023 Teil des Online-Ressorts und für Social Media zuständig.