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Ausland
02/19/2021

Neun Tote im Ural und ihr Geheimnis

Seit über sechs Jahrzehnten rätseln Wissenschafter über den Tod von Skiwanderern. Jetzt ist das Mysterium (vielleicht) aufgeklärt.

von Siobhán Geets

Neun Leichen, manche fast nackt, manche ohne Augen und Zunge, manche mit schweren Verletzungen, erfroren oder auf ungeklärte Weise zu Tode gekommen. Verwirrende Spuren, radioaktive Strahlung, und kein Zeuge. Nur einer von zehn Tourengehern hat die Expedition, die Anfang 1959 im nördlichen Ural-Gebirge in der damaligen Sowjetunion stattfand, überlebt. Juri Judin musste nach fünf Tagen umkehren, sein Ischiasnerv plagte den jungen Mann. Seine Freunde, sieben Männer und zwei Frauen, sollte er nie wieder sehen.

Das Unglück am Djatlow-Pass wurde zum Ausgangspunkt zahlloser Theorien und Spekulationen: Gerüchte über sowjetische Militärexperimente, Raketentests und eine Verwicklung des Geheimdienstes halten sich hartnäckig; Außerirdischen wurde eine Rolle zugedacht, gelegentlich ersetzt durch Yetis, oder man vermutete ein Massaker, verübt durch das indigene Volk der Mansen.

Doch von Anfang an.

Das wohl berühmteste Expeditions-Mysterium in der jüngeren Geschichte beginnt am 23. Jänner 1959. Zehn junge Leute, neun Studierende und Absolventen der Polytechnischen Universität in Jekaterinburg und ein etwas älterer Wanderführer brechen zu einer Skiexpedition in die eisige Wildnis auf. Angeführt wird die Gruppe vom 23-jährigen angehenden Funkingenieur Igor Djatlow, nach dem später der Pass benannt wird. Am 1. Februar, drei Tage nach der Verabschiedung von Juri Judin, schlagen die Tourengeher ihr Zelt am Hang des Cholat Sjachl auf. „Toter Berg“, so nennen die indigenen Mansen die Anhöhe.

Was in dieser Nacht geschieht,  ist so tragisch und unergründlich, dass sich kaum jemand der Faszination der Suche nach der Wahrheit entziehen kann. Sicher ist: Als fast vier Wochen später ein Suchtrupp eintrifft, ragt das Zelt noch aus dem Schnee. Es wurde von innen aufgeschnitten, ganz so, als ob die Djatlow-Gruppe das Zelt in Eile verlassen hat. Drinnen liegt alles durcheinander: Schuhe, Decken, Jacken, auch Äxte und Messer – fast die gesamte Ausrüstung der Schneewanderer. Auch vor dem Zelt findet der Suchtrupp Kleidungsstücke: Mützen, mehrere einzelne Filzpantoffel, eine Socke, ein kariertes Hemd.

Direkt beim Zelt gibt es keine Fußabdrücke. Doch weiter unten finden die Suchenden Spuren im Schnee und folgen ihnen hangabwärts in Richtung Wald. Unter einer Zeder finden sie zwei Leichen, bekleidet nur in Unterwäsche, neben Resten eines Lagerfeuers. Es sind Georgi Kriwonischtschenko und Juri Doroschenko. Ersterem fehlt die Nasenspitze, dem anderen tritt grauer Schaum aus dem Mund. Auf dem Baum kleben bis in eine Höhe von etwa fünf Metern Reste von Haut und Muskelgewebe, als wäre jemand in Panik hochgeklettert.

Als es zu tauen beginnt, tauchen in den folgenden Wochen und Monaten weitere Leichen auf. Igor Djatlow, Rustem Slobodin und Sina Kolmogorowa liegen verstreut auf dem Hang zwischen dem Zelt und dem rund eineinhalb Kilometer entfernten Wald. Alle sind viel zu leicht bekleidet, nur eine hat eine Kopfbedeckung auf, nur einer trägt Schuhe. Welches Grauen hat die jungen Leute in Socken und ohne Jacken aus ihrer sicheren Unterkunft in die eisige Dunkelheit getrieben

Die restlichen vier Leichen findet man erst im Mai in einer Schlucht unterhalb der Zeder. Sie sind wärmer angezogen; einer von ihnen hat sogar seine Kamera um den Hals. Bei Nikolai Thibeaux-Brignolle ist der Schädel gebrochen, bei Semjon Solotarjow die Rippen, auch Alexander Kolewatow hat schwere Verletzungen davongetragen. Am schlimmsten zugerichtet ist Ljudmila Dubinia. Ihr fehlen Augen und Zunge, ihr Brustkorb ist zerschmettert, sie starb an inneren Blutungen. Wenige Meter von den Leichen entfernt entdeckt man ein provisorisches Lager in der Schlucht, die Auflage ist zwei Meter tief ausgehoben und eingedeckt mit abgeschnittenen jungen Tannen. Das schützt gegen den Wind und isoliert die Wärme. Auch hier liegen eine Hose, zwei Pullover, Gamaschen – alles Sachen ihrer erfrorenen Freunde. Aber wieso zogen sie die Kleidung nicht an?

Doch es kommt noch seltsamer: Auf einem Pullover und einer Hose werden Spuren von radioaktivem Material gefunden.

Sowjetische Ermittler kommen rasch zu dem Ergebnis, dass es sich um eine „unbekannte Naturgewalt“ gehandelt haben muss. Der Gerichtsmediziner ist überzeugt, dass die Verletzungen von drei der vier in der Schlucht gefundenen Wanderer nicht durch menschliche Gewalt entstanden sein konnten. Vielmehr erinnerten die Rippenbrüche, Schädelfrakturen und inneren Verletzungen den Pathologen an einen Autounfall. Diese vier sind nicht wie die anderen erfroren, sondern ihren schweren Verletzungen erlegen.

Dass Dubinas Augen und Zunge fehlten, mag sich durch aasfressende Tiere erklären lassen. Doch wie sind die schweren inneren Verletzungen entstanden? Ermittelt wird unprofessionell, im Tatortbericht fehlen wichtige Informationen, die Spurensicherung verläuft schlampig. Die Bürokratie hält den Fall geheim und sperrt das Gebiet jahrelang. Das befeuert Verschwörungstheorien.

Seit Jahrzehnten wird darüber spekuliert, was damals in der eisigen Wildnis geschehen ist, mehr als 70 Erklärungsversuche gibt es dazu. Die meisten lassen sich schnell entkräften, viele sind völliger Humbug. Grob lassen sie sich in drei Kategorien einteilen: Natürliche Ursachen, kriminelles Machwerk und paranormale Phänomene.

Weniger reißerische Spekulationen gehen von einem Lawinenunglück aus, doch die Neigung des Hangs über dem Zeltlager, so die Gegner der Theorie, wäre dafür zu gering. Zudem gab es keine Spuren einer Lawine. Auch die Verletzungen sind eher untypisch für Lawinenopfer, hieß es – zumindest bis vor kurzem.

Doch jetzt kommen neue Informationen hinzu, die für die Lawinen-Theorie sprechen. Ausgerechnet der Kinderfilm „Die Eiskönigin“ (Frozen) hat Wissenschaftler zu einer neuen Studie über das Unglück am Djatlow Pass inspiriert. Johan Gaume vom Institut für Schnee- und Lawinenforschung in Davos hatte den Disney-Film gesehen und war beeindruckt vom computeranimierten Schnee. Er fragte die Produzenten, wie sie das angestellt hatten – und nutzte deren Code für Lawinenmodelle.

In der Fachzeitschrift „Communications Earth and Environment“ wiesen Johan Gaume und der Geotechniker Alexander Puzrin von der ETH Zürich nun nach, dass es sich durchaus um eine Schneebrettlawine gehandelt haben könnte. Mithilfe von Analysen und Computermodellen rekonstruierten die Forscher, was in jener Nacht geschehen sein könnte. Es stellte sich heraus, dass die Kuhle, die das Team grub, um das Zelt aufzuschlagen, den Hang destabilisiert haben könnte. Starke Fallwinde trugen dann große Schneemengen herbei – die Last auf dem Hang stieg, bis sich ein kurzes, hartes Brett löste und einen Teil des Zelts unter sich begrub. Das würde erklären, wieso die Lawine erst lange nach dem Aufbau des Zeltes abging und sich später keine Spuren mehr davon fanden: Der Schnee hätte den Lagerplatz aufgefüllt und wäre in den Wochen danach vom Wind verweht worden.

„Die Wanderer“, sagt Puzrin, „haben alles richtig gemacht“. Sie hätten nicht wissen können, dass die Neigung des Hangs steiler war als die Schneedecke darüber. „Sie konnten nicht vorhersehen, dass eine Kombination aus ungewöhnlichen Umständen eine Lawine auslösen kann.“

Ein etwa fünf Meter langer, harter Block aus Schnee hätte durchaus die Rippen und Schädel der Menschen im Zelt brechen können. Aber wie konnten sie dermaßen schwer verletzt mehr als eineinhalb Kilometer weit laufen? Und wieso ergriffen sie ohne Jacken und Schuhe die Flucht in den Wald? Hatten sie Angst vor einer weiteren Lawine, wie Puzrin meint?

Rätselhaft bleibt auch, wieso jene vier Wanderer, die schließlich ihren schweren Verletzungen erlegen sind, das provisorische Lager verließen, dass sie sich unten im Wald eingerichtet hatten. Dort hätten sie eine Chance gehabt, die Nacht zu überleben. Und wieso wurden bei der Zeder und in der Schlucht mehrere scheinbar unachtsam weggeworfene Kleidungsstücke gefunden, die die Erfrierenden so dringend gebraucht hätten?

Darüber will Puzrin nicht spekulieren: „Ich kann nur sagen, dass die Argumente gegen eine Lawine nicht korrekt sind.“ Die Lawine sei wohl nur auf eine Seite des Zeltes gefallen, weshalb nur ein Teil der Gruppe schwer verletzt war. In dieser Version der Geschehnisse ziehen die Unversehrten ihre verletzten Freunde aus dem Zelt. Der Schnee darauf ist zu schwer, um ihn mit bloßen Händen wegzuschaufeln. Draußen weht ein eisiger Sturm, die Temperatur liegt bei dreißig Grad unter Null: „Sie haben Schutz im Wald gesucht.“ Das ist der entscheidende Fehler. Doch als sie das erkennen, ist es zu spät. Drei erfrieren auf dem Rückweg zum Zelt, zwei bei der Zeder. Die restlichen vier erliegen nach einem Sturz in die Schlucht ihren Verletzungen.

Das sei eine plausible Erklärung, sagt Puzrin.

Nachsatz: „Falls es eine Lawine war.“

Denn es gibt noch andere Theorien. Eine davon erfüllt alle Eigenschaften einer Verschwörungstheorie. In seinem Buch „Die Toten vom Djatlow Pass“ beschreibt ein unbekannter Autor mit dem Pseudonym Alexei Rakitin seine These, nach der die Wanderer Opfer einer fehlgeschlagenen Geheimdienstmission waren. Dabei beruft er sich auf Akten der Gerichtsmedizin sowie einer Expertenkommission, Papiere des US-Geheimdienstes und Erkenntnisse über den ehemaligen sowjetischen Geheimdienst KGB.

Rakitin ist überzeugt, dass der 24-jährige Kriwonischtschenko ein Doppelagent war. Der Ingenieur arbeitete in der geheimen „Atomstadt“ Tscheljabinsk-40, in der waffenfähiges Plutonium hergestellt wurde.

In dieser Version der Geschehnisse sollte Kriwonischtschenko Agenten eines westlichen Geheimdienstes die vermeintliche Probe eines radioaktiven Materials aus der Atomstadt aushändigen, um den Westen zu täuschen und auf die falsche Fährte zu lenken. Der Isotopenstaub war demnach auf Kleidungsstücken, die im Zuge der Wanderung an als Tourengeher getarnte Agenten übergeben werden sollten.

Doch die Mission geht schief. Nach einem ersten, „zufälligen“ Treffen der beiden Gruppen, bei dem vereinbart wird, sich später am Hang des Toten Berges wiederzusehen, schöpfen die Agenten Verdacht. Für die neun sei das das Todesurteil gewesen.

Weil die Agenten keine Spuren hinterlassen und die Wanderer nicht erschießen wollen, überraschen sie die Djatlow-Gruppe beim Zelt und zwingen sie mit vorgehaltenen Waffen, sich auszuziehen und in die eisige Nacht zu laufen. Dabei kommt es zum Handgemenge, fast alle Wanderer werden verprügelt – was ihre Wunden erklärt. In diesem Tumult gelingt Solotarjow und Thibeaux-Brignolle die Flucht. Das erklärt, wieso ihnen nur Handschuhe und Windjacken fehlen.

Auf der Suche nach Kameras, mit denen die Djatlow-Gruppe das erste Treffens der beiden Gruppen festgehalten hat, durchsuchen die Agenten das Zelt. Sie schneiden es von innen auf, um gleichzeitig einen Blick nach draußen zu haben. Dabei entdecken sie den schwachen Schein des Lagerfeuers. Die Agenten haben den Überlebenswillen der Djatlow-Gruppe unterschätzt.

Um sicher zu gehen, dass keiner der neun die Nacht überlebt, folgen die Agenten – drei oder vier Mann – ihnen in den Wald. Vier haben sich in der Schlucht versteckt, einer klettert auf die Zeder, um seinen Peinigern zu entkommen. Doch es hilft alles nichts. Nach und nach finden die Agenten alle Wanderer. Jene, die nicht erfroren sind, werden gefoltert und durch rohe Gewalt getötet.

In Rakitins Version der Geschichte übernehmen die weitreichenden Arme Moskaus rasch die Kontrolle. Der ursprüngliche Suchtrupp – Studenten und Lehrer der Universität in Jekaterinburg – wird schnell abgezogen. Die Ermittlungsergebnisse sind ambivalent und unvollständig. Als schließlich im Mai die radioaktiv verseuchte Kleidung gefunden wird, ist klar: Die geheimdienstliche Desinformationskampagne ist auf allen Ebenen gescheitert. Die Falle ist aufgeflogen, neun junge Menschen sind tot, darunter unbeteiligte Zivilisten.

Das schreit nach Konsequenzen. Zum ersten und letzten Mal in der Geschichte der Sowjetunion werden am 6. Juni drei von fünf stellvertretenden Vorsitzenden und ein weiterer hochrangiger Abteilungsleiter des KGB ausgetauscht. Sie, so Rakitin, mussten für das Scheitern der Mission büßen.

Für viele Menschen sind Thesen, nach denen die Wanderer durch menschliche Gewalt gestorben sind, befriedigender als die Lawinen-Theorie. Während die Tourengeher sich bei letzterer selbst in Gefahr brachten und schwerwiegende Fehler machten, wurden sie in Rakitins Erzählung Opfer krimineller Machenschaften: Helden, die um ihr Leben kämpften und bis zuletzt kameradschaftlich agierten.

„Das macht den Eindruck eines sehr gut recherchierten Buches“, sagt der Wiener Geheimdienstexperte Thomas Riegler. Ein wesentlicher Aspekt stört aber auch an dieser Theorie: Wie sollen die westlichen Agenten in dieses abgelegene Gebiet mitten in Russland gelangt sein? Und wie sind sie wieder entkommen? „Das klingt zu sehr nach James Bond“, findet Riegler. Die Absetzung von Agenten tief hinter dem Eisernen Vorhang – etwa über Fallschirme – sei Ende der 1940er und Anfang der 1950er Jahre mehrmals fehlgeschlagen. In der Literatur über diese Zeit gebe es keinen Hinweis auf eine Operation wie sie Rakitin beschreibt. Alleine logistisch wäre das Einschleusen von Agenten mitten in feindliches Territorium zu dieser Jahreszeit nahezu unmöglich gewesen. „Wenn, dann könnten es Leute vor Ort gewesen sein, einheimische Quellen der CIA, die die Umgebung sowjetischer Militärbasen ausgekundschaftet und Eisenbahnstrecken beobachtet haben. Aber die waren viel zu wertvoll, um sie durch so eine Mission zu gefährden“, sagt Riegler. „Da glaube ich eher an die Lawinentheorie.“

Doch viele Menschen wollen das nicht glauben.

Sie sind enttäuscht von der neuen Lawinen-Studie. Nach der Publikation der Forschungsergebnisse bekam Puzrin wütende E-Mails. „Einige Verrückte haben mir geschrieben, dass unser Paper falsch sei.“ Einer behauptete, dass es eine ballistische Rakete war. Andere glauben an Aliens, an wilde Tiere; ein Professor sei überzeugt, dass es die Mansen waren – jenes Volk, das in der Gegend heimisch ist.

Die Lawinen-Theorie besagt, dass der Tod der jungen Leute ein tragisches Unglück war. „Niemand will so eine langweilige Erklärung“, sagt Puzrin, „niemand will, dass das Mysterium gelöst wird.“

Mystifizieren die Skeptiker die Angelegenheit, um nicht mit der Enttäuschung einer banalen Erklärung leben zu müssen? Oder reicht die pragmatische Version der Geschichte schlicht nicht, weil sie zu viele Fragen offen lässt? Was in jener Nacht wirklich passiert ist, wird wohl nie zweifelsfrei geklärt werden.

Auch Juri Judin, jener Mann, der damals umkehrte, hat nie erfahren, unter welchen Umständen seine Freunde starben. Offenbar wollte er einen kriminellen Hintergrund nicht ausschließen. In den Ermittlungen gab er an, dass die Gruppe mindestens neun Fotoapparate mit sich trug – jedenfalls deutlich mehr als jene vier, die der Suchtrupp gefunden hatte.

„Könnte ich Gott nur eine Frage stellen“, sagte Judin kurz vor seinem Tod 2013 in einem Interview, „dann würde sie lauten: Was ist in jener Nacht wirklich mit meinen Freunden geschehen?“

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